Sagt mal, geht’s noch?

Bizarr.
Was sich in diesem Lande gerade abspielt, ist einfach nur bizarr.
Wenn Terror eine Idee hat, dann die, dasjenige System zu destabilisieren, gegen den er sich richtet. Das ist immer dann ein probates Mittel, wenn man sich in einer unterlegenen Position sieht. Und nicht selten führt das auch zum Erfolg, denn der große Vorteil an dieser taktik ist die eigene Unsichtbarkeit. Man bildet einen Gegner, der nicht zu fassen ist, der immer und überall auftauchen kann und genauso schnell wieder verschwindet (auf Selbstmordattentäter zu setzen ist dabei übrigens ein bemerkenswerter Schachzug, denn es entfällt dabei die Notwendigkeit, über Fluchtwege, das Unbemerktbleiben nach der Tat nachzudenken, was die Planungen unglaublich vereinfacht und völlig neue Optionen eröffnet). Ein zu fassender, damit letztlich nicht zu definierender Gegner aber ist extrem gefährlich. Wer immer sich mit Militärgeschichte befaßt hat, weiß, daß Unberechenbarkeit ein kaum zu bemessender strategischer Vorteil ist. Freischärler aller Zeiten arbeiteten da nach demselben Prinzip. Und das sollte man sich erst einmal vergegenwärtigen, denn ich glaube, daß es zum Verständnis unbedingt notwendig ist, sich dieser Traditionslinien bewußt zu sein. Dann nämlich erst kann es gelingen, zu verstehen, was die Leute antreiben könnte.
Ich bin sicher, sehr viele in der geneigten Leserschaft kennen dieses Bild aus dem Schulunterricht:

Goya


Was sehen wir hier? Das gnadenlose Durchgreifen einer hilflosen Staatsmacht? Den Gewaltakt einer brutalen Besatzungsmacht? Die Erschießung heroischer Freiheitskämpfer? Oder doch die gerechte Bestrafung von Terroristen, die gegen die freiheitliche Ordnung und die Ideen der französischen Revolution kämpfen?
Die Interpretation der Rollen liegt hier ganz allein am Standpunkt des Betrachters. Und das ist der springende Punkt.
Stauffenberg, die Resistance, Freiheitskämpfer gegen Napoleon, Sir Francis Drake (Staatsterrorismus!), Partisanen hier wie dort. Ob Arafat ein böser Terrorist oder ein Freiheitskämpfer war, ist eine reine Definitionsfrage. Es gibt keinen strukturellen Unterschied. Ob die Résistance Nazi-Offiziere tötet, Depots in die Luft sprengt oder Eisenbahnstrecken beschädigt – wo genau ist der strukturelle unterschied zu den Attentaten der RAF, den Anschlägen der ETA? Es läuft immer wieder auf eines hinaus: Eine Gruppe Menschen, die glaubt, für das Gute und Gerechte zu kämpfen, terrorisiert ein System, das glaubt, genau dieses zu repräsentieren. Womit nichts gerechtfertigt und nichts verdammt ist. Ich halte es nur für sehr wichtig, sich das vor Augen zu halten. Interpretiert man nämlich Al-Kaida & Freunde nicht als Inkarnation des Bösen, sondern als Freiheitskämpfer gegen eine dominante fremde Macht, ergeben sich sehr schlüssige Deutungsmuster, beispielsweise für die große Unterstützung oder doch zumindest Sympathie, derer sie sich teilweise erfreuen. Das freilich würde zur Folge haben, daß das schöne simple „Wir gegen die“, das einfache Schwarz-Weiß-Denken ad acta zu legen wäre.
Ich halte das aber für zwingend notwendig, denn nur den Feind, den ich erkenne, den ich verstehe, kann ich auch wirksam bekämpfen. Diese Militärrhetorik sei mir erlaubt, denn um Feinde handelt es sich tatsächlich. Nur wenn wir nicht ergründen, wie der eigentlich aussieht und aus welchen Gründen wir in Gegnerschaft stehen, könnte es gut sein, daß wir mit untauglichen Methoden reagieren. Um es mal exemplarisch zu machen. Gesetzt den Fall, es gibt Menschen, die der Meinung sind, der USA-geführte internationale Kapital- und Kulturimperialismus möchte die islamisch-arabisch dominierte Welt unter Kontrolle bekommen oder halten. Da wäre zunächst die Frage zu klären: Haben die vielleicht Recht? Wenn sie Recht haben, wie steht unsere Gesellschaft dann dazu? Unterstützen wir das? Dann, bitte schön, mögen wir mit den Konsequenzen leben (was nicht heißt, Terrorismus hinzunehmen – aber wer so in der Welt auftritt, braucht sich zumindest nicht zu wundern, wenn Abwehrbewegungen entstehen – hierzulande wird einem Thilo ja auch zugejubelt, wenn er den Untergang der hiersigen Kultur heraufbeschwört). Wenn sie jedoch nicht Recht haben, werden sie dann durch völkerrechtswidrige Kriege vom Gegenteil überzeugt? Welche Argumente hat man denn eigentlich in der Hand, die Einhaltung einer Rechtsordnung zu fordern, die man selbst mit Füßen tritt, wenn es den eigenen Interessen entspricht?
Nur mal ganz kurz zum Nachdenken: Wir haben staatstragende Zeremonien zum Andenken an Attentäter. Wir haben meterweise Mythen schaffende Filme, die den Heroismus desjenigen heraufbeschwören, der für seine Überzeugung mit dem eigenen Leben einsteht. Es sei an dieser Stelle noch einmal an Juli Zehs Ada erinnert, die sie in „Spieltrieb“ ausführen läßt, daß sich nach der Logik Hollywoods die Attentäter des 11. September strukturell im Recht befinden. Es ist immer wieder der aufrechte Kämpfer einer unterdrückten Minderheit, der gegen eine böswillige Übermacht aufsteht und sie mit allen Mitteln bekämpft.
Und da sind wir beim springenden Punkt: Die einzige moralische Überlegenheit, die wir tatsächlich zu haben meinen, nämlich daß unser Gesellschaftsmodell das bessere sei, ist überhaupt gar keine. Denn genau dieselbe machen alle anderen auch geltend. Wer aber Respekt vor der eigenen Lebensweise einfordert, der muß eben diesen auch anderen entgegen bringen. Nur im Namen von Freiheit und Demokratie andere Länder zu bombardieren, ist die Logik von Fanatikern. Andere Völker mit Waffengewalt zum eigenen Glauben zu bekehren, um ihre Seelen zu retten, sollte eigentlich ein Modell sein, daß wir so langsam aber sicher mal überwinden könnten.
Ich gebe aber zu, daß diese theoretischen Überlegungen ganz konkret und ad hoc auch nicht weiterhelfen. Was aber tun?
In einem (nicht zuletzt wegen seiner Verweise zu empfehlenden) Beitrag auf netzpolitik.org wird Herfried Münkler mit diesen Worten zitiert:

Wir müssen eine heroische Gelassenheit entwickeln. Denn es wird auch bei uns früher oder später einen Anschlag geben. Dabei erwächst die Macht der Terroristen aus unserer eigenen Angst. Wenn wir aber die Anschläge als Unfälle ansehen würden dann stellt sich heraus, dass die Terroristen uns gar nichts anhaben können.

Oder, wie die erziehungsratgebererfahrenen Eltern in der geneigten Leserschaft wissen: Unerwünschtes Verhalten ignorieren.
Mir ist klar, daß dies in dieser Absolutheit nicht funktionieren wird, auch wenn ich der festen Überzeugung bin, daß es ein probates Mittel wäre. Anschläge, über die keiner berichtet, sind weitgehend wirkungslos. Geht aber natürlich nicht. Nicht berichten ist keine Option, die realistischerweise zur Verfügung steht. Das aber, was stattdessen passiert, ist an Absurität nicht zu überbieten. Ich weiß nicht, wie ein Polizist mit Maschinenpistole einen Sprengstoffanschlag verhindern soll. Ich weiß nicht, wie die Gefahr, getötet zu weren, einen Selbstmordattentäter von seinem Vorhaben abbringen soll. Aber möglicherweise fehlt mir da nur das taktische Verständnis.
Mir ist auch nicht ganz klar, wieso Erkenntnisse über bevorstehende Attentate nicht einfach azu genutzt werden, sie zu verhindern. Der Sinn, daraus eine Presseerklärung zu machen, erschließt sich mir beim besten Willen nicht. Was soll das bringen? Wir wissen nicht wann un wo, aber ganz bestimmt Ende November. Also, bleiben Sie ruhig und passen Sie auf, wo sie hintreten. Was soll das? Der Informationsgehalt tendiert gegen Null. Da ist keine Information drin, die irgendwie weiterhelfen würde. Daß es irgendwann irgendwo mal einen Anschlag geben könnte – ja nun, das wissen wir nun auch so. Und nu?
Die eigentliche Absurdität ist aber, daß aus dieser NichtNachricht auch noch Titelzeilen werden. Was soll denn das? Ist das dieser Qualitätsjournalismus, von dem man in letzter Zeit immer so viel hört? Daß sinnfreie Presseerklärungen zu Schlagzeilen verarbeitet werden?
Die Krone aber, und das bringt Ranga Yogeshwar in seinem wunderbaren Beitrag in der taz „Der Terror ist da, das Müsli ist alle“ (Lesetipp 😉 ) völlig zu Recht in Rage:

Am nächsten Morgen hat es der Terrorkoffer sogar auf die Titelseiten der Tageszeitungen geschafft. Ich ärgere mich über diese unkritische Haltung meiner Journalistenkollegen. Warum beteiligen sie sich an dieser Sicherheitshysterie? Warum wird nicht hart hinterfragt, statt einfach zu glauben, was uns da verkündigt wird?

– also zumindest nach Yogeshwar-Maßstäben ist das „in Rage“ – ist es, wenn simple Sicherheitstests, und um nichts anderes handelte es sich beim namibianischen Koffer, den Rang einer Seite-1-Nachricht erhalten. Man hätte auch „DHL-Mitarbeiter liefert Paket aus.“ zur Schlagzeile machen können. Oder „REWE verkauft Milch und Butter.“ Wäre in etwa derselbe Nachrichtenwert gewesen. Ohne Sinn und Verstand wird hier etwas, das täglich hunderte Male an unzähligen Flughäfen stattfindet, ein Routinevorgang also, der nicht einmal eine Erwähnung verdient hätte, zum Anheizen einer Hysterie benutzt, die jeglicher nachprüfbarer Grundlage entbehrt.
Noch einmal Yogeshwar:

In der Wissenschaft muss man Phänomene verifizieren, und solange dieses nicht geschieht, fehlt der endgültige Beweis. Jeder von uns kann zum Beispiel das Gesetz der Schwerkraft selbst überprüfen, doch in der Welt des Terrors herrschen anscheinend andere Regeln: Wenn Sicherheitsbehörden angebliche Bomben finden oder von einem erhöhten Risiko sprechen und dieselben Sicherheitsbehörden von uns Bürgern mehr Geld verlangen, dann ist das absurd.
Das grenzt an einfache Selbstbedienung. Niemand von uns Bürgern kann kontrollieren, ob das alles stimmt.

Um die Freiheit zu schützen, schaffen wir sie einfach mal ab. Jeder Bürger soll auf allen Ebenen in einer Art und Weise kontrolliert und beobachtet werden, daß mir schleierhaft ist, worin sich da eigentlich das freiheitliche der freiheitlich-demokratischen Grundordnung manifestiert. Daß das nicht einfach nur das Hirngespinst abwegiger CDU-Politiker ist, zeigt sich in diesem haarsträubenden Beitrag des Springer-Chefs anläßlich der Festnahme zweier Mitarbeiter der BILD im Iran. Was er dort produziert, erspart mir locker eine Kanne Kaffee und brachte mich auf den Gedanken, daß wir Idee, Springer zu enteignen, etwas voreilig aufgegeben haben.
Sein Beitrag läuft letztlich nämlich genau darauf hinaus: Um unsere Freiheit und Offenheit zu schützen, schaffen wir sie einfach ab. Viel mehr kann Terror gar nicht erreichen. Und daß ohne einen einzigen durchgeführten Anschlag. Willkommen im Mittelalter. Wir haben Angst vor höheren Mächten, die wir mit komplexen Ritualen milde stimmen wollen.

Hallo? Geht´s noch?

Diesen Gedanken hatten wohl auch einige andere, die in verschiedensten Formen und Farben zum Ausdruck bringen, daß sie keine Angst haben und sich nicht irre machen lassen wollen. Was zumindest etwas Hoffnung gibt.


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