Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (74)

Prolog: Zu meinen Vorsätzen für das neue Jahr gehörte die Idee, das Buch zum Sonntag wieder pünktlich zu liefern, in den letzten Wochen schlich sich da doch der Schlendrian ein. Wie es sich für gute Vorsätze gehört, war bereits am 01. Januar abends nichts mehr davon übrig (da wäre die Buchempfehlung ja fällig gewesen).
Daher also ein weiteres Mal reichlich verspätet empfehle ich der geneigten Leserschaft für die gestern begonnene Woche zur Lektüre:

Beowulf

Wie ich bei meinen bisherigen kurzen Erwähnungen bereits andeutete, las ich den „Beowulf“ bereits sehr zeitig. Ich muß so ungefähr 10 jahre alt gewesen und es war mein erstes Epos, das ich nicht in einer nacherzählten Fassung las. Mit nachhaltiger Wirkung. Die damalige Ausgabe habe ich noch immer und sie gehört zu den Büchern, bei denen es mir nicht nur auf den Inhalt ankommt. Das Exemplar ist mir eines der liebsten in der nicht ganz kleinen Bibliothek, die ich hier mein Eigen nenne (und die 12 Abbildungen alter Buchmalereien haben mein ästhetisches Empfinden nicht unerheblich beeinflußt – denn man bedenke: Mir hatten ja nüscht).
Doch genug der Nostalgie, ein paar Worte zum Werk.
Beowulf ist wie viele weitere Epen, insbesondere des frühen Mittelalters, kulturell hybrid. Es geht um die Verknüpfung alter germanischer Erzähltraditionen mit dem Fuß fassenden oder etablierten Christentum und seinen Traditionen und Vorstellungen. „Beowulf“ steht dabei sehr weit am Anfang (es ist fast ein halbes Jahrtausend jünger als das Nibelungenlied) und es ist nicht nur sprachlich bei weitem noch nicht so ausgefeilt wie es spätere Werke wie das Rolandlied oder Wolframs Parzival sind.
Aber: Es ist dadurch durchaus leichter lesbar. Und: Es ist ein großer Spaß, also zumindest für alle, die etwas für Heroen übrig haben. Interessanter Weise spielt das altenglische Nationalepos nicht in England, es hat noch nicht einmal irgendetwas mit England zu tun. Schauplatz ist Dänemark, der große Held Beowulf stammt aus Gotland. Aber gut, das deutsche Nationalepos spielt in Burgund und das französische in Spanien – insofern…
Ein echter Held, insbesondere ein echter germanischer Held (und Beowulf ist das in Reinkultur) bedarf zur Initiation unbedingt ein zu erlegendes Monster. Ohne totes Monster ist man kein echter Held, bestenfalls Kandidat. Und Beowulf hat sich ein durchaus stattliches Exemplar ausgesucht:

Es wurde der grimme Geist Grendel geheißen,
Der gräßliche Markgänger, der die begrenzdenden Moore beherrschte,
Das Fenn und die Feste im Sumpf. Der freudlose Mann
Bewohnte das Reich des Riesengeschlechts seit geraumer Zeit,
Nachdem ihn der Schöpfer schonungslos verdammt hatte
Mit dem Stamm Kains. Es strafte den Mord
Der ewige Herr, weil jener Abel erschlug.
Nicht erfreute sich Kain der Fehde, denn Gott verfemte ihn weit weg,
Der Allmächtige, von der Menschheit wegen dieses maßlosen Verbrechens.

(V. 102-110)*

Ein Riese also. Nun, es müssen ja nicht immer gleich Drachen sein. So ein Riese ist für den Anfang ja auch ganz hübsch. Zumal, wenn er Menschen verspeist und ein Kainsmal trägt. Für die theologisch geschulten in der geneigten Leserschaft mag die oben zitierte Passage ein Schlaglicht auf das frühe Verständnis der Schrift in den frisch christianisierten Gebieten werfen. Natürlich kann Beowulf nicht anders, als sofort loszureisen, um Grendel den Garaus zu machen, ein echter Held braucht keine Einladung. Er wird dort freilich höchst willkommen geheißen, leidet der Dänenkönig doch nun schon 12 Jahre unter den Gräueltaten Grendels, da ist ein südschwedischer Heißsporn mit der Kraft von 30 Männern gern gesehener Gast. Freilich ruft so etwas Neider auf den Plan und so konfrontiert beim Gelage ein Gefolgsmann des Dänenkönigs unseren Held mit der Geschichte eines verlorenen Schwimmwettkampfes gegen einen gewissen Breca, dies zum Anlaß nehmend, ihn vor einem Kampf mit Grendel zu warnen, der unweigerlich schlimmer ausgehen werde als dieses Wettschwimmen. Was wiederum Beowulf für einen geeigneten Anlaß hält, eine ausführliche Gegendarstellung zu bieten, die folgendermaßen endet:

Schließlich war es mir beschieden, daß ich mit dem Schwert erschlug
Neun Wasserungeheuer. Niemals erfuhr ich
Von einem härteren Kampf unter des Himmels Gewölbe,
Noch von einem elenderen Mann auf einsamen Meer.
Doch vom Fanggriff der Feinde entfernte ich mich lebend,
Ermattet von dem Unternehmen. Das Meer trug mich dann,
Die Flut mit der Strömung, zu den Finnlappen ans Land,
Die wogenden Wellen. Wahrlich, über dich habe ich noch nie
Von solchen Seekämpfen je sagen hören,
Von solchem Schrecken der Schwerter. Schließlich hat Breca niemals,
Ja, keiner von euch, im Kampfe bisher
Solche tapferen Taten vollbracht
Mit blankem Schwert – ich brüste mich damit nicht -,

(V. 574-586))

Nein, natürlich nicht. Das ist eine ganz bescheidene, zurückhaltende Zusammenfassung. Mitnichten also kam Beowulf später an und wenn überhaupt, dann nur, weil er eben nebenbei mal eben noch neun Meeresungeheuer zersäbeln musste. Zugegeben, sowas kann dauern.
Beowulf ist schon sehr heldisch. Gegen ihn wirkt ein Siegfried geradezu von Selbstzweifeln zerfressen. Zum einen habe ich ja bekanntermaßen eine Schwäche für solche Figuren, zum anderen aber entwickelt sich Beowulf durchaus auch weiter. Natürlich wird er weiterhin ein riesiger Held sein, dem keine Aufgabe zu groß ist und natürlich wird auch er noch gegen einen Drachen kämpfen (das muß schon sein), aber seine Persönlichkeit wird in den folgenden 2500 Versen durchaus komplexer. Genauso wie die Struktur der Handlungsstränge, ihre Verknüpfung über weite Passagen hinweg, manchmal nur mit kleinen Einschüben vorangebracht, sich weit über das vielleicht erwartete „Und dann… und dann…“-Chronologieschema erhebt.
Ich möchte aber noch einmal kurz zeigen, wie nur mühsam kaschiert im „Beowulf“ die alten Erzähltraditionen werden. Der Dichter scheint ernstlich bemüht zu sein, seiner Erzählung christlichen Anstrich zu geben, aber, nun ja, wie sagt man? Er übt noch. So wirkt dieses Bemühen manches Mal etwas hölzern, eher wie der Versuch von jemandem, die Zensurbehörde auszutricksen, in dem er ein paar Stichworte verwendet, ansonsten aber eine subversive Schrift verfaßt. Grendel pflegt nachts und hinterrücks zuzuschlagen, was Beowulf sehr farblich und aufs schärfste als niederträchtig und eines wahren Kämpfers nicht würdig bezeichnet, weshalb er sich ihm ohne Waffe entgegenzustellen wünscht und:

„[…]Der weise Gott möge dann,
Der heilige Herr, einem der beiden Handkämpfer
Den Ruhm zuerkennen, wie es ihm recht dünkt.“

(V. 685-687)

Dies im Gedächtnis nun aus der Kampfszene:

Sie wollten das Leben ihres geliebten Landesgebieters schützen,
Des berühmten Kriegsherren, so gut sie konnten.
Sie wußten noch nicht, als sie die Waffen führten,
Die hartbeherzten Heldenkrieger,
Und von allen Seiten auf ihn einzuhauen gedachten,
Um seine Seele auszulöschen: diesem sündhaften Schädiger
Konnte überall auf Erden kein noch so ausgezeichnetes Eisen,
Keines der Schlachtschwerter, einen Schaden zufügen,
Denn verwunschen hatte er die Waffen alle,

(V. 796-804)

Der geübte christliche Mythenschreiber hätte hier unmöglich die Oberlehrerpose verlassen können und vollumfänglich auf die göttliche Vorhersehung hingewiesen, die Beowulf auf seine Waffe zu verzichten gehieß. Unabhängig davon, daß er ja wohl kaum von alleine auf diese Idee hätte kommen können. Selbständig denken, soweit kommt´s noch. Womit wir übrigens bei einem entscheidenden Punkt sind, warum mir die alten Heldenepen sehr viel lieber sind als die unzähligen Heiligenlegenden: Die hier handeln noch. Sie irren manchmal, sie begehen nicht selten grauenhafte Fehler, sie sind nicht selten laut und ungehobelt, manchmal sind auch sie eine Spur zu perfekt – aber sie sind wenigstens nicht fremdgesteuert. 😉

Leider sind meine Kenntnisse zur Güte der Übersetzungen höchst beschränkt, es möge also ein jeder selbst seine Auswahl unter den lieferbaren Ausgaben treffen. [Für die ich einen Link nachliefere, sobald ich einen Weg gefunden habe, ein anständiges Suchergebnis in einen Permalink zu verwandeln. *hmpf*]


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*zitiert nach: Beowulf. Ein altenglisches Heldenepos. übertragen und herausgegeben von Martin Lehnert. Insel Leipzig 1988.

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