Das Buch zum Sonntag (49)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Benjamin Stein: Die Leinwand

Was macht eigentlich unsere Identität aus?
Wie definieren wir uns selbst, wenn nicht über das, was wir erlebt haben, was wir erinnern?
Und was passiert eigentlich, wenn wir nicht mehr wissen, welche unserer Erinnerungen überhaupt wahr sind?
Können Erinnerungen überhaupt „wahr“ oder „gelogen“ sein?

Es sind nicht gerade die kleinen Fragen des Lebens, denen Benjamin Stein in seinem Roman nachgeht. Dem Diffusen und Mäandernden seines Gegenstandes entsprechend handelt es sich denn auch um keine linear erzählte Geschichte, was meinen Job hier freilich nicht einfacher macht.
Es fällt mir überhaupt schwer, irgendetwas über den Inhalt zu verraten, weil es sich bei Steins Roman um ein Buch handelt, das es zu entdecken gilt. Ich bin davon überzeugt, daß jeder Leser hier ein zum Teil völlig anderes Buch zu lesen vermag, je nachdem, von welcher Seite aus er es beginnt. Und das gilt in diesem Falle sogar wörtlich, gibt es doch tatsächlich zwei Anfänge, einmal aus der Perspektive des Protagonisten Jan Wechsler und einmal aus der von Amnon Zichroni. Schon allein die unterschiedliche Wahl zwischen diesen beiden Protagonisten wird unweigerlich dazu führen, unterschiedliche Bücher zu lesen. Es sei denn, es gibt in der geneigten Leserschaft Menschen, die in der Lage sind, Teile ihrer Erinnerung komplett auszuschalten, so daß sie bei der Lektüre Zichronis ausblenden können, was sie bei Wechsler lasen – et vice versa. Diskussionen über dieses Buch stelle ich mir höchst fruchtbringend vor.

Mich beeindruckte die Tiefe und Genauigkeit, mit der Stein das Seelenleben seiner Protagonisten ausleuchtet, wie er sie an allem zweifeln läßt, an der Welt, ihren Werten, vor allem aber: sich selbst.

Ich greife mal ein paar Stellen heraus, die mir, aus ganz verschiedenen Gründen, besonders eindrücklich erschienen, in der Hoffnung, damit die geneigte Leserschaft zur Lektüre zu bewegen. Denn zum Inhalt kann und will ich wirklich nichts verraten.

Dieses Versunkensein im eigenen Ich war so stark, dass es lang brauchte, bis mir überhaupt klar wurde, dass ich sie ausschloss. Mein Gefühl sagte mir, dass ich sie in Liebe und Aufmerksamkeit badete. Jeder zweite Gedanke falt ihr. Sie machte mich glücklich wie noch niemand zuvor. Und ich konnte gar nicht begreifen, dass sie dies nicht wahrnahm, sondern im Gegenteil glaubte, ich interessiere mich für alles Mögliche, nur nicht für sie.
[…]
Mitunter kam es vor, dass ich sie mit einer Bemerkung überraschte, die ich für ganz belanglos hielt, weil keineswegs neu. Wie selbstverständlich bin ich jeweils davon ausgegangen, dass sie doch wissen muss, was ich denke und fühle, nicht zuletzt, weil ich mir sicher war, es schon dutzende Male ausgesprochen zu haben. Und dann erfuhr ich von ihr, dass ihr völlig neu sei, was ich erzählte, und ich mir nur eingebildet hatte, ihr alles mitgeteilt zu haben.

(S. W74f.)

Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag die Buchhandlungen im Zentrum abklapperte in der Hoffnung, einen Hilbig-Band zu finden. Jeder Buchhändler bot an, das Buch zu bestellen. Aber ich wollte es jetzt, sofort, ohne noch länger zu warten. Überhaupt fand ich es unfassbar, dass in einem Land, in dem man Hilbig lesen durfte, seine Bücher nicht in allen Buchhandlungen auslagen. Vielleicht sagte ich das sogar. Der Verkäufer in der Autorenbuchhandlung am Savigny-Platz zeigte mir jedenfalls einen Vogel.

(S. W.112f.)

Die Maschine Mensch musste funktionieren. War sie gestört, wurde grobes Werkzeug bemüht, damit sie wenigstens keinen Schaden anrichten konnte oder, besser noch, sich als Hilfsmaschine mit eingeschränkter Leistung wieder in die gesellschaftlichen Prozesse integrierern ließ. Menschen, die in anderen Kulturen als Heilige mit dem Zweiten Gesicht verehrt worden wären, wurden in den Kliniken weggesperrt und schemisch ruhiggestellt, damit sie nur ja nicht auffielen.
Dieses Menschenbild war mir fremd. Wie könnte auch jemand, der wie ich den menschen als in Gottes Ebenbild geschaffen betrachtet, erwägen, einem Patienten chirurgisch ganze Hirnareale zu entfernen und ihn zu einem nahezu willenlosen Geschöpf zu machen?

(S. Z.118)

Und noch eine Stelle, die ich aus mir selbst nicht restlos erklärlichen Gründen sehr rührend finde.

Auch als die Polizei kam, die vom Notarzt gerufen worden war, blieb ich sitzen. Die Beamten berieten sich kurz mit dem Arzt. Mich fragten sie nur, ob ich etwas verändert hätte. Ich hob das Buch, das auf Onkel Nathans Schoß gelegen hatte.
Und wann haben Sie ihn gefunden?
Ich zeigte nach oben, auf das Zifferblatt der Standuhr, die ich angehalten hatte.
Der Beamte, der mich befragt hatte, nickte. Dann verschwanden sie.
Ob ich Hilfe bräuchte, fragte einer der roten Vögel.
Ich schüttelte den Kopf. Der Fahrer des Notarztteams war jüdisch. Sie müssen im Rabbinat anrufen, sagte er. Sie würden die Chevra Kadischa verständigen, die sich um alles kümmere. Er beugte sich zu mir herab und sagte: Mögest du getröstet sein unter den Trauenden um Zion und Yerushalayim.

(S. Z.147f.)

Freilich, die für Zitate notwendige Kürze (ich will ja nicht abschreiben) bringt es mit sich, daß sich die Dichte des Leseerlebnisses nicht einmal annähernd wiedergeben läßt. Daher sicherheitshalber mal noch ein Autoritätsargument zum Schluß: Lest dieses Buch. Lest es von mir aus, wie ihr wollt.* Aber lest es.

Die

lieferbare Ausgabe

möchte ich natürlich nicht unerwähnt lassen.

*Zwei Hauptwege und verschlungene Nebenpfade führen durch diesen Roman. Hinter jedem Umschlag befindet sich ein möglicher Ausgangspunkt für das Geschehen. Es ist Ihnen überlassen, wo Sie zu lesen beginnen. Dies lassen Autor und Verlag bereits auf dem Schutzumschlag wissen. Die Herangehensweise mag weit weniger innovativ sein als das Vertriebsteam dies glauben lassen will – ungewöhnlich und spannend ist es aber nichtsdestotrotz.

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