Rauchzeichen

Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die andern auch nicht.

*

„Aber die Kinder, die Kinder!“

Seit Zensursulas Angriff auf die Informationsfreiheit sollten bei Begründungen für Verbote, die auf dieser Schiene laufen, bei jedem die Alarmglocken schrillen. Die armen, zu beschützenden Kinder, sind ein gar zu wohlfeiles Argument. Exemplarisch dazu mal diese Family-Guy-Folge.

Nun ist es ja nicht so, daß ich die Auswirkungen des Tabakrauches auch und gerade auf Kinder bestreite. Ganz im Gegenteil, ich finde die Debatten darum, ob Passivrauchen denn nun schädlich sei oder nicht, geradezu absurd. Denn die Auswirkungen auf die Gesundheit von Rauchern sind unbestitten – wenn dem aber so ist, so kann Passivrauchen nicht wirkungslos sein. In einem Leserbrief an die seinerzeit höchst tendenziell berichtende taz schrieb ich vom Mysterium der alles absorbierenden Raucherlunge, die benötigt würde, um diesen Effekt zu erzielen.

Was mich aber beunruhigt ist eine ganz andere Entwicklung.
Damit eine Gesellschaft existieren kann, ist es notwendig, sich selbst, die eigenen Ambitionen und Ansichten zurückzustellen – sonst wird das nix mit dem Funktionieren der Gemeinschaft. Das alte Ideal des Citoyen zielt genau darauf. Mir scheint aber, die Erkenntnis, daß wir alle nur Teil einer Gemeinschaft sind, ging irgendwo im Taumel postmoderner Dekonstruktivismusdebatten verloren. Sicherlich hängt es von der Selbstdefinition einer Gesellschaft ab, wie weit die Identifikation des Einzelnen mit ihr gehen soll und es wird auch in der freiheitlichsten Gesellschaft Lebensentwürfe geben, die geächtet sind. Diese Balance gilt es immer wieder neu auszuhandeln und die Menschen haben da im Laufe der Geschichte verschiedenste Verhandlungsstrategien entwickelt (Kriege, Revolutionen, Aufstände, Boulevardzeitungen…)
Je heterogener eine Gesellschaft aufgebaut ist, desto diffiziler ist es, Regeln für das Zusammenleben zu entwickeln, weil auf sehr viel mehr, wenn es hoch kommt, sogar konträrer, verschiedene Lebenskentwürfe Rücksicht genommen werden muß. Und desto problematischer sind fundamentalistische Gruppen. Diese nämlich, das ist per definitionem so, negieren genau diesen Zusammenhang. Im Besitz der alleinselgmachenden Wahrheit sind sie nun aufgerufen, die Menschheit zu bekehren und auf den Pfad der Tugend/Wahrheit//Erleuchtung/Freiheit [die geneigte Leserschaft sei hier aufgerufen, weitere passende Schlagworte zu ergänzen] zu führen.
Womit ich wieder einmal bei meinem Lebensthema wäre, nämlich dem persönlichen Drama von Menschen, die im festen, unerschütterlichen Glauben, für das Gute und Richtige einzustehen, Dinge tun, die von allen anderen nur als falsch, nicht selten sogar grausam, schrecklich, unmenschlich angesehen werden können.
Die Nagelprobe einer jeden Herrschaftsform ist nie, wie und auf welche Weise Macht verteilt wird, sondern immer die Frage, was die Macht der anderen für die Nichtmächtigen bedeutet, für all jene, die anders denken. Aus diesem Aspekt heraus erscheint es mir dramatisch, wenn eine solch fundamentalistisch geführte Initiative nun also Erfolg hatte. Und noch weit schlimmer, hier folge ich ganz und gar der durchaus streitbaren Julia Seeliger, daß eine Partei wie die Grünen, deren Selbstverständnis doch das pluralistische Nebeneinander und Zusammenleben verschiedenster Lebensentwürfe beinhaltet, sich dazu hinreißen läßt, hier eine Diskriminierungs-, wenn nicht sogar Kriminalisierungskampagne zu unterstützen und dabei eine Argumentationskette verfolgt, die jedem Law-and-Order-Politiker Tränen der Rührung in die Augen treiben dürfte. Damit wird einer Stimmung Vorschub geleistet, die Menschen deshalb ausgrenzt und ablehnt, weil sie ein anderes Leben führen möchten, weil ihnen andere Dinge wichtig sind als einer vor lauter irrsinniger Todesangst auf Wellnessgötzen fixierten Gesellschaftsgruppe (die dabei vollkommen zu ignorieren scheint, daß auch die „gesündeste“ Lebensweise rein gar nichtsan der Sterblichkeit ändert).
Ich möchte hier aber nicht mißverstanden werden: Die Situation vor der ersten Runde der Nichtraucherschutzgesetze war ebenso unerträglich. Selbst in einer Stadt wie Leipzig, mit immerhin einer halben Million Einwohner gab es de facto keine Möglichkeit, abends auszugehen, ohne Inhalationen unbestimmbarer Mengen Zigarettenrauches in Kauf zu nehmen. Das freie Spiel des Marktes schaffte da einfach keine befriedigende Lösung. Die daraufhin beschlossenen Regelungen fand ich an sich sinnvoll, es gab weiterhin die Möglichkeiten für Raucher, die Gastronomie nach ihrem Gusto zu besuchen und Menschen, die lieber rauchfrei bleiben wollen, wurde (endlich) die Chance gegeben, dies auch zu tun.
Es ist doch aber absurd, die Ausgangssituation nun umzukehren und jetzt die Raucher auszugrenzen. Genau das aber passiert mit einem kompletten Rauchverbot. Worin besteht das Problem eines separaten Raucherraumes, den ich als Nichtraucher einfach nicht betrete? Warum müssen Menschen vor Dingen beschützt werden, die sie gar nicht bedrohen?
Anstatt also vernünftige Lösungen für ein Zusammenleben zu suchen, sucht man den Weg der Ausgrenzung.
Nun, ich bin sicher, das Rauchverbot, selbst wenn es bundesweit eingefürht würde, brächte unsere Gesellschaft nicht an den Rand des Abgrunds. Aber, ihr lieben Jubler über diesen Erfolg, heute mögen es die Raucher sein (und da gibt es noch ein paar Runden, schließlich müssen wir und die Kinder, die armen Kinder, ja noch an ein paar anderen Orten des öffentlichen Lebens geschützt werden), morgen könnte es aber bereits euer Lebensstil sein. Es sollen ja auch laute Musik, Computerspiele und Autoabgase furchtbar schädlich sein. Und Kindergärten in der Nachbarschaft sind störend. Dann diese Leute mit den Piercings und Tattoos und die mit den schwarzen Klamotten, das sind doch alles Satanisten. Und diese Schwulen, das ist doch krank. Und diese ganzen Ausländer, was die hier wollen.

Die Initiatoren halten diese Volksininitiative für ein gelungenes Beispiel dafür, wie klug es doch sei, „das Volk“ abstimmen zu lassen. Ich halte es für ein gelungenes Beispiel dafür, wie mit Ressentiments Stimmung gemacht wird.

Zum Abschluß noch einmal der Hausheilige:

Den Tag über ist ihr Leben mit lauter Schildern umgattert: DU DARFST NICHT! . . . VERBOTEN! . . . UNTERSAGT! – Einmal, ein einziges Mal will der Mensch das Überflüssige tun, das dem Leben erst die richtige Würze gibt.

aus: Was machen die Leute da oben eigentlich? in: Werke und Briefe: 1930, S. 327. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7526 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 8, S. 149-150)

*aus: Der Mensch. in: Werke und Briefe: 1931, S. 497. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8477 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 230)

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