Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (71)

Prolog: Was auch immer über Landluft erzählt wird, zumindest mich Großstadtbewohner macht sie müde. Liegt wahrscheinlich am vielen Sauerstoff. Jedenfalls nach einem wunderbaren Adventswochenende bei lieben Freunden, die, öhm, landschaftlich sehr reizvoll wohnen, komme ich erst heute zur Buchempfehlung.

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Hermann Hesse: Siddhartha

Kunden zu klassifizieren ist ein beliebter Zeitvertreib, natürlich auch im Buchhandel, der demnach selbstverständlich seine eigenen Sinus-Milieus hat. Eine Kategorie jedoch wird man dort vergeblich suchen, auch wenn ich sicher bin, daß zumindest die Kolleginnen und Kollegen aus der Branche sofort ein Bild vor Augen haben: Empfindsame junge Damen in der Hesse-Phase. Für diese ist Siddhartha natürlich Pflichtlektüre. Allerdings bin ich tatsächlich der Meinung, daß es sich auch für andere Zielgruppen lohnt, dieses Büchlein zu lesen.
Denn die Faszination, die Hesses „indische Dichtung“ auf empfindsame junge Damen ausübt, ist durchaus nachvollziehbar. Er schreibt in Nachahmung alter Mythenerzählungen mit einer beeindruckenden poetischen Kraft, die ihn davor bewahrt, an der Gratwanderung zum Kitsch zu scheitern. Es geht ein gewisser Sog von seiner Erzählung aus, die mich immer bewog, weiterzulesen. Und daß, obwohl klar ist, wie das Endziel des Ewigsuchenden, als der Siddharta hier porträtiert wird, aussehen wird – eine Problematik, der jede Literatur, die sich an mehr oder weniger historischen Personen und Begebenheiten orientiert, unterliegt. Können zeigt sich dann also in der Ausformung des Wie, in der Gestaltung der Personen. Und Hesses Siddharta ist überaus gelungen. Gerade das jugendliche Sehnen und Suchen nach anderen Regeln, anderen Werten als denen der Altvorderen, das Streben nach Höherem oder doch zumindest Neuem, das fängt Hesse sehr gut ein.

Die Waschungen waren gut, aber sie waren Wasser, sie wuschen nicht Sünde ab, sie heilten nicht Geistesdurst, sie lösten nicht Herzensangst. Vortrefflich waren die Opfer und die Anrufungen der Götter – aber war dies alles? Gaben die Opfer Glück? Und wie war das mit den Göttern? War es wirklich Prajapati, er die Welt erschaffen hat? War es nicht Atman, Er, der Einzige, der All-Eine? Waren nicht die Götter Gestaltungen, erschaffen wie ich und du, der Zeit untertan, vergänglich? War es also gut, war es richtig, war es ein sinnvolles und höchstes Tun, den Göttern zu opfern? […] Ach, und niemand zeigte diesen Weg, niemand wußte ihn, nicht der Vater, nicht die Lehrer und Weisen, nicht die heiligen Opfergesänge!

(S. 11)*

Hier haben wir denn die Grundthemen, die sich durch das ganze Werk ziehen werden, schon angedeutet: Das Suchen nach dem Großen, Einen, Ganzen, nach der Erlösung, dem Aufgehen in der Welt, dem Loslösen und ganz Aufgehobensein – und die Frage, wer dies und wenn ja, wie erreichen könnte. Gibt es dafür eine Lehre, eine Regel? Sind die Regeln, die wir haben, die Götter, die wir anbeten, nicht nur ein Vehikel, das uns hilft, dieses Leben zu überstehen, weil der wahre Weg viel zu beschwerlich, zu weit, zu unerreichbar ist?
Sehr schön illustriert dies auch folgender kurzer Dialog, einer der wenigen Stellen, die mich zu einem Schmunzeln bewegten:

Unterwegs sagte Govinda: „O Siddharta, du hast bei den Samanas mehr gelernt, als ich wußte. Es ist schwer, es ist sehr schwer, einen alten Samana zu bezaubern. Wahrlich, wärest du dort geblieben, du hättest bald gelernt, auf dem Wasser zu gehen.“
„Ich begehre nicht, auf dem Wasser zu gehen“, sagte Siddharta. „Mögen alte Samanas mit solchen Künsten sich zufriedengeben.“

(S. 26)

Der geneigte Leser folgt Siddhartas Weg zur Erlösung mit allen Höhen und Tiefen, mit seinen Irrungen, seinen Seitenwegen und Abzweigen – und derer sind es einige. Und natürlich muß er zunächst soweit wie nur irgend denkbar vom Wege abkommen, ehe er die gesuchte Erlösung finden wird. Und, dieser Seitenhieb sei mir noch gestattet, es ist kein Wunder, daß die Geschichte eines jungen Mannes, der aus einem gehobenen Haushalt stammt, der sich um seinen Lebensunterhalt nie Gedanken machten mußte, der nichts anderes an Künsten vorzuweisen hat als Warten, Denken und Fasten und dessen einzige Sorge also darin besteht, sich selbst zu finden (und beziehungsweise, sich selbst loszuwerden, um im buddhistischen Sinne im großen ganzen Einen aufzugehen), eine ganz bestimmte Klientel besonders anspricht.

Nichtsdestotrotz: Wäre mir unmittelbar nach Beendigung der Lektüre ein Buddhist begegnet – gut möglich, daß ich heute in orangefarbenem Gewand nach dem Om suchen würde. Dieses Buch ist im wahrsten Sinne schön. Es ist ein Buch zum Versinken, zum Treibenlassen. Man kann darin eintauchen und geht erfrischt daraus hervor.
Oder, wie es der Hausheilige formulierte:

Hermann Hesse hat, fern vom Problematischen, immer gut gespielt: seine naturalistischen Schilderungen sind fast unübertroffen, kräftig im Ton, bunt in
der Farbe, sauber, voll Blut und Luft und Atmosphäre . . .

**

Suhrkamp bemüht sich redlich um Hesse, und so ist denn die Zahl

der lieferbaren Ausgaben

beträchtlich.

P.S. Im Übrigen behaupte ich, daß dieses schmale Büchlein einen ganz hervorragenden Einblick in buddhistische Denkweisen bietet. Wofür gelehrte Abhandlungen recht umfangreiche Lektüre erfordern, erschließt sich hier auf nur wenigen und zudem sehr viel leichter zu lesenden Seiten. Aber ich bin kein Religionswissenschaftler und beim besten Willen kein Buddhismus-Experte, ich mag mich da also auch irren. 😉


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*zitiert nach: Hesse, Hermann: Siddharta. Eine indische Dichtung. Suhrkamp Frankfurt/Main 2007. ISBN: 978-3-518-45853-2

**aus: Der deutsche Mensch. in: Werke und Briefe: 1927, S. 645. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 5367 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 5, S. 295) (c)Rowohlt Verlag

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