De omnibus dubitandum

Es ist kein Zufall, daß Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten Religionen entwickelten. Was bleibt am Ende aller Tage? Warum sind wir eigentlich hier? Und was macht der ganze Kladderadatsch überhaupt für einen Sinn, wenn wir eh sterben? Solche und ähnlich gelagerte Fragen sind schwer zu beantworten und erzeugen eine Sehnsucht nach Antworten, die kaum zu befriedigen ist. Und so schaffen sich die Menschen Erklärungen, die ihnen helfen sollen, das Hier und Heute, das Jammertal des irdischen Daseins, die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz zu ertragen. Die soziologische Bedeutung von ausdifferenzierten Religionen, die umfangreiche moralische Grundsätze entwickelten und so natürlich zum Zusammenhalt von Gesellschaften beitragen, weil sie eine gemeinsame ethische Grundlage schaffen, möchte ich heute einmal nicht erörtern. Mir soll es nur um die individuelle Perspektive gehen. Kant schreibt in der Vorrede zur „Kritik der praktischen Vernunft“:

Die Ideen von Gott und Unsterblichkeit sind aber nicht Bedingungen des moralischen Gesetzes, sondern nur Bedingungen des notwendigen Objekts eines durch dieses Gesetz bestimmten Willens, d.i. des bloß praktischen Gebrauchs unserer reinen Vernunft; also können wir von jenen Ideen auch, ich will nicht bloß sagen, nicht die Wirklichkeit, sondern auch nicht einmal die Möglichkeit zu erkennen und einzusehen behaupten.

Religion macht nur Sinn, wenn man denn auch glaubt. Es hat in der Geschichte zahlreiche Beweise für die Existenz jeglichen höheren Wesens, jeglichen Fortlebens des Lebens nach dem Tod gegeben, die jedoch alle eines gemeinsam haben: Sie können durchaus wahr sein – müssen es aber nicht. Göttliches Eingreifen bleibt immer nur eine Erklärungsmöglichkeit und die Entwicklung der Naturwissenschaften legt nahe, daß dies in Zukunft auch so bleiben wird. Es kann schon sein, daß wir uns in einem ewigen Kreis der Wiedergeburt befinden, es kann sein, daß wir dereinst alle am Jüngsten Tage wiederaufserstehen werden, es ist gut möglich, daß uns Charon über den Styx in den Hades fährt – allein: Man muß es schon glauben. Denn wie Kant völlig zu Recht anmerkt, handelt es sich dabei um Fragen, die der Verstand gar nicht zu lösen vermag. Und so ist es auch nachvollziehbar, wenn im Johannes-Evangelium der Jünger Thomas, der an den Berichten vom auferstandenen Jesus zweifelt solcherlei widerfährt:

Und über acht Tage waren abermals seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: Friede sei mit euch! Darnach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche dein Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein HERR und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, glaubest du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

(Joh. 20, 26-29)*

Denn der Zweifel ist eine große Gefahr für den Glauben. Zwar kann Zweifeln zu einer Festigung desselben führen, es steht aber auch der Glaubensverlust als Option offen und so ist es sicherer, diesen gar nicht erst zuzulassen.
Die wahre Faszination des Glaubens liegt denn eben auch in der Sicherheit, die er verspricht. Wahrer, tiefempfundener Glaube ermöglicht ganz erstaunliche Dinge, es müssen ja nicht immer gleich Berge sein, die versetzt werden (Mt. 18, 21), schon allein der Seelenfriede, die innere Ruhe, die einkehrt, wenn die Fragen nach dem großen Warum ad acta gelegt werden können, weil sie keine mehr sind, weil es eine tröstliche Antwort gibt, die nicht mehr in Frage gestellt zu werden braucht, schon allein dies ist doch eine erstaunliche Sache und ein verdammt guter Grund, zu glauben.
Ich mag da einer sehr romantischen Sicht des Glaubens unterliegen und es scheint auch mit der Praxis etwas schwierig zu sein und so friedfertig eine Religion auch sein mag, es dürfte wohl kaum eine geben, in deren Namen nicht schon getötet wurde. Wobei ich hier den Glauben etwas weiter fassen möchte, da der Begriff der Religion etwas zu eng ist. Liest man wütende Schriften wie etwa Dawkins´ „Gotteswahn“, der mit einem Furor zu Werke geht, der nur noch religiös zu erklären ist, so wird offenbar, daß es keinerlei höheren Wesens bedarf, um an etwas zu glauben. Letztlich ist der Glaube an etwas immer ein Glaube an ein abstraktes Konstrukt, an etwas nicht vollständig erfaßbares, an etwas, das uns alles und jeden zu erklären vermag. Ob das nun ein vielarmiger Dauerwiedergänger, die alles besiegende Vernunft oder ein Spagetthimonster ist, spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist, daß der Glaube Sicherheit gibt. Und diese Sicherheit wird dann wichtig, wenn es im Leben kritisch wird. Wenn es Situationen zu ertragen gibt, die kaum auszuhalten sind. Wenn es gilt, Schmerz und Verlust zu erdulden, wenn unfassbares geschieht. Dann, erst dann zeigt sich, ob der eigene Glaube etwas taugt.

„God is a concept by which we measure our pain“
In diesem höchst persönlichen Song** verabschiedet John Lennon nicht nur etliche metaphysische Konzepte, sondern auch noch den eigenen, ihm zugeschriebenen Göttlichkeitsstatuts. Aber: Auch er glaubt. An sich und an die Frau an seiner Seite, an ihre und seine Liebe. Und das kann genügen, Sicherheit und Vertrauen zu gewinnen, die Kraft zu erlangen, dieses Leben anzugehen, egal welche Schwierigkeiten sich vor einem auftürmen.

Die Vorstellung nämlich, daß die Welt vielleicht einfach so ist, wie sie sich darstellt, daß es kein Vorher und kein Nachher im Leben gibt, daß Menschen, die sterben, eben einfach nicht mehr existieren, daß die Menscheit womöglich so dämlich ist, wie sie sich anstellt, daß die eigene Existenz nicht wertvoller und sinnvoller ist als die der Sanddüne am Strand, daß Wert und Sinn nur hat, was was ein jeder selbst mit Wert und Sinn füllt und daß jeglicher Glaube nur ein großer Selbstbetrug ist, um sich das Leben schönzulügen – diese Vorstellung ist wahrlich keine schöne. Und da stellt sich mir die Frage: Wenn dem aber so ist, wenn nichts bleibt, wenn die Existenz alles ist, was es gibt, wenn also völlig egal ist, ob man glaubt oder nicht: Wäre es dann nicht schön, glauben zu können?

Und so entlasse ich die geneigte Leserschaft aus diesem besonders wirren Beitrag mit dem alten Brecht:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

***


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*zitiert nach der rev. Lutherübersetzung 1912
**wobei anzumerken ist, daß Lennons Songs letztlich immer höchst persönlich sind.
***zitiert nach: Brecht, Bertolt: Der gute Mensch von Sezuan. Suhrkamp Frankfurt am Main 1964, S. 144

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