Die Geißel der Menschheit

Mit der Geißel ist das so eine Sache, zumindest metaphorisch. Denn faktisch ist die recht einfach zu identifizieren, handelt es sich doch um eine Peitsche, die für fetzige Effekte mit Widerhaken versehen wurde.
Nicht so leicht zu fassen ist sie dagegen im übertragenen Sinne. Je nach kulturellem Kontext kann die Geißel ganz verschieden auftreten. Mal als alles dahinraffende Krankheit, mal als böse fremde Macht, die alles vernichten möchte.
Sehr beliebt sind natürlich auch menschliche Eigenschaften. Gier, Rachsucht, Neid – oder auch Verblendung.

Verblendung, also das Versinken in einer Weltsicht, die nur noch Absoluta kennt, einer Weltsicht, die kein Abwägen, kein Verständnis, kein Mitleid, keine Gnade mehr kennt. Verblendung in diesem Sinne macht ein Akzeptieren anderer Lebensweisen als der eigenen unmöglich und führt zu einer Isolation, die je nach Grad nur noch Gleichgesinnte oder gar sich selbst duldet.
Nichts aber ist gefährlicher für die geistige Gesundheit als Ignoranz anderen Ideen und Gedankengängen gegenüber. Was passiert, wenn man nur noch im eigenen Saft schmort, zeigte Eva Herman, die sich seit einiger Zeit redlich bemüht, ihre umstrittene Kündigung nachträglich zu rechtfertigen. In ihrem Kommentar auf der Homepage des Kopp-Verlages hat sie nur Stunden nach dem Ereignis bereits glasklar die Schuldigen ausgemacht. Die Hippies natürlich. Die unsere Kinder („Die Kinder, die Kinder“) zu Drogenkonsum und hemmungslosem Kopulieren verführen und überhaupt die ganzen Sitten und Werte in den Dreck ziehen. Sodom und Gomorrha. Wir werden alle sterben. Süüünder, ihr seid alle Süüüünder. Das ganze Programm (sehr schön übrigens die Fassunglosigkeit des Daniel Schulz in der taz).

Mithin handele es sich nicht einfach um ein Unglück, für das ganz simple menschliche Fehler ursächlich sein könnten, sondern um ein göttliches Strafgericht für Sünder. Wir werden alle sterben.
Nun wäre dies alles keines Wortes wert, Menschen mit merkwürdigen Ansichten gibt es in erheblicher Anzahl und die erregen, sehr zu ihrem eigenen Leidwesen, wenig Aufmerksamkeit. Ich schriebe darüber auch nichts, hätte @formschub Recht.

Leider hat er das nicht. Dafür sind die Verkaufszahlen alleine von Frau Hermans medienverschwörungstheoretischem Werk viel zu hoch. Der Trick, heftige Einwände gegen geäußerte Meinungen als gelenkten Versuch zu deuten, „die Wahrheit“ zu unterdrücken, darf da als symptomatisch für die Publikationen des Kopp-Verlages gelten, der mit dieser Masche regelmäßig in der Spiegel-Bestseller-Liste landet. Um meinen Blutdruck nicht unnötig zu belasten, sei die geneigte Leserschaft auf den Eintrag bei Esowatch verwiesen. Mir geht es um etwas anderes.

Natürlich ist offiziellen Mitteilungen zu mißtrauen. Natürlich ist es wichtig und richtig, Dinge zu hinterfragen. Es gibt wahrscheinlich eine ganze Menge an Seltsamkeiten, die aufgeklärt gehören. Das gilt aber eben nicht nur für „die da oben“, da gilt auch und gerade für Leute, die meinen, alles nun aber ganz genau zu wissen und vor allem deshalb nicht gehört zu werden, weil dunkle Mächte „die Wahrheit“ unterdrücken.
Es könnte nämlich auch sein, daß sie nicht durchdringen, weil sie einfach Unsinn schreiben. Es könnte auch sein, daß es hilfreich ist, mal den eigenen Kopf einzuschalten. Es könnte sein, daß einem dann auffällt, daß die ach so sensationellen Enthüllungen nichts weiter sind als eine geschickte Zusammenstellung unbelegter Behauptungen, Auslassungen oder schlichter Unwahrheiten sind. Als einziges Beispiel sei hier nur einmal auf Herrn Niggemeier verwiesen, der die Methode Ulfkotte offenlegt.

Und wenn man in der ganzen Hysterie der Sensationen mal ganz kurz innehält, dann fällt einem vielleicht auch auf, daß da ein bißchen viel in kurzer Zeit publiziert wird. Aber freilich, Oberchecker brauchen keine Recherche, die wissen alles so. Wenn ich sehe, wie in zehntausenden von Exemplaren Bücher verkauft werden, die nichts weiter enthalten als wütende Angriffe, ganz ohne Rücksicht auf so etwas banales wie Fakten oder logisches Denken, frage ich mich: Wie kommt man dagegen an?

Wenn es wirklich erst einer Eva Herman, gegen deren Gottesverständnis auch einiges einzuwenden wäre (nebenbei, habe ich da etwas beim metaphysischen Konzept „Gott“ falsch verstanden, wenn ich es merkwürdig finde, daß Menschen glauben, Gottes Wille zu kennen?), braucht, um mal nachzufragen, was eine nicht unerhebliche Anzahl Menschen da liest, steht es nicht gut um unsere Gesellschaft. Und das wird ja nicht besser, das Internet hat die Möglichkeiten der Selbstreferentialität erheblich erweitert. Es ist jederzeit möglich, sich mit einer unglaublichen Anzahl von Geichgesinnten zu umgeben. So bizarr das scheint, aber in einer Zeit, in der so viel Information wie wohl in keiner Zeit vorher verfügbar ist, ist es gleichzeitig vollumfänglich möglich, alles zu ignorieren, was der eigenen Wahrnehmung und Überzeugung entgegensteht. Die Geschäftsmodelle, die auf der Grundlage des (sozialen) Verhaltens im Netz entwickelt werden, deuten an, wohin die Reise gehen könnte. Schon heute kann man sich problemlos von einem Gefällt-mir, Gefällt-Dir – Konstrukt zum nächsten hangeln. Wer mir nicht gefällt, den blocke ich halt (meine Timeline auf Twitter zum Beispiel ist eine weitgehend geschlossene Blase). Passen wir hier nicht auf, kann es durchaus geschehen, daß demnächst ein jeder in seiner „Anderen, denen das gefiel, gefiel auch dieses“-Blase lebt. Kaum etwas aber ist wichtiger, als die Fähigkeit zu kritischem Denken, was vor allem meint: Andere Meinungen zuzulassen, anzuhören und abzuwägen – um dann die eigene Position zu hinterfragen. Die vielleicht wichtigste Lehre, die ich aus meinem Geschichtsstudium mitgenommen habe, ist diese:

Es könnte alles auch ganz anders gewesen sein.

Jegliche historische Erkenntnis ist immer vorläufig, ist immer Konstruktion. Sie kann auch gar nichts anderes sein, zumindest so lange, bis der Fluxkompensator Serienreife erlangt hat. Wir waren halt nicht dabei.
Sprich: Der eigene Irrtum ist nie auszuschließen.

Insofern mag auch ich mich irren und das ist alles gar nicht so schlimm. 3 Millionen tägliche BILD-Exemplare und Kopp-Bücher mit sechsstelligen Auflagen brauchen mir vielleicht gar keine Sorgen machen.
Trotzdem verweise ich auf das noch immer maßgebliche Buch zum Thema, in dem am Beispiel des durchaus unsäglichen Herrn Scholl-Latour die Mechanismen dieser sogenannten Experten ganz ausgezeichnet dargestellt werden.

Und der Hausheilige? Was hat der dazu zu sagen? Der spottet mal wieder:

Nach Lektüre aller Leitartikel aber zeigt uns dieser
Vorgang aufs neue:
die Vergänglichkeit der irdischen Werke;
die Größe Deutschlands;
die Wahrheit des christlichen Gedankens;
die Notwendigkeit der Beibehaltung der Simultan-Schule;
die Schurkerei des Bolschewismus
sowie
die Dringlichkeit des Baus einer neuen Eisenbahnbrücke im Kreise Oldenburg-Nord
(Nichtgewünschtes bitte zu durchstreichen!)
P. S. Wie wir soeben von unserm Spezialkorrespondenten erfahren, handelt es sich nicht um den Pont de l’Alma, sondern um die Tower Bridge; auch ist diese Brücke nicht in die Luft geflogen, sondern sie wird frisch gestrichen. Eine Änderung unsres grundsätzlichen Standpunktes kann dies natürlich nicht herbeiführen.
Ereignisse haben manchmal unrecht – die Zeitung hat es nie.

*

Zum Abschluß noch ein Hinweis. Im Gegensatz zu allem, was ich in journalistischen Publikationen gelesen habe, hat mich dieser Beitrag wirklich intensiv berührt. Und ich möchte den gar nicht weiter kommentieren, weil er ganz für sich allein steht und gültig bleibt.

aus: Der Pont de l´Alma fliegt in die Luft! in: Werke und Briefe: 1928, S. 364f. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 6044f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 6, S. 165f.)

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Die Geißel der Menschheit

Das Buch zum Sonntag (54)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Oscar Wilde: Ein idealer Gatte

Prinzipiell bin ich der Meinung, Theaterstücke gehören nicht gelesen, sondern gespielt. Schließlich wurden sie genau dafür geschrieben. Ich fine es sehr wichtig, daß den Figuren und ihren Handlungen durch Schauspieler Leben eingehaucht wird. Diese Vermittlung, diese Interpretation sind es erst, die aus einem guten Stück ein unvergessliches, einprägendes Erlebnis machen.
Unglücklicherweise werden aber nicht immer genau die Stücke gespielt, nach denen einem gerade verlangt. Bis also die Bühne on Demand erfunden wird, bedarf es Ersatzhandlungen. Neben dem Rückgriff auf Verfilmungen oder Filmaufnahmen kommt da eben auch Lesen in Frage.
Ergo: Was sind schon Prinzipien?
Nun, Prinzipien und die Treue zu diesen stehen ganz im Mittelpunkt des heute empfohlenen Buches. Sir Robert Chiltern ist der aufsteigende Stern des britischen Politestablishments und gerät innerhalb eines Tages im Jahre 1895 in heftigste Verwicklungen, bei denen die Beteiligten nicht sauber zwischen privater und beruflicher Sphäre trennen.
Genauer möchte ich mich zur Handlung nicht äußern, wobei mir zu Gute kommt, daß bei den Gesellschaftsstücken Oscar Wildes die Handlung eh nur Kulisse für seine geistreichen Karikaturen sind.
Mal ein Beispiel:

Lord Caversham: Guten Abend, Lady Chiltern! Ist mein junger Nichtsnutz von Sohn hier?
Lady Chiltern lächelnd: Ich glaube, Lord Goring ist noch nicht gekommen.
Mabel Chiltern tritt auf Lord Caversham zu: Warum schimpfen Sie Lord Goring einen Nichtsnutz?
Mabel Chiltern ist ein vollendetes Beispiel für den englischen Typus von Schönheit, den Apfelblütentypus. Sie besitzt die ganze Zartheit und Natürlichkeit einer Blume. Ein unaufhörliches Geriesel von Sonnenlicht ist in ihrem Haar, und der kleine Mund mit den halb geöffneten Lippen ist erwartungsvoll wie der Mund eines Kindes. Die entzückende Tyrannei der Jugend und die erstaunliche Beherztheit der Unschuld ist ihr eigen. Nüchterne Leute erinnert sie nicht an irgendein Kunstwerk. Doch in Wahrheit gleicht sie einem Tanagrafigürchen und wäre recht ungehalten, wenn man es ihr sagte.
Lord Caversham: Weil er ein so müßiges Leben führt.
Mabel Chiltern: Wie können Sie so etwas sagen? Er reitet um zehn Uhr vormittags durch die Rotten Row, geht dreimal wöchentlich in die Oper, wechselt seine Kleidung wenigstens fünfmal am Tag und speist in der Saison jeden Abend außer Haus. Das können Sie doch nicht ein müßiges Leben nennen?

(1. Akt / S. 156f.)*

Im Gegensatz zu anderen Werken, wie, sagen wir mal, Dorian Gray, wird hier also die Paradedisziplin Oscar Wildes, das geistreiche Wortgefecht, nicht unnötig durch schwerwiegende Fragen oder eine mehr oder minder komplexe Handlung gestört. Das ist höchst erfrischend und hat den unschätzbaren Vorteil, daß jederzeit ein Aufschlagen an beliebiger Stelle möglich ist und eine Bemerkung Lord Gorings, ein Seitenhieb Lady Chilterns oder eine Anspielung Mrs. Cheveley´s erheitern das Gemüt.
Trotzdem aber finden sich durchaus Stellen, die den geneigten Zuschauer (bzw. Leser) nachdenken lassen können. Ich verrate diesmal nicht, von wem und an wen diese Worte gerichtet sind, denn es wäre ja höchst unfair, die feingestrickte Handlung vorwegzunehmen. 😉

Denken Sie daran, wohin euer Puritanismus in England euch gebracht hat. Früher maßte sich niemand an, ein wenig besser zu sein als seine Nachbarn. Ein wenig besser zu sein als der Nachbar wurde sogar für überaus vulgär und spießbürgerlich gehalten. Heutzutage, bei der Moralsucht, die bei uns Mode ist, muß jeder als ein Musterbild der Reinheit, Unbestechlichkeit und aller anderen sieben Todtugenden dastehen – und was ist das Resultat? Ihr stürzt alle wie die Kegel – einer nach dem andern. Kein Jahr vergeht in England, ohne daß jemand in der Versenkung verschwindet. Ärgerliches Aufsehen pflegte einen Mannreizvoll oder zumindest interessant zu machen – jetzt vernichtet es ihn.

(1. Akt / S. 174)

Kurz: Für den Fall, daß die geneigte Leserschaft vor ihren unzähligen Bücherregalen steht, nicht weiß, was auf der Lektüreliste als nächstes abgearbeitet werden soll und gerade ein Milchschnittengefühl hat („etwas leichtes, lockeres, das nicht belastet“), so sei herzlichst zu diesem kleinen Kunstwerk geraten.

Neben den

lieferbaren Ausgaben

sei dieses Mal auch die Verfilmung mit einem grandiosen Rupert Everett, einer bezaubernden Minnie Driver und einer perfekt besetzten Cate Blanchett, kurz: Mit einem Ensemble, deren Spaß an der Arbeit geradezu spürbar ist, empfohlen.

*zitiert nach: Wilde, Oscar: Theaterstücke I, aus dem Englischen von Christine Heppener. in: Sämtliche Werke in sieben Bänden, herausgegeben von Norbert Kohl, Band 3. Insel Frankfurt/Main und Leipzig, 2000.

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Das Buch zum Sonntag (54)

Entscheidend ist auf´m Platz

Mal wieder eine Volksabstimmung. Mal wieder entschied vox populi anders als das Parlament. Haben die Hamburger es „denen da oben“ mal wieder gezeigt. Wobei bei der Sozialstruktur der Initiatoren und besonders der Abstimmenden die Frage erlaubt sein darf, ob es sich im Falle Hamburg nicht eher um eine Abwehrbewegung derer „da oben“ handelt.
Aber dies nur nebenbei. Mit geht es um etwas anders. Weshalb ich auch kein Wort darüber verlieren möchte, daß es ernstzunehmende Hinweise gibt, den Selektionswahn des deutschen Schulystems fragwürdig zu finden. Des weiteren werde ich auch nichts dazu sagen, wie bemerkenswert viele Menschen entschiedene Aussagen zum Bildungssystem geben mit der einzigen Expertise, selbst einmal Schüler gewesen zu sein. Und ein Thema, zu dem ich nun wirklich nichts sagen werde, ist die Frage, ob eine sechsjähige Primarschule besser ist als eine Selektion von 10jährigen oder ob die Hauptschule abgeschafft gehört und ob es nun besser sein könnte, ein ein-, zwei- oder dreigliedriges Schulsystem zu haben. Selbst die Frage nach integrativen Schulmodellen oder nach Ganztagskonzepten berühre ich bestenfalls am Rande.
Ganz kurz möchte ich aber darauf verweisen, daß es recht sinnvoll sein könnte, einmal darüber nachzudenken, worin eigentlich das Ziel schulischer Bildung bestehen soll. Eine Schule, die brave, gehorsame Erfüllungsgehilfen hervorbringen soll, sieht selbstverständlich anders aus als eine Schule, die selbständige, kritische und kreative Menschen ausbilden will.
Meist steht im Bildungsauftrag für die Schulen etwas in dieser Art. Ich freue mich über jede Wortmeldung aus der geneigten Leserschaft, die beinhaltet, eine Schule zu kennen, die einen solchen Bildungsauftrag erkennen läßt.
Doch wie gesagt, dazu kein Wort.
Denn das sind alles Nebenschauplätze. Hervorragend geeignet für Pressekonferenzen, Profilneurosen oder emotionale Wahlkämpfe („Die Kinder, die Kinder!“).

Entscheidend aber ist auf´m Platz. Was in diesem Falle meint: Im Klassenzimmer.

Es gibt die verschiedensten Erklärungen dafür, warum unsere Schulbildung schlecht ist (uneins ist man sich ja, worin genau die mangelnde Qualität besteht, aber schlecht ist sie wohl auf jeden Fall). Und so wird denn auch trefflich darüber gestritten, welche Stellschrauben des Systems anders justiert werden müssten, wer wo wieviele Jahre und wieviele Unterrichtsstunden in welchen Unterrichtsfächern mit welcher Wichtung zueinander mit welcher Anzahl von Klausuren und Leistungskontrollen bei welchem Umfang von Hausaufgaben „beschult“ wird.
Es gibt kein treffenderes Wort für das tiefsitzende Problem unserer Schulbildung als den administrativen Ausdruck dafür, was IN der Schule geschieht: Dort werden Kinder „beschult“ (deshalb gibt es übrigens auch kein Streikrecht für Schüler – strukturell gesehen wäre das in etwa so als würde der Leisten beim Schuhmacher streiken, weil er nicht bespannt werden möchte oder der Käse im Supermarkt, weil er nicht gelagert oder verkauft werden will). Das öffentliche Nachdenken über Schule endet spätestens an der Tür zum Klassenzimmer, was bizarr ist, weil Schule da überhaupt erst beginnt, wirksam zu werden. Die Frage, ob Schüler etwas lernen und was sie lernen entscheidet sich nirgendwo sonst. Wenn daran also etwas geändert werden soll, dann hilft nur ein Blick in den Unterricht selbst und auf diejenigen, die diesen Unterricht gestalten. Dann müsste auch darüber nachgedacht werden, wie die Lehrenden eigentlich aus- und weitergebildet werden und ob sie überhaupt in der Lage sind, dem umfangreichen Bildungsbegriff, der einer modernen Schule zu Grunde liegt, zu erfassen und umzusetzen.
Die zu beobachtenden Lernerfahrungen von Schülern legen den Verdacht nahe, daß dem eher nicht so ist. Das ist auch nicht weiter überraschend, begünstigt die Lehrerausbildung ja auch eher Menschen, die in der Lage sind, administrative Anweisungen präzise umzusetzen – und eben keinen Schritt davon abweichen, geschweige denn darüber hinausgehen (es würde jetzt endlos werden und ich bin da emotional vorbelastet, aber vielleicht hilft hier ja auch die eigene Erinnerung an die Stunden, in denen mehr oder weniger nervöse Studenten vorne an der Tafel waren und unter dem gestrengen Blick der Fachdidakterin hinten in der letzten Reihe versuchten, eine Stunde zu gestalten: Seid versichert, es geht überhaupt nicht darum, ob die Stundengestaltung Sinn macht, welche methodischen Erwägungen gemacht wurden und ob die Schüler dabei etwas lernen, nein, wichtig ist das Schema und dessen Umsetzung. Funktioniert hat das ganze dann, wenn „die Klasse“ nicht unruhig wurde und brav die im Konzept vorgesehenen Antworten liefert – vielleicht erinnert sich der eine oder andere auch noch an die innigen Bitten der Klassenlehrer(in) im Vorfeld, bitte nett zu sein und mitzuarbeiten…)

Die pädagogische Freiheit der Lehrenden ist ein hohes Gut und sie ist eine wunderbare Idee. Sie hilft aber rein gar nichts, wenn die Lehrenden gar nicht in der Lage sind, diese Freiheit auch zu nutzen, sondern sie stattdessen als Abwehrbollwerk nutzen, um lästige Eltern oder lästige Kollegen abzuwehren, die sie mit methodischen Vorschlägen behelligen.
Hierzu mal kurz den Hausheiligen:

Laß dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: »Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig Jahren so!« – Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen.

*

Was im Übrigen dann besonders dramatisch wird, wenn man überlegt, daß die erfolgreichsten Schulen ausgerechnet die sind, die sich auf ein schlüssiges pädagogisches Gesamtkonzept geeinigt haben (also Schulen wie diese oder jene). Schulen also, die Lehrenden wie Lernenden Freiräume lassen, gleichzeitig aber klare, erkennbare Rahmen setzen. Wenig ist dem Lernen unzuträglicher als Unberechenbarkeit. Wenn alle 45 Minuten eine vollkommene Neuorientierung stattfinden muß, weil urplötzlich wieder ganz andere Dinge wichtig sind, ganz andere Regeln gelten, ein völlig anderer Umgang miteinander herrscht, so ist das nicht eben der ideale Nährboden für gutes Lernen (man denke nur mal an das eigene Lernen und die Ritualisierung der dazugehörigen Vorgänge und Situationen).
Ein solches Vorgehen freilich läßt sich weder auf ein paar griffige Fromeln reduzieren, noch wäre es zu popularisieren (das ginge nur, wäre das Interesse der Eltern tatsächlich so weit gehend und würde nicht bei „Da mußt Du eben lernen/zuhören/aufpassen“ enden), geschweige denn gäbe es einfache Antworten. Es wäre harte, intensive, tägliche Arbeit.

Nein, da wird lieber noch ein neues Schulstrukturkonzept entworfen und heiß diskutiert, anstatt endlich den Schulen den Raum, die Ruhe und das Personal zu geben, die sie bräuchten, um wirklich gut zu werden.

Wirklich traurig ist aber, daß das alles schon längst bekannt ist. Die Bildungskommission NRW hat in ihrem Bericht auf all diese Punkte bereits 1995 hingewiesen. Und sie hat weiterhin Recht. Es bedürfte eines Systemwandels, eines völlig anderen Herangehens an Bildung – ein paar kosmetische Operationen, und das ist alles, was seither in der Schulpolitik passiert, bringen uns nicht weiter.

*aus: Schnipsel. in: Werke und Briefe: 1932, S. 95. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8811 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 10, S. 49)

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Entscheidend ist auf´m Platz

Datenschutz und so. Ein Lesetipp

Immer wieder kommt es vor, daß ich in den Weiten des Netzes auf Texte stoße, in denen Themen sehr viel besser aufbereitet werden als ich das vermag. Sei es, weil ich mir selbst keine schlüssige Meinung bilden kann, sei es, weil es einfach Menschen gibt, die besser schreiben können.

Heute empfehle ich mal einen Text drüben bei Antje Schrupp, von der ich gelernt habe, daß „Gender“ allen dogmatischen Gräben zum Trotz, ein ernstzunehmendes Thema ist, zum Datenschutz und dem persönlichen Umgang damit. Ich finde, sie macht dort auf einen höchst bemerkenswerten Aspekt aufmerksam, der auch mir etwas zu kurz kommt.

Lektüre und Debatte also bitte dort.

Datenschutz und so. Ein Lesetipp

Verschwindende Künste (2)

Heute: Briefe schreiben

Ich bin kein Freund des Kulturpessimismus. Für dessen Berechtigung ist die abendländische Kultur in den letzten Jahrtausenden ein bißchen zu oft untergegangen. Aber wie ich bereits vor einigen Monaten schrieb, gehen nichtsdestotrotz durch den technologischen Wandel Kulturtechniken mangels Bedarf verloren.
Dazu gehört das Briefe schreiben. Nun meine ich damit nicht, daß Menschen nicht mehr schriftlich miteinander kommunizieren. Ganz im Gegenteil, so viel schriftliche Kommunikation war wohl nie.
Aber genauso wie sich der Umgang mit und die Produktion von Musik durch die Digitalisierung verändert, so verändert sich auch der Umgang mit und die Erstellung von Texten. Deren Struktur wird durch das andere Medium und deren Möglichkeiten massiv beeinflußt. Eine email liest sich ganz anders als ein klassischer, handgeschriebener Brief.
Und ich glaube, daß dies tatsächlich etwas mit dem Material zu tun hat. Einen Füllfederhalter in die Hand zu nehmen, ein schönes Papier auszusuchen, vielleicht ein passendes Heißgetränk, den gewählten Platz zum Schreiben freiräumen und ein paar reinigende Handbewegungen, begleitet von einem Pusten, das die letzten Staubkörner entfernt, um so dem zu beschreibenden Papier den gebührenden Auftritt zu ermöglichen. Eine kurzes Sammeln, ein kleiner Schluck aus der Tasse und dann die ersten Worte, denen bald noch mehr folgen. Ein Fließenlassen, ein Dahinschreiben , ein Versinken in Gedanken.
Es ist die Zeit, die den Unterschied macht. Die Zeit, die sich der Schreibende nimmt, die Zeit aber auch, die der Lesende aufwendet, die Zeit, die vergeht, eh der Brief den Adressaten erreicht, die Zeit schließlich, die das Schriftstück überdauert.
Sicher, es kann auch eine Email ein wunderbarer Ausdruck der Liebe und Zuneigung sein – selbst eine SMS kann ein bewegendes Dokument tiefgreifender Gefühle sein. Aber werden dereinst die Tränen der Kinder oder Enkel voll Rührung darauf tropfen, weil der Zufallsfund auf dem Dachboden ihnen ganz neue Seiten ihrer Eltern oder Großeltern offenbaren?
Natürlich führt die Unmittelbarkeit der elektronischen Kommunikation zu ganz anderem Ausdruck, zu einer ganz anderen Form, einer anderen Sprache. Und zu einer Flüchtigkeit, die in meinem romantisch-verklärten Blick nicht so recht zur Schriftlichkeit passen will. Ist die Entscheidung, einen Brief zu vernichten, noch etwas handfestes, physisches – so genügt im Email-Postfach ein Klick. Bösartige Programme löschen sogar automatisch Nachrichten, die eine bestimmte Verweildauer überschritten haben. Ich nehme jedoch stark an, schon die heute 20jährigen können dieses Unbehagen schon nicht mehr nachvollziehen – es ist insofern also nur vorausschauend, wenn die Post versucht, nun Geld mit Emails zu verdienen. 😉
Es sind ja nicht nur Briefe, die verschwinden, auch die beliebten Postkarten aus dem Urlaub werden immer weniger – wozu sollen die auch gut sein, wenn doch ein paar Klicks am Mobiltelefon mit Kamera genügen, damit alle Freunde am Urlaubserlebnis teilhaben?
Doch es bleibt etwas ganz anderes, sich einen hübschen Stapel mit Bedacht ausgewählter Ansichtskarten zu kaufen, ein Stammcafé aufzusuchen und jede Karte von Hand mit Grüßen und Adresse zu versehen, zu frankieren und am nächsten Briefkasten auf die Reise zu schicken. Das schafft eine viel innigere Verbindung als es jeder flotte Kommentar auf Facebook je könnte.*
Und mal ehrlich, ist die Intensität rituellen Verbrennens von Liebesbriefen des oder der Verflossenen durch das Löschen eines email-Ordners auch nur annähernd zu erreichen? Oder die sentimentale Rührung bei der erneuten Lektüre alter Korrespondenzen, die einem beim Durchstöbern der Umzugskartons in die Hände fallen? Die als Lesezeichen verwendeten Botschaften, die beim Aufblättern eines vor langer Zeit gelesenen Buches herausfallen und sich so wieder in Erinnerung rufen – ob uns das mit 10 Jahre alten SMS wohl auch geschehen wird?

Nun, die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen.
Ich aber werde jetzt mein Netbook schließen, meinen Federhalter** auffüllen, mein bestes Briefpapier herausnehmen und einen Brief an einen lieben Menschen schreiben.

*Was im Übrigen aber ganz ausgezeichnet zur Umwertung des Freundschaftsbegriffs paßt, der dort betrieben wird. Die Menschen, mit denen ich auf Facebook verbunden bin, sind mir keineswegs egal oder gar unsympathisch – aber es sind nun beim besten Willen nicht alles meine Freunde. Eine Freundschaft erfordert in meinen Augen ein Maß an Innigkeit und Belastbarkeit, das weder mit jedem wünschenswert, geschweige denn im erforderlichen Umfange überhaupt leistbar wäre.

**Wobei mein Modell wirklich noch zum Auffüllen ist, also nix da mit Patronen. Es wird schon ein formschönes Tintenfaß benötigt. 😉

Verschwindende Künste (2)

Das Buch zum Sonntag (53)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues

Der erste Weltkrieg gilt als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ und Ende des langen 19. Jahrhunderts (das üblicherweise mit der Französischen Revolution als Beginn gesetzt wird). Für diese Sichtweise gibt es einige Anhaltspunkte. Vielen Kriegsteilnehmern, vielleicht sogar einigen Protagonisten auf Regierungsebene, war nicht annähernd klar, worauf sie sich da eingelassen hatten. Der erste Weltkrieg offenbarte schnell, daß im Zeitalter der Millionenheere der Einzelne nun gar keine Rolle mehr spielte. Die einzigen Aufgaben, die noch blieben, waren das Bedienen von Artilleriemaschinen und das Füllen von Gräbe(r)n.
Was Remarque in seinem Roman gelingt, ist das Portrait einer Generation, die in 4 Jahren Krieg nicht nur traumatisiert wird, nicht nur schreckliche Dinge erlebt, sondern physisch und psychisch vollkommen zerrüttet wird, die nicht nur den Glauben (woran an auch immer) verliert, sondern auch sich selbst. Eine Generation, die jung und enthusiastisch, kaum der Schulbank entronnen, in einen unvorstellbaren Krieg zieht – und verbraucht, zerstört, lebensmüde zurückkommt.
Dieser Roman ist in meinen Augen besonders deshalb so wertvoll, weil er auf Anklagen, Entschuldigungen, Bekenntnisse verzichtet. Er erzählt einfach. Dies aber konsequent. Krieg ist kein reinigendes Stahlgewitter, in dem ein Junge zum Manne reift. Krieg ist vor allem eines: Grauen.

Haie Westhus wird mit abgerissenem Rücken fortgeschleppt; bei jedem Atemzug pulst die Lunge durch die Wunde. Ich kann ihm noch die Hand drücken; -„is alle, Paul“, stöhnt er und beißt sich vor Schmerz in die Arme.
Wir sehen Menschen leben, denen der Schädel fehlt, wir sehen Soldaten laufen, denen beide Füße weggefetzt sind; sie stolpern auf den splitternden Stümpfen bis zum nächsten Loch; ein Gefreiter kriecht zwei Kilometer weit auf den Händen und schleppt die zerschmetterten Knie hinter sich her; ein anderer geht zur Verbandsstelle und über seine festhaltenden Hände quellen die Därme; wir sehen Leute ohne Mund, ohne Unterkiefer, ohne Gesicht; wir finden jemand, der mit den Zähnen zwei Stunden die Schlagader seines Armes klemmt, um nicht zu verbluten, die Sonne geht auf, die Nacht kommt, die Granaten pfeifen, das Leben ist zu Ende.
Doch das Stückchen zerwühlter Erde, in dem wir liegen, ist gehalten gegen die Übermacht, nur wenige hundert Meter sind preisgegeben worden. Aber auf jeden Meter kommt ein Toter.

(S. 97)*

Remarque bleibt aber nicht bei simplen Schilderungen stehen. In der Veränderung, die der junge Paul Bäumer durchläuft, in den Denkweisen, die sich an der Front, nicht nur bei ihm, bilden, offenbart sich das Drama einer verlorenen Generation. Und dies wirkt umso stärker, als es Remarque gelingt, Figuren zu schaffen, die sich auch mit dem Abstand fast eines ganzen Jahrhunderts noch zur Identifikation eignen. Auch ganz ohne eigene Erfahrungen in einem solchen Krieg, fühlt und leidet man auch heute mit Paul und seinen Gefährten. Für mich bleibt „Im Westen nichts Neues“ auch und gerade heute ein Antidot gegen all die hehren Beschwörungen von der Notwendigkeit des Krieges und den großen Dingen, für die es zu töten gilt.

Kantorek kann von Mittelstaedt nichts anderes verlangen, denn er hat ihm einmal eine Versetzung vermurkst, und Mittelstaedt wäre schön dumm, diese gute Gelegenheit nicht auszunutzen, bevor er wieder ins Feld kommt. Man stirbt doch vielleicht etwas leichter, wenn der Kommiß einem auch einmal solch eine Chance geboten hat.
Einstweilen spritzt Kantorek hin und her wie ein aufgescheuchtes Wildschwein. Nach einiger Zeit läßt Mittelstaedt aufhören, und nun beginnt die so wichtige Übung des Kriechens. Auf Knien und Ellenbogen, die Knarre vorschriftsmäßig gefaßt, schiebt Kantorek seine Prachtfigur durch den Sand, dicht an uns vorbei. Er schnauft kräftig, und sein Schnaufen ist Musik.
Mittelstaedt ermuntert ihn, indem er den Landsturmmann Kantorek mit Zitaten des Oberlehrers Kantorek tröstet. „Landsturmmann Kantorek, wir haben alle das Glück, in einer großen Zeit zu leben, da müssen wir alle uns zusammenreißen und das Bittere überwinden.“ Kantorek spuckt ein schmutziges Stück Holz aus, das ihm zwischen die Zähne gekommen ist, und schwitzt. Mittelstaedt beugt sich nieder, beschwörend eindringlich: „Und über Kleinigkeiten niemals das Erlebnis vergessen, Landsturmmann Kantorek!“

(S. 124f.)

Natürlich wurde der Roman 1928 anders gelesen als er heute gelesen wird. Die Zeitgenossen steckten ja selbst in den Schützengräben der Westfront, im zermürbenden, sinnlosen Stellungskrieg und diese geteilte Erfahrung führt zwangsläufig zu einer anderen Rezeption als bei einer Generation, deren Kriegserfahrungen im Wesentlichen aus n-tv-Dokumentationen stammt. Einer der wichtigsten Punkte in der umfangreichen zeitgenössischen Debatte war die Frage, ob denn das alles wahr sei, was da stünde, ob der Herr Remarque dies überhaupt erlebt habe. Zum einen zeigt dies, daß die Authentizitätsfrage, die bei Frau Hegemann durchexerziert wurde, auch schon etwas älter ist, und zum anderen scheint mir eine solche Frage immer ein Versuch zu sein, von den Fragen, die ein solches Werk aufwirft, abzulenken. Dazu mal kurz den Hausheiligen:

Gegen das Buch läßt sich vielerlei sagen.
Man darf den Stilisten Remarque angreifen. (Ich tus nicht – aber so ein Angriff ist denkbar.) Man darf sagen: so ist der Krieg nicht gewesen; der Krieg war edel, hilfreich und gut – die Soldaten haben sich mit
Schokoladenplätzchen beworfen und in den Pausen ihrem Kaiser gehuldigt. Man darf sagen: Der wahre Mann beginnt erst, wenn er seinem Gegner eine
Handgranate in die Gedärme geworfen hat. Man darf vieles über, für und gegen das Buch sagen, fast alles.
Aber eines darf man nicht.
Man darf nicht den Kampf verschieben und sich die bürgerliche Person des Autors vornehmen, dessen Haltung nach einem in der Geschichte des deutschen Buchhandels beispiellosen Erfolg mustergültig ist.
Der Mann erzählt uns keine dicken Töne, er hält sich zurück; er spielt nicht den Ehrenvorsitzenden und nicht den Edelsten der Nation – er läßt sich nicht mehr fotografieren als nötig ist, und man könnte manchem engeren Berufsgenossen soviel Takt und Reserve wünschen, wie jener Remarque sie zeigt.

**

Oder, deutlich prägnanter, vom Verlag freundlicherweise auf der Rückseite der Taschenbuchausgabe abgedruckt, Stefan Zweig: „Ein vollkommenes Kunstwerk und unzweifelhafte Wahrheit zugleich.“
So bleibt denn festzuhalten, daß „Im Westen nichts Neues“ kein Antikriegsroman ist, kein pazifistisches Manifest – aber gerade daraus seine starke Wirkung zieht. Ich kann (oder will?) mir nicht vorstellen, daß jemand nach der Lektüre dieses Romans uneingeschränkt und unerschüttert sich für die Notwendigkeit von Kriegen als Mittel der menschlichen Zivilisation einsetzen kann. Dazu noch ein letztes Zitat:

Das Grauen läßt sich ertragen, solange man sich einfach duckt; aber es tötet, wenn man darüber nachdenkt.
Genau wie wir zu Tieren werden, wenn wir nach vorn gehen, weil es das einzige ist, was uns durchbringt, so werden wir zu oberflächlichen Witzbolden und Schlafmützen, wenn wir in Ruhe sind. Wir können gar nicht anders, es ist förmlich ein Zwang. Wir wollen leben um jeden Preis; da können wir uns nicht mit Gefühlen belasten, die für den Frieden dekorativ sein mögen, hier aber falsch sind. Kemmerich ist tot, Haie Westhus stirbt, mit dem Körper Hans Kramers werden sie am Jüngsten Tage Last haben, ihn aus einem Volltreffer zusammenzuklauben, Martens hat keine Beine, Meyer ist tot, Marx ist tot, Beyer ist tot, Hämmerling ist tot, hundertzwanzig Mann liegen irgendwo mit Schüssen, es ist eine verdammt Sache, aber was geht es uns noch an, wir leben. Könnten wir sie retten, ja, dann sollte man mal sehen, es wäre egal, ob wir selbst draufgingen, so würden wir loslegen; denn wir haben einen verdammten Muck, wenn wir wollen; Furcht kennen wir nicht viel – Todesangst wohl, doch das ist etwas anderes, das ist körperlich. […]
Und ich weiß: all das, was jetzt, solange wir im Kriege sind, versackt in uns wie ein Stein, wird nach dem Kriege wieder aufwachen, und dann beginnt erst die Auseinandersetzung auf Leben und Tod.

(S. 100f.)

Und nun gehet hin und lest, vielleicht aus einer der

lieferbaren Ausgaben.

*zitiert nach: Remarque, Erich Maria: Im Westen nichts Neues. Kiepenheuer & Witsch Köln. 5. Auflage 1999

**aus: Hat Mynona wirklich gelebt? in: Werke und Briefe: 1929, S. 636f. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 7123f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 7, S. 283) – Der Hausheilige hält Remarques Werk im Übrigen für kein originär pazifistisches Werk und zudem auch nicht für überragend. Aber immerhin für ein gutes Buch.

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P.S. Ich kann nicht über dieses Buch schreiben, ohne auf dieses Lied zu verweisen. Wer das hören kann und dann immer noch den dringenden Wunsch verspürt, Soldat zu sein – nun, der soll es auch werden. Allen anderen wäre abzuraten.

Das Buch zum Sonntag (53)

Das Buch zum Sonntag (52)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten

Leichte Urlaubslektüre ist dieses Buch eher nicht. Gerade deshalb wäre aber vielleicht gerade ein Urlaub genau der richtige Zeitpunkt, um es zu lesen. Denn Littell hat hier einen sehr dichten Roman geschrieben, der in kleinen Portionen und nur zwischendurch kaum zu erfassen sein dürfte.
Ich möchte daher auch nur ein paar wenige Aspekte herausgreifen, die es mir Wert erscheinen lassen, dieses Werk zu lesen.
Erzählt werden die fiktiven Erinnerungen eines Fabrikbesitzers aus Frankreich, Dr. iur. Maximilian Aue, SS-Offizier, französisch-deutscher Herkunft, intellektuell, homosexuell und an nahezu allen entscheidenden Orten des Krieges im Osten dabei.

Blobels Argumente waren gar nicht so dumm: Wenn der höchste Wert das Volk ist, zu dem man gehört, und wenn der Wille dieses Volkes in seinem Führer verkörpert ist, dann, in der Tat, haben Führerworte Gesetzeskraft. Trotzdem war es von entscheidender Bedeutung, die Notwendigkeit der Führerbefehle für sich selbst zu verstehen und anzunehmen: Wenn man ihnen bloß aus preußischem Gehorsam, aus knechtischer Gesinnung folgte, ohne sie zu verstehen und zu akzeptieren, das heißt sich ihnen zu unterwerfen, war man lediglich ein Schaf, ein Sklave und kein Mensch.“

(S. 147)*

Hier schimmert kurz auf, was für mich einen der stärksten Punkte, die für dieses Buch sprechen, ausmacht: Littell unternimmt den Versuch, die Protagonisten der NS-Nomenklatura in ihrem Weltbild Ernst zu nehmen. Was könnten diese Menschen gedacht haben, wie sah es wohl in ihnen aus, wenn sie das alles wirklich geglaubt haben? Was, wenn sie wirklich und ernsthaft annahmen, im Recht zu sein? Das Richtige und Gute zu tun?
Und nur wenige Sätze nach dem obigen Zitat kommt das auch mehr oder weniger direkt zur Sprache, wenn Max Aue über die gefangenen und verhörten Offiziere der Roten Armee nachdenkt, von denen die offizielle Propaganda verlautbarte, daß sie Untermenschen seien:

[…] und ich konnte mich der Einsicht nicht verschließen, dass auch sie Menschen wie wir waren, Menschen, die nur das Beste wollten, die ihre Familie und ihr Vaterland liebten. Trotzdem hatten diese Kommissare und Offiziere den Tod von Millionen ihrer eigenen Landsleute verschuldet, sie hatten Kulaken deportiert, die ukrainische Landbevölkerung verhungern lassen, die Bourgeois und Abweichler unterdrückt und erschossen. Unter ihnen gab es natürlich Sadisten und Verrückte, aber auch gute Menschen, die aufrichtig das Beste für ihr Volk und die Arbeiterklasse wollten, und wenn sie irrten, so blieben sie doch guten Glaubens. […] auch bei unseren Feinden vermochte sich ein gute und ehrlicher Mensch davon zu überzeugen, dass er schreckliche Dinge tun müsse.

(S. 147f.)

Max Aue ist in meinen Augen ein höchst unwahrscheinlicher Charakter. Mir ist das alles ein bißchen sehr viel, was Littell da in ihn hineinlegt. Aber: Er ist eine intellektuelle Herausforderung, eine Aussage, die sich auf den ganzen Roman anwenden läßt. Selbst wenn man all die unzähligen Intertextualitäten nicht versteht, bleibt hier eine Herausforderung bestehen. In seiner scheinbaren Kälte, die doch eigentlich viel mehr Exaktheit ist, fordert das Buch den Lesenden heraus. Es ist kein Vergnügen, es macht an keiner Stelle Spaß, diesen Roman zu lesen, aber es war mir gleichzeitig unmöglich, mich ihm zu entziehen. Indem Littell hier sehr glaubwürdig aufzeigt, wie die Elite des NS-Staates gedacht und gehandelt haben könnte, welche Grundlagen das Handeln und Denken dieser ja keineswegs einfach nur tumben, gewaltsüchtigen Gestalten (die es auch gab und die er hier auch nicht ausklammert) hatte, wirft er der heutigen Erinnerungskultur, die ja in Wirklichkeit eine Verdrängungskultur ist, den Fehdehandschuh hin.
Wie auch immer man sich also zu diesem Werk positioniert, ich halte es für wichtig, es zu lesen, denn es ist ein starkes Buch. Befremdend, vielleicht. Herausfordernd, bestimmt. Schön, auf keinen Fall. Notwendig, unbedingt.

Und um den Fehdehandschuh auch der geneigten Leserschaft hinzuwerfen, sei noch folgender Dialog zitiert, der mitten in der Schilderung des Vormarsches der deutschen Truppen samt der Maßnahmen zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung auftaucht:

„Pjatigorsk gefällt Ihnen also?“, fragte mich Voss. Ich lächelte, ich freute mich, ihn hier anzutreffen. „Ich habe noch nicht viel gesehen“, sagte ich. „Wenn Sie Lermontow mögen, ist die Stadt eine echte Pilgerstätte. Die Sowjets haben in seinem Hause ein hübsches kleines Museum eingerichtet. Wenn Sie mal einen freien Nachmittag haben, gehen wir es besichtigen.“ – „Gerne. Wissen Sie denn auch, wo das Duell stattgefunden hat?“ – „Das von Petschorin oder das von Lermontow?“ – „Das von Lermontow.“ – „Hinter dem Maschuk. Da gibt es natürlich ein grässliches Denkmal. Und stellen Sie sich vor, wir haben sogar eien seiner Nachkommen ausfindig gemacht.“ Ich lachte: „Nicht möglich.“ – „Doch, doch. Eine Frau Jewgenija Akimowa Schan-Girej. Sie ist sehr alt. Der General hat ihr eine Pension ausgesetzt, geoßzügiger bemessen als die der Sowjets.“

(S. 352f.)

Lieferbar ist der Roman in

diesen Ausgaben.

*zitiert nach: Littell, Jonathan: Die Wohlgesinnten. Berlin Verlag, Berlin 2008.

P.S. Mit meinem Versuch, dieses der geneigten Leserschaft ans Herz zu legen, werde ich dem Roman mitnichten gerecht werden. Aber zum Glück gibt es Menschen, die das können. Frank Fischer hat im Umblätterer seinerzeit 10 Aspekte des Werkes untersucht. Da aber eine nicht zu unterschätzende Spoilergefahr besteht, sollte dieser Link erst nach erfolgter Lektüre benutzt werden.

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Das Buch zum Sonntag (52)