Das Buch zum Sonntag (56)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Golo Mann: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

Die Trennung von Geschichtsschreibung und Literatur ist recht jung. Ein Wolfram von Eschenbach hätte kaum Gehör gefunden, behauptete er die Fiktionalität seines „Parzival“. Denn selbstverständlich berichtete er von wahren Ereignissen. Die Mehrdeutigkeit des Wortes „Geschichte“ ist ja kein Zufall. Genausowenig wie der zweite Literaturnobelpreis, der an einen deutschen Historiker (oder sollte ich schreiben: den deutschen Historiker? ;)) vergeben wurde.
Und so richtig und wichtig es ist, historiographische Werke auf belegbare Aussagen zu stützen, so bleibt doch festzuhalten, daß Geschichte keine exakte Wissenschaft ist – und es auch nicht sein kann. Alles, was wir zu wissen meinen, ist letztlich Interpretation. Es kann alles auch ganz anders gewesen sein.*
Das Bemühen um größtmögliche Exaktheit der Geschichtswissenschaft führte gerade im zwanzigsten Jahrhundert zu einer Verödung der Sprache und einer gerade unlesbar zu nennenden Fachsprache. Die mag sicher bei der Diskussion um die korrekte Bewertung der Einträge in den Sundzollbüchern notwendig und hilfreich sein, Geschichte aber will erzählt sein. Erst in der Erzählung nämlich entsteht ein gültiges, ein umfassendes Bild dessen, was war – oder zumindest gewesen sein könnte.
Oder, wie Golo Mann selbst in seinem „Plädoyer für die historische Erzählung“ 1979 schrieb:

Keine Theorie gibt uns oder erklärt uns oder entschlüsselt uns die Fülle geschichtlicher Wirklichkeit; man bekommt sie niemals ganz in die Hand, sie ist unerschöpflich; darum muß man sie immer von verschiedenen Seiten angehen, um möglichst viele und weite Gegenden des unbekannten Kontinents zu erkunden.

Daß dies keine Absage an wissenschaftliches Arbeiten ist, dafür steht in meinen Augen Golo Mann.
Seine „Deutsche Geschichte“, erschienen 1958, entwirft, ausgehend von der französischen Revolution (das 19. Jahrhundert muß spätestens dort begonnen werden, denn keine Entwicklung der darauffolgenden Jahrzehnte ist ohne Bezug zur Revolution zu verstehen) bis zu den Tagen der Niederschrift, auf gut 1000 Seiten ein detailliertes und farbenprächtiges Panorama.
Hier mal ein Beispiel aus der Zeit der Paulskirche und dem Versuch einer ersten deutschen Republik:

Zu der Sorge, welche radikale Ausbrüche und Handstreiche bereiteten, kam eine andere, verwirrende: das Problem der fremden Nationalitäten.
Man hatte den Fünfzigerausschuß ergänzen, ihn repärsentativer für Deutschland machen wollen und darum auch einige Österreicher dazu gebeten, darunter den Prager Publizisten Professor Palacký. Die Voraussetzung war, daß Böhmen, wie von alters her, zu Deutschland gehörte. Palacký antwortete, er sei Tscheche und nicht Deutscher. Die Deutschen könnten ihre Republik machen, das sollte ihm willkommen sein; er aber als Tscheche habe damit nichts zu tun. Er sei übrigens nicht bloß Tscheche, sondern Österreicher; Österreich sei das Reich, das den kleinen west- und südslawischen Völkern einen gemeinsamen Schutz gewährte und durchaus nicht zerstört werden dürfte.

S. 205**

Der Nationalismus betrat die Bühne. Während also die liberale Versammlung der Nationalversammlung noch von einem mittelalterlichen, bunten Deutschland träumte, war man andernorts bereits mit ganz anderen Gedanken beschäftigt. Doch vielleicht war die Stelle oben noch nicht sehr geschickt ausgewählt, handelt es sich doch eher um indirekte Rede als eigene Formulierungen Manns.***
Versuchen wir also mal eine andere Stelle, einen Ausschnitt aus dem Portraits Bismarcks, in dem sich manifestiert, was sich die heutige Geschichtsschreibung kaum noch wagt. Der Mut zur Farbe:

Oft, besonders in jüngeren Jahren, äußerte er einen dreisten, fast humorisisch karikierten Standeshochmut, nannte alle bürgerlichen Politiker, die „links“ von ihm standen, „Schneider“ und höhnte, wenn er bei diplomatischen Diners neben einer Kaufmannsgattin zu sitzen kam. Wenn das übertrieben war, wenn er in seinem Auftreten den Reiter und Jäger, den Soldaten, den Herrn vom Lande bewußt spielte, so war er es auch wieder seiner wahren Natur nach. Bildung, Klugheit, Ehrgeiz, Weltläufigkeit, Geschäftsgewandtheit mag man mit dem Milieu der Mutter in Zusammenhang bringen. Was aber seinen Talenten wirkende Einheit gab, die untergründige Kraft, der Wille, die Roheit, deren er fähig war, die unersättliche Erwerbsgier, die sich nicht so sehr auf Geld wie auf Land und Wald richteten, sie waren bismarckischer Natur. Einen intellektuellen Bürger aus ihm machen, der sich als Baron maskierte, hieße das großartig-wirre Bild seines Charakters vereinfachen. Landkind war er wirklich, ein Liebhaber des Waldes und der Tiere; seine Grundansichten über Menschen und Gesellschaft blieben bis zuletzt von ländlich-patriachalischen Eindrücken seiner Jugend mitbestimmt.
Übrigens ist die Frage, was Bismarck von der väterlichen und was er von der mütterlichen Familie hatte, doch nur in unsicheren Grenzen sinnvoll. Sein Bruder Bernhard war ein durchschnittlicher Krautjunker. Der Genius kommt von nirgendwo.

(S. 318)

Da hat man doch jemanden vor Augen, nicht wahr? Das Portrait wird noch weitaus plastischer und differenzierter, der Effekt ist aber, denke ich, bereits ahnbar. In den folgenden Kapiteln, wenn dem geneigten Leser dieser Mensch in seinen öffentlichen Rollen und Handlungen entgegentritt, dann hat er ein Bild im Kopf, dann kann sich vor dem inneren Auge eine Geschichte abspielen, dann wird Geschichte erfahrbar. Was natürlich nicht heißt, daß die Analyse zu kurz kommt – auch wenn Mann den heutigen Ansprüchen der Struktur- und Sozialgeschichte nicht mehr genügen mag, er bewegte sich 1958 aber vollkommen auf der Höhe der Zeit. Es mag also sein, daß die aktuelle Debatte verschiedene Dinge anders sieht – aber im oben beschriebenen Sinne bleibt dieses Werk „wahr“.

Es ist uns im Laufe der Jahrzehnte des Geschichtsunterrichts gelungen, ein Fach, an dem ein geradezu natürliches Interesse seit Kindertagen besteht (wie es denn früher gewesen sei gehört zum Standardfragerepertoire Heranwachsender), derart zu veröden, daß daraus demonstratives Desinteresse geworden ist.
Als Antidot sei heute herzlichst Golo Mann in einer der

lieferbaren Ausgaben

empfohlen.

*Hierzu noch eine kleine Anektode. Ich war immer sehr stolz darauf, diesen Grundsatz formuliert zu haben, in der festen Überzeugung, es handele sich dabei um eine originäre Denkleistung meinerseits. Und dann war ich am 31.10.2009 in der Golo-Mann-Ausstellung im Lübecker Buddenbrookhaus und entdeckte dort groß und unübersehbar an einer Tafel ein nahezu wortgleiches Zitat Manns. Da ich gleichzeitig nicht behaupten kann, diesem Satz nie zuvor begegnet zu sein, auch wenn mir eine bewußte Erinnerung fehlt, erfüllte sich damit wohl ein anderes Diktum des geschätzten Historikers: „Wir alle sind, was wir gelesen.“

**zitiert nach: Mann, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Fischer Taschenbuch Frankfurt/Main. limit. Sonderausgabe 1999

***widerstehen konnte ich trotzdem nicht, ich mag dieses „Die Deutschen könnten ihre Republik machen, das sollte ihm willkommen sein.“ – das Kopfradio assoziiert da sofort Sostschenkos „Agitiert nur, agitiert nur


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