Das Buch zum Sonntag (47)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Sir Winston Churchill: Der Zweite Weltkrieg

Politikermemoiren sind meist schlicht unlesbar. Dies mußte ich schmerzhaft erfahren, nachdem mein erster Versuch sehr geglückt, aber offenbar nicht repräsentativ war.
Da diese Blogrubrik aber die Existenz nicht lesenswerter Bücher ja konsequent ignoriert, soll auch heute davon keine Rede sein. Stattdessen empfehle ich Churchills Erinnerungen zum zweiten Weltkrieg. Es handelt sich dabei um eine von ihm selbst erstellte einbändige Fassung seines 12-bändigen Memoirenwerks, was ein Durchlesen innerhalb eines absehbaren Zeitrahmens ja zumindest vorstellbar macht.
Das Nobelpreiskomitee begründete seine Entscheidung 1953 folgendermaßen:

für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt*

Vor allem aber ist Churchill ein Meister der Selbstdarstellung. Nach der Lektüre seines Werkes kann überhaupt kein Zweifel mehr daran bestehen, daß Sir Winston der größte Politiker war, der jemals auf Erden wandelte und das British Empire sein Überleben wesentlich seiner Brillanz zu verdanken hat. Sir Winston bindet das dem Lesenden natürlich nicht plump auf die Nase, auch wenn er mit politischen Gegnern nicht immer zimperlich umgeht. Wunderbar folgende Stelle, die sich mit der Reaktion auf das Münchner Abkommen im britischen Parlament befaßt:

Die Debatte war der herrschenden Erregung und der Probleme, die auf dem Spiele standen, nicht unwürdig. Ich erinnere mich recht wohl, daß bei meinen Worten: „Wir haben eine vollständige, durch nichts gemilderte Niederlage erlitten“, ein Sturm ausbrach, der mich nötigte, eine Weile innezuhalten, bevor ich weitersprechen konnte. Chamberlains beharrliche und unermüdliche Bemühungen zur Wahrung des Friedens und die persönlichen Strapazen, denen er sich dabei ausgesetzt hatte, wurden in weiten Kreisen aufrichtig anerkannt. In der vorliegenden Darstellung kann man aber unmöglich vermeiden, auf die lange Reihe von Fehlurteilen und Fehlrechnungen über Menschen und Tatsachen hinzuweisen, auf die er sich stützte; die Beweggründe jedoch, von denen er sich leiten ließ, haben niemals meine Anfechtung erfahren, und tatsächlich erforderte der Weg, den er beschritt, den höchsten Grad von moralischem Mut. Zwei Jahre später sprach ich in meiner Rede nach seinem Tode meine Anerkennung dafür aus.
Es gab auch eine schwerwiegende und praktische Beweisführung, auf die sich die Regierung – wenn auch nicht zu ihren Gunsten – stützen konnte. Niemand konnte in Abrede stellen, daß wir auf einen Krieg entsetzlich schlecht vorbereitet waren. Wer hatte dringender darauf hingewiesen als meine Freunde und ich? […] Wenn Hitler ehrliche Absichten hatte und ein dauerhafter Friede tatsächlich erreicht worden war, hatte Chamberlain Recht. Wenn er aber unglücklicherweise irregeführt worden war, mußten wir wenigstens eine Atempause gewinnen, um die schlimmsten unserer Unterlassungen gutzumachen. Diese Gedankengänge und die allgemeine Erleichterung und Freude darüber, daß die Schrecken des Krieges sich vorübergehend hatten abwenden lassen, bewirkten die loyale Zustimmung der großen Menge der Regierungsanhänger.

(S. 161)**

Der Chamberlain war schon ein feiner Kerl, hat aber eben den Fehler gemacht, nicht auf Herrn Churchill zu hören (wie auch die Vorgängerregierung nicht, tstststs).
Bekanntermaßen lief aber auch nach Churchills Regierungsübernahme nicht alles glatt. Bei ihm liest sich das dann so:

Dieses Bild bot natürlich ganz allgemein den Eindruck der Niederlage. Ich hatte im ersten Weltkrieg oft dergleichen gesehen, und die Vorstellung einer durchbrochenen Front, selbst auf einem breiten Abschnitt, erweckte in mir nicht den Gedanken an die entsetzlichen Folgen, die sich jetzt daraus ergaben. Da ich seit vielen Jahren keinen Zugang zu den offiziellen Informationen gehabt hatte, erfaßte ich die Gewalt der Umwälzung nicht, die sich seit dem letzten Krieg durch das Auftauchen einer Masse schnellbeweglicher, schwerer Panzerfahrzeuge vollzogen hatte. Ich wußte wohl davon, aber es hatte meine Überlegungen nicht in dem Grade beeinflußt, wie das nötig gewesen wäre. Doch auch dann wäre für mich keine Möglichkei zu handeln gewesen.

(S. 287)

Sprich: Auch wenn er die Lage richtig eingeschätzt hätte, hätte es doch keinen Unterschied gemacht. Die geneigte Leserschaft darf darauf vertrauen, daß Churchill dann, wenn es drauf ankam, selbstverständlich immer richtig entschied.
Glücklicherweise verzichtet Churchill auf eine strikt chronologische Vorgehensweise, immer wieder gibt es Abstecher zu Seitenthemen, Vorgriffe auf spätere Ereignisse, persönliche Einschätzungen zu Personen und Prozessen, kurz: Eine assoziative Erzählweise, wie sie für Erinnerungen ja auch angemessen ist. Den roten Faden freilich gibt die Historie vor. Bei allem Ernst, den die behandelte Zeitepoche mit sich bringt, bleibt er doch ein anregender Erzähler. Und durchaus nicht ohne Witz, wie folgende Stelle illustrieren soll, die sich mit den deutschen Plänen zur Invasion Großbritanniens befaßt:

Je näher das deutsche Oberkommando und der „Führer“ das Abenteuer ins Auge faßten, desto weniger gefiel es ihnen. Wir und sie konnten natürlich die Stimmungen und Erwägungen im andern Lager nicht genau kennen; aber von Woche zu Woche, von Mitte Juli bis Mitte September, gelangten das Oberkommando der deutschen Kriegsmarine und die englische Admiralität, das deutsche Oberkommando der Wehrmacht und die englischen Stabschefs und auch Hitler und der Verfasser dieses Buches, ohne es zu wissen, zu immer größerer Übereinstimmung in der BBeurteilung dieses Problems. Hätten wir uns in andern Dingen ebensogut verstanden, so wäre der Krieg überflüssig gewesen.

(S. 397f.)

Wir haben also richtig Glück gehabt, daß es Sir Winston Churchill gab, der in seinem Buch auch einige höchst bemerkenswerte Analysen zu bieten hat. Aber das sind ja eh die Schlimmsten, diese Typen, die sich für großartig halten und nicht mal völlig Unrecht damit haben.

Natürlich fehlt auch diese Woche nicht der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*(lt. Wikipedia)
**zitiert nach: Churchill, Sir Winston S.: Der zweite Weltkrieg. Fischer TB Frankfurt/Main. 2003

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