Das Buch zum Sonntag (61)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Alan Alexander Milne: Pu der Bär

Ein häufige Entwicklung in der Literaturrezeption ist das „Wandern nach unten“, womit ich meine, daß Bücher, die ursprünglich einem erwachsenen Publikum galten (Das Genre der Kinderliteratur ist weitaus jünger als man glauben mag), im Laufe der Jahrzehnte zu Jugend- oder gar Kinderliteratur wurden. Alexandre Dumas wäre da ein Beispiel, Jules Verne ein anderes. Jonathan Swift ist ein besonders krasses Beispiel, aber auch James Fenimoore Coopers erste Leser waren weitaus älter als das heutige Durchschnittsleseeintrittsalter* für diesen Autor. Hierzu noch ein kleiner Exkurs: Mir fiel auf, daß die Rezeption Melvilles hierzulande etwas schizophren ist. Einerseits gilt „Moby Dick“, wahrscheinlich zu Recht, als einer der bedeutendsten Romane der Weltliteratur und werden Übersetzungsprojekte entsprechend kritisch vom Großfeuilleton begleitet, gleichzeitig aber gibt es regalmeterweise Kinderbuchklassikerausgaben, gekürzt, bearbeitet, nacherzählt. Was soll das? Es gibt wahrhaft genug exzellente Kinderliteratur, da müssen wir nicht eine spätere Rezeption klassischer Werke durch ein, sicher wohlmeinendes, Zurechtstutzen verhindern. Denn bitte schön, wer „Moby Dick“ zehnjährig als AbenteuerKinderBuchAusgabe gelesen hat, dessen Bild ist doch geprägt. Dann noch einen anderen Zugang zu finden, geschweige denn dafür überhaupt eine Motivation aufzubringen, dürfte schwierig sein und selten geschehen.

Es kommt aber auch vor, daß eine entgegengesetzte Wanderung stattfindet. Kinderliteratur, die auch, manchmal sogar bevorzugt, von Erwachsenen gelesen wird. Joanne K. Rowling wäre da ein naheliegendes Beispiel, deren Rezepienten wohl zu einem erheblichen, wenn nicht sogar überwiegenden Teil jenseits der Volljährigkeit zu suchen sind. „Pu der Bär“, vor inzwischen 84 Jahren erschienen, gehört ebenfalls in diese Kategorie.
Was Milne auszeichnet, ist eine sehr genaue Beobachtungsgabe und ein ganz feiner Humor. Im Mittelpunkt der Geschichten steht Pu-der-Bär, „ein Bär von sehr geringem Verstand“, der mit den verschiedensten Bewohnern des Hundert-Morgen-Waldes in Freundschaft zu leben versteht und der eine ganz wunderbare Eigenschaft besitzt: Alle so zu akzeptieren, wie sie eben sind. Mögen sie nun besserwisserisch, ängstlich oder dauerdeprimiert sein.

Hier kommt nun Eduard Bär die Treppe herunter, rumpel-di-pumpel, auf dem Hinterkopf, hinter Christopher Robin. Es ist dies, soweit er weiß, die einzige Art, treppab zu gehen, aber manchmal hat er das Gefühl, als gäbe es in Wirklichkeit noch eine andere Art, wenn er nur mal einen Augenblick lang mit dem Gerumpel aufhören und darüber nachdenken könnte. Und dann hat er das Gefühl, daß es vielleicht keine andere Art gibt. Jedenfalls ist er jetzt unten angekommen und bereit dir vorgestellt zu werden. Winnie-der-Pu.

(S. 13)**

Vor der Projektionsfläche „Pu“ läßt Milne nun ein ganzes Panoptikum höchst bemerkenswerter Figuren auftreten. Auf mich machen sie den Eindruck einer Interpretation der Welt, wie sie Kindern zu eigen sein mag. So lassen sich denn in Eule, Kaninchen, I-Ah und wie sie alle heißen mögen, Karikaturen der Welt erkennen – oder eben einfach das, was in Kinderaugen davon ankommen mag. Was eben auch bedeutet, daß wir es hier keineswegs nur mit knuddeligen Liebhabekuscheltieren zu tun haben. Keineswegs sind alle Charaktere liebenswert (es gibt sogar welche, die ich rein gar nicht mag) und trotzdem wirkt die Welt irgendwie in Ordnung. Und das liegt zu einem erheblichen Teil am namengebenden Bären, der mit Verweis auf seinen geringen Verstand Dinge und Vorgänge, die er nicht versteht, einfach hinnimmt. Ein wahrlich kindliches Gemüt.
Mein persönlicher Favorit ist I-Ah, ein stets deprimierter Esel. Den möchte ich einmal kurz vorstellen:

I-Ah, der alte graue Esel, stand am Bach und betrachtete sich im Wasser.
„Ein Bild des Jammers“, sagte er. „Genau. Ein Bild des Jammers.“ Er drehte sich um und ging langsam zwanzig Meter am Bach entlang, durchquerte ihn platschend und ging langsam auf der anderen Seite wieder zurück.
„Wie ich mir gedacht hatte“, sagte er. „Von dieser Seite auch nicht besser. Aber das stört niemanden. Es macht keinem was aus. Ein Bild des Jammers, aber genau.“
Es raschelte im Farn hinter ihm, und heraus kam Pu.
„Guten Morgen, I-Ah“, sagte Pu.
„Guten Morgen, Pu Bär“, sagte I-Ah düster. „Falls es ein guter Morgen ist„, sagte er. „Was ich bezweifle“, sagte er.
„Warum, was ist denn los?“
„Nichts, Pu Bär, nichts. Nicht jeder kann es, und mancher läßt es ganz. Das ist der ganze Witz.“
„Nicht jeder kann was?“ sagte Pu und rieb sich die Nase.
„Frohsinn. Gesang und Tanz. Ringel Ringel Rosen. Darf ich bitten, mein Fräulein.“
„Aha!“ sagte Pu. Er dachte lange nach und fragte dann:
„Was sind Ringelrosen?“
„Bonno-Mi“, fuhr I-Ah düster fort. „Französisches Wort; bedeutet soviel wie Bonhomie“, erläuterte er. „Ich beklage mich ja gar nicht, aber so ist es nun mal.“

(S. 77f.)

Ja, es ist nicht so einfach mit I-Ah. Erst recht für einen Bären von sehr geringem Verstand.
Es braucht aber nicht immer eines großen Verstandes, um auf die richtige Lösung zu kommen. Daher noch eine Stelle, die sich an die Szene eben anschließt und deren letzter Satz schon seit Jahren fester Bestandteil meiner gelegentlich angebrachter Sentenzen ist:

„Ich habe gerade I-Ah gesehen“, begann er, „und der arme I-Ah ist in einem sehr traurigen Zustand, weil er heute Geburtstag hat, und niemand hat davon Notiz genommen, und er ist sehr düster – du weißt ja, wie I-Ah ist -, und da stand er nun, und… Erstaunlich, wie lange wer-auch-immer-hier-wohnt braucht, um an die Tür zu gehen.“ Und er klopfte noch einmal.
„Aber, Pu!“ sagte Ferkel. „Das ist doch dein Haus!“
„Oh!“ sagte Pu. „Mein Haus“, sagte er. Dann wollen wir doch mal eintreten.“
Also traten sie ein. Als erstes ging Pu an den Schrank, um zu sehen, ob er noch einen ganz kleinen Topf Honig übrig hatte; er hatte noch einen, und er nahm ihn aus dem Schrank.
„Dies werde ich I-Ah schenken“, erklärte er, „als Geschenk. Was wirst du ihm schenken?“
„Könnte ich es nicht mitschenken?“ sagte Ferkel. „Von uns beiden?“
„Nein“, sagte Pu. „Das wäre kein guter Plan.“
„Na gut, dann schenke ich ihm einen Ballon. Ich habe noch einen von meiner Party übrig. Ich gehe jetzt los und hole ihn, ja?“
„Das, Ferkel, ist eine sehr gute Idee. Das ist genau as, was sich I-Ah zur Aufheiterung wünscht. Niemand kann mit einem Ballon unaufgeheitert bleiben.“

(S. 81ff.)

Niemand kann mit einem Ballon unaufgeheitert bleiben. So isses.
Also, liebe geneigte Leserschaft, öffnet eure Herzen und laßt diesen Bären ein. Ihr werdet es nicht bereuen. Auch wenn meine Empfehlung nicht immer so geklungen haben mag, dieses Büchlein ist derartig kitschfrei wie es keineswegs selbstverständlich für Kinderliteratur ist. Selbst Disney hat es nicht geschafft, die Charaktere kaputt zu kriegen. Und vielleicht liegt da auch der Schlüssel für die andauernde Begeisterung, die dieses Buch hervorruft.

Natürlich soll auch heute der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben

nicht fehlen, allerdings dieses Mal mit einem dringenden Hinweis:
Ausnahmsweise sei empfohlen, das Buch nicht zuerst selbst zu lesen, sondern es sich vom grandios lesenden Harry Rowohlt vorlesen zu lassen.


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*tolles Wort, was?
zitiert nach: Milne, A.A.: Pu der Bär. übersetzt von Harry Rowohlt. dtv München. 3. Auflage 1997.

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