Das Buch zum Sonntag (66)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Thomas Müntzer: Hochverursachte Schutzrede

Mein Verhältnis zu Müntzer und das damit verbundene Bild, das ich von ihm habe, wäre auch einmal eine Untersuchung wert. Soll aber heute kein Thema sein.
Insbesondere, da ich mir offen halten möchte, gelegentlich Müntzer noch einmal intensiv zu empfehlen, denn die „Schutzrede“ ist ja ein vergleichsweise kurzer Text. Da es aber noch eine Weile dauern wird, bis der 31.10. wieder auf einen Sonntag fällt, kann ich es mir nicht verweigern, genau diesen Text heute zu empfehlen. Denn dem zwischenzeitlich zum evangelischen Ersatzheiligen aufgestiegenen Luther wird hier von seinem Zeitgenossen ganz ordentlich der Kopf gewaschen. Und es ist wichtig, bei allem, durchaus nicht unberechtigten, Trubel zwischen Luther-Dekade und Hollywood, daran zu erinnern, daß er eben nicht einfach ein altruistischer Freiheitsheiliger war.
Auch wenn zu bedenken ist, daß der Ton in den frühneuzeitlichen Schriften generell durchaus etwas rauher ist (jedenfalls beispielsweise im Vergleich zur Korrespondenz distinguierter Adliger des 19. Jahrhunderts) als das der heutige Leser erwarten würde, zieht Müntzer in dieser Streitschrift doch ordentlich vom Leder.
Schon der volle Titel ist ein Meisterwerk der Kunst des Pamphleteschreibens:

Hoch verursachte Schutzrede und antwwort wider das Gaistloße Sanfft lebende fleysch zu Wittenberg welches mit verklärter weyße durch den Diepstal der heiligen schrift die erbermdliche Christenheit also gantz jämerlichen besudelt hat.

*

Eine von gegenseitigem Respekt geprägte, feinsinnige und höfliche Gelehrtenschrift ist bei einer solchen Eröffnung wohl nicht zu erwarten.
Wie der Titel erkennen läßt, handelt es sich um eine Antwortschrift. Müntzer antwortet hier auf Luthers Sendschreiben „Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührerischen Geist“, welches wiederum dessen Reaktion auf die, in meinen Augen jedenfalls, sensationelle „Fürstenpredigt“ Müntzers ist (Müntzer entwickelt dort ein Widerstandsrecht gegen nicht gottgefällige Herrschaft, gemeint als Warnung an die anwesenden sächsischen Fürsten, womit er sich in theologischen Widerspruch zum Wittenberger Opportunisten begab, woraufhin sich dieser endgültig von Müntzer distanzierte).
Ich halte es für keinen Zufall, daß die DDR Müntzer für sich vereinnahmte, teilt dieser doch mit der offiziellen Revolutionsideologie das Sendungsbewußtsein. Ein argumentativer Vorteil eines jeden Propheten ist denn ja auch die Unterstützung durch eine höhere Macht, sei diese nun ein Gott oder das Gesetz der Geschichte, unwiderruflich Recht haben beide. Das stellt auch Müntzer erst einmal klar, in dem er klar stellt, wer hier wirklich im Namen des Herren handelt:

Deshalb ist es kein sehr großes Wunder, daß der allerehrgeizigste Schriftgelehrte, Dr. Lügner, je länger je mehr zum hoffärtigen Narren wird und sich mit deiner Heiligen Schrift ohne alles Absterben seines Namens und (Wesens) bedeckt und aufs allerbetrüglichste (bedient) und mit dir (primär) nichts weniger zu schaffen haben will, Jes. im 58. Kapitel, als ob er deine Urteile durch dich, der Pforte der Wahrheit, erlangt hätte. Und (er) ist so frech vor deinem Angesicht und verachtet (bis auf den Grund) deinen richtigen Geist, denn er meldet sich deutlich unwiderruflich, daß er aus tobendem Neide und durch den allererbittertsten Haß mich, dein in dir erworbenes Glied, ohne redliche, wahrhaftige Ursache vor seinen höhnischen, spöttischen, erzgrimmigen Mitgenossen zum Gelächter macht und vor den Einfältigen zum unstatthaften Ärgernis einen Satan oder Teufel scheltet und mit seinem verkehrten, lästerlichen Urteil schmäht und spottet.

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Oder kurz: „Ich habe Recht und Du nicht.“ Ganz großes Kino. Hier haben wir alles, was zu einem zünftigen Sandförmchenstreit dazugehört. Herabsetzung des Gegenübers durch Spott und Hohn, Darstellung der eigenen Person als strahlende Lichtgestalt. Spott und Hohn für den Gegner, kaum verstecktes Lob für einen selbst. Denn natürlich hat nicht das sanftlebende Fleisch zu Wittenberg die wahre Botschaft der Bibel zu bieten, sondern einzig und allein der wahre und treue Diener Christi, gerade irgendwo in Süddeutschland auf der Flucht untergetaucht.
Wie lächerlich Fundamentalismus ist, kann man hier ganz wunderbar sehen. Denn der Einzige, der diesen Streit klären könnte, meldet sich nicht zu Wort. Oder jedenfalls nicht explizit. Bis zur Aufklärung, in der dann mal darüber nachgedacht wurde, ob die Frage nach Gottes Wille und Wollen überhaupt eine dem Menschen angemessene Frage ist und man mithin also bisher in eine völlig falsche Richtung dachte, wird leider noch einige Zeit vergehen. Und doch halte ich es gerade in den heutigen Tagen, wo wir dabei sind, genau dieses entscheidende Erbe der Aufklärung ad acta zu legen, sich ganz genau zu Gemüte zu führen, wohin das führen kann. Denn gerade die Unbedingtheit, die Unbeirrbarkeit, die den Sendungsbewußten jeglicher Couleur auszeichnet, ist seine Tragik. Sie verschließt Augen, Ohren und Hirn vor den Argumenten anderer. Nicht, daß diese nicht gehört werden, nicht, daß diesen nicht argumentativ begegnet würde – aber eines steht eben von vornherein fest: Sie können nicht zutreffen. Der andere kann unmöglich Recht haben, ist man selbst doch im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit.
Wo bei heutigen Texten und Debatten die persönliche Betroffenheit vielleicht den Blick versperrt und es schwer macht, die notwendige Distanz zu bewahren, die zur Bewertung von jeglichen Aussagen, kann es helfen, einmal an diesem alten Text zu üben. Wenn man das ein paar Mal gemacht hat, zeichnet man vielleicht auch nicht US-amerikanische Machtpolitiker voreilig mit dem FriedensNobelpreis aus oder nimmt Menschen ernst, die sich Statistiken ausdenken, damit ihr Weltbild stimmt.
Denn faszinierend ist das alle mal, was Müntzer hier vorbringt, die „Schutzrede“ ist ein Pamphlet allererster Güte, was bedeutet, daß seine Polemik natürlich genau dahin zielt, wo es auch wirklich weh tut, sprich: Wo er einfach mal Recht hat.

Es will keiner (von ihnen) predigen, er habe denn 40 oder 50 Gulden. Ja, die besten wollen mehr denn hundert oder zweihundert Gulden haben; da wird an ihnen die Weissagung Micha 3 wahr: „Die Pfaffen predigen um des Lohnes willen“ und wollen Ruhe und gute Gemütlichkeit haben und die allergrößte Würde auf Erden, und dennoch wissen sie sich zu rühmen, sie verstünden den Ursprung und teiben doch in den allerhöchsten Gegensatz (hinein), darum daß sie den richtigen Geist einen irrigen Geist und Satan schelten…

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Und etwas später:

Der arme Schmeichler will sich mit Christus in gedichteter Güte decken wider den Text des Paulus I. Tim. 1. Er sagt aber im Buch von der Kaufhandlung, daß die Fürsten sollen getrost unter die Diebe und Räuber streichen. Im selbigen (Buch) verschweigt er aber den Ursprung aller Dieberei. Er ist ein herold, er will Dank verdienen mit der Leute Blutvergießen und (um) zeitlichen Gutes willen, welches doch Gott nicht (als seine Absicht) befohlen hat. Sieh zu, die Grundsuppe des >wuchers, der Dieberei und Räuberei sind unsere Herren und Fürsten; (sie) nehmen alle Kreaturen als Eigentum: die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden muß alles ihrer sein, Jes. 5. Darüber lassen sie dann Gottes Gebot ausgehen unter die Armen und sprechen: Gott hat geboten, du sollst nicht stehlen; es (hilft) ihnen aber nicht. So sie nun alle Menschen (nötigen), den armen Ackersmann, den Handwerksmann und alles, was da lebt, schinden und schaben, Micha 3, und wenn (einer) sich dann am allergeringsten vergreift, so muß er hängen. Da sagt dann der Doktor Lügner (auch noch): Amen. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann es (auf) Dauer gut werden? Wenn ich das sage, muß ich aufrührerisch sein, wohlan!

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Das ist nun stark und zudem ein zentraler Punkt in Müntzers Denken. Wer, seiner Meinung nach, von der Freiheit des Christenmenschen spricht, der muß aber bitte auch darüber nachdenken, wie dieser denn seine Freiheit auch leben kann. Genau das war nämlich einer der Ausgangspunkte für die Unruhen am Beginn des 16. Jahrhunderts, die durch die Reformation neue Nahrung erhielten: Die prekäre Lage, gerade der Unterschicht und ganz besonders der nunmehr vollkommen entrechteten Bauern (Stichwort: Allmende, Parallelen zur Privatisierung kommunaler Betriebe möge jeder selbst ziehen) – für die natürlich die Botschaft von Freiheit, vom Selbstdenken, von Selbstbestimmung wie Musik, wie Erlösung, wie eine Heilsbotschaft klangen. Luther aber, von fürstlicher Gnade ebenso abhängig wie sich in dieser sonnend, war in der Zeit des Bauernkrieges ängstlich darum bemüht, sich von jeglichem Aufruhr, der da auf Grundlage seiner eigenen Thesen, ausbrach, zu distanzieren. Unverhohlen fordert er die Fürsten auf, hart und gnadenlos vorzugehen.
Der Knaller aber, und damit möchte ich für heute schließen, ist folgendes: Beide, der Revolutionär wie der Obrigkeitshörige, finden für ihre Positionen Belege in der Heiligen Schrift. Was für den unbefangenen Beobachter nicht weiter überraschend ist, mir zumindest scheint die Widersprüchlichkeit Heiliger Schriften ein wesentliches Merkmal ihres Erfolges. Neben der mystischen Komponente des Geheimnisvollen spielt eben genau dieser Punkt eine Rolle: Man kann mit ihnen alles begründen. Die Frage, was gottgefällig ist, wird damit aber zum Überbau. Die Basis, und auf die kommt es an, ist eine andere. Die Kernfrage ist: Wie soll das Leben hier auf Erden getaltet werden. Warum ist die Welt so, wie sie ist und wie sollte sie besser gestaltet werden. Müntzer wird sich nur wenig später als Anführer des auserwählten Volkes im apokalyptischen Kampf sehen. Und mit genau diesem Sendungsbewußtsein begründen Revolutionäre überall und zu allen Zeiten ihre Strategien. 1525 ging die Sache für die Fürsten letztlich gut aus. Die Schärfe aber, mit der Müntzer die Ursachen für die gesellschaftlichen Unruhen benennt, ist beeindruckend. Und die Frage darf erlaubt sein, ob die ganze Geschichte nicht ohne tausende Tote, ohne solch massive Verwüstungen abgelaufen wäre, hätte man ihm einfach mal zugehört, anstatt ihn einfach nur zum Verblender und Aufrührer abzustempeln. Denn Erweckungsprediger gibt es zu allen Zeiten – wenn ihnen aber Massen zuhören und folgen, dann gibt es dafür Gründe. Und die liegen weitgehend außerhalb der Einzelperson. Oder, um mal das Diktum eines meiner engsten Freunde zu zitieren: Für dieselben Aussagen, die Luther tätigte, wurde Jan Hus hundert Jahre früher verbrannt.

Update 31.10.12Auch nicht mehr Lieferbar ist die Schutzrede im Rahmen der Junghans-Gesamtausgabe. In Sachen Lesbarkeit aber eher zu empfehlen, dafür aber noch antiquarisch zu bekommen, ist die Wehr-Ausgabe. Es gibt auch eine online kostenfrei lesbare Edition, die auf den ersten Blick keinen schlechten Eindruck macht.


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*zitiert nach: Müntzer, Thomas: Schriften und Briefe. Kritische Gesamtausgabe. unter Mitarbeit von Paul Kirn herausgegeben von Günther Franz. (= Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte, Bd. 33) Gütersloh. 1968, S. 321 | Ich habe dabei im Sinne der Lesbarkeit geglättet und auf die Darstellung von Varianten verzichtet. Im Übrigen dürfte zudem die Franz-Ausgabe inzwischen als maßgebliche Edition von der durch den Tod von Helmar Junghans in ihrem Abschluß verzögerte Thomas-Müntzer-Ausgabe (Leipzig 2004ff.) abgelöst werden. An der Franz-Ausgabe nörgelt die Müntzer-Forschung nun schon seit Jahrzehnten herum, insofern ist es erstaunlich, daß es so lange dauerte, bis endlich eine neue Edition erschien. Pikanterweise dürfte das anstehende Luther-Jubiläum bei der Realisierung eine Rolle gespielt haben. 😉
**zitiert nach: Müntzer, Thomas: Schriften und Briefe. herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Gerhard Wehr. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt/M. 1973, S. 125ff. | Ich wechsle mit den Zitaten auf diese Ausgabe, weil sie durch die Anpassung an die moderne Sprache doch leichter verständlich ist.

Das Buch zum Sonntag (66)

Der Unverstandene. Wirre Gedanken.

Auf mdr info hörte ich gestern diesen Kommentar des Paris-Korrespondenten Christoph Wöß.
Ich bin kein Kenner Frankreichs. Ich bin überhaupt kein Kenner von irgendetwas (wie an anderer Stelle schon geschrieben, wissen Buchhändler immer von allem etwas, dafür aber nichts richtig). Von Frankreich allerdings verstehe ich noch weniger als von vielem anderem. Mag also sein, daß der Kurzkommentar von Herrn Wöß gar nicht so gut ist, wie er mir als unbedarftem Zuhörer schien.
Allerdings erscheint mir seine Analyse durchaus überzeugend, weil sie einfach zu allem paßt, was ich bisher zu lesen und zu hören bekam. Ein geschlossenes Weltbild allein ist allerdings eine sehr schwache Garantie, was jedem klar sein dürfte, der sich einmal mit Fundamentalisten unterhalten hat.

Insofern können die folgenden Gedanken also auch kompletter Nonsense sein, aber hey, „It´s my party.“ „Der Unverstandene. Wirre Gedanken.“ weiterlesen

Der Unverstandene. Wirre Gedanken.

Das Buch zum Sonntag (65)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Woody Allen: Pure Anarchie

Betrachtet man das filmische Werk Woody Allens, besonders das der Siebziger Jahre, dürfte es wenig überraschen, daß er auch als literarischer Erzähler auftrat. Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine Kurzgeschichtensammlung, die nach einer längeren Schaffenspause des Autors publiziert wurde. Und sie hat etwas, das im filmischen Spätwerk vielleicht etwas zu kurz kommt (wobei ich alles andere als ein intimer Kenner seines umfangreichen filmischen Oeuvres bin, ich habe da also vielleicht nur die falschen Filme gesehen 😉 ): Einen erfrischenden, ironischen Humor.
Wenig überraschend bewegen sich die Geschichten weitgehend im Milieu der gehobenen New-Yorker-Schicht, Leuten also, die sich um das tägliche Brot keinerlei Sorgen machen müssen. Diese allerdings werden auf´s Korn genommen, daß es eine wahre Freude ist. Nicht selten geht es dabei höchst absurd zu, aber wie ja schon der Hausheilige wußte, bläst Satire die Wahrheit immer auf, so daß man sie besser erkennen möge.
Ich eröffne den Reigen gleich mal mit dem Beginn der ersten Kurzgeschichte, betitelt als „Irren ist menschlich, Schweben göttlich“, der schon sehr schön zeigt, wohin die Reise geht und mir bereits einige Lacher entlockt:

Erst wenige Monate ist es her, da lief mein Leben in ergreifenden kleinen Szenen vor meinem inneren Auge ab, während ich beinah erstickte unter dem Wurfpost-Tsunami, der sich jeden Morgen nach dem Frühstück durch meinen Türschlitz ergießt. Zum Glück hörte unsere wagnerianische Putzfrau Grendel meine gedämpften Schreie unter den zehntausend Vernissage-Ankündigungen, Bettelbriefen und Traumgewinn-Benachrichtigungen und befreite mich mit Hilfe unseres Ungeziefersaugers. Als ich die Posteingänge in alphabetischer Reihenfolge dem Aktenvernichter zuführte, fiel mir unter der Fülle an Katalogen für alles Mögliche, vom Vögelhäuschen bis zu Stein- und Schalenobst in vierwöchentlichen Lieferungen, ein nicht bestelltes kleines Heft auf, das sich Magical Blend nannte. Der offensichtlich für den New-Age-Markt bestimmte Katalog umfasste Themen wie Kraft der Kristalle, ganzheitliche Medizin und psychische Schwingungen, gab Tipps zur Erlangung geistiger Energie, zeigte Wege zu mehr Liebe und weniger Stress und verriet, wohin man gehen und welche Formulare man ausfüllen müsse, um wiedergeboren zu werden.

(S. 7f.)*

Bei „wagnerianische Putzfrau Grendel“ hatte er mich. Das Bild, das sich da vor meinem inneren Auge aufbaute, ist einfach zu köstlich. Insbesondere, da ich „Beowulf“ bereits im Alter von ca. 10 Jahren las, meine Synapsen mit „Grendel“ also eine höchst phantastisch ausgestaltete Figur verknüpfen. 😀 Wie überhaupt diese ganze Szene ein wahres Feuerwerk an Assoziationen auslöst und geschickte, kleine Seitenhiebe verteilt, wie ich es bisher nur noch bei Hildesheimers „Lieblosen Legenden“ gelesen habe.
Zugegeben, Allen arbeitet stark mit Intertextualitäten, Anspielungen auf dieses und jenes waren ja schon immer integraler Bestandteil seiner Arbeiten, ich behaupte allerdings, daß diese nicht die Bohne stören, zumal ja eine seiner Lieblingsbeschäftigungen zu sein scheint, das Hohle, Vordergründige, Oberflächliche hinter all diesen scheinbar so hochtrabenden Begriffen, Ideen und Diskursen, mit denen auf Cocktail-Parties hantiert wird, zu offenbaren.
Besonders gern dadurch, indem er sie einfach ad absurdum führt. So, wie in meiner Lieblingsgeschichte, in der dem Sohn eines Investmentbankers die Aufnahme in einen angesehenen Kindergarten verweigert wird. Ich habe Tränen gelacht bei Szenen wie dieser:

Als Boris Ivanovich jedoch am nächsten Montag in die Bank kam, wussten offensichtlich alle Bescheid. Ein toter Hase lag auf seinem Schreibtisch. Mit einem Gesicht wie Donnerwetter kam Siminov herein. „Eins ist klar“, sagte er, „der Junge wird niemals von einem ordentlichen College angenommen werden. Bestimmt nicht an einer Elite-Uni.“
„Bloß deswegen, Dimitri Siminov? Der Kindergarten wirkt sich auf die Hochschulbildung aus?“
„Ich möchte keine Namen nennen“, sagte Siminov, „aber vor vielen Jahren konnte einmal ein bekannter Investmentbanker seinen Sohn nicht in einem Kindergarten von hervorragendem Ruf unterbringen. Anscheinend gingen irgendwelche Geschichten über die Fingermalkünste des Jungen herum. Jedenfalls war der Bub, nachdem der Wunschkindergarten seiner Eltern ihn abgelehnt hatte, dazu gezwungen…“
„Zu was? Heraus damit, Dimitri Siminov.“
„Ich sag nur so viel: Im Alter von fünf war er gezwungen, auf eine … städtische Schule zu gehen.“
„Dann gibt es keinen Gott.“, sagte Boris Ivanovich.

(S. 114f.)

Die Pointe möchte ich hier nicht verraten, stattdessen noch eine Szene aus dieser Geschichte:

Wenn Mischa dies verweigert werden konnte, war das Leben, nein, das Universum sinnlos. Er sah seinen Sohn als erwachsenen Mann vor dem Geschäftsführer eines angesehenen Unternehmens stehen, der ihn nach seinem Wissen um Tiere und Formen befragte – Dinge, mit denen er innig vertraut hätte sein sollen.
„Naja … äh“, sagte Mischa zitternd, „das ist ein Dreieck, nein, halt ein Achteck. Und das da ist ein Häschen – pardon, ein Känguru.“
„Un der Text von ‚Bi-Ba-Butzemann‘?“, fragte der Geschäftsführer. „Alle Vizepräsidenten hier bei Smith Barney können den singen.“
„Ehrlich gesagt, Sir, ich habe das Lied nie richtig gelernt“, bekannte der junge Mann, und sein Bewerbungsschreiben flatterte in den Papierkorb.

(S. 116)

Womit wir wieder bei der Satire wären. Ich glaube nicht, daß tatsächlich „Bi-Ba-Butzemann“ im Vorstellungsgespräch abgefragt wird, aber, daß es in solchen Positionen höchst bizarre Auswahlmethoden gibt, das glaube ich gerne.
Wer Woody Allen aufmerksam liest, dem wird auffallen, daß die Ziele seines Spottes keineswegs zwangsläufig der New Yorker Society angehören müssen (auch wenn er der Einfachheit halber und um sich selbst nicht in Frage stellen zu müssen, von Kommentatoren gerne darauf reduziert wird), sondern, daß es hier um durchaus überall und, sicher in anderen Schattierungen und mit anderen konkreten Ausprägungen, in allen Schichten anzutreffende Verhaltensweisen geht. Sich selbst und seine Kreise für besser und relevanter zu halten als andere ist keineswegs ein Spezifikum der Upper Class. Um mal nur eines herauszugreifen.
Ich habe jedenfalls Woody Allen mit viel Freude und Gewinn gelesen und kann dieses Bändchen jederzeit an einer beliebigen Stelle aufschlagen, um eine treffende Formulierung, eine absurde Szene, einen ironischen Seitenhieb zu finden.
Kurz: Ein kleines, funkelndes Schatzkästlein, das zu erwerben möglich ist mit dieser

lieferbaren Ausgabe.


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*zitiert nach: Allen, Woody: Pure Anarchie. Kein & Aber. Zürich 2007

Das Buch zum Sonntag (65)

Das Leiten in der Kultur

Irgendwo in meinem Hinterkopf lauert noch ein grandios-brillanter, alles umfassender und ein für alle Mal klärender Essay zur Kultur der Angst, die inzwischen die Rolle des metaphorischen Opiums übernommen hat, für das zu anderen Zeiten ein durchaus brillanter Denker die Religion vorgesehen hat (wobei auch diese ja durchaus aus einer Angst heraus zu erklären wäre, aber wie gesagt, der Essay ist noch irgendwo im Hinterkopf…)
Bis ich diesen geschrieben habe, sei dringendst, wärmstendst und unbedingt dieser Beitrag von Malte Welding empfohlen, in dem er klar und hellsichtig etliche Dinge benennt und vor allem einmal: Diese ganze unsägliche Debatte um Zuwanderung, Leitkultur, Integrations(un)willen und Multikulti gerade rückt und dort ansetzt, wo es wirklich weh tut.
Das, was wir hier momentan betreiben, ist in meinen Augen nichts weniger als ein Ausverkauf sämtlicher Ideale, für die wir doch stehen wollen (womit ich ja nicht bestreiten will, daß diese selbstverständlich unerreicht waren und sind, aber eine Gesellschaft, die ihre Visionen aufgibt, hat keinen Bestand.)

Zum Einstieg mal dieses Zitat, das ich mühsam aus vielen in Frage kommenden Stellen ausgewählt habe:

So leid es mir tut, und so schwer es meine Arbeit als Mensch und
Mitbewohner macht: Ethnie, sexuelle Glaubensrichtung, Hautfarbe, sogar
Geschlecht: all diese beliebten Unterscheidungsmerkmale bieten keinen
Hinweis darauf, wie ein Mensch ist.

So, genug der Vorrede, bitte lesen Sie jetzt:

Malte Welding: Nerv mich doch!

Nicht ganz passend, aber trotzdem immer wieder vor Augen zu führen, wenn man versucht ist, mal eben ganze Bevölkerungsgruppen pauschal abzuwerten:

Als die Nazis die Kommunisten holten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten,
habe ich geschwiegen;
ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten,
habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie die Juden holten,
habe ich nicht protestiert;
ich war ja kein Jude.
Als sie mich holten,
gab es keinen mehr, der protestierte.

(Martin Niemöller)


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Das Leiten in der Kultur

Das Buch zum Sonntag (64)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich dem geneigten Publikum zur Lektüre:

Heinrich Mann: Der Untertan

Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt.

Ist das nicht ein großartiger erster Satz? Mit meinem Assoziationskopfkino bräuchte ich jetzt kein weiteres Wort verlieren. Da ich aber nicht davon ausgehen kann, daß die geneigte Leserschaft ebenso seltsame Synapsen hat wie ich (was auch nicht wünschenswert wäre, glaubt mir), schreibe ich doch noch etwas dazu.
„Der Untertan“ gehört zu den wenigen Büchern meiner Lesebiographie, das ich erst nach dem Konsum der Verfilmung las (es gab in der DDR gewiß Dinge mit höheren Hindernissen, als diese mehr als gelungene Adaption zu sehen 😉 ). Das hat zwar den Nachteil, daß die im Kopf entstehenden Bilder überlagert werden (sich einen anderen Diederich Heßling vorzustellen, beispielsweise, ist dann äußerst schwierig), aber eben auch den durchaus zu bedenkenden Vorteil einer wesentlich intensiveren Erstlektüre, da der Plot ja bekannt ist, und sich so das Augenmerk sehr viel stärker auf die Facetten eines Romanes konzentrieren kann, die für Feuilleton und sonstige Bewerter schon immer den Unterschied zwischen Unterhaltungslektüre und Literatur von bleibendem Wert ausmachte.
Heinrich Manns große Stärke ist seine von einem klarsichtigen, geradezu sezierendem Scharfsinn geprägte Figurenzeichnung, die im „Untertan“ zu kaum zu übertreffender Hochform aufläuft. Heßling, die Honoratioren der Kleinstadt, sein sozialdemokratischer Vorarbeiter – das sind nicht einfach nur Typen (die sie auch sind), das ist ein Einzelpersonen komprimiertes Gesellschaftsportrait.*
Heinrich Mann erzählt die Geschichte eines kleinstädtischen Fabrikantensohnes in der Zeit des letzten deutschen Kaiserreiches. Zur Illustration gleich mal noch eine Stelle vom Beginn des Romanes:

Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her!
Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Hände – worauf er weglief.
Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an der Werkstätte vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: „Ich habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen könntet. Aber dafür seid ihr viel zuwenig.“

(S. 7)**

Diese Sehnsucht nach Aufmerksamkeit von höherer Stelle wird zu einem treibenden Motiv in Diederichs weiterem Leben. Autoritätsgläubigkeit, Katzbuckeln zu jedem über ihm stehenden und Gnadenlosigkeit allen unter ihm stehenden gegenüber, eiskalt jeden persönlichen Vorteil ausnutzend, Verantwortung für eigenes Handelns immer dann ablehnend, wenn es die eigene soziale Stellung bedrohen könnte. Das Gieren nach Anerkennung in jeglicher Form, das Protzen mit Ämtern und Orden, Ehre und Anstand lautstark einfordernd, sich selbst darum einen Kericht zu scheren – wer einen Spießer braucht, mir ist kein treffenderes Beispiel bekannt als Diederich Heßling. Eine literarische Figur, die geradezu körperliche Abwehrreaktionen hervorzurufen vermag. Gelänge es Heinrich Mann nicht gleichzeitig, anzudeuten, daß aus Diederich auch etwas anderes hätte werden können, der Lesende würde einfach abwinken und Roman samt Figur in eine Schublade stecken. So aber bleibt immer ein Rest, der zum Nachdenken anregt. Der vielleicht dazu führt, sich so manche Figur seines Umfeldes mal genauer anzuschauen. Und bei der nächsten Vereinssitzung (Förderverein, Sportverein, Kaninchenzüchter, Partei – was ihr wollt) aufhorchen läßt, wenn urplötzlich eine Schärfe in die Debatte kommt, sobald es gilt, sich abzugrenzen. Oder gar es Streit darüber gibt, wer zweiter Schriftführer werden darf. Die geneigte Leserschaft wird staunen, wie viele Diederichs da um ihr Fitzelchen Ruhm und Anerkennung betteln. Wie sich dem „Hurra“-rufend dem Kaiser hinterherhecheln und auf alles und jeden treten, der auch nur die geringste Abweichung vom Idealbild zeigt – und, vor allem, auf der sozialen Leiter tiefer steht.
Schaut euch an, wie die Diederichs von heute Wut schäumend die Kommentarspalten füllen mit ihrer Abscheu auf faule HartzIV-Empfänger und schmarotzende, „integrationsunwillige“ Ausländer, im Vollbesitz ihrer moralischen Überlegenheit und stillschweigend über ihre eigenen Taten, die sie als läßliche Sünden betrachten, hinweg gehen.
Wer wirklich wissen will, was deutsche Leitkultur ist, für den gibt es keine Augen öffnendere Lektüre als dieses Buch. In schmerzlicher Konsequenz führt uns Heinrich Mann am Leben dieses bedauernswerten Kleingeistes vor, was es bedeutet, wenn Kleingeister bestimmen, was in einer Gesellschaft zählt. Und es ist in meinen Augen ein bemerkenswerter Umstand, daß Roman und Film in der DDR, dem Paradies der Diederichs, so lange so stark protegiert wurden.
Unsere heutige Zeit braucht diesen Roman dringender denn je. Es war Heinrich Manns klar sehender Blick, was passieren muß, wenn solche Denkungsart die Stütze einer Gesellschaft ist, der ihn dieses Werk schrieben ließ – und keine prophetische Gabe, wie in so mancher Kolportage zur Differenz zwischen Entstehungs- und Publikationsdatum anklingt.
Und in genau diesem Sinne ist Ulrike Meinhofs Diktum, das Private sei immer auch politisch, mehr als nur wahr. Sich selbst über andere zu erheben, egal aus welchen Gründen, ist nie einfach nur eine persönliche Charakterschwäche – es ist immer auch der Nährboden für gesellschaftliche Bewegungen, die genau darauf zielen. Daß ein Mensch besser sei als ein anderer und für ihn daher andere Regeln gelten.

Auch wenn ich dieses Mal sehr wenig über das Buch und viel mehr über dessen Auswirkungen auf mich geschrieben habe, hoffe ich doch, die geneigte Leserschaft von einer (Wieder-)Lektüre überzeugt zu haben. Vielleicht ja mit einer der

lieferbaren Ausgaben.

Heute einmal zum Abschluß noch der Hausheilige, dessen Begeisterung für diesen Roman die meinige vielleicht sogar noch übertrifft. In ganzer Länge kann die Rezension hier nachgelesen werden.

Dieses Buch Heinrich Manns, heute, gottseidank, in aller Hände, ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht, zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Roheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolganbeterei und in seiner namenlosen Zivilfeigheit. Leider: es ist der deutsche Mann schlechthin gewesen; wer anders war, hatte nichts zu sagen, hieß Vaterlandsverräter und war kaiserlicherseits angewiesen, den Staub des Landes von den Pantoffeln zu schütteln.
Das erstaunlichste an dem Buch ist sicherlich die Vorbemerkung: »Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914.« Wenn ein Künstler dieses Ranges das schreibt, ist es wahr: bei jedem andern würde man an Mystifikation denken, so überraschend ist die Sehergabe, so haarscharf ist das Urteil, bestätigt von der Geschichte, bestätigt von dem, was die Untertanen als allein maßgebend betrachten: vom Erfolg. Und es muß immerhin bemerkt werden, daß die alten Machthaber – ach, wären sie alt! – dieses Buch von ihrem Standpunkt aus mit Recht verboten haben: denn es ist ein gefährliches Buch.

in: Werke und Briefe: 1919. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 1239f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 63-64) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm


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* Etwas übrigens, das seinem sich stets nur in besten bürgerlichen Kreisen bewegenden Bruder nie gelungen ist. Wobei wohl außer Frage steht, daß dieser das auch nie gewollt hätte. Aber eben gerade diese patrizische Arroganz läßt mein Herz immer wieder den viel lebensnaheren, für seine Standesverhältnisse geradezu rebellischen Heinrich bevorzugen. Im Gegensatz zum Zauberer, dessen größeres Können anzuerkennen ich nicht vermeiden kann, habe ich bei Heinrich den Eindruck, daß dieser tatsächlich auch ein eigenes Leben hatte und nicht nur als Spinne im Netz die Leben seiner Umgebung aussaugte.
**zitiert nach: Mann, Heinrich: Der Untertan. in der Reihe Fischer Klassik erschienen bei Fischer Taschenbuch Frankfurt/Main. 2. Auflage 2009

Das Buch zum Sonntag (64)

Kein Buch zum Sonntag (6)

In der Hoffnung, der Sympathie der geneigten Leserschaft nicht verlustig zu gehen, muß ich eben diese auf die nächste Woche vertrösten.
Das Manuskript, an dem ich gerade arbeite, erweist sich als widerspenstiger als vermutet, es gibt noch einiges an Papierkram zu erledigen und es ist zuem erstaunlich, wie lange man so schlafen kann, wenn der Wecker mal ausgestellt ist…

Kein Buch zum Sonntag (6)

Das Buch zum Sonntag (63)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jakob Hein: Mein erstes T-Shirt

An diesem historischen Tag* scheint es mir besonders passend, diesen Erzählungsband zu empfehlen.
Jakob Heins Debut erzählt aus seiner Jugend, die natürlich nicht ganz so war wie die vieler anderer seiner Altersgenossen, aber irgendwie eben doch. Ich weiß nicht, was da heute in den Schulen gelehrt wird, aber die Distanz zwischen einer wie auch immer gearteten Elite und den ihr nicht angehörenden Bürgern war zwar deutlich spürbar und sicher nicht unerheblich – aber, mit Verlaub, die war ein Fliegendreck gegen die Spaltung, die das siegreiche System auszeichnet. Mit anderen Worten: Die Kindheits- und Jugenderlebnisse des Herrn Hein unterscheiden sich gar nicht so sehr von denen vieler anderer in der eher späten DDR aufgewachsenen Menschen.
Als ich das Bändchen 2001 erstmals las(das weiß ich nicht etwa wegen meines hervorragenden Gedächtnisses, sondern Dank des Eindrucks: „Leseexemplar. Bitte nicht vor dem 30. Oktober 2001 besprechen.“ in Kombination mit der Erinnerung, es tatsächlich kurz nach Eintreffen in der Buchhandlung gelesen zu haben) und mich daraufhin mit einer Kollegin über die amüsanten Stellen unterhalten wollte, zeigte sich eine Kluft, die mich nachdenklich stimmte. Es ging um folgendes:

Ich war regelmäßiger Besucher der Umweltbibliothek. Wir sagten immer „Zierfischladen“, denn in der Nähe der Bibliothek war ein Zierfischladen, an dem wir uns vorher trafen. Ich sagte zu, denn ich wollte dieses Gespräch hier so schnell wie möglich beenden. Nein, eine Telefonnummer wollte ich keine haben, sie könnten sich ja wieder bei mir melden. In den nächsten Tagen erzählte ich jedem, den ich traf, laut und detailliert von meinem Gespräch mit der Staatssicherheit, vor allem denen in meiner Klasse, die immer zu den Freundschaftstreffen gingen. Danach ging ich einige Wochen erhobenen Hauptes in die Umweltbibliothek, im Falle einer Zuführung hätte ich sagen könne, daß ich im Staatsauftrag handele.
Die Stasi meldete sich wieder, wir verabredeten uns in einer Gaststätte, wo ich die zwei Herren sehr übellaunig antraf. Mein Bericht aus der Umweltbibliothek („da stehen lauter Bücher über Umwelt herum“) stieß auf wenig Interesse bei ihnen. Sie bezahlten meine zwei Biere und wiesen mich darauf hin, daß Alkohol am Nachmittag nicht mit den Prinzipien gesunder Lebensführung im Einklang steht. Danach wurde meine Kaderakte bei der Staatssicherheit geschlossen. Aber es gab Anzeichen dafür, daß das Interesse an meiner Person nicht erloschen war.

(S. 135)*

Meine damalige Kollegin fand das nicht lustig. Ich schon.
Jakob Hein ist Jahrgang 71, sie ist 12 Jahre älter – und das macht etwas aus. Die Spätgeborenen haben einzig ihre Kindheit und Jugend in der DDR verbracht. Eine DDR zudem, die durchaus Auflösungserscheinungen zeigte. Das ließ zum einen zu, späterhin eine gewisse Distanz aufzubauen, die es einem Dreißigjährigen durchaus ermöglicht, Geschichten als amüsante Jugendanektoden zu erzählen. Geschichten jedoch, die bei einer Generation, für die der Besuch einer Umweltgruppe das Riskieren der sozialen Existenz bedeutete und die zudem sich dieses Risikos auch noch bewußt war (und es trotzdem tat), Assoziationen hervorrufen können, die von heiteren Jugenderinnerungen weit entfernt sind.
Weit weniger als in späteren Werken (wie dem hier bereits empfohlenen „Herr Jensen steigt aus„) komprimiert Hein in diesen Erzählungen existentielle Fragen und es herrscht auch ein deutlich leichterer Ton. Alles in allem wirkt er näher an Kaminer als an seinen eigenen späteren Büchern. Nichtsdestotrotz kann der geneigte Leser intensiv darüber nachdenken, wie das jugendliche Aufwachsen unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus aussehen konnte. Zur Adoleszenz gehört ja die Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen:

Ich war verzweifelt, dann traf ich Clemens. Er erzählte mir von Konzerten, wo Punkmusik gegen das Schweinesystem gespielt wurde und wo sich der Sänger in Scherben wälzte, die nicht in Liverpool, sondern in Ostberlin stattfanden. Ich wertete Clemens´ Erzählungen mit Freunden aus meiner Klasse aus, und wir schlußfolgerten, daß ihm kein Wort zu glauben sei. Ich beschloß, ihn fertigzumachen, und bat ihn, mich doch mal auf so ein Konzert mitzunehmen. Er tat ganz cool und sagte, nächsten Samstag. An diesem Samstag zeigte Clemens mir das Paradies. Wir gingen in eine ganz normale Kirche, wo man sonst immer nur vorbeiläuft. Dort lagen auf Klopaier gedruckte Postillen gegen Atomkraftwerke, Razzien und politische Verfolgunegn bei uns. Irgendwie war ich fast ein bißchen stolz auf beide Seiten. Der Keller der Kirche war gerammelt voll mit richtigen Puks, und dann spielte die Band drei mal drei Akkorde himmmlischer Verheißung. Die leute tanzten Pogo, und die Texte waren glasklar gegen das Schweinesystem. Ich kaufte mir die Kassetten von allen Bands und wußte nun, wo ich politisch stand.

(S. 126f.)

Ich schätze an Jakob Hein besonders seinen lakonischen Humor, der in diesem Band freilich etwas spitzbübisches hat. Wobei es allerdings manchmal gar nicht allzu viel eigenen Humors bedarf, denn die Slogans der DDR fordern mit ihrem kleinbürgerlichen Pathos ein Lachen geradezu heraus:

Es gab die Klassik und die Romantik, es gab den Impressionismus und die Pop-Art, und es gab den Versuch, auch im Ostblock eine eigene Kunstform zu kreieren. Im sogenannten sozialisten Realismus gab es viele und lange Reden über das Härten des Stahls, den Kampf von Sechsjährigen gegen Auschwitz und darüber, daß der Name Lenins mit „unauslöschlicher Schrift in unsere Herzen geschrieben“ sei. Ich selbst mußte bei einer Schulfeier im Rahmen eines Singspiels, praktisch dem Vorläufer des deutschen Hiphop, vor die Gruppe treten und sagen: „Ernst Thälmann lebt. Er singt mit uns, er lacht mit uns, und er spielt mit uns.“ Nichts davon war wahr, und wir hätten auch gar nicht mit einem alten glatzköpfigen Ideologen „Wenn der Kaiser durchs Land kommt“ spielen wollen oder über Häschenwitze gelacht.
Der sozialistische Realismus hatte also mit Realismus wenig zu tun. Zum Beispiel fanden sich keine Anhaltspunkte über das zielgerichtete Betrinken. Dies führte mich schon sehr früh in eine Widerspruchshaltung zur gängigen Ideologie, denn ich wußte, daß das zielgerichtete Betrinken im Sozialismus sehr weit entwickelt war.

(S. 91)

Womit übrigens ein Anhaltspunkt gegeben wäre, doch noch einmal zu überlegen, ob es wirklich grundsätzliche Unterschiede zwischen Ideologien und Religionen gibt oder ob beides nicht letztlich aus derselben Quelle stammt und nur der verzweifelte Versuch ist, eine Trennlinie zu ziehen, wo es gar keine gibt. Der behauptete Rationalismus so mancher Ideologie darf zumindest bei ihren Anhängern stark bezweifelt werden.

Ich möchte auch diese Woche nicht schließen, ohne auf die

lieferbaren Ausgaben

hinzuweisen.


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*Heute zahlt die BRD die letzten Schulden aus Reparationszahlungen für den Ersten Weltkrieg – falls jemand Anhaltspunkte sucht, warum diese Zahlungen ein Destabilisierungselement der Weimarer Republik war: Bitte schön. Ahja, es eignet sich natürlich auch ganz hervorragend für die Frage nach Rechtskontinuität. Und ist natürlich überhaupt nicht der Grund, warum meine Wahl heute auf dieses Buch fiel. Aber ich wollte es mal gesagt haben, schließlich sind ja Fußnoten dafür da, zu erzählen, was man sonst noch so alles weiß. 😉
**zitiert nach: Jakob Hein: Mein erstes T-Shirt. Piper. München 2001

Das Buch zum Sonntag (63)