Von Sachsen und anderen Anhaltern

Der Tag fing schon nicht gut an. Zwar erfüllte der Wecker getreulich seine Pflicht, lag aber unglücklicher Weise in unmittelbarer Reichweite meiner Hand, so daß die teuflische Funktion „Snooze-Taste“, deren Erfinder von allen zum pünktlichen Aufstehen verpflichteten Zeitgenossen wohl schon hundertmal verflucht wurde, problemlos nutzbar war. Ich stand also eine Stunde später als geplant auf. Was den sorgfältig geplanten Zeitplan gehörig ins Schwanken brachte, aber kompensierbar war.

Ein nochmaliges Durchgehen des Programms ging aber nicht mehr und so packte ich meine Fahrradtasche, stopfte Bananen und Müsliriegel ins Trikot, schnappte mir meine Flasche und war um 9.21, also mit gut 20 Minuten Verspätung, on the road. Aus einer Großstadt herauszufahren gehört für Velozipedisten zu den enervierendsten Angelegenheiten (nur so viel: An jeder Ampel in Grünau hat mich ein BMX-Fahrer, dessen Utensil nun wirklich nicht für hohe Geschwindigkeiten auf gerade Strecke ausgelegt ist, immer wieder eingeholt…) jedenfalls erreichte ich erst nach einer knappen Dreiviertelstunde den Ortsausgang Leipzig. Was jedes Mal reichlich deprimierend ist – denn ich rechne stets mit einer Gesamtfahrzeit von 2 Stunden nach Weißenfels und ich habe dann nach 45 Minuten nicht wirklich das Gefühl, etwas geschafft zu haben, da ich gerade mal die Stadt verließ.
Nach einigen Versuchen mit anderen Strecken fahre ich inzwischen den kürzesten Weg, was bedeutet, bis zum gestrigen Zielort der B87 zu folgen (was ich nur unerschrockenen Radfahrern empfehlen kann, die keine Angstzustände von vorbeirasenden Motorrädern, glücklich der innerortlichen Geschwindigkeitsbegrenzung entronnenen Autofahrern oder unter Termindruck fahrenden LKWs bekommen und also auch schon mal ein leichtes Drücken in Richtung Straßengraben aushalten können – allen anderen sei zur ca. 10km längeren, aber wunderbar entspannend zu fahrenden Strecke ab Markranstädt über Kleinlehna und diverse Feldwege entlang der Bahnstrecke nach Bad Dürrenberg und von dort an auf dem Saale-Radwanderweg geraten), die sich damit zu einem erheblichen Teil auf der zur Lesung vorgesehenen Strecke der Südharzreise abspielt.
Kaum aus der schützenden Bebauung der Stadt heraus machte sich allerdings mein Lieblingsfreund bemerkbar: Der Gegenwind. Im Zusammenhang mit meinem miserablen Trainingszustand (ich bin seit der Lübeckreise, also in knapp 4 Monaten, alles in allem kaum 100km gefahren…) machte mir das doch ernstliche Sorgen, was ein pünktliches Eintreffen anbelangte.
Sollte jemand in der geneigten Leserschaft noch keine Erfahrungen mit Kilometerangaben auf Vorwegweisern und Ortsausgangsschildern haben, dem sei geraten, sie nicht zu genau zu nehmen. Nach welchen Kriterien die erstellt werden, ist mir ein Rätsel. So sind es zum Beispiel laut Ortsausgangschild Leipzig 2 Kilometer bis Markranstädt – umgekehrt jedoch, auf exakt derselben Strecke vom Ortsausgangsschild Markranstädt nach Leipzig verfünffacht sich diese Strecke. Die Leipziger messen offenbar von Ortsausgangs- zu Ortseingangsschild, was die Markranstädter messen, weiß ich nicht, denn für den Weg zum Ortskern sind die 10km etwas wenig.
Mysteriös wird es aber, betrachtet man die Angaben auf den diversen Wegweisern. Bei Quesitz sind es angeblich noch 26 Kilometer nach Weißenfels (und nach Leipzig 15). Fährt man aber die 5 km nach Lützen, so hat man auf einen Schlag nur noch 16 km bis Weißenfels zu fahren, beim Abzweig nach Röcken rückt dann Leipzig wieder deutlich näher, denn es seien von hier an zwar nur noch 13 Kilometer bis Weißenfels, in die Sachsenmetropole aber auch nur schlanke 17. Und einen dritten Wert für die Gesamtstrecke erhält man in Rippach (einen Ort, in dem ich schon immer mal festhalten wollte, daß es zum Schießstand unter der wunderbaren Adresse „Am Kindergarten“ geht), wo die in Lützen verschwundenen 5km in Richtung Leipzig wieder auftauchen, denn den 8 Kilometern nach Weißenfels stehen nun 27 Kilometer nach Leipzig gegenüber. Zwischen beiden Orten liegen entlang der B87 also entweder 30, 35 oder 41 Kilometer. So genau weiß das keiner.
Ärgerlich an der ganzen Reise war nur, daß ich auf dem Hinweg die nicht gerade üppig beworbene Aral-Tankstelle in Lützen verpaßte und am Ortseingang Röcken aufgrund des erwähnten Zeitdrucks, meines schlechten Allgemeinzustandes und des Wissens, daß der hügelige Teil der Reise erst noch bevorstand, ein Umdrehen für nicht machbar hielt. So verzichtete ich schweren Herzens also auf den ursprünglich vorgesehenen Erwerb einer Nietzsche-Taschenlampe – ein Lacher weniger bei der anstehenden Lesung. Hmpf.
Einige Kilometer später bog ich dann nach Weißenfels ein, in Anbetracht der notwendigen Akklimatisierung bereits Übersetzung und Trittfrequenz reduzierend (was besonders leicht fällt, da es dort ein erhebliches Gefälle gibt – eine große Freude, solange man die umgekehrte Steensche Grundkonstante verkennt: Jede Straße, die hinein führt, führt auch wieder raus.)
Ein paar Mutige fuhren noch mit dem Auto in die Nähe des abgesperrten Gebietes, um die letzten noch freien Parkplätze zu belegen und in der Stadt herrschte bereits der für derlei Volksbelustigungen übliche Trubel. Während also aus den Boxen die Hits vergangener Zeiten dröhnten und diverse Sportvereine ihre Künste vorführten (nicht ohne Erläuterungen freilich, so erfuhr ich en passant, daß Ringen eine der ältesten Sportarten überhaupt ist, sogar schon in der Antike ausgeübt wurde, damals aber mit geölten Körpern), schob ich mein Fahrrad durch die Massen in das wenige, aber wie sich heraustellen sollte, entscheidende Meter vom Hauptgeschehen entfernt gelegenen Novalis-Haus, wo ich ausgesprochen herzlich empfangen wurde.
Zum engagierten Läuten einer nahen Kirche begann die Lesung dann um 12 Uhr vor einem exklusiven Publikum. Selbstverständlich war ich mal wieder großartig, wer nicht da war, hat aber mal sowas von was verpaßt.
En Detail folgendes:

Kurt Tucholsky: An das Publikum und Ideal und Wirklichkeit*

J.W. von Brawe: Monolog des Publius aus „Brutus“ (IV/7)

Frank Fischer: Auszüge aus „Die Südharzreise“ (insbesondere aus: „Leipzig, Telegraph“, „Röcken“, „Weißenfels“ und „Goseck“)

Novalis: Auszug aus „Heinrich von Ofterdingen“ (aus Kapitel 1)

Kurt Tucholsky: Die Zentrale, Mancher lernts nie, Wo kommen die Löcher im Käse her?, Ein Ehepaar erzählt einen Witz, Wo bleiben Deine Steuern?, Kreuzworträtsel mit Gewalt.

Doch immerhin: Die Presse berichtete schon. Wenn auch nicht gerade umfänglich. Kommt aber ja vielleicht noch. Die brauchen ja auch einen Aufmacher für die Seite 1. 😉

Es bleibt zu hoffen, daß die in sechsstelliger Zahl angereisten Besucher des Sachsen-Anhalts in dem Meer aus Ständen und Bühnen noch genug von dieser zu Unrecht von der Tourismus-Industrie vernachlässigten Stadt mitbekommen haben, um gelegentlich noch einmal anzureisen (und dann zum Beispiel das Marktensemble auch wirklich genießen können). Denn, wie bereits erwähnt, Weißenfels ist immer eine Reise wert.

P.S. Falls jemand im Programm den angekündigten Alexander Sergejewitsch Puschkin vermisst: Den habe ich nicht mehr drauf. Da überschätzte ich eindeutig mein Repertoire – 10 Jahre nicht mehr vorgelesen war doch zu lange.


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*das war eine Verlegenheitslösung, da ich den gerade benutzen Band 9 der Gesammelten Werke erfolgreich vor mir versteckt hatte, so kam der dramaturgisch viel sinnvollere Text „Es gibt keinen Neuschnee“ nicht zur Aufführung)

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Von Sachsen und anderen Anhaltern

Ein Gedanke zu “Von Sachsen und anderen Anhaltern

  1. Viel Lärm um NichtsZum Wochenendeende sei noch ein Verweis auf eine andere Seite im Netz gegeben. Bekanntermaßen lebt das Zwischennetz ja genau von diesen Verknüpfungen.
    Dem seien aber noch einige einleitende Worte vorausgeschickt.
    Ich kann unmöglich auf den Blog von T…

    Gefällt mir

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