Das Buch zum Sonntag (57)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Wladimir Kaminer: Russendisko

Bereits in den ersten Wochen dieser Buchempfehlungsreihe wurde aus der geneigten Leserschaft der Wunsch an mich herangetragen, auch einmal Literatur zu empfehlen, die nicht zu ergründen sucht, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und da ich schon immer mal den Satz „Auf Wunsch einer einzelnen Dame“ schreiben wollte, soll es heute also einmal nicht problemschwanger zugehen.
Auf Wunsch einer einzelnen Dame empfehle ich der geneigten Leserschaft heute eine Erzählungssammlung, auf deren Autor ich durch das wohlbekannte Morgenmagazin des öffentlich-rechtlichen Fernsehfunks aufmerksam wurde. Als er dort 2001 die Rubrik „Kaminer in Berlin“ gestaltete und über das Berliner Leben aus seiner Sicht berichtete, überschritt er meine Interessensschwelle, die damals Bestellertiteln gegenüber noch weit höher lag als heute, da ich seinerzeit noch sehr intensiv die Hochnäsigkeit des sich für intellektuell haltenden Lesers pflegte, der also jegliche Literatur, die hohe Verkaufszahlen erreicht, zwangsläufig für minderwertig hält.
„Russendisko“ ist das Debut dieses offenbar hyperaktiven Kunstschaffenden, denn in den letzten 10 Jahren sind nicht weniger als 14 weitere Bücher von ihm erschienen – neben diversen Kulturprojekten, die er, wie die titelgebende „Russendisko“, auch noch betreibt. Redundanzen sind dabei zwangsläufig, schließlich lautet sein Schaffensmotto: „Nie etwas ausdenken, sondern dem Leben vertrauen.“ – und so bunt ein Leben auch sein mag, manchmal wiederholt sich dann doch die eine oder andere Geschichte. Was aber wiederum ja seinem Motto entspricht, was jeder, der schon einmal Großmutters Lebensgeschichten lauschte, bestätigen kann.
„Russendisko“ empfehle ich aus diesem umfangreichen Oeuvre deshalb, weil hier der lakonische Stil Kaminers noch am ausgeprägtesten ist – und daher wunderbar mit den teilweise absurden Geschichten, die er erzählt, kontrastiert.
Im heute empfohlenen Werk erfahren wir viel über seine Ankunftszeit in Deutschland (1990) und die ersten Jahre hier, seine Kinder- und Jugendzeit in der Sowjetunion und seine bemerkenswerte Familie.
Auch wenn Christoph Links mit seinem Titel „Das wunderbare Jahr der Anarchie“ etwas anderes meint, so scheint er mir doch treffend zu sein, für das, was sich in den Monaten vor dem Oktober 1990 abspielte.

Wir drei waren vom Leben im Heim nicht sonderlich begeistert und suchten eine Alternative. Der Prenzlauer Berg galt damals als Geheimtipp für alle Wohnungssuchenden, dort war der Zauber der Wende noch nicht vorbei. Die Einheimischen hauten in Scharen nach Westen ab, ihre Wohnungen waren frei, aber noch mit allen möglichen Sachen voll gestellt. Gleichzeitig kam eine wahre Gegenwelle aus dem Westen in die Gegend: Punks, Ausländer und Anhänger der Kirche der Heiligen Mutter, schräge Typen und Lebenskünstler aller Art. Sie besetzten die Wohnungen, warfen die zurückgelassene Modelleisenbahn auf den Müll, rissen die Tapeten ab und brachen die Wände durch. Die Kommunale Wohnungsverwaltung hatte keinen Überblick mehr. Wir drei liefen von einem haus zum anderen und schauten durch die Fenster. Andrej wurde glücklicher Besitzer einer Zweizimmerwohnung in der Stargarder Straße, mit Innentoilette und Duschkabine. Mischa fand in der Greifenhagener Straße eine leere Wohnung, zwar ohne Klo und Dusche, aber dafür mit einer RFT-Musikanlage und großen Boxen, was seinen Interessen auch viel mehr entsprach. Ich zog in die Lychener Straße. Herr Palast, dessen Name noch auf dem Türschild stand, hatte es sehr eilig gehabt. Nahezu alles hatte er zurückgelassen: sdaubere Bettwäsche, ein Thermometer am Fenster, einen kleinen Kühlschrank, sogar Zahnpasta lag noch in der Küche auf dem Tisch. Etwas zu spät möchte ich Herrn Palast für dies alles danken. Besonders dankbar bin ich ihm für den selbst gebauten Durchlauferhitzer, ein wahres Wunder der Technik.

(S. 28f.)*

Liest man Kaminer, so gewinnt man tatsächlich den Eindruck, daß bei aller Abgedroschenheit des dazu passenden Spruchs die literarische Verfremdung des eigenen Erlebens doch gelegentlich überbewertet wird. Er wirkt auf mich wie ein staunendes, höchst aufmerksames Kind, das mit großen Augen und gespitzten Ohren durch das das Leben geht und abends erzählt, was tagsüber so alles gesehen und gehört hat. So kommt denn eine Merkwürdigkeit zur nächsten. Dieses Buch ist voller bemerkenswerter Figuren und ihrer eigenartigen Lebensgeschichten. Kaminer begegnet erstmals in seinem Leben einem Franzosen, soll für einen Clubmanager eine „russische Liebesgelegenheit“ organisieren und hilft einer Bekannten, einen Fluch loszuwerden. In diese Geschichte hören wir noch einmal kurz rein:

Wir fanden die Geschichte ziemlich komisch, denn seit Ewigkeiten hatte Marina die Kulturlosigkeit ihres Mannes bekämpft. Er saß immer nur zu Hause vor dem Fernseher und zeigte keinerlei Interesse am intellektuellen öffentlichen Leben. Und was passierte? Der Kerl gab irgendwann nach, ging ins Ballett und fiel prompt auf die erste Tänzerin herein, die er in seinem Leben gesehen hatte. Man hätte die Reaktion eines 45-jährigen Mannes, der vorher noch nie eine Ballerina aus der Nähe gesehen hatte, voraussehen können. Allerdings befand Marina, dass sie verhext sei, nämlich von der verstorben Mutter ihres ersten Mannes, und dass sie bestimmt sterben müsse, wenn es uns nicht gelänge, für sie in Berlin eine Hexe zu finden, die sie wieder fit machte.
Da ich mich auf dem Hexensektor überhaupt nicht auskannte, wandte ich mich an einen Freund, der in der Familie als ortskundig galt. Er schlug uns gleich zwei Hexen vor, die seiner Meinung nach dieser Aufgabe gewachsen seien: Eine chinesische und eine afrikanische.

(S. 68f.)

Diese unaufgeregte Erzählweise, die ganz darauf vertraut, daß die Absurdität menschlichen Verhaltens allein die Geschichten trägt, schafft eine ironische Distanz, die dem geneigten Lesenden ein andauerndes Schmunzeln auf die Lippen zaubert. Und ich zumindest bekam eine ungefähre Vorstellung, warum Berlin für viele derart anziehend ist und es schwer fällt, einmal dort angekommen, wieder wegzuziehen.
Trotzdem aber, auch wenn ich damit dem Wunsch der oben erwähnten Dame eventuell mal wieder zuwiderlaufe**, es steckt doch etwas mehr drin in so manchen Erzählungen. Man muß nur genau zuhören.
Es steht aber jedem frei, sie einfach als Erzählungen zu lesen, die ein Schlaglicht werfen auf das Leben in einer deutschen Großstadt. Und inwieweit man über das Leben nachdenken möchte, sei jedem selbst überlassen.

Ich wünsche jedenfalls viel Vergnügen mit einer der

lieferbaren Ausgaben.

P.S. Sehr viel Freude macht übrigens auch Kaminers titelgebende Veranstaltungsreihe „Russendisko“ selbst. Mit seinem Gespür für Absurditäten stellt er höchst bemerkenswerte Erzeugnisse osteuropäischer Musik vor. In Leipzig zum Beispiel das nächste Mal am 2. Oktober. Wer Interesse hat, sollte nicht zu lange zögern, die Karten sind erfahrungsgemäß schnell weg.


Flattr this

*zitiert nach: Kaminer, Wladimir: Russendisko. Manhattan im Wilhelm Goldmann Verlag. München 2002
**Deutschlehrer dieser Welt: Die CC-Lizenz läßt es unproblematisch zu, dieses Beispiel für die Gegenüberstellung der Verwendung von „wieder“ und „wider“ zu benutzen. Gern geschehen. Interessierte Schulbuchverlage dürfen sich gerne bei mir melden.

Advertisements
Das Buch zum Sonntag (57)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s