Das Buch zum Sonntag (55)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Franz Schuh: Hilfe! Ein Versuch zur Güte

Franz Schuh, der in diesem Blog bereits empfohlen wurde, ist ein glänzender Essayist*. Was meine Aufgabe hier nicht eben leichter macht, denn beim Herangehen an die heutige Empfehlungsaufgabe las ich mich an jeder aufgeschlagenen Stelle sofort fest und folgte den Gedankengängen des Autors über viele Seiten, während derer er immer mal wieder vom Wege abging, links und rechts ein paar Blümen pflückte, einen pittoresken Strauß band, nur um ganz unvermittelt wieder auf dem Pfade des Grundgedankens aufzutauchen, ihm einige Schritte zu folgen, ehe eine verführerisch duftende Pflanze ihn wieder in Wiese, Wald oder Lichtung driften ließ. So, wie das im Essay auch sein sollen. Und als wahrer Könner seines Faches entläßt er den Lesenden denn auch aus keinem Text, ohne tatsächlich am Ausgangspunkt anzuknüpfen.
Im heute empfohlenen Band arbeitet sich Franz Schuh am vieldeutigen Begriff der Güte ab. Denn „gut“ vermag nun so einiges sein.
So geht er beispielsweise der Frage nach, was denn von der medial aufwändig inszenierten Güte begüterter Gesellschaftsmitglieder zu halten sei:

Es wird aber immer umstritten, also ein Teil besagter Konflikte sein, was man denn für gut oder für gütig zu halten habe. Damit die charity nicht allzu gut davonkommt: Bei ihr blitzt manchmal eine grausame Dummheit auf, ein Zynismus, der in den Spielen des Bessergestellten zum Ausdruck kommt: Einen Wettbewerb zugunsten der Leukämiestiftung José Carreras´, der aus den Disziplinen Elfmeterschießen, Dosenwerfen, Palatschinkenschnupfen und Karaoke besteht und der in Salzburg während der Festspielzeit stattfindet, nennen sie „Fun Trophy“: „Macht die Hochkultur in Salzburg Pause, vergnügen sich die Stars. Etwa bei der ‚Fun Trophy.'“ Ich habe das Gefühl, daß auf dem Weg der Suche nach dem gütigen Menschen nicht zuletzt die Spenderpersönlichkeit ein Thema ist. Charity als gesellschaftliche Veranstaltung bietet einen Einblick in die Charaktere von Menschen, die, wenn sie wollen, spenden können. Ob sie sich etwas Charitymäßiges vorzustellen vermag, wurde die Gattin eines österreichischen Ex-Finanzministers gefragt. Die Öffentlichkeit, das heißt in Österreich der Boulevard, spricht die Dame gerne mit ihrem Vornamen an („Fiona“) und nennt sie „Kristall-Erbin“. Ja, antwortete sie, sie könne sich etwas Charitymäßiges vorstellen, „aber nur für Tiere und kleine Kinder. Nicht für Erwachsene.“

(S. 27)

Das heute empfohlene Werk stand ja bereits für die vorige Woche zur Auswahl und welch prophetische Gabe wäre mir wohl beschieden worden, hätte ich bereits vor sieben Tagen diese Stelle zitiert:

Es gehört zu den sogenannten „wahren Legenden“ der Zeit, daß der Milliardär Warren Buffet der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung 85 Prozent seines Vermögens, fast 30 Milliarden Euro, zur künftigen Bekämpfung von Aids und Malaria schenken will. Buffetts Kinder erhalten nur einen Bruchteil. […] Aber ich stelle am Rande die Frage: Was ist der Mensch? Einer, der im Tod der geliebten Frau den Grund finden kann, sich vom Wahnsinn seines Reichtums zu entlasten? Herrscht dahinter eine noch unbekannte Variation der Wechselbeziehung von Geld, Liebe und Tod? Die schmerzliche, aber einfache Wahrheit des Todes macht aus einem Privateigentümer einen Humanisten, also einen Menschen, der mit Taten, und sei es auf Kosten der eigenen Kinder, bezeugen will, daß ihn die Menschheit persönlich angeht? [[…] Aber der wesentliche Unterschied zum charity-Spektakel liegt weder in einer höheren noch in einer anderen Moral. Er liegt auch nicht in den phantastischen Summen, die zu Gebote stehen. Für mich besteht der wesentliche Unterschied darin, daß hier Reiche die Logistik, mit der sie die Vermehrung des eigenen Vermögens betreiben, für ihre Wohltaten fruchtbar machen. So bleiben sie sich selber gleich, ein wahrhaftiger Luxus, den sich ärmere Reiche nicht gönnen, wenn sie gekünstelt zur charity gute Miene machen.

(S. 41f.)

Schuh kann aber auch anders. Er ignoriert vor allem, und das gehört zu den Dingen, die ich besonders an ihm schätze, die allgemeine Verachtung der Massenkultur – die in meinen Augen auch vollkommen unangebracht ist, da sie zum einen eine Niveaulosigkeit unterstellt, die so ohne weiteres nicht zu behaupten, sondern im Einzelfall zu prüfen ist und zum anderen zu Unrecht deren kulturelle Relevanz ignoriert. Wobei es unfair wäre, nicht darauf hinzuweisen, daß es sich bei der Massenkultur auch um seinen akademischen Arbeitsschwerpunkt handelt. 😉
Jedenfalls finde ich es höchst erfrischend, in einem Absatz über Spaemann zu lesen, um im nächsten, sagen wir mal, auf Derrick zu stoßen. Oder aber, er läßt gleich einmal den Feuilleton-Liebling Daniel Kehlmann (oder wurde der zwischenzeitlich vom Thron gestoßen wegen zu hoher Verkaufszahlen?) selbst die „Simpsons“ zitieren:

„Wie konnte Gott so etwas zulassen?“ lautet in schriller Bekümmernis, also in absoluter Gleichgültigkeit, die Überschrift einer Zeitung. Ja, wie Gott es zulassen konnte, ist eine alte Frage, so alt, daß ich ihr beinahe die aufgeregte Wurstigkeit (oder schlimmer: die Betroffenheit, die sich nicht ausdrücken kann) gönne. So was mündet dann in den (von mir wörtlich zitierten) Vorspann: „Naturkatastrophen und Religion:: Gibt es so etwas wie eine Theologie der Erdbeben? Ist es bei einem Unglück derartig als Sensationsgier, Behördenversagen und Spendenranking zu diskutieren? Wo bleiben die Voltaires, Kants und Rousseaus des 21. Jahrhunderts?“ Ich kann den Autor trösten: Würden sie vor ihm stehen, er würde sie nicht erkennen. Ich gebe zu, sein Deutsch weckt meine Sensationsgier, aber vielleicht kann ich helfen: In seiner Dankesrede für den Candide-Preis des Literarischen Vereins Minden, veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung unter dem Titel Gott begrüßt seine Opfer, hat der Schriftsteller Daniel Kehlmann mit aktueller Schärfe an die andere, an die europäische Tradition Voltaires erinnert. Der Titel seiner Rede stammt aus der Massenkultur, aus einer amerikanischen Comicserie, den Simpsons: „In einer wunderbaren Szene in der voltairischsten Satire unserer Zeit, den Simpsons, wird die halbe Stadt Springfield von einem Wirbelsturm zerstört. Menschen werden davongeweht, Häuser vernichtet, über süßlicher Musik wird ausgeblendet, dann sehen wir die Kirche, ganz geblieben, unmittelbar nach dem Unwetter. Auf einem Schild neben der Pforte steht: ‚God welcomes his victims.'“ […] Und Kehlmann verknüpft zu Recht dieses klassische, von der Naturkatastrophe hervorgerufene Refelexionsereignis, Voltaires Vorsehungskritik, die nicht vergangen, sondern idealtypisch geblieben ist, mit den Reaktionen auf den Tsunami vom Dezember 2004: „(…) man hätte diese Simpsons-Folge vielleicht Ende Dezember eher auf allen Fernsehsendern spielen sollen als die Ansprachen all der Prediger, Psychologen und Berufsbeschwichtiger, die nach dem sekundenschnellen Tod von zweihunderttausend nichts Eiligeres zu sagen hatten, als daß man sich jetzt nicht empören dürfe. Und allenthalben verbot die Pietät jene Frage, die Voltaire sofort gestellt hätte, nämlich: Und warum nicht?“

(s. 126ff.)

Nun bin ich doch wieder ins ganz Ernste abgerutscht, aber ich denke, der Anfang der eben zitierten Stelle läßt Schuhs Fähigkeit zum intellektuellen Spott aufblitzen. Denn eben das gehört ja zum guten Essay dazu: Eine gewisse Leichtigkeit der Form. Wir haben es hier ja nicht mit einer streng wissenschaftlichen Abhandlung zu tun, sondern mit einem frei assoziierenden, durchaus schillernden Werk. Ich hätte hier noch eine köstliche Stelle über eine „Schwester Stefanie“-Folge, die Schuh im Rahmen der bei dieser Thematik ja wohl kaum auszulassenden Überlegungen zum Arzt-Patient-Verhältnis, erwähnt*, aber ich möchte ihn noch einmal zu einer anderen Problematik kurz zu Wort kommen lassen, ehe die geneigte Leserschaft sich aufmacht, den Band zu erwerben:

Dies ist überhaupt der Grund für die moralische Nervosität: Man will Betroffenheit zeigen angesichts eines Leides, das man für unbegrenzt, für unglaublich hält. Zugleich aber erkennt man sehr genau die Begrenztheit der Betroffenheit: Man arbeitet in den Grenzen der garantierten Normalität weiter, also immer auch so, als wäre nichts geschehen; zum Beispiel arbeitet der Journalist wie eh und e am Verkauf von Magazinen. Die kleinen Machiavellis auf den Politologie-Lehrstühlen beginnen Politikern, die – um „glaubwürdig“ zu sein – Betroffenheit zeigen sollen, die Schauspielprüfung abzunehmen: „Die politischen Hauptakteure, auch der Bundeskanzler und die Außenministerin, waren nur bedingt in der Lage, ihre eigene Betroffenheit zu vermitteln und die der Bevölkerung widerzuspiegeln.“ Unbedingt hätten sie in der Lage sein sollen! Natürlich sollte das Betroffenheitsvermitteln nicht gespielt, sondern, wie man das von jedem guten Schauspieler erwartet, authentisch, natürlich sein. Stimmungskanonen, die widerspiegeln, was die Bevölkerung empfindet, sollen helfen gegen das „Bild der verschlossen wirkenden Kommunikation mit wenig gezeigten Emotionen.“

(S. 122f.)

Zum Abschluß noch der übliche Verweis auf die

lieferbaren Ausgabe,

zu deren bibliographischen Angaben zu bemerken wäre, daß ein „ca. 230 S.“ der Wahrheit deutlich näher kommt als die angegebenen „ca. 160“. 😉

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*Wenn mir „Die Zeit“ verspräche, in jeder Ausgabe einen Text von ihm zu drucken, abonnierte ich sie sofort.

**Oder doch, aber nur ein kurzer Ausschnitt: „Stefanie, der die Serie ihren Namen verdankt, ist eine wirkungsvoll konstruierte Krankenschwester, eine Frau von bemerkenswerter Unscheinbarkeit, auf die also die Blicke nicht gerichtet sind, was ihren fast schon hinterhältigen Altruismus plausibel macht; wer selber unbeachtet ist, hat Raum genug, um sich auffällig hilfreich zu betätigen.“ (S. 137)

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Das Buch zum Sonntag (55)

Ein Gedanke zu “Das Buch zum Sonntag (55)

  1. Nachgereicht: Das Buch zum Sonntag (80)Prolog: Der Editionsplan dieses Blogs sieht eigentlich für Samstag, 22 Uhr die Publikation der Buchempfehlung vor. Davon bin ich derzeit weit entfernt und das wird wahrscheinlich auch noch eine ganze Weile so bleiben. Ich bitte die geneigte Leserschaft…

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