Das Buch zum Sonntag (69)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte

Tucholsky gilt gemeinhin, und das nicht zu Unrecht, als Meister der kleinen Form. Merkwürdigerweise hat das hierzulande, wo man eine geradezu kultische Verehrung für den Roman hegt, tatsächlich einen pejorativen Anklang. Zumindest die Hochkritik akzeptiert einen Schriftsteller ja erst, wenn er endlich einen von ihr akzeptierten Roman vorlegt (hier sei exemplarisch an das seinerzeitige sehnsuchtsvolle Warten des Feuilletons auf den „großen Roman“ von Judith Hermann erinnert, nachdem man ihre Erzählungen himmelhoch lobte – und dabei offenbar die Möglichkeit, daß dies genau das zu ihr und ihrem Erzählstill passende Genre sein könnte, nicht ernsthaft in Betracht zog). Mir erscheint das etwas mekrwürdig, aber in einer eigenartigen Interaktion zwischen meinungsbildenden Kritikern, verlegerischen Verkaufserwartungen und Konsumentenverhalten entstand nun die Merkwürdigkeit, daß auf nahezu jedem erzählerischen Werk „Roman“ steht – völlig unabhängig davon, ob das nun zutrifft oder nicht.
Ich bin kein Literaturwissenschaftler, ob Schloß Gripsholm also zu Recht als Roman firmiert oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen (ich sage mal: Nö.) Es ist aber zumindest der längste zusammenhängende Text, den Tucholsky publizierte. Und ist für mich auch eher eine Sammlung exzellenter, wunderbarer Miniaturen, die durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten werden, als ein Roman.
Es geht schon ganz wunderbar los mit einem (fiktiven) Briefwechsel zwischen Rowohlt und Tucholsky, aus dem ich nur eine kleine Stelle zitieren möchte, nicht zuletzt, weil ich sie selbst immer wieder gerne verwende:

Die Leute wollen neben der Politik und dem Aktuellen etwas haben, was sie ihrer Freundin schenken können. Sie glauben gar nicht, wie das fehlt. Ich denke an eine kleine Geschichte, nicht zu umfangreich, etwa 15-16 Bogen, zart im Gefühl, kartoniert, leicht ironisch und mit einem bunten Umschlag.

(S. 150)*

So denken Verleger. 😉
Was nun folgt, ist eine kleine Geschichte, nicht zu umfangreich, zart im Gefühl, leicht ironisch – und nicht selten tatsächlich kartoniert mit buntem Umschlag. Der Lesende darf teilhaben an den Urlaubsabenteuern des Erzählers mit seiner Freundin Lydia, die einen mehrwöchigen Urlaub in Schweden verbringen.
Lydia („die Prinzessin“) gehört nun zu meinen liebsten literarischen Frauenfiguren. Stets gradeaus und vorneweg, forsch, aber nicht gefühllos, bestimmend, aber irgendwie auch zum Knuddeln.

„Frau Kremser hat gesagt“, begann Lydia, „ich soll mir meinen Pelz mitnehmen und viele warme Mäntel – denn in Schweden gibt es überhaupt keinen Sommer, hat Frau Kremser gesagt. Da wäre immer Winter. Ische woll nich möchlich!“ Frau Kremser war die Haushälterin der Prinzessin, Stubenmädchen, Reinmachefrau und Großsiegelbewahrerin. Gegen mich hatte sie noch immer, nach so langer Zeit, ein leise schnüffelndes Mißtrauen – die Frau hatte einen guten Instinkt. „Sag mal … ist es wirklich so kalt da oben?“
„Es ist doch merkwürdig“, sagte ich. „Wenn die Leute in Deutschland an Schweden denken, dann denken sie: Schwedenpunsch, furchtbar kalt, Ivar Kreuger, Zündhölzer, furchtbar kalt, blonde Frauen und furchtbar kalt. So kalt ist es gar nicht.“ – „Also wie kalt ist es denn?“ – „Alle Frauen sind pedantisch“, sagte ich. „Außer dir!“ sagte Lydia. – „Ich bin keine Frau.“ – „Aber pedantisch!“ – „Erlaube mal“, sagte ich, „hier liegt ein logischer Fehler vor. Es ist genauestens zu unterscheiden, ob pro primo …“
„Gib mal ´n Kuß auf Lydia!“ sagte die Dame. Ich tat es, und der Chauffeur nuckelte leicht mit dem Kopf, denn seine Scheibe vorn spiegelte. Und dann hielt das Auto da, wo alle bessern Geschichten anfangen: am Bahnhof.

(S. 153)

Die Sommergeschichte plätschert sodann vor sich hin. Die beiden betreiben allerlei Blödsinn, vergnügen sich nach Verliebtenart und es kommt auch durchaus zu dramatischen Entwicklungen, die zu einer guten Tat anregen. Das alles wird aber immer wieder unterbrochen von scharfsinigen Beobachtungen und melancholisch anmutenden Betrachtungen über die Welt, die Liebe und die Freundschaft.

Sich auf jemanden verlassen können! Einmal mit jemand zusammen sein, der einen nicht mißtrauisch von der Seite ansieht, wenn irgend ein Wort fällt, das vielleicht die als Berufsinteressen verkleidete Eitelkeit verletzen könnte, einer, der nicht jede Minute bereit ist, das Visier herunterzulassen und anzutreten auf Tod und Leben … ach, darauf treten die Leute gar nicht an – sie zanken sich schon um eine Mark fünfzig … um einen alten Hut … um Klatsch … Zwei Männer kenne ich auf der Welt; wenn ich bei denen nachts anklopfte und sagte: Herrschaften, so und so … ich muß nach Amerika – was nun? Sie würden mir helfen. Zwei – einer davon war Karlchen. Freundschaft, das ist wie Heimat. Darüber wurde nie gesprochen, und leichte Anwandlungen von Gefühl wurden, wenn nicht ernste Nachtgespräche stattfanden, in einem kalten Guß bunter Schimpfwörter erstickt. Es war sehr schön.

(S. 197f.)

Für diejenigen in der geneigten Leserschaft, die für die Entwicklung eines Autors ein Faible haben, sei empfohlen, Rheinsberg und anschließend Schloß Gripsholm zu lesen. Wo der 22jährige noch ein wahrhaft unbeschwertes (Rheinsberg ist vielleicht der einzige Prosatext Tucholskys, den ich als rundherum „unbeschwert“ bezeichnen würde) Bild eines verliebten jungen Paares zeichnet und sich diese naive Verliebtheit auch im Sprachstil ausdrückt, kann man in Schloß Gripsholm einen Autor genießen, der gereift ist, der auch ein wenig desillusioniert ist, der vor allem aber über eine breite Palette an sprachlichen Möglichkeiten verfügt. Und: Der einen untrüglichen, scharfen Blick besitzt. Wer dem Protagonisten folgt, wird einen Menschen erkennen, der doch bei allem Theater, das er um seine Person veranstaltet, sich doch nur wünscht, aus seiner Einsamkeit gelöst zu werden. Inwieweit nicht nur für Peter Panter, sondern auch für dessen Schöpfer gilt, mögen die Biographen beurteilen.
Ich möchte noch schließen mit einer versteckten Liebeserklärung ans Norddeutsche, an die ich immer wieder denken muß, wenn ich hier unten im Süden Menschen von „da oben“ begegne – und die einer der Gründe ist, warum ich durch Lübeck immer mit einem versonnnen Lächeln laufe:

Da stand sie schon mit den Koffern vor ihrem Haus – „Hallo!“ „Du bischa all do?“ sagte die Prinzessin – zur grenzenlosen Verwunderung des Taxichauffeurs, der dieses für ostchinesisch hielt. Es war aber missingsch.
Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher hochdeutsch sprechen will. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück. Lydia stammte aus Rostock, und sie beherrschte dieses Idiom in der Vollendung. Es ist kein bäurisches Platt – es ist viel feiner. Das Hochdeutsch darin nimmt sich aus wie Hohn und Karikatur; es ist, wie wenn ein Bauer in Frack und Zylinder aufs Feld ginge und so ackerte. Der Zylinder ischa en finen statschen haut, över wen dor nich mit grot worn is, denn rutscht hei ümmer werrer aff, dat deit he … Und dann ist da im Platt der ganze Humor dieser Norddeutschen; ihr gutmütiger Spott, wenn es einer gar zu toll teibt, ihr fest zupackender Spaß, wenn sie falschen Glanz wittern, und sie wittern ihn, unfehlbar …

(S. 152)

Gerade beim Hausheiligen kann ich natürlich unmöglich den Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

auslassen.


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*zitiert nach: Tucholsky, Kurt: Texte 1931 (=Gesamtausgabe. Texte und Briefe, Band 14), Rowohlt. Reinbek 1998

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Das Buch zum Sonntag (69)

Ein Gedanke zu “Das Buch zum Sonntag (69)

  1. Ach, dieses Buch. Das weckt Erinnerungen.
    Ich habe mal den Fehler begangen, es ungeübt als Vorlesebuch herzunehmen … Man sollte zumindest die Namen und die Dialekte vorher mal gelesen haben, um beim Vorlesen nicht ins Stottern oder Lachen zu geraten. 😉
    Schöne Empfehlung.

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