Das Buch zum Sonntag (63)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jakob Hein: Mein erstes T-Shirt

An diesem historischen Tag* scheint es mir besonders passend, diesen Erzählungsband zu empfehlen.
Jakob Heins Debut erzählt aus seiner Jugend, die natürlich nicht ganz so war wie die vieler anderer seiner Altersgenossen, aber irgendwie eben doch. Ich weiß nicht, was da heute in den Schulen gelehrt wird, aber die Distanz zwischen einer wie auch immer gearteten Elite und den ihr nicht angehörenden Bürgern war zwar deutlich spürbar und sicher nicht unerheblich – aber, mit Verlaub, die war ein Fliegendreck gegen die Spaltung, die das siegreiche System auszeichnet. Mit anderen Worten: Die Kindheits- und Jugenderlebnisse des Herrn Hein unterscheiden sich gar nicht so sehr von denen vieler anderer in der eher späten DDR aufgewachsenen Menschen.
Als ich das Bändchen 2001 erstmals las(das weiß ich nicht etwa wegen meines hervorragenden Gedächtnisses, sondern Dank des Eindrucks: „Leseexemplar. Bitte nicht vor dem 30. Oktober 2001 besprechen.“ in Kombination mit der Erinnerung, es tatsächlich kurz nach Eintreffen in der Buchhandlung gelesen zu haben) und mich daraufhin mit einer Kollegin über die amüsanten Stellen unterhalten wollte, zeigte sich eine Kluft, die mich nachdenklich stimmte. Es ging um folgendes:

Ich war regelmäßiger Besucher der Umweltbibliothek. Wir sagten immer „Zierfischladen“, denn in der Nähe der Bibliothek war ein Zierfischladen, an dem wir uns vorher trafen. Ich sagte zu, denn ich wollte dieses Gespräch hier so schnell wie möglich beenden. Nein, eine Telefonnummer wollte ich keine haben, sie könnten sich ja wieder bei mir melden. In den nächsten Tagen erzählte ich jedem, den ich traf, laut und detailliert von meinem Gespräch mit der Staatssicherheit, vor allem denen in meiner Klasse, die immer zu den Freundschaftstreffen gingen. Danach ging ich einige Wochen erhobenen Hauptes in die Umweltbibliothek, im Falle einer Zuführung hätte ich sagen könne, daß ich im Staatsauftrag handele.
Die Stasi meldete sich wieder, wir verabredeten uns in einer Gaststätte, wo ich die zwei Herren sehr übellaunig antraf. Mein Bericht aus der Umweltbibliothek („da stehen lauter Bücher über Umwelt herum“) stieß auf wenig Interesse bei ihnen. Sie bezahlten meine zwei Biere und wiesen mich darauf hin, daß Alkohol am Nachmittag nicht mit den Prinzipien gesunder Lebensführung im Einklang steht. Danach wurde meine Kaderakte bei der Staatssicherheit geschlossen. Aber es gab Anzeichen dafür, daß das Interesse an meiner Person nicht erloschen war.

(S. 135)*

Meine damalige Kollegin fand das nicht lustig. Ich schon.
Jakob Hein ist Jahrgang 71, sie ist 12 Jahre älter – und das macht etwas aus. Die Spätgeborenen haben einzig ihre Kindheit und Jugend in der DDR verbracht. Eine DDR zudem, die durchaus Auflösungserscheinungen zeigte. Das ließ zum einen zu, späterhin eine gewisse Distanz aufzubauen, die es einem Dreißigjährigen durchaus ermöglicht, Geschichten als amüsante Jugendanektoden zu erzählen. Geschichten jedoch, die bei einer Generation, für die der Besuch einer Umweltgruppe das Riskieren der sozialen Existenz bedeutete und die zudem sich dieses Risikos auch noch bewußt war (und es trotzdem tat), Assoziationen hervorrufen können, die von heiteren Jugenderinnerungen weit entfernt sind.
Weit weniger als in späteren Werken (wie dem hier bereits empfohlenen „Herr Jensen steigt aus„) komprimiert Hein in diesen Erzählungen existentielle Fragen und es herrscht auch ein deutlich leichterer Ton. Alles in allem wirkt er näher an Kaminer als an seinen eigenen späteren Büchern. Nichtsdestotrotz kann der geneigte Leser intensiv darüber nachdenken, wie das jugendliche Aufwachsen unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus aussehen konnte. Zur Adoleszenz gehört ja die Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen:

Ich war verzweifelt, dann traf ich Clemens. Er erzählte mir von Konzerten, wo Punkmusik gegen das Schweinesystem gespielt wurde und wo sich der Sänger in Scherben wälzte, die nicht in Liverpool, sondern in Ostberlin stattfanden. Ich wertete Clemens´ Erzählungen mit Freunden aus meiner Klasse aus, und wir schlußfolgerten, daß ihm kein Wort zu glauben sei. Ich beschloß, ihn fertigzumachen, und bat ihn, mich doch mal auf so ein Konzert mitzunehmen. Er tat ganz cool und sagte, nächsten Samstag. An diesem Samstag zeigte Clemens mir das Paradies. Wir gingen in eine ganz normale Kirche, wo man sonst immer nur vorbeiläuft. Dort lagen auf Klopaier gedruckte Postillen gegen Atomkraftwerke, Razzien und politische Verfolgunegn bei uns. Irgendwie war ich fast ein bißchen stolz auf beide Seiten. Der Keller der Kirche war gerammelt voll mit richtigen Puks, und dann spielte die Band drei mal drei Akkorde himmmlischer Verheißung. Die leute tanzten Pogo, und die Texte waren glasklar gegen das Schweinesystem. Ich kaufte mir die Kassetten von allen Bands und wußte nun, wo ich politisch stand.

(S. 126f.)

Ich schätze an Jakob Hein besonders seinen lakonischen Humor, der in diesem Band freilich etwas spitzbübisches hat. Wobei es allerdings manchmal gar nicht allzu viel eigenen Humors bedarf, denn die Slogans der DDR fordern mit ihrem kleinbürgerlichen Pathos ein Lachen geradezu heraus:

Es gab die Klassik und die Romantik, es gab den Impressionismus und die Pop-Art, und es gab den Versuch, auch im Ostblock eine eigene Kunstform zu kreieren. Im sogenannten sozialisten Realismus gab es viele und lange Reden über das Härten des Stahls, den Kampf von Sechsjährigen gegen Auschwitz und darüber, daß der Name Lenins mit „unauslöschlicher Schrift in unsere Herzen geschrieben“ sei. Ich selbst mußte bei einer Schulfeier im Rahmen eines Singspiels, praktisch dem Vorläufer des deutschen Hiphop, vor die Gruppe treten und sagen: „Ernst Thälmann lebt. Er singt mit uns, er lacht mit uns, und er spielt mit uns.“ Nichts davon war wahr, und wir hätten auch gar nicht mit einem alten glatzköpfigen Ideologen „Wenn der Kaiser durchs Land kommt“ spielen wollen oder über Häschenwitze gelacht.
Der sozialistische Realismus hatte also mit Realismus wenig zu tun. Zum Beispiel fanden sich keine Anhaltspunkte über das zielgerichtete Betrinken. Dies führte mich schon sehr früh in eine Widerspruchshaltung zur gängigen Ideologie, denn ich wußte, daß das zielgerichtete Betrinken im Sozialismus sehr weit entwickelt war.

(S. 91)

Womit übrigens ein Anhaltspunkt gegeben wäre, doch noch einmal zu überlegen, ob es wirklich grundsätzliche Unterschiede zwischen Ideologien und Religionen gibt oder ob beides nicht letztlich aus derselben Quelle stammt und nur der verzweifelte Versuch ist, eine Trennlinie zu ziehen, wo es gar keine gibt. Der behauptete Rationalismus so mancher Ideologie darf zumindest bei ihren Anhängern stark bezweifelt werden.

Ich möchte auch diese Woche nicht schließen, ohne auf die

lieferbaren Ausgaben

hinzuweisen.


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*Heute zahlt die BRD die letzten Schulden aus Reparationszahlungen für den Ersten Weltkrieg – falls jemand Anhaltspunkte sucht, warum diese Zahlungen ein Destabilisierungselement der Weimarer Republik war: Bitte schön. Ahja, es eignet sich natürlich auch ganz hervorragend für die Frage nach Rechtskontinuität. Und ist natürlich überhaupt nicht der Grund, warum meine Wahl heute auf dieses Buch fiel. Aber ich wollte es mal gesagt haben, schließlich sind ja Fußnoten dafür da, zu erzählen, was man sonst noch so alles weiß. 😉
**zitiert nach: Jakob Hein: Mein erstes T-Shirt. Piper. München 2001

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