Das Buch zum Sonntag (77)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Nikolai Gogol: Die toten Seelen

Auch wenn ich mich durchaus als souveränen Leser betrachte, bin ich doch manchmal etwas gehemmt, was die Einschätzung von Büchern angeht, die bereits eine lange Rezeptionsgeschichte hinter sich haben. Diese läßt sich ja doch nicht immer so ganz einfach ausblenden. Wenig hilfreich ist da auch der andachtsvolle Umgang mit Literatur „großer“ Schriftsteller sowohl im Feuilleton als auch, was ich gravierender finde, in der Schule.*
Allein die Tatsache, daß es jemand in den zu behandelnden Kanon geschafft hat, macht ihn ja geradezu unangreifbar. Mir fehlen da empirische Untersuchungen, aber ich habe stark den Eindruck, als ob der Standpunkt, „Der Proceß“ sei ein schwaches Buch, im Rahmen des Deutschunterrichts per se ausgeschlossen ist. Und möglicher Weise ist es ja das, dieses verordnete Gutfindenmüssen, das auch durchaus literaturaffine Menschen dazu bringt, bei „großen“ Autoren prinzipiell die Schotten dicht zu machen. Es gibt Menschen in meinem Umfeld, bei denen renne ich seit Jahren gegen diese Wand. Vielleicht ist ja das heutige Werk der eine Stein, dessen Entfernung diese Wand zum Einsturz bringt.
Gogol las ich erstmalig im Zuge meiner Puschkin-Phase. Ganz im Sinne des „Kunden, die Puschkin kauften, kauften auch“-Prinzips, für das es nicht erst die Erfindungen eines AllesVersenders im Internet brauchte, war ich auf der Suche nach ähnlichen Autoren. Wer auch nur wenig über Puschkin liest, wird zwangsläufig auf Gogol gestoßen, denn offenbar scheint es kaum möglich, den einen ohne den anderen zu rezipieren.
Gogol aber schreibt völlig anders als der romantisierende Alexander Sergejewitsch. Seine Charaktere sind weitgehend niederträchtige, gerne auch innerlich zerrissene, mehr oder weniger verschlagene Geschöpfe mit höchst zweifelhaften Motiven. Es steht zu vermuten, daß Gogol keine sehr hohe Meinung von der Welt, insbesondere von Menschen, hatte – sehr genau beobachtet hat er sie jedenfalls. Im Mittelpunkt der „Toten Seelen“ steht Pawel Tschitschikow, den Gogol bei seinem ertsen Auftritt folgendermaßen beschreibt:

Im Wagen saß ein Herr, nicht schön und nicht häßlich, nicht zu dick und nicht zu mager; man konnte ihn nicht alt nennen, indessen sah er auch eben nicht jugendlich aus. Seine Ankunft brachte in der Stadt nicht den geringsten Lärm hervor und war auch von keinem besondern Ereignisse begleitet; nur zwei russische Bauern, die an der Thüre der dem Gasthofe gegenüber liegenden Schenke standen, machte einige Bemerkungen, die sich übrigens mehr auf den Wagen, als auf den in selbem Sitzenden bezogen.

(S. 5)**

Gogol gibt sich viel Mühe, Tschitschikow als in höchstem Grade mittelmäßig darzustellen. Er ist an Unauffälligkeit kaum zu überbieten, möchte aber fragwürdige Geschäfte mit ortsansässigen Gutsbesitzern abschließen. Zu diesem Behufe nun inszeniert er sich aber in der Stadt, versucht sich in die entsprechenden Kreise einzuführen, sich bei den richtigen Personen bekannt und beliebt zu machen, kurz: zu netzwerken.
Großartig ist dabei Gogols feine Ironie, immer wieder geschickt verwebt im Text, aber nichtsdestotrotz wunderbar treffend. Selbst mit dem Abstand von 170 Jahren halte ich Stellen wie diese hier für sehr passend:

Er fand nämlich, daß diese Stadt vor anderen Gouvernementsstädten durchaus nicht zurückstehe; die steinernen Häuser waren eben so grell gelb, die hölzernen eben so dunkelgrau angestrichen, wie überall. Den ein- oder zweistöckigen Häusern fehlten nicht die stereotypen wie Vogelbauer aussehenden Dachstübchen, die nach Ansicht der Gouvernementbaumeister sich wunderhübsch ausnahmen.

(S. 11)

Oder diese:

Er begab sich zuerst zum Gouverneur, der gleich Tschitschikow weder zu dick, noch zu dünn war, den Annaorden auf dem Halse hatte, und wie es hieß, zu einem Sterne vorgstellt war; er war übrigens sehr gutmüthig, und beschäftigte sich sogar dann und wann mit weiblichen Stickereien. Dann begab sich Tschitschikow zum Vicegouverneur, Procuror, Gerichtspräsidenten, Polizeimeister, Branntweinpächter, Aufseher der Kronfabriken….. Schade, daß man sich alle die Gewaltigen der Erde nicht merken kann;

(S. 14)

Ganze Regalböden an Kleinstadt- und Provinzliteratur kann man da getrost ungelesen liegen lassen. Und genau das ist es, was mich diesen Band immer mal wieder zur Hand nehmen läßt. Tschitschikows Idee, zu Geld zu kommen, bleibt etwas unklar ebenso wie die ganze Handlung, was sicher damit zu tun hat, daß Gogol hier ursprünglich eine Trilogie plante, von der nur erste Teil vollständig überliefert ist. Sein Personal aber ist so lebendig, so frisch, so überzeugend beschrieben, daß es immer wieder erhellend ist, Gogol zu lesen. So wie ich mir sicher bin, daß auch hier so einigen in der geneigten Leserschaft Szenen und Personen aus dem eigenen Leben vor Augen kommen:

Alle Gespräche hörten auf, was gewöhnlich bei ernsten Angelegenheiten der Fall ist. Obgleich der Postmeister sehr redselig war, aber wie er die Karten in die Hand nahm, sprach sich in seinen Zügen alsogleich ein bedeutender Ernst aus, er bedeckte die Oberlippe mit der untern und behielt diese Lage während der ganzen Spielzeit bei. Spielte er eine Figur aus, schlug er dabei mit der Hand auf den Tisch und sagte, wenn es eine Dame war: „fort mit der alten Pozinn,“ und wenn es ein König: „da ist der Tambower Bauer!“ Und der Gerichtspräsident antwortete: „Der kriegt was von mir über seinen Schnurrbart!“

(S. 19)

Bei zeitnahen Übersetzungen aus dem Russischen (die hier zitierte erschien nur 4 Jahre nach der russischen Ausgabe) gibt es häufig Probleme, was ihre Qualität, zumindest nach heutigen Maßstäben, angeht. Nicht selten handelt es sich dabei um erhebliche Eigenleistungen des Übersetzers. Möglicherweise las ich also eher Löbenstein, frei nach Gogol, als diesen selbst. Das vermag ich nicht zu beurteilen. Insofern vermag ich auch keine Aussage zu treffen, welche der

lieferbaren Ausgaben

nun genau zu empfehlen sei.

Aber sich für eine davon zu entscheiden, sei die geneigte Leserschaft hiermit aufgefordert.


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*Oder im Studium. Während meiner sehr kurzen Zeit als Germanistik-Student kursierte eine Anektode, deren Pointe darin bestand, daß ein Student in Unkenntnis des Verfassers ein Goethe-Gedicht nach allen Regeln der Kunst durchfallen ließ. Die Quintessenz, an jegliche Literatur mit dem Wahlspruch „Im Zweifel ist es Goethe.“ heranzugehen, finde ich heute weit weniger charmant als ich es damals sah. Denn dieser Grundsatz ist durchaus ambivalent. Der sympathische Punkt daran ist, einem literarischen Werk unabhängig von seinem Verfasser mit Respekt zu begegnen. Gleichzeitig aber bringt er auch zum Ausdruck, daß es anerkannte Unantastbare zu geben scheint. Und dieser Aspekt überwiegt bei mir doch inzwischen.
**zitiert nach: Gogol, Nikolai: Die toten Seelen. übersetzt von Philipp Löbenstein. Diogenes Zürich 1977

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