Das Buch zum Sonntag (67)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Das Nibelungenlied

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nu wunder hœren sagen.

Ich weiß, es ist nicht besonders originell, einen Text über das Nibelungenlied mit diesen Worten zu eröffnen.* Doch ich finde diese vier Zeilen einfach wunderbar. Genau genommen bräuchte man nun kein weiteres Wort über dieses Epos verlieren. Es ist alles gesagt. Hier wird exakt das geliefert, was diese Ankündigung verspricht. Über einen Mangel an berühmten Helden, großer Mühsal, an Freuden, Festen, Tränen, Klagen und gar tapferer Männer Kämpfe kann sich ein Leser des Nibelungenliedes nun wahrlich nicht beklagen.
Ich bin mir sehr sicher, keiner der Verfechter der angeblichen christlichen Leitkultur würde das Nibelungenlied nicht als Bestandteil eben dieser sehen. Auch wenn freilich dieses große Epos von „Liebt eure Feinde“ (Mt. 5,44) und „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ (Mt. 6,12) so weit entfernt ist wie nur irgend möglich. Überhaupt gehört das Nibelungenlied zu den bedauernswerten Werken der Literaturgeschichte, bei denen inzwischen die Rezeptionsgeschichte das Werk selbst überlagert. Oder anders: Ein unbelastetes, vorurteilfsfreies Lesen ist nahezu unmöglich geworden. Das aber ist schade und ich kann nur empfehlen, es zumindest zu versuchen. Wie sehr viele Heldenlieder dieser Zeit ist auch das Nibelungenlied Ausdruck eines hybriden Weltbildes. Es gibt dafür weitaus stärkere Beispiele („Parzival“ oder, ganz großes Kino: „Beowulf“, aber dazu ein anderes Mal), doch auch im Nibelungenlied läßt sich noch sehr schön sehen, wie hier versucht wird, eine Jahrhunderte alte Traditionslinie in ein neues Weltverständnis zu implementieren. Und so können Drachen und Tarnkappen sehr einträchtig neben Kriemhilds Gewissensbissen stehen, ob sie denn nun wohl einen Heiden heiraten könne.

Si sprach ze Rüedegêre: „het ich daz vernomen,
daz er niht wære ein heiden, sô wold´ ich gerne komen,
swar er hete willen, und næm´ in z´einem man.“
dô sprach der marcgrâve: „die rede sult ir, vrouwe, lân.

Er hât sô vil der recken in kristenlîcher ê,
daz iu bî dem künige nimmer wirdet wê.
waz ob ir daz verdienet, daz er tóufet sînen lîp?
des muget ir gerne werden des künic Étzélen wîp.“

(B1261-62)**

In der Übersetzung von Siegfried Grosse liest sich dann so (für diejenigen in der geneigten Leserschaft, deren Mittelhochdeutsch gerade etwas schwächelt. 😉 ):

Sie sagte zu Rüdiger: Wüßte ich nur, daß er kein Heide
wäre, so würde ich gern überall, wohin er wünschte, kommen
und ihn zum Gemahl nehmen.“ Der Markgraf antwortete:
„Das sollt Ihr nicht sagen, Herrin.

Es dienen ihm so viele Männer christlichen Glaubens,
daß Euch in der Nähe des Königs niemals Heimweh überkom-
men wird. Vielleicht auch erreicht Ihr, daß er sich taufen läßt?
Deshalb könnt Ihr gern die Frau des Königs Etzel werden.“

(S. 381)***

Es ist diese bemerkenswerte Mischung aus einzig emotional begründeten Zielen und den umständlich-perfiden, aber stets eiskalt durchdachten Methoden, mit denen sich die Protagonisten gegenseitig auslöschen, die mich am Nibelungenlied reizt. Und der, zumindest für den modernen Leser, geradezu naive Sprachstil, in dem hier von Ungeheuerlichkeiten berichtet wird. Auch wenn es dabei freilich zu bedenken gilt, daß die Lieder ja zum mündlichen Vortrag gedacht waren, komplexe Satzgebilde mithin genretypisch ausbleiben – der Reiz dieser Diskrepanz sich also wirklich erst dem modernen Leser öffnet: Er ist eben da. Und natürlich rezipiere ich diese großartige Untergangssaga ganz anders als dies jemand vor 800 Jahren getan hätte.
Welcher Autor auch immer hinter dem Nibelungenlied steht, er hätte heute gutes Geld als Serien-Drehbuch-Autor verdienen können. Getrieben von einem Treue- und Ehrverständnis, das stets nur gilt, wenn es zum eigenen Vorteil gereicht, gefangen in einem Weltbild, das auf Verrat nur blutige Rache als Antwort bereitzuhalten vermag, bleibt keiner der Protagonisten ohne Schuld. Und doch werden die Charaktere ausreichend differenziert, so daß es genug Identifikationspotential für jeden gibt. So stürzen die Burgunden denn in ihren Untergang, sich selbst listig wähnend und dabei übersehend, daß auch die anderen listig sein könnten (und doch halte ich es für keinen Zufall, daß es ausgerechnet Hagen, mit Verrat bestens vertraut, ist, der Kriemhilds finale Einladung skeptisch betrachtet). Empathie jedenfalls ist ganz offenbar keine Tugend mittelalterlicher Recken. Zugegeben, wenn es gilt, einen Drachen zu erlegen, ist Empathie auch nicht besonders hilfreich, aber andererseits hätte sie vielleicht geholfen, zu verstehen, was Kriemhild in die Arme eines metzelnden Barbarenkönigs treibt. Obwohl ich hier fair bleiben möchte: Gunters größte List bestand darin, Siegfried eine Tarnkappe aufsetzen zu lassen. Die Idee, daß jemand in ein fremdes Land ziehen könnte, um den dortigen Herrscher zu heiraten, dessen Vertrauen und das seiner Gefolgsleute zu gewinnen, nur um dann eine Banketteinladung auszusprechen, hinter der sich ein finaler Rachetriumph versteckt – das ging eindeutig über seinen geistigen Horizont. 😉

Es lohnt sich unbedingt auch heute noch, das Nibelungenlied zu lesen, schon allein, um zu erkennen, wie stark Traditionslinien sind. Nicht nur im Werk selbst, sondern eben in der Art, in der wir heute Mythen erzählen, welche Werte und Ideen uns heute wichtig sind. Und wohin blinder Glaube an die eigene Überzeugung führen kann.
Und außerdem ist es ein großes Vergnügen, mitzuleiden, mitzuschmachten und mitzuintrigieren beim großen „Wermitwemgegenwenundwarumeigentlich“.

Mit den lieferbaren Ausgaben ist das nun so eine Sache. Zwar hat man sich weitgehend auf die Textfassung von Bartsch/de Boor geeinigt, aber welche Übersetzung nun zu empfehlen sei, das ist ein weites Feld. Wem daran liegt, den Zauber der Dichtung nachempfinden zu können, dem sei von Simrocks Nachdichtung nicht abgeraten, auch wenn meine persönliche Empfehlung eher dahin geht, es mit einer zweisprachigen Ausgabe zu versuchen, bei der dann die neuhochdeutsche Fassung gerne etwas holprig, dafür aber eben korrekt sein darf. Oder aber gleich die wunderbare, kommentierte Lesung von Peter Wapnewski zu hören. Denn vorgelesen entfaltet das Nibelungenlied erst seine ganze Wirkung.


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*Immerhin habe ich aber den Beitrag zu Caesars Gallischem Krieg nicht mit „Gallia est omnis…“ eröffnet.
**alle Zitate nach: Bartsch/de Boor/Grosse: Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2003
***Hier plant also eine Frau, sich in einen fremden Kulturkreis zu verheiraten, in dem die Mehrheit einem anderen Glauben anhängt, es aber bereits eine Parallelgesellschaft ihrer eigenen Religion gibt, zu der sie ihren künftigen Ehemann künftig zu bekehren gedenkt. Deutsches Nationalepos. Das lasse ich mal einfach so stehen.

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