Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (73)

Prolog: Ich betrachte es mal als gutes Zeichen, daß ich zu Weihnachten andere Dinge zu tun hatte als mich im Blog herumzutreiben. 😉
Daher also ein weiteres Mal die Buchempfehlung erst am Montag. Aber ist ja auch irgendwie ein Wochenanfang. Und eines ist sicher: Dieses Jahr war das die letzte Verspätung.*

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Heusen/Mikus/Michel: Das geheime Leben der Bücher vor dem Erscheinen.

Über die mittelmäßig Verrückten beim Verlag Hermann Schmidt Mainz schrieb ich hier gelegentlich schon. Dieses hier ist ein wunderbares Beispiel und sehr gut geeignet, den diesjährigen Reigen an Buchempfehlungen zu beenden, weil es das Medium als solches in den Mittelpunkt stellt. Und so wenig ich für die Beurteilung von Texten das Medium, mit dem diese transportiert werden, für relevant halte: So ein Buch, des isch scho schee**.
Offiziell wurde das Buch für Kinder und junge Jugendliche geschrieben („ab 8“, sagt der Verlag) und natürlich können diese das auch mit Genuß und Gewinn lesen. Aber vielleicht ist es ja auch ein Trick, um die noch immer latente Ablehnung des deutschen Buchpublikums gegenüber bildhaften Erklärungen zu überwinden. So nach dem Motto: Ist nicht für mich, das ist für mein/e [passende Verwandschaftsbezeichnung].
Wer wirklich wissen möchte, wie ein Buch entsteht (und da gibt es eine Menge zu lernen), dem sei dringend zu diesem großartigen Werk geraten. Das beginnt schon beim Umschlag – Ich sage nur: thermosensitives Cover(leider nur für Facebook-Nutzer).

***

Ich möchte einmal aus der Warnung des Verlages zitieren, die bereits zu Beginn des Buches erscheint, nachdem der geneigte Lesende bereits erfahren hat, was ein Vorsatz ist und was unter einem Schmutztitel zu verstehen sei:

Achtung, Achtung, hier spricht der Verlag:
„Dieses Buch könnte dein Leben verändern!“
Deshalb überlege bitte genau, ob du weiterblättern willst.
Du könntest anfangen, Milchtüten zu lesen. […] Du wirst schon nach ein paar Seiten mehr über Bücher wissen als deine Eltern. […] Du wirst möglicherweise überhaupt ein wenig komisch werden.

(S. 2f.)***

Kurz: Hier sind Enthusiasten am Werk und sie sind auf Mission. Ich kann mir kaum vorstellen, daß sich jemand der Faszination dieses Bandes zu entziehen vermag. Nicht nur, daß hier locker das Konversationswissen für das Jahrgangstreffen einer beliebigen Seckbach-Klasse steckt (bereits vor Beginn des ersten Kapitels dürfte die Behauptung zum überlegenen Nachwuchswissen erfüllt sein) – man spürt auf jeder Seite die Liebe zum Detail, die Begeisterung für die Schönheit handwerklicher Arbeit. Denn auch im Zeitalter der weitgehenden Automatisierung, des DTP und des Digitaldrucks, der Buchautomaten – ein gutes, ein schönes Buch, das ist immer noch feinste Handwerkskunst. Die Werkzeuge mögen sich geändert haben, zugegeben. Aber wer hier einmal gelesen hat, worin die Arbeit eines Typografen besteht (bzw. bestehen kann), wird so manche preiswerte Klassiker-Ausgabe künftig mit anderen Augen sehen (und dies im wahrsten Sinne des Wortes).
Die geneigten Lesenden verfolgen die Autorin und ihre kleine, zarte Idee, vom Reifen zur Geschichte, von der ersten Idee bis zum fertigen Buch, jeder Schritt wird locker, nicht selten amüsant, vor allem aber: liebevoll genau verfolgt. Wer wissen und verstehen möchte, warum es Menschen gibt, denen ein eReader selbst bei liebevollstem Design ein Graus ist, warum es Menschen gibt, die ein Antiquariat mit leuchtenden Augen betreten und Bücher betrachten, deren Inhalt ihnen nahezu egal ist, die aber das Buch und seine Geschichte, die Liebe und die Arbeit, die es brauchte, es herzustellen, spüren und fühlen wollen, die in Ehrfurcht vor einer Inkunabel mindestens innerlich in die Knie zu gehen wünschen, Menschen, die schließlich und endlich zu schätzen wissen, wenn ein Buch spüren läßt, daß es hergestellt wurde, um in die Hand genommen, betrachtet und gelesen zu werden – und eben nicht nur, um einen Käufer zu finden -, nun, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Und allen anderen auch.
Oder kurz:

Jugend dieser Welt: Lest dieses Buch.

Und drückt es anschließend euren Eltern in die Hand. Von mir aus auch umgekehrt.
Hauptsache, ihr kauft die

lieferbare Ausgabe.;)

Wer im Übrigen von meinem flammenden Plädoyer noch immer nicht überzeugt sein sollte, kann beim Verlag selbst noch einmal schauen. Oder natürlich in einer guten Buchhandlung, so wie dieser hier.


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*Ja, ich habe eine unsägliche Schwäche für Jahresendwitze. Und da seid mal froh, daß wir wir nicht 1999 schreiben. 😉
**Die eventeuell mitlesenden Dialektkundigen mögen mich korrigieren, sollte mein Ohr da falsches vernommen haben. Ich habe nämlich außerdem noch eine unsägliche Schwäche für Wendungen aus Dialekten, die ich gar nicht beherrsche. Diese Ansammlung an sch-Lauten finde ich jedenfalls sehr reizend.
***Eigentlich bräuchte ich hier gar nicht weiterschreiben. Denn: Hallo? Thermosensitives Cover! Aber es soll ja Menschen geben, die sowas gar nicht beeindruckt. *kopfschüttel*
****zitiert nach: Heussen et.al.: Das geheime Leben der Bücher vor dem Erscheinen. Verlag Hermann Schmidt. Mainz 2010

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