Das Buch zum Sonntag (65)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Woody Allen: Pure Anarchie

Betrachtet man das filmische Werk Woody Allens, besonders das der Siebziger Jahre, dürfte es wenig überraschen, daß er auch als literarischer Erzähler auftrat. Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine Kurzgeschichtensammlung, die nach einer längeren Schaffenspause des Autors publiziert wurde. Und sie hat etwas, das im filmischen Spätwerk vielleicht etwas zu kurz kommt (wobei ich alles andere als ein intimer Kenner seines umfangreichen filmischen Oeuvres bin, ich habe da also vielleicht nur die falschen Filme gesehen 😉 ): Einen erfrischenden, ironischen Humor.
Wenig überraschend bewegen sich die Geschichten weitgehend im Milieu der gehobenen New-Yorker-Schicht, Leuten also, die sich um das tägliche Brot keinerlei Sorgen machen müssen. Diese allerdings werden auf´s Korn genommen, daß es eine wahre Freude ist. Nicht selten geht es dabei höchst absurd zu, aber wie ja schon der Hausheilige wußte, bläst Satire die Wahrheit immer auf, so daß man sie besser erkennen möge.
Ich eröffne den Reigen gleich mal mit dem Beginn der ersten Kurzgeschichte, betitelt als „Irren ist menschlich, Schweben göttlich“, der schon sehr schön zeigt, wohin die Reise geht und mir bereits einige Lacher entlockt:

Erst wenige Monate ist es her, da lief mein Leben in ergreifenden kleinen Szenen vor meinem inneren Auge ab, während ich beinah erstickte unter dem Wurfpost-Tsunami, der sich jeden Morgen nach dem Frühstück durch meinen Türschlitz ergießt. Zum Glück hörte unsere wagnerianische Putzfrau Grendel meine gedämpften Schreie unter den zehntausend Vernissage-Ankündigungen, Bettelbriefen und Traumgewinn-Benachrichtigungen und befreite mich mit Hilfe unseres Ungeziefersaugers. Als ich die Posteingänge in alphabetischer Reihenfolge dem Aktenvernichter zuführte, fiel mir unter der Fülle an Katalogen für alles Mögliche, vom Vögelhäuschen bis zu Stein- und Schalenobst in vierwöchentlichen Lieferungen, ein nicht bestelltes kleines Heft auf, das sich Magical Blend nannte. Der offensichtlich für den New-Age-Markt bestimmte Katalog umfasste Themen wie Kraft der Kristalle, ganzheitliche Medizin und psychische Schwingungen, gab Tipps zur Erlangung geistiger Energie, zeigte Wege zu mehr Liebe und weniger Stress und verriet, wohin man gehen und welche Formulare man ausfüllen müsse, um wiedergeboren zu werden.

(S. 7f.)*

Bei „wagnerianische Putzfrau Grendel“ hatte er mich. Das Bild, das sich da vor meinem inneren Auge aufbaute, ist einfach zu köstlich. Insbesondere, da ich „Beowulf“ bereits im Alter von ca. 10 Jahren las, meine Synapsen mit „Grendel“ also eine höchst phantastisch ausgestaltete Figur verknüpfen. 😀 Wie überhaupt diese ganze Szene ein wahres Feuerwerk an Assoziationen auslöst und geschickte, kleine Seitenhiebe verteilt, wie ich es bisher nur noch bei Hildesheimers „Lieblosen Legenden“ gelesen habe.
Zugegeben, Allen arbeitet stark mit Intertextualitäten, Anspielungen auf dieses und jenes waren ja schon immer integraler Bestandteil seiner Arbeiten, ich behaupte allerdings, daß diese nicht die Bohne stören, zumal ja eine seiner Lieblingsbeschäftigungen zu sein scheint, das Hohle, Vordergründige, Oberflächliche hinter all diesen scheinbar so hochtrabenden Begriffen, Ideen und Diskursen, mit denen auf Cocktail-Parties hantiert wird, zu offenbaren.
Besonders gern dadurch, indem er sie einfach ad absurdum führt. So, wie in meiner Lieblingsgeschichte, in der dem Sohn eines Investmentbankers die Aufnahme in einen angesehenen Kindergarten verweigert wird. Ich habe Tränen gelacht bei Szenen wie dieser:

Als Boris Ivanovich jedoch am nächsten Montag in die Bank kam, wussten offensichtlich alle Bescheid. Ein toter Hase lag auf seinem Schreibtisch. Mit einem Gesicht wie Donnerwetter kam Siminov herein. „Eins ist klar“, sagte er, „der Junge wird niemals von einem ordentlichen College angenommen werden. Bestimmt nicht an einer Elite-Uni.“
„Bloß deswegen, Dimitri Siminov? Der Kindergarten wirkt sich auf die Hochschulbildung aus?“
„Ich möchte keine Namen nennen“, sagte Siminov, „aber vor vielen Jahren konnte einmal ein bekannter Investmentbanker seinen Sohn nicht in einem Kindergarten von hervorragendem Ruf unterbringen. Anscheinend gingen irgendwelche Geschichten über die Fingermalkünste des Jungen herum. Jedenfalls war der Bub, nachdem der Wunschkindergarten seiner Eltern ihn abgelehnt hatte, dazu gezwungen…“
„Zu was? Heraus damit, Dimitri Siminov.“
„Ich sag nur so viel: Im Alter von fünf war er gezwungen, auf eine … städtische Schule zu gehen.“
„Dann gibt es keinen Gott.“, sagte Boris Ivanovich.

(S. 114f.)

Die Pointe möchte ich hier nicht verraten, stattdessen noch eine Szene aus dieser Geschichte:

Wenn Mischa dies verweigert werden konnte, war das Leben, nein, das Universum sinnlos. Er sah seinen Sohn als erwachsenen Mann vor dem Geschäftsführer eines angesehenen Unternehmens stehen, der ihn nach seinem Wissen um Tiere und Formen befragte – Dinge, mit denen er innig vertraut hätte sein sollen.
„Naja … äh“, sagte Mischa zitternd, „das ist ein Dreieck, nein, halt ein Achteck. Und das da ist ein Häschen – pardon, ein Känguru.“
„Un der Text von ‚Bi-Ba-Butzemann‘?“, fragte der Geschäftsführer. „Alle Vizepräsidenten hier bei Smith Barney können den singen.“
„Ehrlich gesagt, Sir, ich habe das Lied nie richtig gelernt“, bekannte der junge Mann, und sein Bewerbungsschreiben flatterte in den Papierkorb.

(S. 116)

Womit wir wieder bei der Satire wären. Ich glaube nicht, daß tatsächlich „Bi-Ba-Butzemann“ im Vorstellungsgespräch abgefragt wird, aber, daß es in solchen Positionen höchst bizarre Auswahlmethoden gibt, das glaube ich gerne.
Wer Woody Allen aufmerksam liest, dem wird auffallen, daß die Ziele seines Spottes keineswegs zwangsläufig der New Yorker Society angehören müssen (auch wenn er der Einfachheit halber und um sich selbst nicht in Frage stellen zu müssen, von Kommentatoren gerne darauf reduziert wird), sondern, daß es hier um durchaus überall und, sicher in anderen Schattierungen und mit anderen konkreten Ausprägungen, in allen Schichten anzutreffende Verhaltensweisen geht. Sich selbst und seine Kreise für besser und relevanter zu halten als andere ist keineswegs ein Spezifikum der Upper Class. Um mal nur eines herauszugreifen.
Ich habe jedenfalls Woody Allen mit viel Freude und Gewinn gelesen und kann dieses Bändchen jederzeit an einer beliebigen Stelle aufschlagen, um eine treffende Formulierung, eine absurde Szene, einen ironischen Seitenhieb zu finden.
Kurz: Ein kleines, funkelndes Schatzkästlein, das zu erwerben möglich ist mit dieser

lieferbaren Ausgabe.


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*zitiert nach: Allen, Woody: Pure Anarchie. Kein & Aber. Zürich 2007

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