Forever young.

Meine Tochter wird in Kürze eingeschult. Das ist ein großer Schritt, zumindest für ihre Eltern.
Zu den üblichen Initiationsritualen für Eltern gehört in solchem Zusammenhang der Einführungselternabend. Solch ein Elternabend ist eine wichtige Sache und ich bin mir sicher, es wird auf Jahre hinaus der bestbesuchte Elternabend sein, an dem ich teilnehme. Dementsprechend gut gefüllt war denn auch der Versammlungsraum, in dem sich die aus Kindergarten-, Spielplatz- oder sonstigen Zusammenhängen bereits vertrauten Eltern nach peer-groups sortiert platzierten.
Faszinierend war aber, was danach geschah. Wahrscheinlich gibt es in den Wänden und Möbeln der Schule energetische Strömungen geben, vielleicht schwirren auch noch die Geister einstiger mit redundanten Schreibübungen und Moralpredigten anläßlich ungespitzter Bleistifte gequälter Schüler dort herum, möglicherweise gibt es auch einfach eine Wasserader, auf jeden Fall verwandelten sich die noch vor der Eingangstür prinzipiell als „erwachsen“ zu bezeichnenenden Gäste nach Betreten des Schulgebäudes unmittelbar in aufgekratzte Grundschüler.
Es spielten sich dramatische Szenen am Tisch der ausliegenden Klassenlisten (doch, natürlich ist es wichtig, ob das Kind in die 1a, b, c oder d kommt, insbesondere, wenn man die Lehrer noch überhaupt nicht kennt und die Liste sich nicht verändert, wenn man 5 Minuten später darauf schaut, aber Menschen sind ja immer sehr aktiv, wenn es um Dinge geht, die gar nicht mehr zu ändern sind) und der Raum, in dem die bahnbrechenden Informationen zum Schulbeginn mitgeteilt werden sollten, war von jenem typischen Geräuschgemisch angefüllt, wie es nur durch präpubertäres Gekicher und Getuschel entsteht.
Ich weiß nicht, ob Lehrer einfach nicht anders können oder ob unser Verhalten keine andere Reaktion ermöglichte, jedenfalls verging der Abend in einer wunderbaren Show typischen (Grundschul-)lehrerverhaltens mit allem, was das Herz begehrt: Das vereinnahmende „wir“ fehlte ebenso wenig wie die erhobene Stimme oder, mein Liebling, die Sprechpause samt ernerviertem Blick in die Klasse, ähm, Runde.
Andererseits: Warum eine erfolgreiche Strategie wechseln? Und in der Tat, der bunte Haufen, der bereits nach 20 Minuten schon kaum noch aufnahmefähig war, ließ sich mit den bewährten Techniken auch einigermaßen kontrollieren, was freilich nicht vor Fragen bewahrte, die ganz offensichtlich machten, daß das Publikum weder willens noch fähig war, den Ausführungen zu folgen. Ich möchte die geneigte Leserschaft nicht mit Deails belasten, aber es wurde tatsächlich ausschließlich nach Dingen gefragt, die gerade eben erst erklärt wurden. Es dürfte also kaum verwundern, daß die Lehrerende mit meiner Anmerkung, das freundliche Angebot der Schule bei der örtlichen Buchhandlung bestellen lassen unter Hinweis auf meine Berufstätigkeit im verbreitenden Buchhandlung, abzulehnen und daher eine Mitnahme des Bücherzettels zur Verwendung der dort verzeichneten bibliographischen Angaben für eine eigene Bestellung zu erbeten, intellektuell zunächst überfordert war. Als sie kurze Zeit später verstand, was ich meinte, unter Hinweis auf die hohen Temperaturen um Verzeihung bat und sich erbot, nach Ende der Veranstaltung eine Photokopie anzufertigen, hatte ich die ISBN und Kurztitel bereits weitgehend in mein Notizbuch übertragen.
Ich fand es höchst bemerkenswert, daß die anwesenden Eltern nicht in der Lage waren, 45 Minuten einfach mal zuzuhören. Offenbar reicht dafür die Aufnahmefähigkeit nicht, was jedenfalls an Nebengesprächen zu beobachten war, machte schlagartig klar, warum es Handyverbote und erzwungene Sitzordnungen gibt.Mit anderen Worten: Wahrscheinlich werden wir zu den ganz wenigen Deppen gehören, die sich an die dringende Bitte, wegen des beschränkten Platzes mit nicht mehr als 4 Personen zur offiziellen Schuleingangsfeier aufzutauchen, halten werden.
Die einzige Frage, die ich noch nicht geklärt habe, ist, ob ich es schlimmer finden soll, wie ein Grundschüler behandelt worden zu sein oder die Tatsache, daß diese Methoden funktionierten (insbesondere dieser Trick mit der Sprechpause – es war sofort Ruhe und die Köpfe senkten schuldbewußt Richtung Tischplatte, also, bis zum nächsten Mal natürlich).

Den Hausheiligen habe ich in letzter Zeit sträflich wenig zu Wort kommen lassen. Dafür soll er heute einmal ausführlich zu Wort kommen. Inspiriert zu dieser Auswahl hat mich der, nennen wir es freundlich, tendenziöse Vortrag der stellvertretenden Schulleiterin zur Frage, ob Ethik oder Religion gewählt wird, der im Wesentlichen darin bestand, die Vorzüge des Ethikunterrichts, dessen Lehrinhalte und all die unüberwindlichen organisatorischen Schwierigkeiten, die mit der Wahl eines Religionsfaches verbunden wären, aufzuzählen – freilich nicht ohne ihre eigene Abneigung gegen jeglichen Glauben zum Ausdruck zu bringen (was ich für höchst problematisch halte, denn gerade in der Ethik geht es weit weniger darum, ob die diversen großen Erzählungen in einem wissenschaftlichen Sinne stimmen, sondern doch wohl eher darum, was sie für das Handeln und Zusammenleben bedeuten). Jedenfalls erinnerte mich die von unverhohlener Verachtung geprägten Äußerungen daran, einmal zu überlegen, inwieweit eigentlich der behauptete gesellschaftliche Wandel der letzten 20 Jahre tatsächlich in der Schule angekommen ist (die geneigte Leserschaft weiß schon: Respekt anderen Weltanschauungen gegenüber und so). Ganz ähnliche Fragen stellte sich auch der Hausheilige.

Die Schule

Wer die Schule hat, hat das Land.
Aber wer hat die bei uns in der Hand!

Du hörst schon von weitem die Schüler
schnarchen.
Da sitzen noch immer die alten Scholarchen,
die alten Pauker mit blinden Brillen,
sie bändigen und töten den Schülerwillen.
Und lesen noch immer die alte Fibel
und lehren noch immer den alten Stiebel:

Wie in den alten Zeiten die wichtigen Schlachten
die großen Völkerentscheidungen brachten,
wie die Fürsten und die Söldnerlanzen
den großen blutigen Contre tanzen,
und ohne die heilige Monarchie
sei die Hölle auf Erden – und schließlich, wie
die Völker nur eigentlich Statisten seien.
Man müßte ihnen die Dumpfheit verzeihen.
Könnten eben nichts weiter dafür . . .

Und sie lernen vom Kupfercyanür.
Und von den braven Kohlehydraten.
Und von den beiden Koordinaten.
Und von der Verbindung mit dem Chrome.

Lernen auch allerhand fremde Idiome.
Ut regiert den Konjunktiv.
Polichinelle ist ein Diminutiv.
Und was so dergleichen an Stoff und an Wissen.

Himmelherrgott! ist die Schule beschmissen!
Seelenmord und Seelenraub!
Unter die Kruste von grauem Staub
drang auch kein Luftzug der neuen Zeit.
Der alte Schulrat im alten Kleid.
Wundert euch nicht! Was kommt aus dem Haus
schließlich nach Oberprima heraus?

Ein nationalistischer langer Lümmel.
Gut genug für den Ämterschimmel.
Gut genug für die alten Karrieren –
als ob die heute noch notwendig wären!

Türen auf und Fenster auf!
Lege deine Hand darauf,
lieber Herr Haenisch, und zeige den Jungen,
wie die alten Griechen sungen –
aber ohne die Philologie
und ohne die Kriegervereinsmelodie!

Wer die Jugend hat, hat das Land.
Unsre Kinder wachsen uns aus der Hand.
Und eh wir uns recht umgesehn,
im Handumdrehn,
sind durch die Schulen im Süden und Norden
aus ihnen rechte Spießbürger geworden.

aus: Werke und Briefe: 1919, S. 288-290. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 1398-1400 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 2, S. 131-132) (c) Rowohlt Verlag

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