Das Buch zum Sonntag (58)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Gaius Iulius Caesar: Der gallische Krieg

Die Eroberung Galliens durch die römischen Truppen unter Caesar ist ja hinlänglich bekannt. „Ganz Gallien ist von den Römern besetzt…“ bis auf ein paar übermütige gallier, die den römischen Helden mit „Morgen, Julius!“ begrüßen und im Übrigen Herakles für einen Milchmann halten.
Ehe allerdings die bekannten französischen Historiker Goscinny und Uderzo zu ihrer überzeugenden Darstellung der Ereignisse im Jahre 50 v.u.Z. gelangten, bedurfte es eines umfangreichen Quellenstudiums. Eine der spannendsten Quellen und ein auch außerhalb des unmittelbaren historischen Interesses unbedingt zu empfehlendes Werk sind die Commentarii de Bello Gallico des Prokonsuls Caesar.
Da es sich hier nicht um ein origenes literarisches Werk handelt, ein paar wenige Hintergrundinformationen, die helfen, die Großartigkeit dieser Schrift zu erkennen.
Caesar war für 5 Jahre als Statthalter* in Gallia Cisalpina (so in etwa das heutige Norditalien und ein Stück Istrien) und Gallia Narbonensis (das ist so ziemlich die heutige Provence) eingesetzt. Der Regst dessen, was im heutigen Gedächtnis als „Ganz Gallien“ firmiert, war zu diesem Zeitpunkt (58 v.u.Z.) noch frei von römischer Herrschaft und buntes Stammesgebiet. Nun bestand die Hauptaufgabe von Statthaltern in Grenzprovinzen vorrangig im Schutz des Imperiums, den Caesar aber etwas weitgehend interpretierte. Er nutze die erstbeste Gelegenheit, um einem mit Rom befreundeten Gallierstamm zu Hilfe zu eilen, als dieser von einem anderen Stamm angegriffen wurde. Natürlich diente das ausschließlich dem Schutze Roms und nach erfolgreichem Zurückschlagen der Angreifer in ihr angestammtes Gebiet** blieb er dann gleich mal da. Nur zum Schutz natürlich. Eine Methode, die auch heutige Imperien noch gerne verwenden. Wenn sie einmal da sind, wird man sie nur schwer wieder los.
Caesar hatte allerdings in Rom nicht nur Freunde, was der Endpunkt seiner Biographie ja auch nahe legt, und war zudem verpflichtet, dem Senat daheim über seine Tätigkeit zu berichten. Aus diesen Berichten nun entstand das heute empfohlene Werk. Mit dem Wissen im Hintergrund, daß hier jemand sein keineswegs im Einklang mit geltendem Recht stehendes Verhalten zu rechtfetigen sucht, ließt sich das ganze noch einmal vergnüglicher.

Von all diesen sind die Belger die tapfersten, weil sie von der Verfeinerung und Kultur unserer Provinz am weitesten entfernt sind, nur ganz selten Kaufleute zu ihnen kommen und verweichlichende Waren einführen, auch weil sie nächste Nachbarn der Germanen rechts des Rheins sind, mit denen sie ständig Krieg führen. Aus diesem Grund sind auch die Helvetier tapferer als die übrigen Gallier, da sie fast täglich in Gefechte mit den Germanen verwickelt sind, indem sie diese von ihren Grenzen abwehren oder selbst in deren Land Krieg führen.

(S. 7)

Neben einer gelungenen Ohrfeige für die Senatoren daheim, deren Lebensführung ja noch weitaus verfeienerter und kultivierter ist als diejenige in der Provinz, zeichnet uns GI Caesar in wenigen Worten ein wahres Schreckensbild der Bewohner dieses barbarischen Galliens. Die Leute dort haben also nichts anderes zu tun, als sich permanent mit den schrecklichen germanen zu prügeln und die Helvetier gar noch fast täglich, ja noch schlimmer, die wagen es sogar, sie anzugreifen. Man hat den Schauder der gutmütigen Senatoren geradezu bildlich vor Augen. Diese Barbaren…
In den folgenden Kapiteln wird dieses Bild der kriegslüsternen und verräterischen Helvetier weiter gestrickt, der unaufmerksame Leser wird schnell den Eindruck gewinnen, bei ihnen handele es sich um pathologische Brandstifter, die nur darauf warteten, dem römischen Reich oder seinen Verbündeten zu schaden und überhaupt eine Gefahr für den Weltfrieden darstellen.
Was die Jungs aus den Schweizer Bergen tatsächlich wollten, war ein neues Siedlungsgebiet zu finden, wozu sie in Verhandlungen mit diversen gallischen Stämmen standen. Liest sich beim guten Caesar allerdings nur zwischen den Zeilen, was allerdings das intellektuelle Vergnügen beim Dechiffrieren erhöht.

Da sie allein die Sequaner nicht bereden konnten, schickten sie Gesandte an den Häduer Dumnorix, um durch seine Fürsprache von ihnen die Erlaubnis zu erhalten. Dumnorix besaß durch Beliebtheit und Freigebigkeit bei den Sequanern großen Einfluß und war auch ein Freund der Helvetier, weil er aus ihrem Stamm die Tochter des Orgetorix geheiratet hatte; und da er die Königswürde anstrebte, wünschte er einen Umsturz und wollte sich möglichst viele Stämme durch persönliche Gefälligkeit verpflichten. Er übernahm also den Auftrag, bestimmte die Sequaner, die Helvetier durch irh Gebiet ziehen zu lassen, und veranlaßte sie, Geiseln untereinander auszutauschen, die Squaner für ungehinderten Durchzug der Helvetier, die Helvetier für einen Marsch ohne Gewalt und Rechtsverletzung.

(S. 17)

Böse Ränke werden da also geschmiedet, hinterhältige Ehrgeizlinge bestechen fremde Stämme zur Erlangung persönlicher Vorteile. Und das alles vor den Augen Roms. Gruselig. Da kann es nur eine Reaktion geben:

Caesar erhält Nachricht, die Helvetier wollten durch das Land der Sequaner und Häduer ins Gebiet der Santoner ziehen, die in der Nachbarschaft von Tolosa wohnen, das schon zur Proviinz gehört. Damit war, wie er erkannte, die große Gefahr für die Provinz verbunden, kriegslustige Menschen und feinde des römischen Volkes in einer sehr fruchtbaren Gegend mit offenen Grenzen als Nachbarn zu bekommen. Er übergibt deshalb den Oberbefehl über die angelegte Befestigung dem Legaten Titus Labienus und eilt selbst in großen Tagesstrecken nach Oberitalien. Hier hebt er zwei Legionen aus, führt drei Legionen aus den Winterquartieren bei Aquileia und eilt mit diesen fünf Legionen auf kürzestem Weg über die Alpen ins jenseitige Gallien. In den Alpen besetzten die Keutronen, Graiokeler und Katurigen beherrschende Punkte und versuchten, dem Heer den Weg zu versperren. Caesar schlug sie in mehreren Gefechten und kam von Ocelum, dem letzten Ort der diesseitigen Provinz, nach sechs Tagen ins Gebiet der Vokontier im jenseitigen Gallien;

(S. 17)

Puh. Da hat Rom aber nochmal Glück gehabt, daß dieser Caesar da so schnell reagiert hat. Und bemerkt man die Hinterhältigkeit der gallier nicht auch daran, daß sie sich ihm in den Weg stellen wollten, als er zur Rettung Roms mal eben schnell durch ihr Gebiet musste? Ganz üble Burschen.
Beinahe hätten doch da die Gallier eine gallische Angelegenheit nach gallischer Sitte untereinander geregelt. Das geht ja mal gar nicht. Da blieb Caesar gar keine andere Wahl, hier waren klar römische Interessen in Gefahr, da musste man eben auch mal ein paar Verträge ignorieren, sonst würden die verräterischen und vertragsbrüchigen Helvetier ja ganz in der Nähe von Nachbarn wohnen.

Man darf davon ausgehen, daß nicht alle Senatoren auf Caesars Vernebelungstaktik hereinfielen, aber ich bin sicher, bei etlichen verfehlte seine Rhetorik ihre Wirkung nicht. Und mir jedenfalls ist es immer eine freude, wenn ich ihn erwische und mir denke: „Moment mal, da war doch aber…“)
Was im oben zitierten Beispiel auch recht deutlich wird, ist Caesars präziser, schnörkelloser Stil (übrigens: immer in der dritten Person – es handelt sich ja auch ganz klar um den sachlichen bericht eines Außenstehenden 😉 ). Der macht vor allem dann Spaß, wenn die Geschehnisse an Fahrt gewinnen, denn dann geht es auch im Text Schlag auf Schlag. Und Verhandlungen wirken zwar im Vergleich durchaus zäh, bleiben aber stets gut lesbar. Bemerkenswert finde ich auch seinen konsequenten Verzicht auf Umschreibungen oder Synonyme aus stilistischen gründen. Nö, wenn aufgebrochen wird, dann wird eben aufgebrochen. Da reist man nicht ab oder begibt sich woanders hin – nein, man bricht auf. Für Sprachästheten sicher grenzwertig, aber die können sich ja gerne Alternativen denken.
Was übrigens für Lateinschüler den Vorteil hat, daß die Hälfte des Textes schon mal übersetzt ist, wenn man einmal „proficisci“ kapiert hat. 😉

In Sachen Selbstbeweihräucherung ist mir der Churchill zwar näher, aber auch hier handelt es sich um ein großartiges Werk der politischen Memoiren, einem Genre, in dem zugegebener Maßen recht heftig gedroschen werden muß, eh die Spreu sich vom Weizen trennen läßt.

Zum Schluß noch der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

Für eine Einschätzung der besten Übersetzung sehe ich mich nicht in der Lage, dafür habe ich mein AltphilologieStudium etwas zu zeitig abgebrochen. Verwendet für die obigen Zitate habe ich die Tusculum-Ausgabe, die es glücklicherweise auch als Studienausgabe gibt:

C. Iulius Caesar: Der Gallische Krieg / De Bello Gallico. Lateinisch-deutsch. hrsg. und übersetzt von Otto Schönberger. Artemis & Winkler Düsseldorf / Zürich. 7. Auflage 2009. ISBN: 978-3-7608-1352-3


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*er erhielt außerdem noch Illyricum, aber der Balkan interessiert in diesem Zusammenhang nur peripher. 😉
**die Helvetier. Bekanntermaßen sind die seitdem dort auch nicht mehr rausgekommen.

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