Das Buch zum Sonntag (78)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Peter Høeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels

Das Bildungssystem und seine Rolle in der Gesellschaft samt seinen Auswirkungen für den Einzelnen ist ein großes Thema. Wenn auch durchaus nicht gerade überrepräsentiert in der Literatur. Aber im heute empfohlenen Buch spielt das eine Rolle. Neben einigen anderen Fragen, denen Høeg nachspürt, ist es eben genau das: Wie können und wollen wir Kinder bilden und erziehen und wie gehen wir mit denen um, die sich nicht wie vorgesehen entwickeln? Was sich vor den Augen des Lesers abspielt, ist ein Experiment auf mehreren Ebenen, es ist das des Autor, des lyrischen Ichs und eben auch eines der handelnden Personen.
Ich hatte von Høeg vorher nur Fräulein Smilla gelesen, über die vielleicht auch noch zu reden sein wird, und er war mir als ein Autor in Erinnerung geblieben, der eine Spannungsgeschichte überraschend einfühlsam erzählen kann (der durchaus nicht schlechte Film übrigens enttäuschte mich genau deshalb, was da an Differenzierungen in den Personen fehlt, ist schon erheblich).* Im Plan von der Abschaffung des Dunkels geht es weit weniger dramatisch zu als bei Fräulein Smilla, dafür erleben wir einen sehr genauen, sehr tiefen Einblick in die Seelen von zum Scheitern verurteilten Menschen. Die Protagonisten seines Romanes sind für die sie umgebende Gesellschaft nicht greifbare, nicht fassbare Gestalten, sie funktionieren nicht so, wie das für sie vorgesehen ist. Sie denken anders, sie fühlen anders und sie spüren, daß sie im Konflikt mit dieser Welt stehen. Høeg macht das hier am metaphysischen Konzept der Zeit deutlich. Sein alter ego steht in Konflikt mit der Zeit, der Zeit als solcher. Und damit der Welt an sich, in der er nicht leben kann.

Ich erinnerte mich an zwei Dinge. Jesus hatte von der Zeit gesprochen. Die Leute hatten ihn gefragt, ob er ihnen das ewige Leben versprechen könne, also Freiheit von der Zeit. Darauf hatte er nicht wirklich geantwortet. […] Statt dessen hatte er dem jungen Mann, der ihn danach gefragt hatte, gesagt, was er tun solle, wenn er hier und jetzt zum Leben eingehen wolle. […]
Was soll man tun, wenn man hier und jetzt zum Leben eingehen will? Darauf hatte Jesus geantwortet. Das war das eine, was ich dachte.
Das anderer war: Vielleicht hatte Jesus auch versucht, die Zeit zu berühren, vielleicht war das sein Plan. In seinem Laboratorium, nicht im Stall mit der Krippe, sondern später. hatte er seine Gedanken gesammelt, um den Plan hinter allem zu verstehen. Dann hatte er zu denen, die ihm folgten, gesagt, sie sollten hinausgehen in die Welt und diesen Plan verraten, auch wenn das die natürliche Abneigung der Leute gegen sie erregen würde, so daß sie verfolgt und isoliert würden. Das sollten sie tun, damit alles, was geheim war, bekannt würde. Dann war er hinabgestiegen ins Totenreich.

(S. 138)**

Und auch Høegs Protagonisten wollen wissen, wollen sehen, was hinter allem steckt, welchem Plan, welchem Ablauf ihre Welt, die in diesem Falle eine Internatsschule mit hehrem Ruf ist, folgt. Beeindruckend, wirklich beeindruckend für mich ist seine Art, berührend zu schrieben. Es gibt Szenen in diesem Buch, die ich nur mit Tränen in den Augen lesen kann, weil sie mich so tief rühren. Wer weiß, welche Saiten er da trifft und womöglich läßt sich das nur schwer nachvollziehen und sehr wahrscheinlich hätte ich dieses Buch ganz anders gelesen, wäre ich noch nicht Vater. Doch die Frage, wie das, was wir „für die Kinder“ tun, tatsächlich auf diese wirkt, ist eine kaum zu überschätzende. Um so schlimmer, wenn die Handelnden dann die Fähigkeit verlieren, ihr Handeln zu reflektieren, wenn sie im besten Glauben, das Richtige und Beste zu tun, verheerendes anrichten.
Ich habe jedenfalls selten so intensiv mit den Protagonisten eines Romanes mitgefühlt, mitgelebt, mitgelitten und mitgefiebert wie bei diesem.
Ehe ich nun vollständig in Gefühlsduselei abdrifte, mal noch eine kleine Stelle, die mir bei meinem heldenhaften Kampf für die Abschaffung der Bewertung in den musischen Fächern*** ob ihrer Plastizität sicher nützlich gewesen wäre:

Er zog sie hervor und faltete sie auseinander, es war eine Zeichnung auf einem großen weißen Bogen von der Sorte, die aus dem zeichensaal nicht entfertn werden durften.
Sie war mit Bleistift gemacht. Es gab eine Handlung, zwei Männchen bewegten sich von Bild zu Bild wie in einem Comic. Es war eine Kette von Gewalt.
Auf der Zeichnung waren eine Menge Leute, die erschossen wurden, unter anderem ein Mann und eine in einem Raum, vielleicht war es ein Krankenzimmer, vielleicht ein Klassenraum.
Abgesehen davon, daß es hart war, das anzusehen, war es, so unglaublich das schien, besser als die Wirklichkeit, also war er nicht auf allen Gebieten unfähig.
Er wollte dann wieder weiter die Wände entlang, doch allmählich kamen die Mogadons bei ihm an.
„Ich habe null Sterne gekriegt.“, sagte er.
[…]
„Versuch, den Hintergrund auszufüllen“, sagte ich. „Karin Ærø hält nichts von einem leeren Hintergrund, es darf nicht zuviel weißes Papier zu sehen sein, wenn man fertig ist.“

(S. 52f.)

Wer wissen will, ob der Tipp etwas taugt, möge nachlesen. 😉
Die Zahl der Bildungsromane ist durchaus nicht klein, jedoch genausowenig, wie sich Fräulein Smilla trotz eindeutiger Kriminalhandlung sinnvoll im Krimiregal unterbringen läßt, sperrt sich dieser stille, innige, empathische Roman gegen eine Genreisierung. Mich hat er jedenfalls über weit mehr als über Schule nachdenken lassen. Er geht viel tiefer.

Lieferbar ist das Buch derzeit in

diesen Ausgaben.


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*Ja, der Anteil an männlichen Buchkäufern hielt sich, zumindest meiner Erfahrung nach, sehr in Grenzen. Und wenn kauften sie es fast immer mit dem Ziel, es zu verschenken. Zumindest offiziell. 😉
**zitiert nach: Høeg, Peter: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels. Rowohlt Taschenbuch Reinbek. 13. Aufl. 2009
***Zugegeben, andere kämpfen mit 17 für größere Ziele. Aber alle Weltrevolutionsfans, die ich damals traf, erweckten in mir kein großes Vertrauen in einen baldigen Ausbruch eben dieser.

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Das Buch zum Sonntag (77)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Nikolai Gogol: Die toten Seelen

Auch wenn ich mich durchaus als souveränen Leser betrachte, bin ich doch manchmal etwas gehemmt, was die Einschätzung von Büchern angeht, die bereits eine lange Rezeptionsgeschichte hinter sich haben. Diese läßt sich ja doch nicht immer so ganz einfach ausblenden. Wenig hilfreich ist da auch der andachtsvolle Umgang mit Literatur „großer“ Schriftsteller sowohl im Feuilleton als auch, was ich gravierender finde, in der Schule.*
Allein die Tatsache, daß es jemand in den zu behandelnden Kanon geschafft hat, macht ihn ja geradezu unangreifbar. Mir fehlen da empirische Untersuchungen, aber ich habe stark den Eindruck, als ob der Standpunkt, „Der Proceß“ sei ein schwaches Buch, im Rahmen des Deutschunterrichts per se ausgeschlossen ist. Und möglicher Weise ist es ja das, dieses verordnete Gutfindenmüssen, das auch durchaus literaturaffine Menschen dazu bringt, bei „großen“ Autoren prinzipiell die Schotten dicht zu machen. Es gibt Menschen in meinem Umfeld, bei denen renne ich seit Jahren gegen diese Wand. Vielleicht ist ja das heutige Werk der eine Stein, dessen Entfernung diese Wand zum Einsturz bringt.
Gogol las ich erstmalig im Zuge meiner Puschkin-Phase. Ganz im Sinne des „Kunden, die Puschkin kauften, kauften auch“-Prinzips, für das es nicht erst die Erfindungen eines AllesVersenders im Internet brauchte, war ich auf der Suche nach ähnlichen Autoren. Wer auch nur wenig über Puschkin liest, wird zwangsläufig auf Gogol gestoßen, denn offenbar scheint es kaum möglich, den einen ohne den anderen zu rezipieren.
Gogol aber schreibt völlig anders als der romantisierende Alexander Sergejewitsch. Seine Charaktere sind weitgehend niederträchtige, gerne auch innerlich zerrissene, mehr oder weniger verschlagene Geschöpfe mit höchst zweifelhaften Motiven. Es steht zu vermuten, daß Gogol keine sehr hohe Meinung von der Welt, insbesondere von Menschen, hatte – sehr genau beobachtet hat er sie jedenfalls. Im Mittelpunkt der „Toten Seelen“ steht Pawel Tschitschikow, den Gogol bei seinem ertsen Auftritt folgendermaßen beschreibt:

Im Wagen saß ein Herr, nicht schön und nicht häßlich, nicht zu dick und nicht zu mager; man konnte ihn nicht alt nennen, indessen sah er auch eben nicht jugendlich aus. Seine Ankunft brachte in der Stadt nicht den geringsten Lärm hervor und war auch von keinem besondern Ereignisse begleitet; nur zwei russische Bauern, die an der Thüre der dem Gasthofe gegenüber liegenden Schenke standen, machte einige Bemerkungen, die sich übrigens mehr auf den Wagen, als auf den in selbem Sitzenden bezogen.

(S. 5)**

Gogol gibt sich viel Mühe, Tschitschikow als in höchstem Grade mittelmäßig darzustellen. Er ist an Unauffälligkeit kaum zu überbieten, möchte aber fragwürdige Geschäfte mit ortsansässigen Gutsbesitzern abschließen. Zu diesem Behufe nun inszeniert er sich aber in der Stadt, versucht sich in die entsprechenden Kreise einzuführen, sich bei den richtigen Personen bekannt und beliebt zu machen, kurz: zu netzwerken.
Großartig ist dabei Gogols feine Ironie, immer wieder geschickt verwebt im Text, aber nichtsdestotrotz wunderbar treffend. Selbst mit dem Abstand von 170 Jahren halte ich Stellen wie diese hier für sehr passend:

Er fand nämlich, daß diese Stadt vor anderen Gouvernementsstädten durchaus nicht zurückstehe; die steinernen Häuser waren eben so grell gelb, die hölzernen eben so dunkelgrau angestrichen, wie überall. Den ein- oder zweistöckigen Häusern fehlten nicht die stereotypen wie Vogelbauer aussehenden Dachstübchen, die nach Ansicht der Gouvernementbaumeister sich wunderhübsch ausnahmen.

(S. 11)

Oder diese:

Er begab sich zuerst zum Gouverneur, der gleich Tschitschikow weder zu dick, noch zu dünn war, den Annaorden auf dem Halse hatte, und wie es hieß, zu einem Sterne vorgstellt war; er war übrigens sehr gutmüthig, und beschäftigte sich sogar dann und wann mit weiblichen Stickereien. Dann begab sich Tschitschikow zum Vicegouverneur, Procuror, Gerichtspräsidenten, Polizeimeister, Branntweinpächter, Aufseher der Kronfabriken….. Schade, daß man sich alle die Gewaltigen der Erde nicht merken kann;

(S. 14)

Ganze Regalböden an Kleinstadt- und Provinzliteratur kann man da getrost ungelesen liegen lassen. Und genau das ist es, was mich diesen Band immer mal wieder zur Hand nehmen läßt. Tschitschikows Idee, zu Geld zu kommen, bleibt etwas unklar ebenso wie die ganze Handlung, was sicher damit zu tun hat, daß Gogol hier ursprünglich eine Trilogie plante, von der nur erste Teil vollständig überliefert ist. Sein Personal aber ist so lebendig, so frisch, so überzeugend beschrieben, daß es immer wieder erhellend ist, Gogol zu lesen. So wie ich mir sicher bin, daß auch hier so einigen in der geneigten Leserschaft Szenen und Personen aus dem eigenen Leben vor Augen kommen:

Alle Gespräche hörten auf, was gewöhnlich bei ernsten Angelegenheiten der Fall ist. Obgleich der Postmeister sehr redselig war, aber wie er die Karten in die Hand nahm, sprach sich in seinen Zügen alsogleich ein bedeutender Ernst aus, er bedeckte die Oberlippe mit der untern und behielt diese Lage während der ganzen Spielzeit bei. Spielte er eine Figur aus, schlug er dabei mit der Hand auf den Tisch und sagte, wenn es eine Dame war: „fort mit der alten Pozinn,“ und wenn es ein König: „da ist der Tambower Bauer!“ Und der Gerichtspräsident antwortete: „Der kriegt was von mir über seinen Schnurrbart!“

(S. 19)

Bei zeitnahen Übersetzungen aus dem Russischen (die hier zitierte erschien nur 4 Jahre nach der russischen Ausgabe) gibt es häufig Probleme, was ihre Qualität, zumindest nach heutigen Maßstäben, angeht. Nicht selten handelt es sich dabei um erhebliche Eigenleistungen des Übersetzers. Möglicherweise las ich also eher Löbenstein, frei nach Gogol, als diesen selbst. Das vermag ich nicht zu beurteilen. Insofern vermag ich auch keine Aussage zu treffen, welche der

lieferbaren Ausgaben

nun genau zu empfehlen sei.

Aber sich für eine davon zu entscheiden, sei die geneigte Leserschaft hiermit aufgefordert.


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*Oder im Studium. Während meiner sehr kurzen Zeit als Germanistik-Student kursierte eine Anektode, deren Pointe darin bestand, daß ein Student in Unkenntnis des Verfassers ein Goethe-Gedicht nach allen Regeln der Kunst durchfallen ließ. Die Quintessenz, an jegliche Literatur mit dem Wahlspruch „Im Zweifel ist es Goethe.“ heranzugehen, finde ich heute weit weniger charmant als ich es damals sah. Denn dieser Grundsatz ist durchaus ambivalent. Der sympathische Punkt daran ist, einem literarischen Werk unabhängig von seinem Verfasser mit Respekt zu begegnen. Gleichzeitig aber bringt er auch zum Ausdruck, daß es anerkannte Unantastbare zu geben scheint. Und dieser Aspekt überwiegt bei mir doch inzwischen.
**zitiert nach: Gogol, Nikolai: Die toten Seelen. übersetzt von Philipp Löbenstein. Diogenes Zürich 1977

Liza Minelli. Aus Gründen.

I think of Elsie to this very day.
I remember how she’d turn to me and say:
„What good is sitting all alone in your room?
Come hear the music play.
Life is a Cabaret, old chum,
Come to the Cabaret.“

And as for me, And as for me,
I made my mind up, back in Chelsea,
When I go, I’m going like Elsie.

Start by admitting, From cradle to tomb
It isn’t that a long a stay.
Life is a Cabaret, old chum,
It’s only a Cabaret, old chum
And I love a Cabaret.

Den ganzen Text gibt es hier.

Introducing: Des Hausheiligen wahre Heimat im Zwischennetz

Das Internet ist groß. Verdammt groß. Du kannst dir einfach nicht vorstellen, wie groß, gigantisch, wahnsinnig riesenhaft das Internet ist. Du glaubst vielleicht, die Straße runter bis zur Drogerie ist es eine ganz schöne Ecke, aber das ist einfach ein Klacks, verglichen mit dem Internet.*

Und das allein kann nur der Grund sein, warum mir das famose Webprojekt Friedhelm Greis´ zum Hausheiligen dieses Blogs erst jetzt vor das virtuelle Surfbrett kam. Das Sudelblog (dessen Name ebenso unvermeidlich ist wie Treppe, die es im Banner trägt – die Tragik wirklich treffender Beschreibungen ist ja gerade eben, daß sie aufgrund ihrer Trefflichkeit permanent herangezogen werden und so der Gefahr des Überdrusses beim Lesenden geradezu schutzos ausgeliefert sind. Meine Ankündigung für die Tucholsky-Lesung im Frühjahr stand ja auch unter dem bereits sattsam bekannten Motto „Lerne lachen ohne zu weinen“) widmet sich der zeitgenössischen Tucholsky-Rezeption und ihm selbst in einem derart gründlichen und lobenswerten Ausmaß, daß ich mich dort, nun sagen wir, in erheblichem Maße festgelesen habe. Ich habe hier im Blog in letzter Zeit meine These, daß sich bei Tucholsky zu nahezu jedem Thema des modernen Lebens eine Aussage finden läßt, etwas nachlässig behandelt. Herrn Greis Sudelblog aber läßt mich zumindest planen, dies in Zukunft wieder etwas intensiver anzugehen. Und wahrscheinlich wird sich auch so künftighin der eine oder andere Verweis dorthin erfolgen. Für heute mag dieser

Anspieltipp

den ich mit höchtem Genuß gelesen habe, und zudem auch der Beitrag war, der mich dorthin führte (im Nachgang zur Sylvester-Lesung habe ich eine Kurzrecherche zu Mynona starten wollen), genügen.

Und schließen möchte ich mit diesem kurzen Kommentar des Hausheiligen in Sachen Nachruhm:

Mein Nachruf

Auf eine Rundfrage

Wie mein Nachruf aussehen soll, weiß ich nicht. Ich weiß nur, wie er aussehen wird. Er wird aus einer Silbe bestehen.
Pappa und Mamma sitzen am abgegessenen Abendbrottisch und vertreiben sich ihre Ehe mit Zeitungslektüre. Da hebt Er plötzlich, durch ein Bild von Dolbin erschreckt, den Kopf und sagt: »Denk mal, der Theobald Tiger ist gestorben!«
Und dann wird Sie meinen Nachruf sprechen. Sie sagt:
»Ach -!«

**


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*Ehe jetzt die Plagiatsvorwürfe auf mich herniederprasseln, selbstverständlich ist das abgeschrieben aus: Adams, Douglas: Per Anhalter durch die Galaxis. Gesamtausgabe. Rogner & Bernhard Berlin. 3. Aufl. 2008, S. 70 – nur daß dort statt „Internet“ „Weltraum“ steht. Aber ich bin sicher, die popkulturell bestens gebildete geneigte Leserschaft hat das ohnehin sofort durchschaut.
**Tucholsky, Kurt: Mein Nachruf. in: Werke und Briefe: 1927, S. 425. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 5147 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 5, S. 200) (c)Rowohlt Verlag

Das Buch zum Sonntag (76)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Theodore Dreiser: Eine amerikanische Tragödie

Von Dreiser war hier ja schon vor knapp einem Jahr die Rede. Dies nur, um gelegentlichen Behauptungen der geneigten Leserschaft, in dieser allwöchentlichen Rubrik würde kein Autor mehrfach erwähnt, entschieden entgegenzutreten.*
Die „amerikanische Tragödie“ gilt Leuten, die für solche Einschätzungen zuständig sind, als wichtigstes Werk in Dreisers durchaus umfänglichen Schaffen (eine Eigenart dieser Schriftsteller, die von Hause aus Journalisten sind, deren Ouevre wächst nicht selten in erstaunlicher Geschwindigkeit an) und wohl als eines der wenigen, denen eine Überlebenschance eingeräumt wird.
Und das nicht zu Unrecht. Dreiser gelingt hier eine Tragödie im wahrsten Sinne des Wortes. Clyde Griffiths, Sohn eines Wanderpredigers, treibt eines an: Die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Für die Verwirklcihung dieses Traumes geht er letztlich über Leichen, allerdings, und das macht den Roman höchst interessant, nicht als aktiver Part – irgendwie passieren ihm die verschiedensten Dinge nur, er ist praktisch nie aktiver Part. Und doch ist es immer wieder dieses Geschehenlassen, das die Ereignisse vorantreibt, das eines aufs andere folgen läßt und letztlich seinen Untergang bewirkt. Dreiser forscht dem sehr genau nach, für den einen oder anderen Leser vielleicht zu genau (es bedarf schon eines langen Atems für die ca. 900 Seiten), ergründet die Seelenzustände seines Protagonisten, versucht, verständlich zu machen, warum er sich so und nicht anders verhält. Zumindest bei mir funktionierte das, es ist durchaus möglich, sich mit Clyde zu identifizieren, der ein netter junger Mann ist, vielleicht ein bißchen naiv, vielleicht ein bißchen zu wenig tatkräftig – aber doch niemand, den man rundheraus verabscheuen müsste.

Er überlegte, wie er sich gegen Kansas City verändert hatte. Dort war er so unsicher gegenüber Hortense Briggs und jedem anderen Mädchen gewesen: fast hatte er sich gefürchtet, mit einem von ihnen zu sprechen. Aber hier, und besonders seit er das Stempelzimmer leitete, begann er sich dessen bewußt zu werden, daß er hübscher war als er je gedacht hätte, daß er den Mädchen gefiel und nicht mehr solche Angst vor ihnen hatte. Selbst Robertas Augen hatten ihm heute gezeigt, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Sie war sein, und wenn sie kam, würde er deb Arm um sie legen und sie küssen und sie würde nicht widerstehen können.

S. 393**

Völlig normale Gedanken für einen jungen Mann, der gerade der Pubertät entwächst und zudem das Stempelzimmer einer Kragenfabrik leitet. Wie verderblich für das eigene Weltbild, und vor allem die eigene Rolle in der Welt, die Arbeit als Page eines Luxushotels ist, zeigte Thomas Mann im „Felix Krull“ recht amüsant. Für Clydes Leben gilt ähnliches, die bunte Welt des Reichtums, des luxuriösen Lebens, ist nicht nur sein Leitstern, er fühlt sich diesem Leben auch rechtmäßig zugehörig. Und das wiederum gerät dann durchaus in Konflikt mit der Lebensrealität des Stempelzimmerleiters. Sehr zeitig baut Dreiser denn auch untergründig eine bedrohliche Stimmung auf, die, einem Generalbaß gleich, immer wieder spüren läßt: „Das kann nicht gut gehen.“ Und doch kommt Clyde Griffiths immer wieder durch, so daß die vordergründigen Ereignisse (die Melodie sozusagen, um mal im Bilde zu bleiben) permanent eine Rettung des Helden für mindestens möglich zu halten lassen. Es ist diese Spannung, die Dreisers manchmal etwas weitgehenden Hang zur Psychologisierung überstehen lassen. Es braucht schon das tiefgründige Interesse an einem Charakter und seinen Beweggründen, um den Roman vollständig genießen zu können.
Schließen möchte ich mit einer kurzen Passage, die das eben Geschriebene vielleicht zu verdeutlichen vermag:

Wo es keine besondere Geschicklichkeit gab, mit einer solchen Lage fertig zu werden, mußten entgegengesetzte Ansichten gleich diesen nur noch größere Schwierigkeiten und selbst Verderben hervorrufen, wenn ihnen der Zufall nicht half. Und der Zufall half nicht und Robertas Anwesenheit in der Fabrik war etwas, das Clyde nicht vergessen ließ. Könnte er sie nur dahin bringen, zu kündigen und von hier fortzuziehen, so würde er sie nicht fortwährend sehen und könnte ruhiger nachdenken. Denn solange sie durch ihre bloße Gegenwart fragte, was er zu tun gedachte, war jede Überlegung unmöglich, und das Maß dessen, was ihr nach seiner sonstigen Erwägung gebührt hätte, wurde durch das Ersterben seiner Liebe noch geringer.

(S. 602)

Der geneigten Leserschaft ist meine Schwäche für solche Werke, die dem Scheitern des Einzelnen, der nicht „das Böse“ will und es doch immer wieder erschafft, nachspüren, ja bereits hinlänglich bekannt. Und hier sind wir beim Ausgangspunkt angekommen. „Eine amerikanische Tragödie“ las ich erstmalig im Alter von 12 Jahren*** und die Lektüre hätte kaum nachhaltiger wirken können, beschäftigt mich dieses Thema in verschiedensten Facetten noch heute und prägen gerade diese Erfahrungen massiv meine Einstellung dazu, wie ich Menschen und ihr Handeln bewerte, wenn ich es denn tue. So wird es wohl auch kein Zufall sein, daß es ein Gerichtsprozeß war, der Dreiser den Anstoß gab, diesen Roman zu schreiben. Jedes erneute Lesen der „amerikanischen Tragödie“ ist für mich eine Reise nicht nur in die Seele des unglückseligen Clyde Griffiths, sondern immer auch in die eigene. An jeder Wegescheide, bei jedem Momentum, indem sich Clyde immer tiefer vertrickt, immer weiter in den Sog der Ereignisse gerät, stellt sich die Frage: Und du? Könntest Du handeln oder würdest auch Du der süßen Versuchung des Wartens, des Hoffens, des Glaubens erliegen?

Mit der Lieferbarkeit ist das nun so eine Sache****. Derzeit sieht sich kein deutscher Verlag in der Lage, dieses Werk lieferbar zu halten. Und so bleibt mir denn nichts anderes, als auf die Angebote der Kollegen des Antiquariatsbuchhandels zu verweisen.
So wie

diese

hier.

Problemlos lieferbar ist das Werk freilich im Original.


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*Was nicht heißt, daß ich es mir nicht zu Gute rechne, wenn dieser Effekt eintritt. So viel Selbstverliebtheit muß sein. 😉
**zitiert nach: Dreiser: Eine amerikanische Tragödie. Paul Zsolnay Berlin/Wien/Leipzig 1928.
***Mein Vater muß große Stücke auf meine intellektuellen Fähigkeiten gehalten haben, als er mir in der abklingenden Karl-May-Phase, die sich soeben anschickte in die Alexandre-Dumas-Phase zu wechseln, dieses Werk in die Hand drückte. Und doch: Gerade diese frühe Lektüre eröffnete mir völlig andere Lesewelten, auf die ich selbst so vielleicht nie gestoßen wäre.
****„Eine amerikanische Tragödie“ war damals, als wir „Schwester Carrie“ druckten, das Buch, das ich eigentlich verlegen wollte. Es scheiterte allerdings seinerzeit an einer sehr profanen Tatsache: Es ist schlicht zu umfangreich. Bei der für unser Haus zumutbaren Auflagenhöhe galt es abzuschätzen, wie groß wohl der Markt für dilettantisch gesetzte, kartonierte Nachdrucke uralter Auflagen eines im deutschsprachigen Raum weitgehend vergessenen Autors im Preissegment von 30-35 € (das wäre der Ladenpreis auf den unsere Ausgabe hinausgelaufen wäre, schließlich hätten ja auch noch Lizenzgebühren gezahlt werdenn müssen) wohl ist. Unter Berücksichtigung des reichen Fundus an antiquarischen Ausgaben schätzte ich die Verkaufschancen auf ca. 0, grob aufgerundet.

Helden? Eine Nachfrage.

Seit einiger Zeit geht es ja wieder um, das Gespenst des Kommunismus. Erstaunlicherweise trägt es das Gesicht von Gesine Lötzsch, der es wohl weniger gut gelingt, die bürgerliche Kampfpresse (oder doch die Systempresse, man kommt da immer durcheinander 😉 ) zu becircen als der guten Sarah, deren Hang zum Kommunismus eher als Folklore denn als tiefempfunde Überzeugung ausgelegt wird. Was ich bemerkenswert finde, denn gerade das verzweifelte Rudern im Nachgang legt doch nahe, daß es Frau Lötzsch nicht so furchtbar Ernst mit der Weltrevolution ist.

Exkurs: Sind eigentlich noch DDR-sozialisierte in der geneigten Leserschaft? Ich kann den Namen „Gesine“ ja nicht ohne Gedanken an dieses Buch hier hören oder lesen. Ungemein wirkmächtig übrigens. Mir kommt diese Geschichte auch bei jedem Bericht über Kriegsflüchtlinge und -gefangene in den Sinn. Man erzähle mir nicht, es sei egal, was man in seiner Kindheit liest. Für mich ist das eher ein weiterer Beleg für die Gültigkeit von Golo Manns Diktum, wir seien alle, was wir gelesen.

Jedenfalls, in einer Zeit, in der SPD-Minister noch ganz anders mit Revolutionsfans umgingen und das obwohl man selbst ja durchaus noch das Endziel einer kommunistischen Weltordnung im Programm stehen hatte (aber gut, Leute in der Partei zu lassen, die dem eigenen Programm entgegenstehen, dafür aber diejenigen zu vergraulen, die das noch Ernst nehmen, ist ja auch heute noch Parteistrategie), schrieb der Hausheilige folgendes:

Zwei Erschlagene

(Liebknecht und Rosa Luxemburg)

Der Garde-Kavallerie-Schützen-Division
zu Berlin in Liebe und Verehrung

Märtyrer . . . ? Nein.
Aber Pöbelsbeute.
Sie wagtens. Wie selten ist das heute.
Sie packten zu, und sie setzten sich ein:
sie wollten nicht nur Theoretiker sein.

Er: ein Wirrkopf von mittleren Maßen,
er suchte das Menschenheil in den Straßen.
Armer Kerl: es liegt nicht da.
Er tat das Seine, wie er es sah.
Er wollte die Unterdrückten heben,
er wollte für sie ein menschliches Leben.
Sie haben den Idealisten betrogen,
den Meergott verschlangen die eigenen Wogen.
Sie knackten die Kassen, der Aufruhr tollt –
Armer Kerl, hast du das gewollt?

Sie: der Mann von den zwei beiden.
Ein Leben voll Hatz und Gefängnisleiden.

Hohn und Spott und schwarz-weiße Schikane
und dennoch treu der Fahne, der Fahne!
Und immer wieder: Haft und Gefängnis
und Spitzeljagd und Landratsbedrängnis.
Und immer wieder: Gefängnis und Haft –
Sie hatte die stärkste Manneskraft.

Die Parze des Rinnsteins zerschnitt die Fäden.
Da liegen die beiden am Hotel Eden.
Bestellte Arbeit? Die Bourgeoisie?
So tatkräftig war die gute doch nie . . .
Wehrlos wurden zwei Menschen erschlagen.

Und es kreischen Geier die Totenklagen:
Gott sei Dank! Vorbei ist die Not!
»Man schlug«, schreibt einer, »die Galizierin
tot.«
Wir atmen auf! Hurra Bourgeoisie!
Jetzt spiele dein Spielchen ohne die!

Nicht ohne! Man kann die Körper zerschneiden.
Aber das eine bleibt von den beiden:

Wie man sich selber die Treue hält,
wie man gegen eine feindliche Welt
mit reinem Schilde streiten kann,
das vergißt den beiden kein ehrlicher Mann!

Wir sind, weiß Gott, keine Spartakiden.
Ehre zwei Kämpfern!
Sie ruhen in Frieden!

*

Ja, die hehren Streiter für die gute Sache. Heroismus hat eine unglaubliche Anziehungskraft, ist das Heldentum doch in unseren kulturellen Code unauslöschlich eingewebt. Jede Zeit hat ihre Helden, jede Glaubensrichtung ihre Märtyrer. Und auch Liebknecht und Luxemburg sind ja dem Mythos nicht entkommen.
Doch sei an dieser Stelle die Frage erlaubt, ob es nicht auch dieser Hang zum Heldentum ist, der eine Menge Unheil anrichtet. Wer sich nämlich als unbedingten Streiter für die wahre und gute Sache sieht, der verliert die Fähigkeit, sich selbst, seine Motive und Ziele zu hinterfragen. Sich selbst in Frage zu stellen halte ich aber für eine essentielle Eigenschaft des aufgeklärten Menschen. Nur wer in der Lage ist, über sich selbst nachzudenken und dabei auch zu unbequemen Ergebnissen zu kommen, nur derjenige ist auch in der Lage, Argumente Andersdenkender wahrzunehmen, abzuwägen und zu würdigen, sie in die Analyse einzubeziehen. Stattdessen beobachte ich aber eine weitgehende Zunahme zirkularer Diskurse, deren Ausgrenzungsmechanismen mit Hilfe diverser Schlagworte hinter keiner Ketzerdebatte des Mittelalters und keiner Revisionistenhatz auf einer KP-Tagung zurückzustehen braucht. Was damit aber geschieht, ist die Schaffung geschlossener Weltbilder, die keine Einflußnahme von außen mehr zulassen. Eine Cloud für jeden. Und dann sind die anderen eben böse [hier bitte entsprechenden Kampfbegriff einsetzen], die die Wahrheit einfach nicht verstehen wollen. Nichts aber könnte tödlicher sein für eine offene Gesellschaft als der Verlust des offenen Diskurses. Es mag sein, daß es nie besser war und ich hier wieder nur Schwarzseher bin, aber in dem Maße, in dem Werte und Ideen totalitär werden, bedrohen sie eine offene Gesellschaft. Das gilt für Privatheit ebenso wie für Transparenz. Für Relevanzkriterien ebenso wie für das ungebremste Ansammeln von Informationen. Für Altruismus ebenso wie für Hedonismus.
Die Liste ließe isch endlos weiterführen und wer einmal versucht hat, eine Debatte in einem beliebigen Onlineforum zu führen, wird verstehen, was ich meine. Irgendwann geht es nur noch darum, wer denn nun falschrum auf der Autobahn fährt. Wir laufen Gefahr, die Hoheit des gesellschaftlichen Diskurs irgendwelchen Unbedingtrechthabern zu überlassen, die nur noch ein „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ kennen, die selbstherrlich Argumente überhören oder mit dem Verweis auf ein beliebiges Schlagwort abtun (dies mal an die Linksdogmatiker: Falls ihr dessen noch fähig seid, schaut euch mal eure Definition von „bürgerlicher Kampfpresse“ an und vergleicht sie mit der Definition von „Systempresse“ auf der Eso-Verschwörung-Nazi-Front an – vielleicht fällt euch da eine Kongruenz auf).

Wir sollten es besser wissen.


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P.S. Einen Aspekt unter vielen, die bei der Frage des gesellschaftlichen Diskurses zu beachten sind, greift dieser Artikel in der ZEIT auf, der die Rolle von FOX News beleuchtet – für alle, die nicht regelmäßig „The Daily Show“ schauen, höchst empfehlenswert.
Und noch einen Nachtrag (15.1.11, 11:34): In der taz gibt es ein Portrait eines Unbeirrbaren, der weiterhin für seine gute und gerachte Sache streitet. Ein wahres Paradebeispiel.
*aus: Werke und Briefe: 1919, S. 79-81. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 1189-91 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 41-42) (c) Rowohlt Verlag

Das Buch zum Sonntag (75)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Haruki Murakami: Der Elefant verschwindet

Murakami Haruki (村上 春樹 ) gehört zu den Schriftstellern, mit denen die Nobelpreis-Buchmacher bisher ganz gut verdienen konnten. Immer wieder mit dabei, aber gute Chancen, den Preis wieder nicht zu bekommen. Bis zur Philipp-Roth-Ehrenmedaille fehlt allerdings noch ein Stück. Aber er ist ja noch jung. 😉
„Der Elefant verschwindet“ ist eine Erzählungssammlung und wie das bei guten Anthologien so ist, sind die einzelnen Erzählungen durchaus nicht über einen Kamm zu scheren. Und auch wenn Murakami sehr viel „westlicher“ schreibt als andere japanische Autoren, so steht er doch felsenfest in seiner heimatlichen Erzähltradition. Und so gibt es denn auch das eine oder andere Seltsame, Merkwürdige, vielleicht Irreale zu lesen, das aber mit großer Selbstverständlichkeit eingewoben ist. Und auch wenn es Werke von ihm gibt, bei denen das eine stärkere Rolle spielt, ohne Merkwürdigkeiten geht es auch hier nicht. Gerade das macht aber einen großen Teil der Faszination dieser Texte aus, die sehr erstaunliche Geschichten erzählen. Was diese zu bedeuten haben, was uns, um mal aus dem Schatzkästlein des anachronistischen Didaktikfreundes zu zitieren, der Dichter damit wohl sagen wolle, das bleibt erfreulich undeutlich und ist der eigenen Interpretation mitin völlig frei gestellt. Warum ein Elefant samt Pfleger einfach verschwinden können, was es mit Dienstagsfrauen auf sich habe und wieso ein Aufziehvogel dabei eine Rolle spielt und welche Gründe es geben mag, eine Bäckerei zu überfallen und dabei Wagner zu hören – nebst einigen neuen Erkenntnissen zum Untergang des Römischen Reiches läßt sich hier bei Murakami einiges in Erfahrung bringen. Seine große Popularität sollte denn auch die geneigte Leserschaft nicht davon abhalten, ihn zu lesen. Und gerade diese frühen Erzählungen, mit leichter Hand geschrieben (also, das weiß man ja nicht, aber sie wirken zumindest so), sind ein wunderbarer Einstieg in das Werk dieses Erzählers.

Es war kurz vor zwei Uhr nachts. Meine Frau und ich hatten um sechs Uhr ein leichtes Abendessen eingenommen, waren um halb zehn ins Bett gegangen und hatten die Augen zugemacht, waren aber zu der genannten Zeit seltsamerweise gleichzeitig wieder aufgewacht. Mit der Macht des Wirbelwindes, der im „Zauberer von Oz“ vorkommt, überfiel uns kurz darauf der Hunger. Ein gewaltiger, geradezu unfair zu nennender Hunger.
Unser Kühlschrank enthielt allerdings nichts, was den Namen „Lebensmittel“ verdient hätte. Was wir fanden, waren French dressing, sechs Dosen Bier, zwei schrumplige Zwiebeln, Butter und einen Beutel Geruchsfrei. Wir waren erst zwei Wochen verheiratet und hatten noch keine gemeinschaftliche Vorstellung davon entwickelt, was Essen sei. Damals gab es noch einen Haufen anderer Dinge, die wir entwickeln mußten.

(S. 58)*

Was mir bei Murakami neben diesem höchst angenehmen Erzählstil immer wieder Freude macht, ist seine Art, sehr gerne Erzählstränge parallel laufen zu lassen. Freilich ist das in Romanen sehr viel ausgeprägter möglich, in seinen Erzählungen kommt es aber auch immer wieder vor, daß eine Handlung mal eben unterbrochen wird, um noch mal kurz etwas einzuschieben, daß selbstverständlich etwas mit der Erzählung und ihren Personen zu tun hat, aber gerne mal zu einer ganz anderen Zeit, an einem anderen ort und vielleicht auch mal mit anderen Personen spielt. Simple, linear erzählte „Und dann…“-Geschichten gibt es hier nicht.
Und das ist auch gut so.

Ich wünsche der geneigten Leserschaft ein großes Lesevergnügen mit einer der

lieferbaren Ausgaben.

Und weil es einfach zu schön ist, hier mal noch das Ereignis, nach der das deutsche Feuilleton-Publikum die Frage „Haruki wer?“ nur noch um den Preis der Abendempfangseinsamkeit stellen konnte:


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*zitiert nach: Murakami, Haruki: Der Elefant verschwindet. Berliner Taschenbuch Verlag. Berlin. Sonderausgabe 2003

De omnibus dubitandum

Es ist kein Zufall, daß Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten Religionen entwickelten. Was bleibt am Ende aller Tage? Warum sind wir eigentlich hier? Und was macht der ganze Kladderadatsch überhaupt für einen Sinn, wenn wir eh sterben? Solche und ähnlich gelagerte Fragen sind schwer zu beantworten und erzeugen eine Sehnsucht nach Antworten, die kaum zu befriedigen ist. Und so schaffen sich die Menschen Erklärungen, die ihnen helfen sollen, das Hier und Heute, das Jammertal des irdischen Daseins, die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz zu ertragen. Die soziologische Bedeutung von ausdifferenzierten Religionen, die umfangreiche moralische Grundsätze entwickelten und so natürlich zum Zusammenhalt von Gesellschaften beitragen, weil sie eine gemeinsame ethische Grundlage schaffen, möchte ich heute einmal nicht erörtern. Mir soll es nur um die individuelle Perspektive gehen. Kant schreibt in der Vorrede zur „Kritik der praktischen Vernunft“:

Die Ideen von Gott und Unsterblichkeit sind aber nicht Bedingungen des moralischen Gesetzes, sondern nur Bedingungen des notwendigen Objekts eines durch dieses Gesetz bestimmten Willens, d.i. des bloß praktischen Gebrauchs unserer reinen Vernunft; also können wir von jenen Ideen auch, ich will nicht bloß sagen, nicht die Wirklichkeit, sondern auch nicht einmal die Möglichkeit zu erkennen und einzusehen behaupten.

Religion macht nur Sinn, wenn man denn auch glaubt. Es hat in der Geschichte zahlreiche Beweise für die Existenz jeglichen höheren Wesens, jeglichen Fortlebens des Lebens nach dem Tod gegeben, die jedoch alle eines gemeinsam haben: Sie können durchaus wahr sein – müssen es aber nicht. Göttliches Eingreifen bleibt immer nur eine Erklärungsmöglichkeit und die Entwicklung der Naturwissenschaften legt nahe, daß dies in Zukunft auch so bleiben wird. Es kann schon sein, daß wir uns in einem ewigen Kreis der Wiedergeburt befinden, es kann sein, daß wir dereinst alle am Jüngsten Tage wiederaufserstehen werden, es ist gut möglich, daß uns Charon über den Styx in den Hades fährt – allein: Man muß es schon glauben. Denn wie Kant völlig zu Recht anmerkt, handelt es sich dabei um Fragen, die der Verstand gar nicht zu lösen vermag. Und so ist es auch nachvollziehbar, wenn im Johannes-Evangelium der Jünger Thomas, der an den Berichten vom auferstandenen Jesus zweifelt solcherlei widerfährt:

Und über acht Tage waren abermals seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: Friede sei mit euch! Darnach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche dein Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein HERR und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, glaubest du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

(Joh. 20, 26-29)*

Denn der Zweifel ist eine große Gefahr für den Glauben. Zwar kann Zweifeln zu einer Festigung desselben führen, es steht aber auch der Glaubensverlust als Option offen und so ist es sicherer, diesen gar nicht erst zuzulassen.
Die wahre Faszination des Glaubens liegt denn eben auch in der Sicherheit, die er verspricht. Wahrer, tiefempfundener Glaube ermöglicht ganz erstaunliche Dinge, es müssen ja nicht immer gleich Berge sein, die versetzt werden (Mt. 18, 21), schon allein der Seelenfriede, die innere Ruhe, die einkehrt, wenn die Fragen nach dem großen Warum ad acta gelegt werden können, weil sie keine mehr sind, weil es eine tröstliche Antwort gibt, die nicht mehr in Frage gestellt zu werden braucht, schon allein dies ist doch eine erstaunliche Sache und ein verdammt guter Grund, zu glauben.
Ich mag da einer sehr romantischen Sicht des Glaubens unterliegen und es scheint auch mit der Praxis etwas schwierig zu sein und so friedfertig eine Religion auch sein mag, es dürfte wohl kaum eine geben, in deren Namen nicht schon getötet wurde. Wobei ich hier den Glauben etwas weiter fassen möchte, da der Begriff der Religion etwas zu eng ist. Liest man wütende Schriften wie etwa Dawkins´ „Gotteswahn“, der mit einem Furor zu Werke geht, der nur noch religiös zu erklären ist, so wird offenbar, daß es keinerlei höheren Wesens bedarf, um an etwas zu glauben. Letztlich ist der Glaube an etwas immer ein Glaube an ein abstraktes Konstrukt, an etwas nicht vollständig erfaßbares, an etwas, das uns alles und jeden zu erklären vermag. Ob das nun ein vielarmiger Dauerwiedergänger, die alles besiegende Vernunft oder ein Spagetthimonster ist, spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist, daß der Glaube Sicherheit gibt. Und diese Sicherheit wird dann wichtig, wenn es im Leben kritisch wird. Wenn es Situationen zu ertragen gibt, die kaum auszuhalten sind. Wenn es gilt, Schmerz und Verlust zu erdulden, wenn unfassbares geschieht. Dann, erst dann zeigt sich, ob der eigene Glaube etwas taugt.

„God is a concept by which we measure our pain“
In diesem höchst persönlichen Song** verabschiedet John Lennon nicht nur etliche metaphysische Konzepte, sondern auch noch den eigenen, ihm zugeschriebenen Göttlichkeitsstatuts. Aber: Auch er glaubt. An sich und an die Frau an seiner Seite, an ihre und seine Liebe. Und das kann genügen, Sicherheit und Vertrauen zu gewinnen, die Kraft zu erlangen, dieses Leben anzugehen, egal welche Schwierigkeiten sich vor einem auftürmen.

Die Vorstellung nämlich, daß die Welt vielleicht einfach so ist, wie sie sich darstellt, daß es kein Vorher und kein Nachher im Leben gibt, daß Menschen, die sterben, eben einfach nicht mehr existieren, daß die Menscheit womöglich so dämlich ist, wie sie sich anstellt, daß die eigene Existenz nicht wertvoller und sinnvoller ist als die der Sanddüne am Strand, daß Wert und Sinn nur hat, was was ein jeder selbst mit Wert und Sinn füllt und daß jeglicher Glaube nur ein großer Selbstbetrug ist, um sich das Leben schönzulügen – diese Vorstellung ist wahrlich keine schöne. Und da stellt sich mir die Frage: Wenn dem aber so ist, wenn nichts bleibt, wenn die Existenz alles ist, was es gibt, wenn also völlig egal ist, ob man glaubt oder nicht: Wäre es dann nicht schön, glauben zu können?

Und so entlasse ich die geneigte Leserschaft aus diesem besonders wirren Beitrag mit dem alten Brecht:

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.

***


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*zitiert nach der rev. Lutherübersetzung 1912
**wobei anzumerken ist, daß Lennons Songs letztlich immer höchst persönlich sind.
***zitiert nach: Brecht, Bertolt: Der gute Mensch von Sezuan. Suhrkamp Frankfurt am Main 1964, S. 144

Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (74)

Prolog: Zu meinen Vorsätzen für das neue Jahr gehörte die Idee, das Buch zum Sonntag wieder pünktlich zu liefern, in den letzten Wochen schlich sich da doch der Schlendrian ein. Wie es sich für gute Vorsätze gehört, war bereits am 01. Januar abends nichts mehr davon übrig (da wäre die Buchempfehlung ja fällig gewesen).
Daher also ein weiteres Mal reichlich verspätet empfehle ich der geneigten Leserschaft für die gestern begonnene Woche zur Lektüre:

Beowulf

Wie ich bei meinen bisherigen kurzen Erwähnungen bereits andeutete, las ich den „Beowulf“ bereits sehr zeitig. Ich muß so ungefähr 10 jahre alt gewesen und es war mein erstes Epos, das ich nicht in einer nacherzählten Fassung las. Mit nachhaltiger Wirkung. Die damalige Ausgabe habe ich noch immer und sie gehört zu den Büchern, bei denen es mir nicht nur auf den Inhalt ankommt. Das Exemplar ist mir eines der liebsten in der nicht ganz kleinen Bibliothek, die ich hier mein Eigen nenne (und die 12 Abbildungen alter Buchmalereien haben mein ästhetisches Empfinden nicht unerheblich beeinflußt – denn man bedenke: Mir hatten ja nüscht).
Doch genug der Nostalgie, ein paar Worte zum Werk.
Beowulf ist wie viele weitere Epen, insbesondere des frühen Mittelalters, kulturell hybrid. Es geht um die Verknüpfung alter germanischer Erzähltraditionen mit dem Fuß fassenden oder etablierten Christentum und seinen Traditionen und Vorstellungen. „Beowulf“ steht dabei sehr weit am Anfang (es ist fast ein halbes Jahrtausend jünger als das Nibelungenlied) und es ist nicht nur sprachlich bei weitem noch nicht so ausgefeilt wie es spätere Werke wie das Rolandlied oder Wolframs Parzival sind.
Aber: Es ist dadurch durchaus leichter lesbar. Und: Es ist ein großer Spaß, also zumindest für alle, die etwas für Heroen übrig haben. Interessanter Weise spielt das altenglische Nationalepos nicht in England, es hat noch nicht einmal irgendetwas mit England zu tun. Schauplatz ist Dänemark, der große Held Beowulf stammt aus Gotland. Aber gut, das deutsche Nationalepos spielt in Burgund und das französische in Spanien – insofern…
Ein echter Held, insbesondere ein echter germanischer Held (und Beowulf ist das in Reinkultur) bedarf zur Initiation unbedingt ein zu erlegendes Monster. Ohne totes Monster ist man kein echter Held, bestenfalls Kandidat. Und Beowulf hat sich ein durchaus stattliches Exemplar ausgesucht:

Es wurde der grimme Geist Grendel geheißen,
Der gräßliche Markgänger, der die begrenzdenden Moore beherrschte,
Das Fenn und die Feste im Sumpf. Der freudlose Mann
Bewohnte das Reich des Riesengeschlechts seit geraumer Zeit,
Nachdem ihn der Schöpfer schonungslos verdammt hatte
Mit dem Stamm Kains. Es strafte den Mord
Der ewige Herr, weil jener Abel erschlug.
Nicht erfreute sich Kain der Fehde, denn Gott verfemte ihn weit weg,
Der Allmächtige, von der Menschheit wegen dieses maßlosen Verbrechens.

(V. 102-110)*

Ein Riese also. Nun, es müssen ja nicht immer gleich Drachen sein. So ein Riese ist für den Anfang ja auch ganz hübsch. Zumal, wenn er Menschen verspeist und ein Kainsmal trägt. Für die theologisch geschulten in der geneigten Leserschaft mag die oben zitierte Passage ein Schlaglicht auf das frühe Verständnis der Schrift in den frisch christianisierten Gebieten werfen. Natürlich kann Beowulf nicht anders, als sofort loszureisen, um Grendel den Garaus zu machen, ein echter Held braucht keine Einladung. Er wird dort freilich höchst willkommen geheißen, leidet der Dänenkönig doch nun schon 12 Jahre unter den Gräueltaten Grendels, da ist ein südschwedischer Heißsporn mit der Kraft von 30 Männern gern gesehener Gast. Freilich ruft so etwas Neider auf den Plan und so konfrontiert beim Gelage ein Gefolgsmann des Dänenkönigs unseren Held mit der Geschichte eines verlorenen Schwimmwettkampfes gegen einen gewissen Breca, dies zum Anlaß nehmend, ihn vor einem Kampf mit Grendel zu warnen, der unweigerlich schlimmer ausgehen werde als dieses Wettschwimmen. Was wiederum Beowulf für einen geeigneten Anlaß hält, eine ausführliche Gegendarstellung zu bieten, die folgendermaßen endet:

Schließlich war es mir beschieden, daß ich mit dem Schwert erschlug
Neun Wasserungeheuer. Niemals erfuhr ich
Von einem härteren Kampf unter des Himmels Gewölbe,
Noch von einem elenderen Mann auf einsamen Meer.
Doch vom Fanggriff der Feinde entfernte ich mich lebend,
Ermattet von dem Unternehmen. Das Meer trug mich dann,
Die Flut mit der Strömung, zu den Finnlappen ans Land,
Die wogenden Wellen. Wahrlich, über dich habe ich noch nie
Von solchen Seekämpfen je sagen hören,
Von solchem Schrecken der Schwerter. Schließlich hat Breca niemals,
Ja, keiner von euch, im Kampfe bisher
Solche tapferen Taten vollbracht
Mit blankem Schwert – ich brüste mich damit nicht -,

(V. 574-586))

Nein, natürlich nicht. Das ist eine ganz bescheidene, zurückhaltende Zusammenfassung. Mitnichten also kam Beowulf später an und wenn überhaupt, dann nur, weil er eben nebenbei mal eben noch neun Meeresungeheuer zersäbeln musste. Zugegeben, sowas kann dauern.
Beowulf ist schon sehr heldisch. Gegen ihn wirkt ein Siegfried geradezu von Selbstzweifeln zerfressen. Zum einen habe ich ja bekanntermaßen eine Schwäche für solche Figuren, zum anderen aber entwickelt sich Beowulf durchaus auch weiter. Natürlich wird er weiterhin ein riesiger Held sein, dem keine Aufgabe zu groß ist und natürlich wird auch er noch gegen einen Drachen kämpfen (das muß schon sein), aber seine Persönlichkeit wird in den folgenden 2500 Versen durchaus komplexer. Genauso wie die Struktur der Handlungsstränge, ihre Verknüpfung über weite Passagen hinweg, manchmal nur mit kleinen Einschüben vorangebracht, sich weit über das vielleicht erwartete „Und dann… und dann…“-Chronologieschema erhebt.
Ich möchte aber noch einmal kurz zeigen, wie nur mühsam kaschiert im „Beowulf“ die alten Erzähltraditionen werden. Der Dichter scheint ernstlich bemüht zu sein, seiner Erzählung christlichen Anstrich zu geben, aber, nun ja, wie sagt man? Er übt noch. So wirkt dieses Bemühen manches Mal etwas hölzern, eher wie der Versuch von jemandem, die Zensurbehörde auszutricksen, in dem er ein paar Stichworte verwendet, ansonsten aber eine subversive Schrift verfaßt. Grendel pflegt nachts und hinterrücks zuzuschlagen, was Beowulf sehr farblich und aufs schärfste als niederträchtig und eines wahren Kämpfers nicht würdig bezeichnet, weshalb er sich ihm ohne Waffe entgegenzustellen wünscht und:

„[…]Der weise Gott möge dann,
Der heilige Herr, einem der beiden Handkämpfer
Den Ruhm zuerkennen, wie es ihm recht dünkt.“

(V. 685-687)

Dies im Gedächtnis nun aus der Kampfszene:

Sie wollten das Leben ihres geliebten Landesgebieters schützen,
Des berühmten Kriegsherren, so gut sie konnten.
Sie wußten noch nicht, als sie die Waffen führten,
Die hartbeherzten Heldenkrieger,
Und von allen Seiten auf ihn einzuhauen gedachten,
Um seine Seele auszulöschen: diesem sündhaften Schädiger
Konnte überall auf Erden kein noch so ausgezeichnetes Eisen,
Keines der Schlachtschwerter, einen Schaden zufügen,
Denn verwunschen hatte er die Waffen alle,

(V. 796-804)

Der geübte christliche Mythenschreiber hätte hier unmöglich die Oberlehrerpose verlassen können und vollumfänglich auf die göttliche Vorhersehung hingewiesen, die Beowulf auf seine Waffe zu verzichten gehieß. Unabhängig davon, daß er ja wohl kaum von alleine auf diese Idee hätte kommen können. Selbständig denken, soweit kommt´s noch. Womit wir übrigens bei einem entscheidenden Punkt sind, warum mir die alten Heldenepen sehr viel lieber sind als die unzähligen Heiligenlegenden: Die hier handeln noch. Sie irren manchmal, sie begehen nicht selten grauenhafte Fehler, sie sind nicht selten laut und ungehobelt, manchmal sind auch sie eine Spur zu perfekt – aber sie sind wenigstens nicht fremdgesteuert. 😉

Leider sind meine Kenntnisse zur Güte der Übersetzungen höchst beschränkt, es möge also ein jeder selbst seine Auswahl unter den lieferbaren Ausgaben treffen. [Für die ich einen Link nachliefere, sobald ich einen Weg gefunden habe, ein anständiges Suchergebnis in einen Permalink zu verwandeln. *hmpf*]


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*zitiert nach: Beowulf. Ein altenglisches Heldenepos. übertragen und herausgegeben von Martin Lehnert. Insel Leipzig 1988.