Entscheidend ist auf´m Platz

Mal wieder eine Volksabstimmung. Mal wieder entschied vox populi anders als das Parlament. Haben die Hamburger es „denen da oben“ mal wieder gezeigt. Wobei bei der Sozialstruktur der Initiatoren und besonders der Abstimmenden die Frage erlaubt sein darf, ob es sich im Falle Hamburg nicht eher um eine Abwehrbewegung derer „da oben“ handelt.
Aber dies nur nebenbei. Mit geht es um etwas anders. Weshalb ich auch kein Wort darüber verlieren möchte, daß es ernstzunehmende Hinweise gibt, den Selektionswahn des deutschen Schulystems fragwürdig zu finden. Des weiteren werde ich auch nichts dazu sagen, wie bemerkenswert viele Menschen entschiedene Aussagen zum Bildungssystem geben mit der einzigen Expertise, selbst einmal Schüler gewesen zu sein. Und ein Thema, zu dem ich nun wirklich nichts sagen werde, ist die Frage, ob eine sechsjähige Primarschule besser ist als eine Selektion von 10jährigen oder ob die Hauptschule abgeschafft gehört und ob es nun besser sein könnte, ein ein-, zwei- oder dreigliedriges Schulsystem zu haben. Selbst die Frage nach integrativen Schulmodellen oder nach Ganztagskonzepten berühre ich bestenfalls am Rande.
Ganz kurz möchte ich aber darauf verweisen, daß es recht sinnvoll sein könnte, einmal darüber nachzudenken, worin eigentlich das Ziel schulischer Bildung bestehen soll. Eine Schule, die brave, gehorsame Erfüllungsgehilfen hervorbringen soll, sieht selbstverständlich anders aus als eine Schule, die selbständige, kritische und kreative Menschen ausbilden will.
Meist steht im Bildungsauftrag für die Schulen etwas in dieser Art. Ich freue mich über jede Wortmeldung aus der geneigten Leserschaft, die beinhaltet, eine Schule zu kennen, die einen solchen Bildungsauftrag erkennen läßt.
Doch wie gesagt, dazu kein Wort.
Denn das sind alles Nebenschauplätze. Hervorragend geeignet für Pressekonferenzen, Profilneurosen oder emotionale Wahlkämpfe („Die Kinder, die Kinder!“).

Entscheidend aber ist auf´m Platz. Was in diesem Falle meint: Im Klassenzimmer.

Es gibt die verschiedensten Erklärungen dafür, warum unsere Schulbildung schlecht ist (uneins ist man sich ja, worin genau die mangelnde Qualität besteht, aber schlecht ist sie wohl auf jeden Fall). Und so wird denn auch trefflich darüber gestritten, welche Stellschrauben des Systems anders justiert werden müssten, wer wo wieviele Jahre und wieviele Unterrichtsstunden in welchen Unterrichtsfächern mit welcher Wichtung zueinander mit welcher Anzahl von Klausuren und Leistungskontrollen bei welchem Umfang von Hausaufgaben „beschult“ wird.
Es gibt kein treffenderes Wort für das tiefsitzende Problem unserer Schulbildung als den administrativen Ausdruck dafür, was IN der Schule geschieht: Dort werden Kinder „beschult“ (deshalb gibt es übrigens auch kein Streikrecht für Schüler – strukturell gesehen wäre das in etwa so als würde der Leisten beim Schuhmacher streiken, weil er nicht bespannt werden möchte oder der Käse im Supermarkt, weil er nicht gelagert oder verkauft werden will). Das öffentliche Nachdenken über Schule endet spätestens an der Tür zum Klassenzimmer, was bizarr ist, weil Schule da überhaupt erst beginnt, wirksam zu werden. Die Frage, ob Schüler etwas lernen und was sie lernen entscheidet sich nirgendwo sonst. Wenn daran also etwas geändert werden soll, dann hilft nur ein Blick in den Unterricht selbst und auf diejenigen, die diesen Unterricht gestalten. Dann müsste auch darüber nachgedacht werden, wie die Lehrenden eigentlich aus- und weitergebildet werden und ob sie überhaupt in der Lage sind, dem umfangreichen Bildungsbegriff, der einer modernen Schule zu Grunde liegt, zu erfassen und umzusetzen.
Die zu beobachtenden Lernerfahrungen von Schülern legen den Verdacht nahe, daß dem eher nicht so ist. Das ist auch nicht weiter überraschend, begünstigt die Lehrerausbildung ja auch eher Menschen, die in der Lage sind, administrative Anweisungen präzise umzusetzen – und eben keinen Schritt davon abweichen, geschweige denn darüber hinausgehen (es würde jetzt endlos werden und ich bin da emotional vorbelastet, aber vielleicht hilft hier ja auch die eigene Erinnerung an die Stunden, in denen mehr oder weniger nervöse Studenten vorne an der Tafel waren und unter dem gestrengen Blick der Fachdidakterin hinten in der letzten Reihe versuchten, eine Stunde zu gestalten: Seid versichert, es geht überhaupt nicht darum, ob die Stundengestaltung Sinn macht, welche methodischen Erwägungen gemacht wurden und ob die Schüler dabei etwas lernen, nein, wichtig ist das Schema und dessen Umsetzung. Funktioniert hat das ganze dann, wenn „die Klasse“ nicht unruhig wurde und brav die im Konzept vorgesehenen Antworten liefert – vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch noch an die innigen Bitten der Klassenlehrer(in) im Vorfeld, bitte nett zu sein und mitzuarbeiten…)

Die pädagogische Freiheit der Lehrenden ist ein hohes Gut und sie ist eine wunderbare Idee. Sie hilft aber rein gar nichts, wenn die Lehrenden gar nicht in der Lage sind, diese Freiheit auch zu nutzen, sondern sie stattdessen als Abwehrbollwerk nutzen, um lästige Eltern oder lästige Kollegen abzuwehren, die sie mit methodischen Vorschlägen behelligen.
Hierzu mal kurz den Hausheiligen:

Laß dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: »Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig Jahren so!« – Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen.

*

Was im Übrigen dann besonders dramatisch wird, wenn man überlegt, daß die erfolgreichsten Schulen ausgerechnet die sind, die sich auf ein schlüssiges pädagogisches Gesamtkonzept geeinigt haben (also Schulen wie diese oder jene). Schulen also, die Lehrenden wie Lernenden Freiräume lassen, gleichzeitig aber klare, erkennbare Rahmen setzen. Wenig ist dem Lernen unzuträglicher als Unberechenbarkeit. Wenn alle 45 Minuten eine vollkommene Neuorientierung stattfinden muß, weil urplötzlich wieder ganz andere Dinge wichtig sind, ganz andere Regeln gelten, ein völlig anderer Umgang miteinander herrscht, so ist das nicht eben der ideale Nährboden für gutes Lernen (man denke nur mal an das eigene Lernen und die Ritualisierung der dazugehörigen Vorgänge und Situationen).
Ein solches Vorgehen freilich läßt sich weder auf ein paar griffige Fromeln reduzieren, noch wäre es zu popularisieren (das ginge nur, wäre das Interesse der Eltern tatsächlich so weit gehend und würde nicht bei „Da mußt Du eben lernen/zuhören/aufpassen“ enden), geschweige denn gäbe es einfache Antworten. Es wäre harte, intensive, tägliche Arbeit.

Nein, da wird lieber noch ein neues Schulstrukturkonzept entworfen und heiß diskutiert, anstatt endlich den Schulen den Raum, die Ruhe und das Personal zu geben, die sie bräuchten, um wirklich gut zu werden.

Wirklich traurig ist aber, daß das alles schon längst bekannt ist. Die Bildungskommission NRW hat in ihrem Bericht auf all diese Punkte bereits 1995 hingewiesen. Und sie hat weiterhin Recht. Es bedürfte eines Systemwandels, eines völlig anderen Herangehens an Bildung – ein paar kosmetische Operationen, und das ist alles, was seither in der Schulpolitik passiert, bringen uns nicht weiter.

*aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 95. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8811 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 49)

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