Das Buch zum Sonntag (72)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Cicero: Gespräche in Tusculum

Trotz LateinLK kam ich das erste Mal mit den Tusculanae disputationes in deutscher Sprache und noch dazu im Theater in Berührung. Das nt in Halle führte seinerzeit eine Bühnenfassung auf, mit dem von mir verehrten Siegfried Voß als Cicero, wenn ich das recht memoriere. Wobei „Bühnenfassung“ vielleicht etwas hochtrabend klingt, denn genau genommen wurden eben einige Dialoge vorgetragen.
Der Dialog ist das typische Stilmittel der antiken Philosophie.

Und zwar gingen wir so vor, daß zuerst der, der etwas zu vernehmen wünschte, seine Meinung sagte und ich dann dagegen sprach. Denn dies ist, wie Du weißt, die alte sokratische Form, gegen die Meinung eines anderen zu diskutieren. Auf diese Weise, glaubte Sokrates, könne am leichtesten gefunden werden, was der Wahrheit am nächsten komme. Aber damit unsere Diksussionen bequemer lesbar seien, werde ich sie lieber in dramatischer als in erzählender Form berichten.

(Buch 1, 8 / S. 58)*

Bedenkt man, welches Ende das Leben des Sokrates nahm, ist es erstaunlich, wie sehr sich dessen Methode der Wahrheitsfindung durchzusetzen vermochte. Denn die Welt zeigte den Freunden der Wahrheit doch recht deutlich, wie wenig sie letztlich an eben dieser interessiert ist, zumindest sobald sie unbequem wird. Was ich einmal kurz zu einem Exkurs nutzen möchte, um in Anschluß an meinen Lateinlehrer mal eine Lanze für die im Nachruhm ja doch arg gebeutelte Xanthippe zu brechen. Schließlich pflegte das klassische Athen ja durchaus das Rollenmodell der schwäbischen Hausfrau**, was man nun schön finden kann oder auch nicht. Das Funktionieren eben dieses Lebensentwurfs setzt aber einen Mann voraus, der einer gewinnbringenden Tätigkeit nachgeht, auf die Haushaltskasse ausreichend gefüllt sei. Den ganzen Tag auf em Marktplatz Athener Mitbürgern aufzuzeigen, wie oberflächlich und irrig sie ihr Leben führen mag nun zwar im Dienste der Wahrheit stehen und insofern gewinnbringend sein, bringt aber zum einen nicht sonderlich viele Geldstücke ein und macht zum anderen die Geschäftsbeziehungen der Frau des Hauses durchaus problematisch, von den Auswirkungen aufs soziale Netzwerk gar nicht erst zu reden. Die gute Xanthippe hatte also durchaus Anlaß zur Klage.
Die griechischen Philosophen und ihre Überlegungen stehen durchaus im Mittelpunkt der Tusculanischen Studien, Cicero zitiert hier umfänglichst. Neben einem wunderbaren Überblick über die griechische Philosophie erhält man hier durchaus auch einen Einblick in römisches Denken, auch wenn sich das nicht immer sauber differenzieren läßt. Freude macht dabei vor allem Ciceros überragendes stilistisches Talent, weshalb den dazu fähigen in der geneigten Leserschaft auch unbedingt das lateinische Original empfohlen sei. Aber auch in der Übersetzung ist das spürbar. Sicherlich gibt es leichtere Lektüren, aber noch immer bleiben die Überlegungen der klassichen Antike zu vielen Fragen der menschlichen Existenz bedenkenswert. Und sie sind kaum besser aufbereitet als beim alten Egomanen Marc. T.

A: Ich habe es ja getan und sogar öfters; solange ich es lese, bin ich überzeugt, aber sobald ich das Buch beiseite gelegt habe und ich für mich allein über die Unsterblichkeit der Seele nachzudenken anfange, entgleitet mir irgendwie jene ganze Überzeugung.
B: Wieso? Gibst Du zu, daß die Seelen entweder nach dem Tode weiterleben oder im Tode selbst zugrundegehen?
B(sic!): Gewiß.
B: Und wenn sie weiterleben?
A: So gestehe ich zu, daß sie glückselig sind.
B: Wenn sie aber untergehen?
A: Daß sie nicht unselig sind, weil sie dann ja überhaupt nicht existieren. Dies zuzugeben hast Du mich schon kurz zuvor gezwungen.
B: Wie und warum kannst Du dann behaupten, daß der Tod Dir als ein Unglück erscheine? Da er uns doch entweder glückselig macht, wenn die Seelen weiterexistieren, oder jedenfalls nicht unglücklich, wenn wir keine Empfindungen mehr haben.

(1, 24-25 / S. 67)***

Ich habe ja eine Schwäche für literarische Selbstdarsteller und es scheint mir kein unzulässiger Spoiler zu sein, darauf hinzuweisen, daß die Rededuelle nie zu Gunsten von Ciceros Kontrahenten ausgehen. Seine Gesprächspartner haben stets die Ehre, scheinbar gute oder gültige Behauptungen von sich zu geben, die dann Stück für Stück und geradezu genüßlich seziert und widerlegt werden. Wie im obigen Beispiel, das einige Absätze vorher mit der simplen Aussage „Der Tod scheint mir ein Übel zu sein.“ begann. Das mag vielleicht nicht jedem liegen, ich aber finde das immer wieder höchst amüsant. Da sitzt also eine Runde durchaus nicht armer römischer Bürger (also wahrscheinlicher Weise liegen sie) beisammen, konsumiert guten Rotwein (es ist zwar keine Weinliste überliefert und der Johnson schweigt sich zu diesen Jahrgängen auch aus, aber es würde mich doch sehr wundern, wenn sie das antike Äquivalent zum AldiTetrapakWein genossen) und denkt darüber nach, wie die Welt wohl beschaffen sei und wie ein gutes Leben zu führen sei. Und Cicero, Retter der Republik, also letztlich ja mindestens der Welt, erklärt ihnen wohlformuliert und allwissend, wie sehr sie auf dem Holzweg sind. Da haben die anderen bestimmt gedacht: „Na, wie gut, daß wir den Marcus Tullius haben.“
So ähnlich dachten sie ja schon im Senat, als sie Cicero in die Wüste schickten, was ja überhaupt erst der Anlaß war, der diesem die Gelegenheit zu seinen Studien gab. Bei Cicero klingt das natürlich anders:

Als ich mich endlich von meiner Arbeit als Verteidiger vor Gericht und von den Pflichten als Senator ganz oder doch zum großen Teil befreit sah, da kehrte ich – vor allem auf Deine Mahnung hin, Brutus – zu jenen Studien zurück, die ich im Geiste zwar festgehalten, unter dem Zwang der Umstände aber zurückgestellt hatte und die während langer Zeit liegen geblieben waren.

(1, 1 / S. 55)

Die Trauben waren wohl arg sauer.
Von vielen griechischen Philosophen und ihren Gedanken wissen wir heute nur durch Ciceros Vermittlung, weil die Originalschriften verloren gegangen sind. Ein Gutteil der griechischen Philosophie wird also auf ewig mit dem Namen Marcus Tullius Cicero verbunden bleiben. Gloria aeterna, gegen die er wohl nichts einzuwenden hätte.

Und so sei zum Abschluß noch auf die

lieferbaren Ausgaben

verwiesen.


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*zitiert nach: Cicero: Gespräche in Tusculum. übersetzt von Olof Gigon. Bibliothek der Antike. dtv München 1991
**Was von Frau Merkel wohl außerhalb dieser Metapher bleiben wird?
***Diese Stelle gehört übrigens immer noch zum Beispiel, daß Cicero wählte, um seine Methode zu illustrieren, die er im ersten Zitat vorstellte. 😉

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2 Gedanken zu “Das Buch zum Sonntag (72)

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