Das Buch zum Sonntag (66)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Thomas Müntzer: Hochverursachte Schutzrede

Mein Verhältnis zu Müntzer und das damit verbundene Bild, das ich von ihm habe, wäre auch einmal eine Untersuchung wert. Soll aber heute kein Thema sein.
Insbesondere, da ich mir offen halten möchte, gelegentlich Müntzer noch einmal intensiv zu empfehlen, denn die „Schutzrede“ ist ja ein vergleichsweise kurzer Text. Da es aber noch eine Weile dauern wird, bis der 31.10. wieder auf einen Sonntag fällt, kann ich es mir nicht verweigern, genau diesen Text heute zu empfehlen. Denn dem zwischenzeitlich zum evangelischen Ersatzheiligen aufgestiegenen Luther wird hier von seinem Zeitgenossen ganz ordentlich der Kopf gewaschen. Und es ist wichtig, bei allem, durchaus nicht unberechtigten, Trubel zwischen Luther-Dekade und Hollywood, daran zu erinnern, daß er eben nicht einfach ein altruistischer Freiheitsheiliger war.
Auch wenn zu bedenken ist, daß der Ton in den frühneuzeitlichen Schriften generell durchaus etwas rauher ist (jedenfalls beispielsweise im Vergleich zur Korrespondenz distinguierter Adliger des 19. Jahrhunderts) als das der heutige Leser erwarten würde, zieht Müntzer in dieser Streitschrift doch ordentlich vom Leder.
Schon der volle Titel ist ein Meisterwerk der Kunst des Pamphleteschreibens:

Hoch verursachte Schutzrede und antwwort wider das Gaistloße Sanfft lebende fleysch zu Wittenberg welches mit verklärter weyße durch den Diepstal der heiligen schrift die erbermdliche Christenheit also gantz jämerlichen besudelt hat.

*

Eine von gegenseitigem Respekt geprägte, feinsinnige und höfliche Gelehrtenschrift ist bei einer solchen Eröffnung wohl nicht zu erwarten.
Wie der Titel erkennen läßt, handelt es sich um eine Antwortschrift. Müntzer antwortet hier auf Luthers Sendschreiben „Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührerischen Geist“, welches wiederum dessen Reaktion auf die, in meinen Augen jedenfalls, sensationelle „Fürstenpredigt“ Müntzers ist (Müntzer entwickelt dort ein Widerstandsrecht gegen nicht gottgefällige Herrschaft, gemeint als Warnung an die anwesenden sächsischen Fürsten, womit er sich in theologischen Widerspruch zum Wittenberger Opportunisten begab, woraufhin sich dieser endgültig von Müntzer distanzierte).
Ich halte es für keinen Zufall, daß die DDR Müntzer für sich vereinnahmte, teilt dieser doch mit der offiziellen Revolutionsideologie das Sendungsbewußtsein. Ein argumentativer Vorteil eines jeden Propheten ist denn ja auch die Unterstützung durch eine höhere Macht, sei diese nun ein Gott oder das Gesetz der Geschichte, unwiderruflich Recht haben beide. Das stellt auch Müntzer erst einmal klar, in dem er klar stellt, wer hier wirklich im Namen des Herren handelt:

Deshalb ist es kein sehr großes Wunder, daß der allerehrgeizigste Schriftgelehrte, Dr. Lügner, je länger je mehr zum hoffärtigen Narren wird und sich mit deiner Heiligen Schrift ohne alles Absterben seines Namens und (Wesens) bedeckt und aufs allerbetrüglichste (bedient) und mit dir (primär) nichts weniger zu schaffen haben will, Jes. im 58. Kapitel, als ob er deine Urteile durch dich, der Pforte der Wahrheit, erlangt hätte. Und (er) ist so frech vor deinem Angesicht und verachtet (bis auf den Grund) deinen richtigen Geist, denn er meldet sich deutlich unwiderruflich, daß er aus tobendem Neide und durch den allererbittertsten Haß mich, dein in dir erworbenes Glied, ohne redliche, wahrhaftige Ursache vor seinen höhnischen, spöttischen, erzgrimmigen Mitgenossen zum Gelächter macht und vor den Einfältigen zum unstatthaften Ärgernis einen Satan oder Teufel scheltet und mit seinem verkehrten, lästerlichen Urteil schmäht und spottet.

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Oder kurz: „Ich habe Recht und Du nicht.“ Ganz großes Kino. Hier haben wir alles, was zu einem zünftigen Sandförmchenstreit dazugehört. Herabsetzung des Gegenübers durch Spott und Hohn, Darstellung der eigenen Person als strahlende Lichtgestalt. Spott und Hohn für den Gegner, kaum verstecktes Lob für einen selbst. Denn natürlich hat nicht das sanftlebende Fleisch zu Wittenberg die wahre Botschaft der Bibel zu bieten, sondern einzig und allein der wahre und treue Diener Christi, gerade irgendwo in Süddeutschland auf der Flucht untergetaucht.
Wie lächerlich Fundamentalismus ist, kann man hier ganz wunderbar sehen. Denn der Einzige, der diesen Streit klären könnte, meldet sich nicht zu Wort. Oder jedenfalls nicht explizit. Bis zur Aufklärung, in der dann mal darüber nachgedacht wurde, ob die Frage nach Gottes Wille und Wollen überhaupt eine dem Menschen angemessene Frage ist und man mithin also bisher in eine völlig falsche Richtung dachte, wird leider noch einige Zeit vergehen. Und doch halte ich es gerade in den heutigen Tagen, wo wir dabei sind, genau dieses entscheidende Erbe der Aufklärung ad acta zu legen, sich ganz genau zu Gemüte zu führen, wohin das führen kann. Denn gerade die Unbedingtheit, die Unbeirrbarkeit, die den Sendungsbewußten jeglicher Couleur auszeichnet, ist seine Tragik. Sie verschließt Augen, Ohren und Hirn vor den Argumenten anderer. Nicht, daß diese nicht gehört werden, nicht, daß diesen nicht argumentativ begegnet würde – aber eines steht eben von vornherein fest: Sie können nicht zutreffen. Der andere kann unmöglich Recht haben, ist man selbst doch im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit.
Wo bei heutigen Texten und Debatten die persönliche Betroffenheit vielleicht den Blick versperrt und es schwer macht, die notwendige Distanz zu bewahren, die zur Bewertung von jeglichen Aussagen, kann es helfen, einmal an diesem alten Text zu üben. Wenn man das ein paar Mal gemacht hat, zeichnet man vielleicht auch nicht US-amerikanische Machtpolitiker voreilig mit dem FriedensNobelpreis aus oder nimmt Menschen ernst, die sich Statistiken ausdenken, damit ihr Weltbild stimmt.
Denn faszinierend ist das alle mal, was Müntzer hier vorbringt, die „Schutzrede“ ist ein Pamphlet allererster Güte, was bedeutet, daß seine Polemik natürlich genau dahin zielt, wo es auch wirklich weh tut, sprich: Wo er einfach mal Recht hat.

Es will keiner (von ihnen) predigen, er habe denn 40 oder 50 Gulden. Ja, die besten wollen mehr denn hundert oder zweihundert Gulden haben; da wird an ihnen die Weissagung Micha 3 wahr: „Die Pfaffen predigen um des Lohnes willen“ und wollen Ruhe und gute Gemütlichkeit haben und die allergrößte Würde auf Erden, und dennoch wissen sie sich zu rühmen, sie verstünden den Ursprung und teiben doch in den allerhöchsten Gegensatz (hinein), darum daß sie den richtigen Geist einen irrigen Geist und Satan schelten…

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Und etwas später:

Der arme Schmeichler will sich mit Christus in gedichteter Güte decken wider den Text des Paulus I. Tim. 1. Er sagt aber im Buch von der Kaufhandlung, daß die Fürsten sollen getrost unter die Diebe und Räuber streichen. Im selbigen (Buch) verschweigt er aber den Ursprung aller Dieberei. Er ist ein herold, er will Dank verdienen mit der Leute Blutvergießen und (um) zeitlichen Gutes willen, welches doch Gott nicht (als seine Absicht) befohlen hat. Sieh zu, die Grundsuppe des >wuchers, der Dieberei und Räuberei sind unsere Herren und Fürsten; (sie) nehmen alle Kreaturen als Eigentum: die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden muß alles ihrer sein, Jes. 5. Darüber lassen sie dann Gottes Gebot ausgehen unter die Armen und sprechen: Gott hat geboten, du sollst nicht stehlen; es (hilft) ihnen aber nicht. So sie nun alle Menschen (nötigen), den armen Ackersmann, den Handwerksmann und alles, was da lebt, schinden und schaben, Micha 3, und wenn (einer) sich dann am allergeringsten vergreift, so muß er hängen. Da sagt dann der Doktor Lügner (auch noch): Amen. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann es (auf) Dauer gut werden? Wenn ich das sage, muß ich aufrührerisch sein, wohlan!

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Das ist nun stark und zudem ein zentraler Punkt in Müntzers Denken. Wer, seiner Meinung nach, von der Freiheit des Christenmenschen spricht, der muß aber bitte auch darüber nachdenken, wie dieser denn seine Freiheit auch leben kann. Genau das war nämlich einer der Ausgangspunkte für die Unruhen am Beginn des 16. Jahrhunderts, die durch die Reformation neue Nahrung erhielten: Die prekäre Lage, gerade der Unterschicht und ganz besonders der nunmehr vollkommen entrechteten Bauern (Stichwort: Allmende, Parallelen zur Privatisierung kommunaler Betriebe möge jeder selbst ziehen) – für die natürlich die Botschaft von Freiheit, vom Selbstdenken, von Selbstbestimmung wie Musik, wie Erlösung, wie eine Heilsbotschaft klangen. Luther aber, von fürstlicher Gnade ebenso abhängig wie sich in dieser sonnend, war in der Zeit des Bauernkrieges ängstlich darum bemüht, sich von jeglichem Aufruhr, der da auf Grundlage seiner eigenen Thesen, ausbrach, zu distanzieren. Unverhohlen fordert er die Fürsten auf, hart und gnadenlos vorzugehen.
Der Knaller aber, und damit möchte ich für heute schließen, ist folgendes: Beide, der Revolutionär wie der Obrigkeitshörige, finden für ihre Positionen Belege in der Heiligen Schrift. Was für den unbefangenen Beobachter nicht weiter überraschend ist, mir zumindest scheint die Widersprüchlichkeit Heiliger Schriften ein wesentliches Merkmal ihres Erfolges. Neben der mystischen Komponente des Geheimnisvollen spielt eben genau dieser Punkt eine Rolle: Man kann mit ihnen alles begründen. Die Frage, was gottgefällig ist, wird damit aber zum Überbau. Die Basis, und auf die kommt es an, ist eine andere. Die Kernfrage ist: Wie soll das Leben hier auf Erden getaltet werden. Warum ist die Welt so, wie sie ist und wie sollte sie besser gestaltet werden. Müntzer wird sich nur wenig später als Anführer des auserwählten Volkes im apokalyptischen Kampf sehen. Und mit genau diesem Sendungsbewußtsein begründen Revolutionäre überall und zu allen Zeiten ihre Strategien. 1525 ging die Sache für die Fürsten letztlich gut aus. Die Schärfe aber, mit der Müntzer die Ursachen für die gesellschaftlichen Unruhen benennt, ist beeindruckend. Und die Frage darf erlaubt sein, ob die ganze Geschichte nicht ohne tausende Tote, ohne solch massive Verwüstungen abgelaufen wäre, hätte man ihm einfach mal zugehört, anstatt ihn einfach nur zum Verblender und Aufrührer abzustempeln. Denn Erweckungsprediger gibt es zu allen Zeiten – wenn ihnen aber Massen zuhören und folgen, dann gibt es dafür Gründe. Und die liegen weitgehend außerhalb der Einzelperson. Oder, um mal das Diktum eines meiner engsten Freunde zu zitieren: Für dieselben Aussagen, die Luther tätigte, wurde Jan Hus hundert Jahre früher verbrannt.

Update 31.10.12Auch nicht mehr Lieferbar ist die Schutzrede im Rahmen der Junghans-Gesamtausgabe. In Sachen Lesbarkeit aber eher zu empfehlen, dafür aber noch antiquarisch zu bekommen, ist die Wehr-Ausgabe. Es gibt auch eine online kostenfrei lesbare Edition, die auf den ersten Blick keinen schlechten Eindruck macht.


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*zitiert nach: Müntzer, Thomas: Schriften und Briefe. Kritische Gesamtausgabe. unter Mitarbeit von Paul Kirn herausgegeben von Günther Franz. (= Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte, Bd. 33) Gütersloh. 1968, S. 321 | Ich habe dabei im Sinne der Lesbarkeit geglättet und auf die Darstellung von Varianten verzichtet. Im Übrigen dürfte zudem die Franz-Ausgabe inzwischen als maßgebliche Edition von der durch den Tod von Helmar Junghans in ihrem Abschluß verzögerte Thomas-Müntzer-Ausgabe (Leipzig 2004ff.) abgelöst werden. An der Franz-Ausgabe nörgelt die Müntzer-Forschung nun schon seit Jahrzehnten herum, insofern ist es erstaunlich, daß es so lange dauerte, bis endlich eine neue Edition erschien. Pikanterweise dürfte das anstehende Luther-Jubiläum bei der Realisierung eine Rolle gespielt haben. 😉
**zitiert nach: Müntzer, Thomas: Schriften und Briefe. herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Gerhard Wehr. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt/M. 1973, S. 125ff. | Ich wechsle mit den Zitaten auf diese Ausgabe, weil sie durch die Anpassung an die moderne Sprache doch leichter verständlich ist.

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