Das Buch zum Sonntag (51)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Amélie Nothomb: Mit Staunen und Zittern

Juli 2010: Draußen sind 40°C, drinnen laufen die diversen Kühlgeräte auf Hochtouren und die Getränkeindustrie legt Überstunden ein.
Da ich es aber unmöglich verantworten kann, daß die geneigte Leserschaft sich in rettungslose Abhängigkeit von Softdrinks begibt, empfehle ich diese Woche ein Buch, das höchst erfrischend ist.
In Frau Nothombs Roman tritt eine hochqualifizierte junge Europäerin in ein japanisches Unternehmen ein. Wer wissen möchte, was „Clash of civilizations“ wirklich bedeutet, kann das hier lernen. In diversen Reiseführern wird immer wieder behauptet, man könne als Europäer nicht nach Japan reisen, ohne sich zu blamieren. Ich halte diese These übrigens für höchstwahrscheinlich gültig, denn im Laufe der Jahrhunderte, die dieses Land sich vom Rest der Welt abgeschottet hatte, hat sich dort ein komplexes Gebilde an Verhaltensregeln entwickelt, das zu beachten jahrelange Übung benötigt*.
Und so beginnt der erste Arbeitstag von Ameliesan mit einem Fauxpas, gefolgt von einer Lehrstunde in japanischer Mitarbeiterführung:

Die „Herausforderung“, die Herr Saito mir zugedacht hatte, bestand darin, die Einladung eines gewissen Adam Johnson zu beantworten, der am kommenden Sonntag mit ihm Golf spielen wollte. Diesem Herrn mußte ich auf englisch einen Brief schreiben, der ihm Herrn Saitos Einverständnis anzeigte.
– Wer ist denn Adam Johnson? fragte ich in meiner Einfalt.
Mein Vorgesetzter seufzte gereizt und gab mir keine Antwort. War es abnorm, nicht zu wissen, wer Adam Johnson war, oder war meine Frage vielleicht indiskret gewesen? Ich habe es nie erfahren – und wer Adam Johnson ist, weiß ich bis heute nicht.
Die Sache kam mir nicht schwierig vor. Ich setzte mich hin und schrieb einen freundlichen Brief: Herr Saito freue sich schon darauf, nächsten Sonntag mit Herrn Johnson Golf zu spielen, und grüße ihn auf das herzlichste. Damit ging ich zu meinem Vorgsetzten.
Herr Saito las mein Werk durch, stieß einen leisen, verächtlichen Schrei aus und zerriß es.
– Schreiben Sie es noch mal!

(S. 7f.)

Dies wiederholt sich einige Stunden lang. Ameliesan schreibt, Saitosan gibt einen Schrei von sich und zerreißt. Ohne Kommentar, ohne Hinweis, nur ein simples: „Schreiben sie es noch mal!“ Sowas kann einen zur Verzweiflung bringen, insbesondere, da nach einer gewissen Anzahl von Versuchen sich das Gefühl einschleichen muß, niemals ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen. Bei Nothomb aber beginnt hier der Spaß:

Manches an dieser Übung war nicht ohne Witz und erinnerte an das „Sterben machen, schöne Marquise, Ihre schönen Augen mich vor Liebe“ des Bourgeois gentilhomme. Ich experimentierte mit Abwandlungen von grammatischen Kategorien: „Und wenn nun Adam Johnson das Verb würde, der nächste Sonntag das Subjekt, die Golfpartie das Akkusativobjekt und Herr Saito das Adverb? „Der nächste Sonntag sieht herrsaitomäßig erfreut eine Golfpartie adamjohnsonieren kommen.“ Aristoteles würde staunen!

(S. 9)

Man kann erahnen, daß es für die Protagonistin nicht leicht wird, ihren Platz in der Firma zu finden. Ich habe mich beim Lesen allerdings dabei ertappt, daß mich der Fortgang der streckenweise höchst bizarren Story weit weniger gefangen nahm als die Erwartung des nächsten flapsig-ironischen Kommentars.

So wie zum Beispiel hier:

Ich hatte geglaubt, schon zu wissen, was ein Anpfiff ist. Was ich nun erlebte, bewies mir meine Ahnungslosigkeit. Über Herrn Tenshi und mich ergoß sich ein wahnsinniges, ohrenbetäubendes Gebrüll. Ich frage mich heute noch, was schlimmer war, der Inhalt oder die Form.
Der Inhalt waren die unglaublichsten Beleidigungen. Mein Leidensgefährte und ich wurden mit allen erdenklichen Schimpfworten belegt: Verräter waren wir, Nullen, Schlangen, Gauner und – der Gipfel der Schmach – Individualisten.
Die Form bot Erklärungen für vielerlei Besonderheiten der japanischen Geschichte: Um dies wütende Gebrüll zum Verstummen zu bringen, wäre ich zu allem bereit gewesen – die Mandschurei verheeren, Tausende von Chinesen zu massakrieren, mich auf Befehl des Kaiseres umzubringen, mich mit meinem Flugzeug in einen amerikanischen Panzerkreuzer hineinzustürzen, vielleicht sogar in zwei Firmen wie Yumimoto zu arbeiten.

(S. 37)

Und zum Abschluß noch eine höchst prägnante Szene, bei der ich mir von einer Landeskundigen habe erklären lassen, daß sie weit weniger surreal ist, als es dem europäischen Leser zunächst erscheint:

Ich folgte ihm in ein leeres Zimmer. Er stotterte vor Wut:
– Sie haben die Delegation der befreundeten Firma zutiefst verstimmt. Beim Servieren des Kaffees haben Sie Formeln gebraucht, die verrieten, daß Sie perfekt japanisch sprechen.
– Aber ich spreche es nun mal gar nicht so schlecht, Saito-san.
– Seien Sie still! Wer gibt Ihnen das Recht, sich auch noch zu verteidigen? Herr Omochi ist sehr böse auf Sie. Sie haben in seiner Sitzung heute vormittag die Athmosphäre vergiftet: Wie sollten unsere Partner sich gut aufgehoben fühlen, wenn eine Weiße da ist, die Ihre Sprache versteht? Von jetzt an sprechen Sie nicht mehr japanisch.
Ich machte große Augen.
– Wie bitte?
– Sie verstehen kein Japanisch mehr! Ist das klar?
– Aber wegen meiner Kenntnis Ihrer Sprache hat Yumimoto mich doch eingestellt!
– Ist mir egal. Ich befehle Ihnen, kein Japanisch mehr zu verstehen.
– Das ist unmöglich. Niemand könnte einem solchen Befehl gehorchen.
– Gehorchen kann man immer. Das muß doch auch in westliche Gehirne noch hineingehen.
„Da haben wir´s!“ dachte ich, bevor ich antwortete:
– Das japanische Gehirn mag imstande sein, sich zum Vergessen einer Sprache zu zwingen. Das westliche Gehirn leistet das nicht.
Dieses extravagante Argument schien Herrn Saito einzuleuchten.
– Versuchen Sie es trotzdem! Tun Sie wenigstens so! Ich habe in bezug auf Sie Anweisungen erhalten. Wir sind uns also einig?

(S. 17)

Allerdings ist die Sache nicht ganz so einfach. Ein simples „Die spinnen, die Japaner“-Buch wäre mir zu wenig. Der merkwürdigen Faszination, die dieses seltsame Land seit langer Zeit gerade für Europäer ausübt, läßt sich auch hier nachspüren. Es sind eben nicht alles einfach gefühllose Rassisten, die einer gaijin mal zeigen wollen, wo es langgeht. Nein, hinter all diesen Fassaden, hinter den Unterwerfungsritualen, dem merkwürdig erscheinenden Ehrbegriffen stecken immer auch Menschen. Menschen, die fühlen und glauben und leiden. Und diese Menschen läßt Amélie Nothomb hier aufscheinen und es bleibt durchaus die Frage, ob das alles so verrückt ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Ich wünsche jedenfalls einen vergnüglichen Sommernachmittag mit einer

lieferbaren Ausgabe.

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