καὶ σὺ τέκνον

Ich weiß nicht, ob sich noch jemand erinnert, womit die Grünen vor gut 30 Jahren als Partei starteten. Vielleicht weiß es ja noch irgendjemand in dieser Partei. Veilleicht erinnert sich dort noch jemand an den Slogan von der „Anti-Parteien-Partei“, entsinnt sich des „Marschs durch die Institutionen“? An die Idee, Politik ganz anders zu machen?
Sollte da noch jemand sein, könnte der oder diejenige mir dann bitte das hier erklären?

gruene

Im Laufe der letzten Jahre haben die Grünen eine Position nach der anderen geräumt. Und da reden wir nicht nur über Kleinigkeiten. Die Friedenspartei beschloß schon Angriffskriege (Kosovo, Afghanistan), die Ökopartei genehmigte Kohlekraftwerke (Hamburg), die Partei der sozialen Bewegung beschloß Kürzungen für Kinder von Arbeitslosen (HartzIV – und ist sich heute nicht zu schade, eben diese niedrigen Sätze anzuprangern).
Nun, da es keine Positionen mehr zu räumen gab, wurde nun auch noch das letzte Feld aufgeben. Es ist nicht nur so, daß die Grünen sämtliche netzpolitischen Bemühungen der letzten Jahre nun endgültig getrost in den Skat drücken können, es ist nicht nur so, daß sie auf diesem Politikfeld mit der Zustimmung zum unsäglichen JMStV ihre Glaubwürdigkeit verloren haben (und da können noch so viele netzpolitische Kongresse veranstaltet werden), nein:
Die Idee, irgendwie anders zu sein als die anderen, der Stachel im Parteiensystem zu sein, eine Kraft zu sein, bei der es immer noch ein bißchen mehr um die Sache geht als um Personalien, die, zumindest in meinen Augen, zentrale grüne Idee, für Positionen statt Posten zu stehen, ist nunmehr endgültig und öffentlich aufgegeben worden. Wo ist da der Aufschrei der Basis? Wo ist da das Rumoren? Bitte, liebe Mitglieder der Grünen, wie könnt ihr das hinnehmen? Wir sind dagegen, aber aus parlamentarischen Zwängen stimmen wir dafür? Hallo? Ist da irgendwo noch jemand zu Hause?
Andererseits

lemke

habe ich vielleicht einfach eine falsche Vorstellung davon, wer eigentlich so Mitglied in dem Verein ist, wenn eine Woche später solche Zuwächse verkündet werden.
Mich jedenfalls hat diese ganze Angelegenheit sprachlos gemacht. Mit welcher Ruhe, ja geradezu nonchalant hier eine Partei ihr Selbstverständnis öffentlich in die Kanalisation befördert, läßt mich wirklich fassungslos zurück.
Vielleicht fassungslos, zumindest aber nicht sprachlos allerdings reagierte die Netzgemeinde. Hier mal zwei Beispiele. Zum einen dieses großartige Plakat:

lemke

(via pantoffelpunk)

Zum anderen die Mitmachplattform „Parlamentarische Zwänge„.

Und stünde ich nicht so fassungslos und sprachverloren da, würde ich vielleicht eine solche Wutrede schreiben.

Möglicherweise irre ich mich, möglicherweise sehe ich zu schwarz (Haha, Knaller.), aber, liebe Grüne, wolltet ihr nicht einmal anders sein? War nicht das Ziel, Partei zu sein, ohne daß die frustrierten Massen in dieses Lied des Hausheiligen singen und euch mitdenken? Brauchen wir tatsächlich eine APO gegen die Grünen? Also auch ihr?

Das Parlament

Ob die Sozialisten in den Reichstag ziehn –
is ja janz ejal!
Ob der Vater Wirth will nach links entfliehn,
oder ob er kuscht wegen Disziplin –
is ja janz ejal!
Ob die Volkspartei mit den Schiele-Augen
einen hinmacht mitten ins Lokal
und den Demokraten auf die Hühneraugen . . .
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!

Die Plakate kleben an den Mauern –
is ja janz ejal!
mit dem Schmus für Städter und für Bauern:
»Zwölfte Stunde!« – »Soll die Schande dauern?«
Is ja janz ejal!
Kennt ihr jene, die dahinter sitzen
und die Schnüre ziehn bei jeder Wahl?
Ob im Bockbiersaal die Propagandafritzen
sich halb heiser brüllen und dabei Bäche schwitzen -:
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
Ob die Funktionäre ganz und gar verrosten –
is ja janz ejal!
Ob der schöne Rudi den Ministerposten
endlich kriegt – (das wird nicht billig kosten):
is ja janz ejal!
Dein Geschick, Deutschland, machen Industrien,
Banken und die Schiffahrtskompanien –
welch ein Bumstheater ist die Wahl!
Reg dich auf und reg dich ab im Grimme!
Wähle, wähle! Doch des Volkes Stimme
is ja janz ejal!
is ja janz ejal!
is ja janz ejal -!

in: Werke und Briefe: 1929, S. 675f. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7163 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 299f.)


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