Sadako

Kriege fordern immer Opfer. Und diese sind keineswegs nur heroisch im edlen Zweikampfe für Gott, Kaiser und Vaterland gefallene Ritter.
Das sind so Märchen.
Und gerade das zwanzigste Jahrhundert hat dem Kriege die Mittel an die Hand gegeben, seine wahre Natur, seine ganze Fratze in größter Deutlichkeit zu offenbaren. Wer heute noch allen Ernstes behauptet, es handele sich beim Krieg um ein ehrenwertes Geschäft, lügt.
Es gäbe sehr viel aufwallendes zu diesem Thema zu sagen. Ich möchte mich heute aber nicht in Rage schreiben, sondern einfach eine Geschichte erzählen.
Es ist die Geschichte von Sadako Sasaki, einem jungen Mädchen, am 07. Januar 1943 in Hirsohima geboren und dort aufgewachsen. Ein junges, sportliches Mädchen, bei der im Alter von 12 Jahren Leukämie festgestellt wurde. Im Krankenhaus erinnerte sie sich einer alten japanischen Legende, nach der demjenigen ein Wunsch erfüllt wird, der 1000 Kraniche* faltet. Im festen Glauben daran, gesund zu werden, wenn sie es schaffte, eintausend Kraniche zu falten.
Oder nein, es gibt Berufenere, die Sadako Sasakis Geschichte erzählen können:

Familie Sasaki

Ich bin aufgewachsen mit der täglichen, bedrohlichen Angst vor der Atombombe. Keineswegs war ich mir in meiner Kindheit sicher, den nächsten Morgen zu erleben. Die Vorstellung, von einem Menschen bliebe nach Einsatz dieser Waffe nichts mehr als sein in den Stein gebrannter Schatten, prägte meine Kindheit. Ich weiß nicht, wie andere meiner Generation das erlebten oder wie es für später Geborene war – aber für mich war diese Angst real. Jeder Tag konnte der letzte sein. Jeden Tag konnte es geschehen, daß die kurz vorm Kollabieren stehenden imperialistischen Staaten unseren friedliebenden Staat überfallen. Und dabei selbstverständlich vor dem Einsatz furchtbarster Waffen nicht zurückschrecken würden.
Man mag da heute drüber lächeln, man mag das als Indoktrination eines pervertierten Staates abtun – das kann alles sein. Ich weiß nur nicht, ob es mir lieber wäre, es amüsant zu finden, wenn mit Atompilzen Kleidung beworben wird.**
Fakt ist aber, daß es noch immer tausende solcher Bomben gibt und daß wir alles andere als sicher sein können, daß morgen keine über unseren oder den Köpfen anderer explodieren wird.
Es gibt Schätzungen, nach denen unter Berücksichtigung der Spätfolgen 98% der Bevölkerung Hiroshimas an der Bombe gestorben sind. Nun sind solche Schätzungen immer mit Vorsicht zu genießen, da es nicht immer einfach ist, eine singuläre Ursache für zum Teil komplexe Todesursachen zu finden, aber eines hat uns „Little Boy“ gelehrt: Selbst wer einen Bombenangriff überlebt, kann nicht sicher sein, überlebt zu haben, den Schrecken überstanden und verarbeiten zu können – so grausam der Verlust von Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Frau, Kind, Freunden auch gewesen sein mochte – wer der Hölle von Coventry oder Dresden entkommen war, konnte doch sicher sein, sie hinter sich gelassen zu haben.
Die plötzlich erkrankte, fröhlich aufgewachsene, sportbegeisterte Sadako aber lehrt uns: Ihr könnt euch nie sicher sein. Die Bombe verfolgt euch euer ganzes Leben lang. Wer immer mit ihr in Berührung kam, wird keinen Tag sicher sein können, wird nie abschließen können. Für die Bewohner Hiroshimas fiel die Bombe jeden Tag aufs Neue.
Das vergangene Jahrhundert ist voller Grausamkeiten, voller unvorstellbaren Grauens. Es dürfte schwer fallen, ein allgemeingültiges Symbol dafür zu finden. Für mich ist es das kurze Leben dieses japanischen Mädchens, das nichts weiter getan hat, als auf der Welt zu sein und über deren Leben entschieden wurde, daß es weniger wert sei als das eines alliierten Soldaten.***

Man erzähle mir nicht, Krieg sei ein ehrenwertes Geschäft.

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* Kraniche sind in Japan symbolträchtige Tiere. Sie stehen für langes Leben, Glück, die Seele. Origami-Kraniche sind also unverzichtbarer Bestandteil aller Zeremonien, die mit Lebensstationen verbunden sind. Im hier bereits empfohlenen „Roppongi“ von Josef Winkler erscheint im Moment des Todes des fernen Vaters dem in Japan weilenden Autor ein weißer Kranich, der sich an einem nahen See niederläßt. Das trifft es ganz gut.

** Die Werbung war bei mir ein voller Erfolg. Ich habe seitdem nie wieder ein Geschäft dieser Marke betreten.

*** So beispielsweise Churchill in seinen Memoiren. Das dramatische an dieser Sache ist, daß es schwer fällt, dessen Gedankengang (Bombe-Schock-Kapitulation, ergo: keine weiteren eigenen Verluste) zurückzuweisen. Die Logik des Krieges ließ keine andere Bewertung zu. Genau das ist aber das Problem.

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