Re: Gachmurets dritte Kulturwoche: Musik

Musik: Zupfgeigenhansel

UPDATE 21.09.2010: Und der zweite Beitrag aus dem Februar (Erstpublikation am 02.02.2010).

Die Sechziger und Siebziger Jahre sind musikalisch von einer großen Folkwelle geprägt, die auch Deutschland erreichte. Hier wurde das Thema „Volkslied“ wieder neu interpretiert, es gab eine Wiederentdeckung alter Schätze, das Genre wurde aus dem Klammergriff von Schlagerindustrie und Schulmusikunterricht befreit. Tatsächlich gab es auf einmal ein breites Publikum, das bereit war, zuzuhören – die Singer-Songwriter hatten hier sozusagen die Schneise geschlagen.
Kurz: Der Zeitgeist war bereit.

Ein kleiner Exkurs noch:
Die Idee, daß es sehr viel mehr kreative Quellen gibt als die öffentliche Wahrnehmung weismachen will, scheint mir gerade heute höchst aktuell. Was dem einen die kanonisierte Volksliedvermittlung, sind dem anderen die Qualitätsmedien. Kreativität breiter Volksschichten gibt es nicht erst seit dem 21. Jahrhundert mit seinen Blogs, Onlinemagazinen und sozialen Plattformen. Die gab es schon immer. Und ebenso wie in allen Jahrhunderten früher wird es auch weiterhin großartige Werke geben, die nie beachtet werden und verschütt gehen, um vielleicht dereinst ausgegraben zu werden – zum Erstaunen späterer Generationen. Gut, back to topic.

Für mich persönlich verbindet sich mit „Volkslied“ zwangsläufig der seltsam harmonische Klang dieses Duos, handelt es sich dabei doch um eine ganz frühe Prägung (ich höre die nun schon seit gut und gerne 20 Jahren). Sie haben eine Frische und ein Einfühlungsvermögen, das ich so nirgenwo sonst wieder gehört habe (und Nein, liebe Liederjan-Fans, auch bei denen nicht 😉 ). Den Revoluzzer von Mühsam, zum Beispiel, könnte ich nicht vorlesen – die Melodie wäre zu prägnant im Kopf. Dabei geht es hier nicht um schönen Gesang im Sinne von technischer Reinheit, denn Volkslieder sind ja Lieder des Volkes. Und das hat keine BelCanto-Ausbildung. Es geht darum, ein Lied zu singen, seine Stimmung zu spüren und auszudrücken. Und das machten Zupfgeigenhansel in meinen Augen perfekt. Eine derart frische, lebendige Interpretation wünschte ich mir bei so etlichen anderen Darbietungen populärer Musik.

Zupfgeigenhansel interpretieren den Begriff „Volkslied“ denn auch etwas weiter als dies der akademische Diskurs tun würde, nicht selten finden sich vertonte Gedichte oder Texte aus dem Untergrund der nationalsozialistischen Zeit darunter. Die Themenvielfalt reicht mithin von den üblichen lüsternen Mönchen und Pfarrern über naive Bauerntöchter und frustrierte Soldaten (hier mal mit Musik) bis zu sehnsüchtigen Kindheitserinnerungen (ganz wunderbare Interpretation übrigens, die Heines großartige Kunst, im romantischen gewande böse zu spotten, hervorragend herüberbringt.) oder dem Suchen nach Hoffnung in dunkler Zeit.

Unglücklicherweise sind nicht allzu viele Tonbeispiele online auffindbar (also, zumindest für mich nicht), so daß einige meiner liebsten Stücke (wie eben das Heine-Lied) hier ungespielt bleiben müssen.
Aber, es genügt doch, um einen Eindruck zu bekommen und die unliebsten Stücke sind es auch nicht, die ich gefunden habe.

Zunächst einmal ein Beispiel, das verdeutlichen kann, daß all die Comedy, die auf dem Verhältnis der Geschlechter zueinander beruht, sicher einiges für sich in Anspruch nehmen kann, nur eines nicht: Originalität.

Text zum Mitlesen.

UPDATE 21.09.2010 Tja, nun eben nur noch zum Mitlesen. Das Video ist nicht mehr verfügbar. And now for something completely different. Ein Lied, das ich, wie viele ihrer mundartlichen Lieder, erst in letzter Zeit schätzen gelernt habe.

Den typischen Witz der akademischen Jugend, die mit Hohn und Spott für Autoritäten ja nie sparte (ihr wißt schon, damals, in der goldenen Zeit, als die Jugend noch etwas verändern wollte…) zeigt das folgende Lied, das mir auch nach dem 573. Male noch ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert

Diesmal steht der Text glücklichwerweise dabei.

Doch natürlich haben Zupfgeigenhansel auch Lieder gesungen, die wohl eher in die Kategorie „klassisch“ einzusortieren wären. Das folgende gehört zu den mir liebsten. In der hier gesungenen Fassung hat der Text geschätzte 500 Jahre Entwicklung hinter sich – und diese Erfahrung spiegelt sich hier wider. Gleichzeitig ein schönes Beispiel für den Duettgesang der beiden.

Auch hier steht der Text glücklichwerweise dabei.

Über Zupfgeigenhansel kann nicht gesprochen werden, ohne ihre politischen Lieder zu betrachten. Noch viel mehr als die anfangs erwähnten frechen und fröhlichen Lieder, die ich einfach nur höchst amüsant finde, haben mich diese Lieder geprägt. Die stille Wut über ein Volk, daß sich lieber knechten und kommandieren läßt, als aufzustehen und um seine Freiheit zu kämpfen, sehe ich im folgenden Lied eingefangen.

Der Text zum Mitlesen.

Bekannt wurde die Band auch als Interpret jiddischer Lieder, sie haben sich da in Sachen Vermittlung einige Lorbeeren verdient. Das Lied, das ich hier vorstellen möchte, ist nun eines der melancholischen (also, diese Art melancholisch-melancholisch – so wirklich unvoreingenommen fröhlich ist mir noch kein jiddisches Lied untergekommen). Bitte genießen.

Zum Abschluß schließlich eines, dessen Nennung in der Kategorie „besonders bevorzugt“ mich wohl so einiger revolutionärer Ideen unverdächtig machen dürfte. „Bürgerlied“ – passender könnte der Liedtitel kaum gewählt werden. Eine bürgerliche Gesellschaft lebt vom Engagement ihrer Bürger, oder, allgemeiner gesprochen: Eine Gemeinschaft ist immer das, was ihre Mitglieder daraus machen. In diesem Sinne: „Tun wir, tun wir was dazu.“

Der Text zum Mitlesen.


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