Das Buch zum Sonntag (68)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Thomas Lang: Bodenlos

Mein Beruf bringt es mit sich, daß ich weit seltener von anderen auf Bücher hingewiesen werde als umgekehrt. Zudem stellt sich im Laufe der Jahre durchaus eine geiwsse Sättigung ein. So habe ich beispielsweise schon sehr lange kein Fantasy-Buch mehr zur Hand genommen, weil mir der Reiz, ein- und dieselbe Geschichte nun noch einmal mit anderen Namen und Orten zu lesen, abhanden gekommen ist (ja, ich weiß, es gibt Ausnahmen – es soll ja sogar Fantasy-Autoren geben, die keine Zyklen schreiben).*
Mit einiger Skepsis also nahm ich mich des Buches von Thomas Lang an. Denn im Rückentext tauchte die böse Phrase auf, er erzähle von einer Jugend in den achtziger Jahren. Das Buchhändlergehirn assoziiert da sofort sehr Ungutes.
Was ich dann aber las, belehrte mich eines Besseren und vor allem, auch den Rest des Rückentextes zur Kenntnis zu nehmen. Denn ja, hier geht es um eine Jugend in den achtziger Jahren in einem Kaff bei Köln, dessen größte Attraktion der nahegelegene Militärstützpunkt ist. Und gleichzeitig auch wieder nicht. Thomas Lang erzählt hier sehr dicht, sehr empathisch, sehr fein komponiert eine Jugend, wie sie so wohl nur zu dieser Zeit an diesem Ort sein konnte – und sie gleichzeitig doch überall sonst und irgendwann in den letzten drei Jahrzehnten hätte sein können.
Lang erzählt hier keine Geschichte, der Plot des Romanes ließe sich problemlos in wenigen Sätzen zusammenfassen. Aber er erzählt von der Lebens- und Gedankenwelt eines 18jährigen auf der Suche nach sich, seinem Platz in der Welt und einem Lebensmodell, daß zu seinem unbestimmten Rebellionswillen paßt. Es mag bei der geneigten Leserschaft nun die Frage aufkeimen, was an einem Buch, in dem kaum etwas passiert und das von den immer wieder ähnlichen Problem Spätpubertierender erzählt, lesenswert sein soll.
Zunächst einmal begeht Lang nicht den Fehler, den Generationenbücher begehen (und damit wären wir schon beim entscheidenden Grund, warum dieses nur scheinbar eines ist): Er vermeidet jegliches vereinnahmendes „Wir“, es gibt kein Zustimmung heischendes Namedropping und keine augenzwinkernden Referenzen an die seinerzeitige Popkultur. Außerdem arbeitet er mit einer erstaunlichen Stilsicherheit, die sich auch in einer sehr feinsinnig eingesetzten Vielfalt von Erzähltechniken ausdrückt. Mir ging es jedenfalls so, daß ich nie wußte, was als nächstes kommen würde. Da gibt es Perspektivwechsel, Umkehrungen der Chronologie oder Zeitsprünge. Aber: Alles sehr unaufdringlich. Hier will uns niemand zeigen, was er alles gelesen hat oder was er alles kann, sondern es steht einzig und allein die Erzählung im Vordergrund. Das ist denn auch die große Stärke des Buches: Lang erzählt einfach. Er wertet nicht, er missioniert nicht, er erklärt nicht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber er hat sehr genau beobachtet.

Im Arbeitszimmer seines Vaters gab es eine Reihe der Hundert größten Erzähler oder etwas in der Art. Die Bände wirkten unbenutzt. Nie nahm Jan einen von ihnen in die Hand, er konnte sich nicht einmal erinnern, je auf ihren Rücken die Namen der darin vertretenen Schriftsteller gelesen zu haben. Die Bücher kamen ihm nicht anders vor als die zahlreichen Kakteen, Gummibäume und sonstigen Topfpflanzen, die das Haus zuwucherten und die er nicht benennen konnte.
Die Namen der richtigen und wichtigen Autoren erlauschte Jan in Gesprächen auf dem Pausenhof. Er lief in die kleine Füchtener Buchhandlung und durchsuchte die Drehständer mit Taschenbüchern oder blätterte lange und sinnlos in den ausliegenden Wälzern der Großhändler. Immer fand er etwas. Da seine Augen nur nach Namen suchten, denen er schon einmal begegnet war, erschien ihm das Reich der Literatur nicht so unfassbar groß. Er hielt es für durchaus denkbar, irgendwann alles gelesen zu haben.

(S. 38f.)**

Ein paar wenige Sätze, einige Bilder und doch hat man sofort einen jungen Mann und sein Verhältnis zu den Eltern vor Augen. Vielleicht noch ein Beispiel:

Der Borgen kam Jan fremd vor. Es hatte sich nicht viel geändert hier, aber die Leute waren andere, neue Schüler, die auf die leer gewordenen Stühle vorgerückt waren wie sie die in die nächste Stufe aufrücken und einen neuen Abijahrgang bilden würden. Wie Jan und sein Jahrgang würden sie in quälender Langsamkeit ans Ende des Fließbands geschoben und von dort in ein Wännchen fallen – fertig zum Abstransport, all ihr neuen Glieder der Gesellschaft.

(S. 409f.)

Es gibt noch eine Stelle, die mich grübeln ließ. Neben all den gewöhnlichen und nicht ganz so gewöhnlichen Problemen und Krisen, die Jan Bodenlos in diesem Roman durchlebt und die keineswegs spezifisch für eine bestimmte Generation sind, gibt es doch eine ganz grundsätzliche Haltung, für die mir eine gewisse gesellschaftliche Situation unumgänglich ist und die somit vielleicht typisch ist, wenn auch in meinen Augen nicht unbedingt nur für Achtziger, so doch für die Jugend in einer Gesellschaft, die unbedingten Fortschritt, das Motiv des „Unsere Kinder sollen es einmal besser haben.“ nicht mehr braucht. Denn wieviel besser sollen es die Kinder denn noch haben? Drei Autos? Zwei Häuser? Noch eine Spülmaschine? Und das macht dann jugendliches Leiden an der Welt etwas eigenartig.

Nirgends etwas Schnes, dachte er, nirgends Aussicht etwas zu verstehen, keine Hoffnung nicht immer allem ausgeliefert zu sein. Die Idee, dass sein Rätseln ein Ausdruck von Überfluss sein könnte, die eingebildete Qual eines Menschen, der mehrere Optionen hat, kam ihm nicht. Bis zu einem gewissen Grad hing er an seinem Unglück.

(S. 446)

Zum Abschluß sei noch eine Szene zitiert, die sehr viel mit mir und meiner Lesebiographie zu tun hat. Ich habe in ungefähr dem selben Alter wie Jan Bodenlos die beiden französischen Existentialisten Camus und Sartre gelesen und übrigens aus ganz ähnlichen Motiven („Die richtigen und wichtigen Autoren…“). Wobei, es kam bei mir noch hinzu, daß ich eine Biographie über Camus sah, in der ein unheimlich cooler Typ in schwarzem Mantel, mit Sonnenbrille und lässiger Fluppe im Mund abgebildet war. Sowas kann einen Philosophen sehr interessant machen. 😉
Was das für verheerende Auswirkungen haben kann, zeigt sich in einer wunderbaren Szene. Wir befinden uns in einem Zeltlager der Abiturienten, eine junge Dame mit unverhohlenem Interesse an Jan unterhält sich mit ihm über die Notwendigkeit politischen Protestes gegen Atomkraftwerke und Raketenstützpunkte. Und was macht er? Er wendet seine erworbenen Erkenntnisse an:

„Philosophisch gesehen macht es keinen Unterschied, ob wir draufgehen oder nicht.“
„Du meinst, es ist dir egal?“
„Rational betrachtet macht es keinen Unterschied. Wenn die menschliche Existenz durch nichts gerechtfertigt ist, dann ist sie auch gleichgültig. Demnach macht es keinen Unterschied, ob die Welt besteht, oder ob sie durch Umweltzerstrung, Krieg oder fehlende Nachkommenschaft erlischt.“
Tina sah ihn schweigend an; ihr Blick wurde von Satz zu Satz glanzloser, ohne dass Jan es bemerkt hätte.
„Du machst mich unheimlich traurig“, erwiderte sie schließlich.
„Warum leben wir denn? Vielleicht nur, um ewig eine Antwort auf genau diese Frage zu suchen.“ Jan ahnte allmählich, welchen Fehler er beging.

(S. 427)

Sehr romantisch, nicht wahr? Sollten junge Menschen mitlesen: Die Belanglosigkeit der menschlichen Existenz ist kein geeignetes Flirtthema. Dann lieber bedeutungsvoll schweigen. 😉

Käuflich zu erwerben ist das Buch in dieser

lieferbaren Ausgabe.

So, aber ehe hier endgültig Schluß für heute ist, noch ein Schmankerl für die Freunde der unaufdringlichen Intertextualität:

Jan lag vor seinem Zelt auf der neu gekauften Isomatte und las ein bisschen Sartre. Nur ab und zu verscheuchte er die Fliegen.

(S. 419)


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*ich wäre kein guter Literatur-Kritiker. Nach wenigen Jahren hätte ich ein derartiges Stadium von Ungnädigkeit erreicht, daß es kaum noch möglich wäre, meinen Ansprüchen gerecht zu werden.
**aus: Lang, Thomas: Bodenlos. oder Ein gelbes Mädchen läuft rückwärts. C.H. Beck München 2010

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