Das Buch zum Sonntag (62)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Ilja Ehrenburg: Menschen. Jahre. Leben.

Passend zur dritten Kulturwoche ist auch das Buch zum Abschluß derselben eine Reminiszenz an meine Jugend (und gerade erst gestern wurde mir vor Augen geführt, daß ich tatsächlich alt genug bin, einen solchen Satz zu formulieren – da war ich bei der Veranstaltung einer jungen Impro-Theater-Gruppe und im ganzen weiten Rund wußte doch tatsächlich niemand, was ein Fluxkompensator ist, die Jugend von heute…)
Meine Eltern hatten die wunderbare Idee, die im Übrigen auch für meine Kinder gilt, mich meine Lektüre selbst auswählen zu lassen. So standen mir also die unzähligen Bücherschränke offen und zu den frühesten Autoren, an deren Wahl ich mich erinnern kann, gehörte Ilja Ehrenburg*.
Ehrenburg (1891-1967) war ein russisch-sowjetischer Journalist und Schriftsteller mit starken Beziehungen nach Westeuropa, insbesondere nach Frankreich, wo er lange und immer wieder lebte – was ihn durchaus zu etwas besonderem macht, denn er war dort, jedenfalls nach 1917, nicht im Exil. Hauptberuflich, wenn man das so sagen darf, war er Journalist. Und seine stärksten Arbeiten sind denn auch journalistischer Natur (so mag es auch wenig überraschen, daß die derzeit einzigen auf deutsch lieferbaren Werke von ihm die Reportage aus dem Saarland im Vorfeld der Volksabstimmung 1935 und das 1948 nach Fertigstellung umgehend eingestampfte und erst 1980 publizierte Schwarzbuch zum Genozid an den sowjetischen Juden sind**) – einen Großteil seiner belletristischen Werke darf man, trotz Einträgen im Kindler, getrost übergehen – es sei denn aus literaturhistorischem Interesse. Viele seiner Romane sind in einem kurzen Zeitraum (nicht selten gerade mal ein Monat) heruntergeschrieben und atmen so zwar sehr unmittelbar den Zeitgeist, sind dadurch aber auch ebenso flüchtig.
Seine Erinnerungen jedoch, und nur um diese soll es heute gehen, sind für mich nicht weniger als großartig. Mein Blick mag durch die Regalmeter schlechter Memoiren, die gedruckt wurden und werden getrübt sein, aber Ehrenburg vermittelt hier ein sehr lebhaftes, mitreißendes, anschauliches Bild seiner Epoche. Nahezu alles, was ich über die Kunst- und Kulturgeschichte der ersten Hälfte des 20. jahrhunderts weiß, weiß ich aus „Menschen. Jahre. Leben.“, dessen Personenregister durchaus als Grundstock für eine Enzyklopädie zu diesem Thema taugt. Was mich die drei Bände auch heute immer wieder zur Hand nehmen läßt und immer wieder zum Festlesen führt, ist sein journalistisches Können. Genaugenommen erinnert Ehrenburg nicht, er portätiert, er berichtet, er erzählt. Daß es sich dabei um sein Leben handelt, scheint eher zufällig, nicht er und seine großen Taten stehen im Mittelpunkt, sondern die Menschen, denen er begegnete, die Ereignisse, an denen er teilnahm, die Epoche, in der er lebte. Sein eigener Lebenslauf ist nicht mehr als ein roter Faden, der durch die gut anderthalbtausend Seiten führt. Ich habe seltenst Memoiren gelesen, die es vermochten, derart plastische Bilder, solch lebhafte Portraits, so nachfühlbare Stimmungsbilder zu zeichnen.
Und auch wenn es durchaus so etwas wie eine Ordnung, eine Gliederung, ein Prinzip zu geben scheint, so fließen hier doch immer wieder die Jahre und Jahrzehnte ineinander, fügen sich Bilder und Erinnerungen assoziativ zusammen, was mir einem Erinnerungswerk auch viel angemessener zu sein scheint als eine strenge Chronologie.
Ehrenburg lebte ein außergewöhnliches Leben, auch wenn er das nicht herausstreicht. Er war im Bürgerkrieg halb verhungert mit Mandelstam auf der Flucht durch den Kaukasus, auf Promotion-Tour für Stalins Sowjetunion in den USA, jedoch genauso verzweifelt und verängstigt im Moskau 1937. Er war Kriegskorrespondent im spanischen Bürgerkrieg (wo er Hemingway kennenlernte – es gibt ein Bild mit den beiden von Frank Capra), ebenso im zweiten Weltkrieg, dessen Beginn er in Frankreich erlebte (und durchaus knapp aus Paris entwich) und anschließend eine der führenden Figuren der Friedensbewegung.
Seit Jugendtagen Bolschewik trat er immer als Verteidiger Westeuropas in der Sowjetunion auf und in Westeuropa als überzeugter Vertreter des sowjetischen Systems, was ihm Beschimpfungen beider Seiten eintrug (Ehrenburg selbst zitiert durchaus süffisant immer wieder aus der großen sowejetischen Enzyklopädie, in deren unterschiedlichen Auflagen sich die Einschätzung seiner Person und seines Werkes immer wieder veränderten.)
Doch gerade das scheint mir seine ungeheure Stärke in diesem Werk zu sein. Auch wenn es sicherlich nicht auszuschließen ist, daß seine Fokussierung auf die Menschen, auf das Erzählende, das Berichtende und ein nur höchst vorsichtiges Werten und Beurteilen, das stets um Ausgewogenheit bemüht ist, den Bedingungen des Systems, in dem er lebte und schrieb zuzuschreiben ist (der aufmerksame Leser, allerdings nur dieser, wird zwischen den Zeilen so einiges finden, für dessen klare Formulierung kein Raum war) – ist es nicht gerade das, was Journalisten wirklich zu leisten vermögen? Mir scheint das in der heutigen Zeit, in der jeder, der mal irgendwo war und sich was angeschaut hat, gleich zum Experten für sämtliche Zusammenhänge und mögen sie noch so komplex sein, hochstilisiert wird, eine abhanden gekommene Kunst zu sein.
Zuhören. Erzählen lassen. Mitgenommen werden.

Die Publikationsgeschichte macht es nicht einfach, die geneigte Leserschaft auf die Suche zu schicken. Ich empfehle ausschließlich die Ausgabe von Volk und Welt, die im Rahmen der Werkausgabe erstmals 1978 in drei Bänden erschien, der 1990 ein vierter Band (soweit ich weiß, mit Fragmenten aus dem Nachlaß – ich hatte den erst einmal in der Hand. Falls noch jemand ein Geschenk sucht…) folgte. Die Ausgabe von Kindler wurde sehr zurechtgestutzt, insbesondere im Hinblick darauf, daß Ehrenburg in der BRD als höchst umstritten galt (da steckt die unsägliche Flugblatt-Geschichte dahinter, genaueres im Wikipedia-Eintrag und bei der Initiative Ilja Ehrenburg)
Antiquarisch sind auch dreibändige Kindler-Ausgaben zu finden, die ich aber nicht kenne und daher auch nicht einzuschätzen vermag.


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*Was mich nebenbei auch etwas aus meiner Generation fallen läßt. Meine bisherigen Erfahrungen legen nahe, daß man heute etwa 50 Jahre alt und auf dem Gebiet der DDR aufgewachsen sein muß, um mit diesem Namen etwas anfangen zu können. Dann allerdings liegt die Quote nahe der 100%-Marke.
**Für die Insider: Ebenfalls lieferbar ist ein Nachdruck seines Paris-Fotobildbandes mit der typographischen Gestaltung von El Lissitzky – sichern, so lange er noch zu haben ist)

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