Multi-Tasking

Zum Themenkreis Multi-Tasking, Zeitmanagement und Prokrastination eine kurze Anmerkung des Hausheiligen dieses Blogs, Dr. Kurt Tucholsky:

Da erzählen sich die Leute immer so viel von Organisation (sprich vor lauter Eile: »Orrnisation«). Ich finde das gar nicht so wunderherrlich mit der Orrnisation.
Mir erscheint vielmehr für dieses Gemache bezeichnend, daß die meisten Menschen stets zweierlei Dinge zu gleicher Zeit tun. Wenn einer mit einem spricht, unterschreibt er dabei Briefe. Wenn er Briefe unterschreibt, telefoniert er. Während er telefoniert, dirigiert er mit dem linken Fuß einen Sprit-Konzern (anders sind diese Direktiven auch nicht zu erklären).
Jeder hat vierundfünfzig Ämter. »Sie glauben nicht, was ich alles zu tun habe!« – Ich glaubs auch nicht. Weil das, was sie da formell verrichten, kein Mensch wirklich tun kann. Es ist alles Fassade und dummes Zeug und eine Art Lebensspiel, so wie Kinder Kaufmannsladen spielen. Sie baden in den Formen der Technik, es macht ihnen einen Heidenspaß, das alles zu sagen; zu bedeuten hat es wenig. Sie lassen das Wort ›betriebstechnisch‹ auf der Zunge zergehn, wie ihre Großeltern das Wort ›Nachtigall‹. Die paar vernünftigen Leute, die in Ruhe eine Sache nach der andern erledigen, immer nur eine zu gleicher Zeit, haben viel Erfolg.
Wie ich gelesen habe, wird das vor allem in Amerika so gemacht. Bei uns haben sie einen neuen Typus erfunden: den zappelnden Nichtstuer.

aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 212. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8927f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 99)


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Multi-Tasking

Das Buch zum Sonntag (81)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Gert Prokop: Wer stiehlt schon Unterschenkel?

Diese Woche gibt es mal wieder etwas entspannende Lektüre, denn die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, läßt Prokop weitgehend unbeantwortet.
Im Mittelpunkt der Erzählungen steht der Privatdetektiv Timothy Truckle, der in den USA der Zukunft lebt. Eine der interessanten Ideen bei Prokops Zukunftsentwurf scheint mir dabei zu sein, daß es der Welt irgendwann einfach mal reicht und sie bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts die USA unter einer riesigen Käseglocke verschwinden läßt. Es gibt also zwei Welten, die isolierten USA und DRAUSSEN. Natürlich spielt bei Prokops dystopischer Zukunftsvision, in der Gods own Country ohne Hilfe von außen gar nicht mehr lebensfähig wäre (was jetzt nicht heißt, daß man sich um sie kümmern würde – man läßt sie halt leben) und sich zudem die Bürger im festen Würgegriff von alleswissenden und alleskontrollierenden Staats- und Wirtschaftsinstitutionen befinden, unbedingt eine bestimmte Weltsicht mit. Und natürlich laufen Science-Fiction-Geschichten immer Gefahr, von der Realität überholt zu werden und damit merkwürdig angestaubt oder gar lächerlich zu wirken. Das gilt sicherlich, soweit wir utopische Literatur als konkrete Prophezeiung auffassen. Doch genauso wenig wie Khan Noonien Singh lächerlich wurde, als klar wurde, daß das mit den eugenischen Kriegen bs 1996 wohl nix mehr werden würde, oder Jules Vernes Mondreise weniger faszinierend, nachdem sich herausstellte, daß Schießbaumwolle wohl nicht der entscheidende Treibstoff würde, wird Timothy Truckle zu einer abwegigen Figur, nur weil sich die Weltpolitik seit 1978 in andere Richtungen entwickelte.
Überhaupt gilt für Science-Fiction ähnliches wie zu einem anderen Genre:

Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche des Verfassers.

*

Das Verlegen einer Handlung in andere Welten und Zeiten ist ein probates Mittel, Aussagen über die eigene Welt und Zeit zu treffen. Mit dem wunderbaren Vorteil, sich um deren exaktes Abbild keine Gedanken machen zu müssen (daran hätte der Biller mal denken sollen). Aber zurück zum Buch, das den Untertitel „und andere unglaubliche Kriminalgeschichten“ trägt. Kriminalgeschichten behauptet Prokop also zu erzählen. Nun, das ist technisch nicht völlig unzutreffend, Truckle löst tatsächlich Kriminalfälle unterschiedlicher Art (das bringt der Beruf eines Privatdetektivs ja konstitutiv mit sich), andererseits:

„Aber es gibt anscheinend in ganz Chicago auch keinen Patienten, der auf einen zweiundfünfziger Unterschenkel wartet. Zumindest steht niemand auf den Wartelisten der offiziellen Kliniken und der registrierten Ärzte. Vielleicht bei den CAPOs, sollten die keine eigenen Kliniken haben?“
„Die CAPOs!“ Timothy lachte, daß ihm fast die Tasse aus der Hand gefallen wäre. „Was sind Sie doch für ein braver Bürger, Edward! Sie glauben wohl alles, was über Video flimmert? Die CAPOs sind nichts als eine Erfindung cleverer Journalisten und Public-Relations-Manager.“
„Wollen Sie behaupten, der ganze Kampf gegen die CAPOs sein nur -“
„Ein Märchen“, ergänzte Timmothy, „eine hübsche Geschichte für naive Gemüter, damit die etwas zum Gruseln haben und nicht soviel über andere Dinge nachdenken.“
„Und die CASA NOSTRA, die MAFIA?“
„Das war einmal. Im vorigen Jahrhundert. Glauben Sie mir, Edward, es gibt längst keine Unterscheidung mehr zwschen saubern und schmutzigen Unternehmen. Zumal die Ausnutzung der heutigen Gesetze in der Regel mehr Geld einbringt als ihre Verletzung.

(S. 27)**

Ich weiß, völlig absurd. Als ob eine Welt existieren könnte, in der ein Popanz aufgebaut wird, um alle gesellschaftlichen Aktivitäten unter dem Argument der Sicherheit zu kontrollieren. Diese Literaten… *kopfschüttel*
Unabhängig davon aber, denn wie eingangs erwähnt, empfehle ich Prokop ja nicht, weil er essentiell Neues und Sensationelles zur Großen Frage beizutragen hat***, sondern vorrangig, weil er, ohne platt zu werden, Freude macht. Es steckt eine Menge Phantasie in diesem Band, durchaus mit einem Hang zum Absurden, es werden hier nicht nur Körperteile gestohlen, sondern auch freigewählte Todesarten diskutiert (mit interessanten Optionen) und Identitätsfragen auf diversen Ebenen durchdekliniert. Mhm. Wenn ich es mir recht überlege, stecken vielleicht doch ein paar Antworten oder zumindest ein paar sehr interessante Fragen in den sich harmlos gebärdenden Geschichten.

Derzeit lieferbar ist nur der Fortsetzungsband „Der Samenbankraub„. Die Kollegen und Kolleginnen im Antiquariat haben allerdings eine Auswahl

verschiedener Ausgaben

vorrätig.


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P.S. Eins noch:

Als Timothy schon im Mausoleum verschwinden wollte, räusperte sich Napoleon. Im Geber lag noch ein Streifen.
+ + aus der anleitung für die bedienung von electronicgehirnen + 12c3 merke: dein computer ist nicht allwissend + n. + + +

(S. 87)

* aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 209. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8925 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 98)
**zitiert nach: Prokop, Gert: Wer stiehlt schon Unterschenkel. Das Neue Berlin. Berlin 2006
***Wobei auch das natürlich eine Frage der eigenen Welterfahrung ist. Ich möchte mitnichten ausschließen, daß sich hier ganz wunderbare Ansätze zum Weiter- und Neudenken finden lassen. Ein reines Plauderbüchlein ist es nun auch wieder nicht.

Das Buch zum Sonntag (81)

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (80)

Prolog: Der Editionsplan dieses Blogs sieht eigentlich für Samstag, 22 Uhr die Publikation der Buchempfehlung vor. Davon bin ich derzeit weit entfernt und das wird wahrscheinlich auch noch eine ganze Weile so bleiben. Ich bitte die geneigte Leserschaft, mir dies nachzusehen, doch hat sich in den letzten Wochen einiges ereignet, was zu einer Neubewertung in der ABC-Analyse der diversen Aktivitäten des Schreibers dieser Zeilen führte.

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Franz Schuh: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche*

Man mag es mir als mangelnden Einfallsreichtum auslegen, daß ich Franz Schuh nach dieser und jener Empfehlung nun bereits zum dritten Mal der geneigten Leserschaft ans Herz lege. Es ist aber eher Groupietum als Mangel an Phantasie. Meiner festen Überzeugung nach kann Franz Schuh gar nicht oft genug empfohlen – und vor allem gelesen werden.
„Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“ ist das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, es sind überhaupt die ersten Texte, die ich von ihm las (womit dann wohl auch dem letzten Leser klar sein dürfte, daß es mit meiner intimen Kenntnis des deutschen Feuilletons nicht weit her ist), und zwar nachdem ich ihn 2006 bei der Vorstellung der Nominierten für den Leipziger Buchpreis erlebte. Er wirkte dort auf dem Podium derart mißmutig, daß er schnell meine Aufmerksamkeit auf sich zog und ich erst nachdem er angesprochen wurde, begriff, daß er als Kandidat dort saß und nicht als ein aus nicht näher zu benennenden Gründen dorthin abgeordneter Befehlsempfänger. Doch selbst die Luzidität seiner Antworten ließ den einmal gewonnenen Eindruck erheblichen Widerwillens nicht völlig verfliegen. Es braucht dann der Leser auch nur bis zum dritten Satz zu warten, um auf „Widerwillen“ zu stoßen:

Ja, ich kann es nicht leugnen: Ich habe ein Werk in der Mangel, mein Hauptwerk, das aus lauter Nebensachen besteht. Mein Hauptwerk heißt „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“. Es sind Aufzeichnungen, die dem Durcheinander in meinem Kopf entsprechen – sie entsprechen auch meinem Widerwillen gegen die Hauptsachen, die Hauptsachen des Lebens, dieser immerwährenden, glückversprechenden Folter; ich hege den Widerwillen gegen die niederschmetternden Auskünfte der Weltgeschichte, gegen das nicht auszusparende Elend, das aus den lokalen und globalen Überheblichkeiten resultiert.

(S. 5)**

Es gehört einige Kunstfertigkeit dazu, Bilder von Herrn Schuh aufzutreiben, auf denen seine Mundwinkel nicht die zu dieser Textstelle erwartbare Richtung nehmen. Ich sehe mich völlig außer Stande, auf den Punkt zu bringen, was denn nun eigentlich meine Faszination für Franz Schuh ausmacht. Es scheint mir aber seine sehr eigenwillige Mischung aus Absurditäten, Ironie und einer Abneigung gegen die Welt, die ihn auch vor drastischer Wortwahl nicht zurückschrecken läßt, gepaart mit einer intellektuellen Schärfe ganz ohne jegliche erkennbare Missionsidee zu sein, die mich immer wieder mit Vergnügen seine Texte lesen läßt.

Alles käme, sagt jemand gereizt und entschieden (als ob er die Vollmacht hätte) über seinen Vorgesetztem, der offenkundig, aber selbstsicher wie stets, etwas falsch gemacht hat, alles käme von diesem „Pseudowissen“: „Er denkt, weil er es immer so und nicht anders gemacht hat, wird es auch immer so gehen, immer so weitergehen.“ Der Triumph, daß es diesmal nicht gegangen ist, erhält schnell den Anstrich eigener Vorzüglichkeit, und dabei fällt der Satz: „Ich behaupte nur das, was ich weiß.“ Ich will mich da nicht einmischen, mir leuchtet nur sehr grell ein, daß das auftrumpfende Pseudowissen und das risikolose Bescheidwissen einander verdienen.

(S. 297)

Es sind solche Beobachtungen der Merkwürdigkeit menschlicher Verhaltensweisen, die er aufgreift, weiterdenkt und ihrer Attitüde entkleidet, die diesen Band füllen. Schuh scheint mir kein Misanthrop zu sein, auch wenn ich nicht gerade behaupten würde, daß er Menschen mag. Aber er hat einen sehr genauen Blick, mir ist nicht eine Stelle untergekommen, bei der ich nicht hätte zugeben müssen, daß sie trifft. Er beobachtet unverklärt, aber ohne Häme, er analysiert schonungslos, aber ohne Überheblichkeit. Das ist eine hohe Kunst und Franz Schuh beherrscht sie – ich kenne keinen, der es besser kann.

„A little bit of awareness“ heißt es in einem Gedicht von Allen Ginsberg; es ist ein gedicht, um über den Mord an John Lennon zu trauern. A little bit of awareness, also nur eine Spur von geistesgegenwart – schlicht, um zu sehen, was los ist, was geschieht und wer tötet. Das Gegengewicht zur Dumpfheit ist dieses Hängen am Leben, die Wertschätzung des Lebendigen in seinen verschiedenen Ausprägungen, für die man sich interessiert, Sensibilität bewahrt. Der Dumpfe ist gleichgültig, un daraus resultiert, im verwandten Gegensatz zu den harmlosen Formen des Dumpfseins, die Zerstörungskraft der Dumpfheit: Die Welt will der Dumpfe der eigenen inneren Dumpfheit gleichmachen, sie einebnen, also sie zerstören; und hier springt einem zum Schluß eine Übereinstimmung der Gegensätze, eine Solidargemeinschaft ins Auge: Der aufgeladene, hochemotionalisierte Fanatiker und der dumpfe, gefühllose Schläger – sie stehen seit eh und je auf demselben Programm.

(S. 100f.)

Menschen dieser Welt, lest Franz Schuh!
Und damit dem auch kein Mangel an Lektüremöglichkeiten entgegensteht, sei auch heute auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.


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*Nein, die Titelauswahl soll keinen Bezug zu aktuellen Debatten herstellen.
**zitiert nach: Schuh, Franz: Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche. Paul Zsolnay Wien. 2006

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (80)

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (79)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Aldous Huxley: Schöne neue Welt

Utopien sind eine sehr eigene Gattung menschlicher Schaffenskraft. Zum einen entsprechen Utopien dem menschlichen Geist wie kaum etwas anderes, denn in der Suche und dem Streben nach dem Besseren, Vollkommeneren, Perfekten offenbart sich die entscheidende Triebfeder der menschlichen Zivilisation. Zum anderen aber, und für diese These mag der heute empfohlene Roman einen Denkanstoß bieten, gibt es vielleicht nichts furchtbareres als eine wahr gewordene Utopie, eine wirklich und real existierende bessere Welt.

Ein grauer gedrungener Bau, nur vierunddreißig Stockwerke hoch. Über dem Haupteingang die Worte: BRUT- UND NORMZENTRALE BERLIN-DAHLEM. Darunter, auf einer Tafel, der Wahlspruch des Weltstaats: GEMEINSCHAFTLICHKEIT, EINHEITLICHKEIT, BESTÄNDIGKEIT.

(S. 20)*

Die schöne neue Welt erfüllt tatsächlich so einige langgehegte Menscheitsträume: Weltfrieden, lebenslange Gesundheit, Zufriedenheit aller mit sich und der Welt. Durch ein höchst augeklügeltes System wird jedem Menschen schon im Embryonalstadum sein späterer Platz im Gesellschaftssystem zugewiesen. Durch ein nicht weniger effizientes System werden sie im Kindesalter „genormt“, was den Effekt hat, daß sie sehr zufrieden mit ihrer Position sind und nie etwas anderes sein wollen als das, was sie eben sind.

„Hypnopädie ist das beste Mittel zur Stärkung der sittlichen und sozialen Gefühle, das es je gegeben hat.“
Die Studenten vermerken es in ihren Heften. Aus erster Quelle.
Der BUND drehte noch einmal an dem Knopf.
„-weil sie so schrecklich klug sind“, sagte die leise, eindringliche Stimme ohne Unterlaß. „Oh, wie froh bin ich, daß ich ein Beta bin-“
Nicht wie Wassertropfen, wenngleich Wasser Löcher in den härtesten Granit zu höhlen vermag, sondern eher wie Tropfen flüssigen Siegelwachses, die kleben, sich verkrusten und mit dem, worauf sie fallen, verschmelzen, bis der Felsblock ein einziger scharlachroter Klumpen ist.
„Bis schließlich der Geist des Kindes aus lauter solchen Einflüsterungen besteht und die Summe dieser Einflüsterungen den Geist des bildet. Und nicht nur den des Kindes, auch den des Erwachsenen – zeit seines Lebens. Der urteilende, begehrende abwägende Verstand – er ist aus diesen Einflüsterungen aufgebaut. Und alle diese Einflüsterungen sind unsere Einflüsterungen!“

(S. 43f.)

Na, unheimlich? Aber wenn ja, warum? Was ist daran unheimlich? Jedes dieser Kinder wird ein rundum zufriedenes Leben führen, jederzeit mit Freuden arbeiten und ebenso freudig konsumieren, um eines fernen Tages im Alter zwischen 60 und 70, nach einem krankheitsfreien, vitalen Leben zu sterben. Was kann man mehr wollen? Frieden, Gesundheit und Wohlstand für alle. Ist doch super.**
Es ist zu Huxley literarischer Qualität und vor allem zu seinen Motiven beim Schreiben dieses Werkes verschiedenes gesagt worden. Letztlich aber gilt für diese Utopie dasselbe, was für alle Utopien gilt: Ob die nun erstrebenswert sind oder nicht, liegt ganz allein im Auge des Betrachters. Nach meiner ganz persönlichen Sicht aber sollten Utopien lieber nicht Wirklichket werden, denn ihnen allen wohnt ein Absolutheitsanspruch inne, der mir zutiefst widerstrebt. Das liegt natürlich in der Natur der Sache, ein Ideal kennt keine Kompromisse.
Meine sehr wunderbare Englisch-Lehrerin (die ich heute aus durchaus anders gewichteten Motiven schätze als seinerzeit) bemühte sich sehr redlich, uns zu erklären, wie und warum es sich bei diesem Roman um eine Satire handele. Trotz einiger unverkennbarer satirischer Elemente, insbesondere bei der Charakterzeichnung seiner Protagonisten, kann ich mich dieser Einschätzung beim besten Willen nicht anschließen.*** Zumindest heute lese ich hier sehr viel mehr eine nahende Zukunftsvision, die sehr viel schneller und leichter Wirklichkeit werden kann. Eine Welt, in der weder Zensur noch Spionage nötig ist, weil sich jegliches Leben derart öffentlich und mit gegenseitiger sozialer Kontrolle abläuft, daß deviantes Verhalten unmöglich wird, scheint mir gar nicht so abwegig zu sein (nein, ich bin kein Fan der Postprivacy, aber dazu ein ander Mal mehr). Eine Welt, in der unsere einzige Aufgabe ist, bis ins hohe Alter glücklich und gesund zu sein und zu konsumieren – ist die so weit weg? Ist die so unmöglich?
Wie gesagt, ich weiß nicht, welche Motive Huxley bewogen, diese Vision zu entwerfen, es scheint einiges darauf hinzudeuten, daß er se weit weniger abstoßend fand als er späterhin bekundete, aber für mich wäre der Preis, den wir für eine perfekte Welt zahlen müßten, zu hoch (und dies ganz unabhängig davon, daß ich dies gar nicht so empfinden könnte, lebte ich in einer solchen).

„Ich fühle, ich könnte viel Bedeutenderes, Leidenschaftlicheres, Wirkungsvolleres leisten. Aber was? Was gibt es Bedeutungsvolleres zu sagen? Und wie kann man bei unseren herkömmlichen Themen Leidenschaft entwickeln? Worte können Röntgenstrahlen gleichen, wenn man sie richtig anwendet, können alles durchdringen. Man liest und ist durchdrungen. Das versuche ich immer, menen Studenten beizubringen. Wie schreibe ich durchdringen? Aber wozu in aller Welt ist es gut, von einem Artikel über einen Vereinigungschor oder über die neuesten Verbesserungen des Duftorgelbaus durchdrungen zu sein? Können denn überhaupt Worte durchdringend wie die stärksten Röntgenstrahlen sein, wenn man über solche Dinge schreibt? Kann man etwas über nichts sagen? Darauf läuft am Ende alles hinaus. Ich versuche und versuche…“

(S. 81)

Was in der schönen neuen Welt mit Zweiflern geschieht, verrate ich hier mal lieber nicht, auch nicht, warum es überhaupt welche geben kann, denn es soll ja noch Gründe geben, das Buch zu lesen. 😉
Aber eine Stelle möchte ich noch zitieren, weil sie sehr schön illustriert, daß jegliche Weltsicht immer nur eine Frage der Perspektive ist, es eine wahre, für alle gültige schöne und gute, lebenswerte Welt einfach nicht gibt:

Ein Heim, ein trautes Heim: ein paar enge Räume, zum Ersticken vollgepropft mit Bewohnern, als da waren: ein Mann, ein in regelmäßigen Abständen trächtiges Weib, eine Horde Jungen und Mädchen aller Altersstufen. Keine Luft, kein Platz: ein verseuchter Kerker; Finsternis, Krankheit, Gestank.

(S. 51)

„Du darfst wählen, aber du zahlst dafür.“ schließt Huxley sein Vorwort aus dem Jahr 1946. Wir sollten klug wählen.

Wenig Wahl läßt allerdings der deutsche Buchmarkt, der derzeit nur eine

lieferbare Ausgabe

bereithält.


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*zitiert nach: Huxley, Aldous: Schöne neue Welt. übersetzt von Herbert E. Herlitschka. Fischer Taschenbuch Frankfurt/Main. 66. Aufl. 2009
**Douglas Adams wirft im „Anhalter“ übrigens eine ganz ähnliche Frage auf, als er Arthur im Restaurant am Rande des Universums ein Tier treffen läßt, das aufgrund seiner Züchtung nichts lieber möchte als von ihm verspeist zu werden und ihm ganz ungeniert seine besten Teile empfiehlt.
***Und daß obwohl ich meiner hervorragenden Englisch-Lehrerin, die ich heute aus ganz anders gewichteten Motiven hoch schätze, seinerzeit so ziemlich überall hin gefolgt wäre. Im Übrigen konnte man anhand der Eigenart der Herlitschka-Übersetzung, Namen und Orte an Deutschland anzupassen, sehr gut erkennen, wer das Buch tatsächlich auf Englisch gelesen hatte. 😉

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (79)

Jedes Jahr auf Neue, bei geradezu jedem mehr oder weniger akzeptierten Anlasstag aufs Neue bricht es heraus:
Der [bitte passenden, individuell abgelehnten Tag einsetzen] ist doch nur eine Erfindung der [passende Branche ergänzen]-Industrie! Entweder, der/die/das bedeutet einem das ganze Jahr über etwas oder so ein Tag ist auch unnütz.

So wie @eimerchen hier wieder anlässlich des VerliebtenFeiertages:

@eimerchen bei TwitterIch hoffe nur all jene, die das empört rufen und begeistert beklatschen, finden dann auch konsequenter Weise »Schlaflos in Seattle« mal total doof (die hätten sich ja auch an jedem anderen Tag in New York treffen können), ebenso wie Dickens Weihnachtsgeschichte (Scrooge ist ja nicht nur Weihnachten ein Arsch, also warum gerade dann?) oder sonstige anlassbezogene Kunstwerke.

Wobei ich dem öffentlich verordneten Gutfinden ja gar nicht das Wort reden möchte, es sei hier nur mit dem Hausheiligen einmal an einen bedenkenswerten Aspekt erinnert, auch wenn dieser ihn im Zusammenhang mit einem anderen Anlasstag äußerte:

Nach dem Kalender fühlen . . . Aber habt ihr einmal geliebt . . . ? Die Damen sehen in ihren Schoß, und die Herren lächeln so unmerklich, daß ich von meiner Kanzel her Mühe habe, es zu erkennen. Also ihr habt geliebt, und ihr – ich sehe keinen an – liebt noch. Nun, ihr Herren, und wenn sie Geburstag hat? Nun, ihr Herren, und wenn der Tag auf dem Kalender steht, an dem ihr sie zum erstenmal geküßt habt –? Nun?
Was im ganzen Jahr künstlich oder zufällig zurückgedämmt war – er bricht – wenns eine richtige Liebe ist – elementar an solchem Tage hervor aus tiefen Quellen. Der Tag, dieser dumme Tag, der doch gleich allen anderen sein sollte, ist geheiligt und festlich und feierlich und freundlich – und ihr denkt und fühlt: sie – und nur sie. Nach dem Kalender… ?
Nicht nach dem Kalender. Ihr tragt alle den Kalender in euch. Es ist ja nicht das Datum oder die bewußte Empfindung, heute müsse man nun . . .
Es ist, wenn ihr überhaupt wißt, was ein Festtag ist, was Weihnachten ist: euer Herz.
[…]
Grüßt, ihr Herren, die Damen, küßt ihnen leise die Hand (bitte in meinem Auftrag) und sagt ihnen, man könne sogar seine Gefühle nach dem Kalender regeln: zum Geburtstag, zum Gedenktag – und zu Weihnachten.

Aber man muß welche haben.

Eben: Man muss welche haben. Und ich wüsste nicht, warum die nicht auch mal am 14.02. hervorbrechen sollten.


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aus: Gefühle nach dem Kalender. in: Werke und Briefe: 1919. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 1638-40 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 230-231) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm

Äh, Gypten?

Die Welt konnte in den letzten Tagen und Wochen wieder einmal von Ägypten lernen. Das kommt in der Weltgeschichte immer mal wieder vor, dieses Mal wurde unter anderem ein für alle Mal die Frage „Wofür soll denn dieses Facebook gut sein, ist das nicht nur so eine Spielerei für computersüchtige Exhbitionisten?“ ins Abseits und in Hollywood drehen die Autoren vermutlich gerade frei, weil die Ideen zu „The Social Network 2“ gerade derart sprudeln, daß das Rothaargebirge vor Neid grün wird.
Mubarak ist nun also zurückgetreten und geflohen. Wie sich das für einen Diktator gehört, dahin, wo es schön ist. Auch wenn ich nicht ausschließen möchte, daß er das Hotel nochmal wechselt, glaube ich alles in allem aber, daß unterkommen wird.
Betrachtet man die hiesigen Reaktionen, scheint Ägypten so etwas wie das Gelobte Land geworden zu sein. Das war früher anders, da mußte man um jeden Preis aus Ägypten fliehen, um ins Gelobte Land zu gelangen (insofern verständlich, daß eben dort die Reaktionen etwas verhaltener sind)*. Ich mag ein Schwarzseher, Defaitist oder eine sonstige Spaßbremse sein: Aber kann mir ganz kurz jemand erklären, wieso es jetzt ein zu bejubelnder Durchbruch für Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie ist, wenn Ägypten jetzt von einer Militärregierung beherrscht wird?
Und es sei darauf hingewiesen, welche Freunde unserer Ordnung noch so alles jubeln. Die Offiziellen des Iran haben sich bereits sehr zeitig auf die Seite der Demonstranten gestellt (hier mal ganz kurz Küppersbusch, der aufzeigt, daß Werte an sich gar nichts Wert sind: „Ich bringe es bei aller „Selbstbestimmung“ nicht übers Herz, das Mullahregime Irans toll zu finden“), weil nämlich der Mubarak ja ein Freund des bösen Amerikas ist und nun das ägyptische Volk sich das endlich nicht mehr bieten lassen wolle. Ganz ähnliche Motive dürften wohl die gestern in Jubelfeiern in Gaza zusammengekommen Hamas-Fans haben, auch wenn die in ihrer Mubarak-Bewertung die Prioritäten eher auf den Israel- und, was wahrscheinlich noch schlimmer ist, Abbas-Freund legen.
Womit wir bei dem Grund wären, der mich derzeit wenig in die Jubelei hierzulande einstimmen läßt (den Ägyptern sei ihr Jubel gegönnt, ihnen ist dort wirklich etwas Großartiges gelungen). Es ist doch überhaupt nicht absehbar, was aus deser Revolution wird. Das wiederum könnten die Ägypter sehr gut von der Weltgeschichte lernen. Keine Gesellschaftsänderung ohne Konzept. Und nichts gegen die Idee, Mubarak loszuwerden, aber „Mubarak muß weg.“ ist kein Konzept (so wie „Hussein muß weg“ auch keines ist, aber das ist ein anderes Thema) – denn jetzt ist er weg und wir kommen zur vielleicht welthistorisch bedeutendsten Frage: „Und nu?“
Dem Sturm auf die Bastille folgten solche Freunde der Meinungsfreiheit wie Saint-Just und Robespierre, der Vertreibung Pahlavis der allsets beliebte ARD-Zuschauer Chomeini und ob die den Sturz der DDR-Regierung auslösende Bürgerrechtsbewegung nun tatsächlich Helmut Kohl als Erfüllung ihrer Sehnsüchte sah, wage ich zumindest in Frage zu stellen.
Die Lage in Ägypten ist derzeit noch viel zu unentschieden, um als Außenstehender tatsächlich schon Freude daran empfinden zu können. Was, wenn die Militärs Gefallen am Bestimmen finden (und berufsbedingt besteht da ganz ernsthafte Gefahr)***? Was, wenn die Islamisten mobilisieren, einen Gottesstaat an der Grenze Israels errichten und uns der Nahe Osten (und dann wahrscheinlich nicht nur der) endgültg um die Ohren fliegt? Oder was, wenn sich einfach ein neuer Kollege findet, der möglicherweise die Unterdrückung besser beherrscht? Sprich: Wenn eben die Leute zum Zuge kommen, die ein Konzept haben? So, wie das zu allen Zeiten stets und immer der Fall war, weil Herrschaft immer eine zugrunde liegende Idee braucht?
Hat sich irgendjemand der Jubelnden hier mal die Mühe gemacht, wenigstens ganz kurz die jüngere ägyptische zu rekapitulieren? Daß Nasser als Mitglied eines Offiziersclubs nach dem Sturz des Königs an die Macht kam, diese an einen Kollegen weitergab, woraufhin ein munteres Herrschermorden einsetzte, an dessen bisherigem Ende Mubarak steht? Es gleichzeitig nicht den geringsten Hinweis darauf gibt, daß das ausgerechnet jetzt anders werden soll?

Ich möchte hier nicht mißverstanden werden: Die Demonstranten des Tahrir-Platzes sind zu bewundern und zu beglückwünschen für ihre beeindruckende Leistung, für ihren Mut und für ihre Besonnenheit, allen Provokationen zum Trotz nicht zur Gewalt zu greifen. Und sie haben allen Grund und alles Recht, sich zu feiern.
Doch trotzdem war das erst der leichtere Teil der Aufgabe. Wenn in Ägypten wirklich eine andere Art der Herrschaft aufgebaut werden soll, dann beginnt die wahre Arbeit erst jetzt.
Und für uns hier, die wir bequem von zu Hause beobachteten und mit Hilfe von „Gefällt mir“ und #jan25 uns Revolutionärsattitüden anbastelten, sollte statt Freude Sorge vorherrschen. Denn was dort in Ägypten geschehen wird, ist noch lange nicht ausgemacht und ob es den Ägyptern, ihren Nachbarn und dem Rest der Welt nachher wirklich besser gehen wird, steht bestenfalls in den Sternen.


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Ja, ich weiß, daß das andere Ursachen hat, aber dann funktioniert der Witz nicht.
**Ganz unabhängig davon, daß dieses Muster derart oft vorkam, daß wir schon von einem Regelfall ausgehen dürfen.

Äh, Gypten?

Hannes Wader. Aus Gründen.

Und schon morgen soll ein großer Sturm aufkommen
Und auch and’re wagen es herauszuschrei’n
Was sie beleidigt, alle Furcht vergessend
Und keinem bricht der Sturm das Zungenbein
Doch ihre Schreie packt er und die werden
Dann überall im Land zu hören sein.

Den ganzen Text gibt es hier.

Assoziationen überlasse ich wie immer ganz der geneigten Leserschaft, es sei einzig noch youtube-Nutzer Der05er zitiert:

Hannes Wader hören bedeutet für mich, die Hoffnung zu haben, dass die Menschheit noch nicht ganz verblödet ist.


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Hannes Wader. Aus Gründen.