Gachmurets dritte Kulturwoche: Fernsehserie

Fernsehserie: South Park

Als South Park 1999 in Deutschland anlief, erhob sich allerorten Abendlanduntergangsgeschrei ob der angeblich sinnfreien Zusammenstellung diverser Körperflüssigkeiten und entsprechender Worte. Gar nicht erst zu reden von der furchtbaren Brutalität. Die armen Kinder, wenn die sowas sehen.
Nun, zunächst einmal sei dazu gesagt, daß es ein kulturelles Mißverständnis der hiesigen Kulturbeflissenen ist, alles, was irgendwie bunt und animiert daherkommt automatisch mit „Zielgruppe Kinder“ zu belegen. Dabei ist bereits der anarchische, grobe Zeichenstil der SouthPark-macher ein klarer formaler Hinweis darauf, daß hier nicht Guckmaldassüßekleinebambi-Fans angesprochen werden sollen. Bei Faldbakken, Houellebecq oder Hegemann ist das Feuilleton ja auch nicht so zimperlich.
Im Fernsehen wird SouthPark denn auch mit FSK16-Hinweis ausgestrahlt, wenn auch sicherlich nicht, weil man jüngeren Zuschauern das intellektuelle Niveau der Serie nicht zutraut. Es macht dies allerdings auch nur bedingt Sinn, bedenkt man, daß sämliche Folgen problemlos im Netz anzuschauen sind. 😉
Ich selbst fand erst Jahre später zu SouthPark. Zum Serienstart ließ mich die durchaus typische intellektuelle Arroganz des geisteswissenschaftlichen Studenten im Grundstudium (ihr wißt schon: „Ich war schonmal in einem Seminar und habe ein Buch gelesen!“) nur abschätzig die Nase rümpfen. Einen völlig anderen Blick auf diese Zeichentrickserie verdankte ich Michael Moores „Bowling for Columbine„, in dem auch Matt Stone, einem der beiden Schöpfer von South Park, interviewt wurde (Anlaß war der Fakt, daß Stone in Littleton die High School besuchte). Stone erwähnte dabei, daß ein Ziel seiner Arbeit sei, zu zeigen, was wir eigentlich anrichten mit dem seltsamen Gemisch aus Halbwahrheiten, Lügen und Verschweigen, mit dem wir unseren Kindern die Welt zu erklären meinen (er sagte das bestimmt anders, aber so wirkte es auf mich).
Und das ließ mich nachdenken. Und mir den Unsinn einmal ansehen.
Was Stone und Parker dort schaffen, ist nichts weniger als großartig, auch wenn diese Einschätzung sehr viel eher auf die späteren Staffeln als auf die frühen zutrifft. Aber die Serienjunkies in der geneigten Leserschaft wird ein solcher Satz kaum überraschen. 😉
Im Mittelpunkt der Serie stehen Grundschüler aus einem fiktiven kleinen Ort irgendwo in den Bergen der USA. Wie jede Fernsehserie schafft auch SouthPark sein eigenes Universum um einige zentrale Protagonisten, aber ich möchte hier darauf verzichten, da ins Detail zu gehen, weil das vollkommen unnötig ist und ich außerdem denjenigen, die die Serie noch nicht kennen sollten, die Chance lassen möchte, die Charaktere selbst kennenzulernen.
Mit einem treffsicheren Witz, einer präzisen Beobachtungsgabe und einer Lust am Demontieren auch des letzten Tabus gelingt es dem Duo Stone/Parker gekonnt, die Forderungen des Hausheiligen an die Satire zu erfüllen:

Wenn ich die Folgen der Trunksucht aufzeigen will, also dieses Laster bekämpfe, so kann ich das nicht mit frommen Bibelsprüchen, sondern ich werde es am wirksamsten durch die packende Darstellung eines Mannes tun, der hoffnungslos betrunken ist. Ich hebe den Vorhang auf, der schonend über die Fäulnis gebreitet war, und sage: »Seht!« – In Deutschland nennt man dergleichen ›Kraßheit‹. Aber Trunksucht ist ein böses Ding, sie schädigt das Volk, und nur schonungslose Wahrheit kann da helfen. […]Übertreibt die Satire? Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.[…]
Was darf die Satire?
Alles.

*

Wer mir bis hierhin nicht glaubte, dem seien nun einige Folgen empfohlen, um sich selbst ein Bild zu machen.
Ich beginne mit einer Episode, die ich für eine der stärksten überhaupt halte. Sie wirkt deshalb besonders intensiv, weil sie exakt auf unsere Erwartungen zielt, wie eine Geschichte zu verlaufen hat.
Stanley´s Cup“ (Staffel 10, Episode 14)

Daß ich Matt Stone vielleicht nicht falsch verstanden habe, mag auch folgende Episode verdeutlichen, die mich bis heute darin bestärkt, im Weihnachtsmann den einzigen Fall stehen zu lassen, in dem ich meinem Kind bewußt die Unwahrheit gesagt habe (und es nagt noch immer, aber es ist andererseits auch nicht leicht, einer Dreijährigen diesen immensen sozialen Druck zumuten zu wollen…)
Zahnfee-Mafia & Co. (Staffel 4, Episode 2)

Das nächste Beispiel zeigt großartig, was passiert, wenn man Kindern irgendwelches Halbwissen präsentiert – die reimen sich den Rest nämlich einfach selbst zusammen. Mit ganz eigenen Ergebnissen. Und einem für meinen Geschmack etwas zu moralinsauren Ende. 😉
Hundemelken (Staffel 5, Episode 7)

Die bösen großen Konzerne machen all die kleinen Läden kaputt. Doch wie sonst gilt auch hier: es gehören immer zwei dazu. Die, die etwas anbieten und diejenigen, die es kaufen. Aber diese Einsicht ist auch nicht so einfach umzusetzen. 😉
Das Böse kommt auf Wall-Marts Sohlen. (Staffel 8, Episode 9)

Eine böse Folge ist diese Episode, in der eine Parabel auf den modernen Popstarrummel erzählt wird.
Britneys neuer Look (Staffel 12, Episode 2)

So, und dann noch ein bißchen Bildungsfernsehen. Ich bin inzwischen der Meinung, daß im Rahmen der 14 Staffeln, die bisher gedreht wurden, wohl alle Themen des postmodernen Lebens abgehandelt wurden. Die vielleicht beste SouthPark-Folge ist die über Scientology.
Schrankgeflüster. (Staffel 9, Episode 12)

Zum Abschluß noch einen kleinen Spaß, meine Lieblingsfolge:
Die Liga der Super Besten Freunde. (Staffel 5, Episode 4) >> Wie ich gerade lese, wurde diese Episode aus absurden Gründen offline gesetzt.

Na gut, dann noch ein paar Tipps in loser Folge:
Ärger mit den Mandeln (S12E01)
Scott Tenorman muss sterben! (S05E01)
Gott ist tot I + II (S10E12+13)

Und noch viele mehr. Mein Favorit ist die Staffel 12, aber auch ansonsten liegt die Fehlgriffquote ab Staffel 5 insgesamt recht niedrig, denn natürlich ist auch bei SouthPark nicht alles perfekt. 😉


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*aus: Was darf die Satire? in: Werke und Briefe: 1919. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 1193ff. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 43ff) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm

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