Das Buch zum Sonntag (46)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

Seit dem linguistic turn, der ja nun auch schon ein Weilchen her ist (seitdem wurde in Geistes- und Sozialwissenschaften ja reichlich geturnt. Der letzte Schrei ist wohl der iconic turn – übrigens assoziiert das Kopfradio dabei mal wieder völlig sinnfrei) verschwimmen die Grenzen zwischen Philologie und Philosophie zunehmend. Und so ist es denn auch nicht ungewöhnlich, daß ein Literaturwissenschaftler sich der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens annimmt. Denn auch wenn die Antwort auf die letzte große Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest inzwischen hinlänglich bekannt ist, so ist die Menschheit doch dem Sinn keinen Schritt näher gekommen. Im Gegenteil, es scheint eher, als seien wir in postmoderner Beliebigkeit so weit wie nie davon entfernt, diese Frage zu beantworten.
Terry Eagleton steht also in einer langen Reihe und schaut sich denn auch an, was seine Vorgänger so für Ideen hatten. Dabei ist er weder um Vollständigkeit noch um ein ausgewogenes Urteil bemüht. Die geneigten Leser erkennen seine Vorlieben und Abneigungen recht schnell.
Warum also dann dieses Buch lesen? Nun, weil es einfach vergnüglich ist. Schon der Anfang ist wirklich gelungen:

Philosophen haben die ärgerliche Angewohnheit, Fragen nicht zu beantworten, sondern zu analysieren, und genau so möchte ich anfangen.* Ist die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ eine echte Frage, oder sieht sie nur so aus? Gibt es irgendeine vernünftige Antwort darauf, oder ist es in Wirklichkeit eine Scheinfrage, wie die legendäre Oxforder Prüfungsfrage, die angeblich lautete: „Ist dies eine gute Frage?“

*Vielleicht sollte ich anmerken, daß ich selbst kein Philosoph bin, zumal einige Rezensenten ohnehin darauf hinweisen werden.

(S. 11)*

Und, gleich darauf, bei einem Abstecher zur Frage „Wieso ist das Sein?“:

[…] – das ist die Frage, zu der Heidegger zurückkehren möchte. Er interessiert sich weniger dafür, wie einzelnes Seiendes entstanden ist, als für die unglaubliche Tatsache, dass es überhaupt Seiendes gibt. Und diese Dinge sind unserem Verstand zugänglich, was ja leicht auch hätte anders sein können.
Für viele Philosophen – nicht zuletzt die angelsächsischen – ist die Frage „Wieso ist das Sein?“ allerdings das Paradebeispiel einer Scheinfrage. In ihren Augen ist es nicht nur schwierig oder gar unmöglich, diese Frage zu beantworten, sondern auch äußerst zweifelhaft, ob es da überhaupt etwas zu beantworten gibt. Sie meinen, die Frage sei nur ein umständlicher teutonischer Ausdruck für „Wow!“. Sie sei etwas für Dichter und Mystiker, nicht aber für Philosophen. Und vor allem in der angelsächsischen Welt sind die Barrikaden zwischen diesen beiden Lagern gut bewacht.

(S. 14)

Eagleton bedient sich natürlich eines immer wieder gerne genommenen Tricks. Indem er Aristoteles, Nietzsche, Schopenhauer, Marx, Wittgenstein oder Deleuze auftreten läßt, entzieht er sich der eigenen Positionierung. So entsteht ein höchst amüsanter Streifzug durch die europäische Geistesgeschichte, immer wieder mit Seitenhieben, immer wieder sehr sophisticated. Hier mal keine solche Stelle:

Der symbolische Bereich wurde nicht nur vom öffentlichen abgespalten, sondern auch von ihm vereinnahmt. Die Sexualität wurde gewinnbringend als Ware vermarktet, und für Kultur standen größtenteils die profitgierigen Massenmedien. Kunst war eine Frage von Geld, Macht, gesellschaftlicher Stellung und kulturellem Kapital. Kulturen wurden nun von der Touristikbranche exotisch verpackt und verhökert. Selbst die Religion entwickelte sich zu einer gewinnbringenden Industrie, in der Fernsehprediger den frommen und leichtgläubigen Armen ihr schwer verdientes Geld aus der Tasche zogen. Damit hatten wir das Schlechteste beider Welten erfolgreich vereint: Die Orte, an denen Sinn traditionell in größter Fülle sprudelte, hatten nun kaum noch Einfluss auf den öffentlichen Bereich. Zugleich aber waren diese Orte so aggressiv von kommerziellen Kräften kolonisiert worden, dass sie nun selbst Teil des Sinnverlusts wurden, dem sie einst entgegenwirken wollten. Der inzwischen privatisierte Bereich des symbolischen Lebens stand unter dem Druck, mehr zu liefern, als er mit Anstand konnte. In der Folge fiel es auch in der Privatsphäre immer schwerer, Sinn zu finden. Fiedeln, während die Zivilisation in Flammen stand, oder den eigenen Garten bestellen, während die Geschichte um einen herum in sich zusammenstürzte, schienen keine so brauchbaren Optionen mehr zu sein wie früher.

(S. 42f.)

„Sinn des Lebens“ ist keine Philosophiegeschichte, auch nicht populär, es ist auch keine philosophische Abhandlung zur Sinnfrage, es ist alles in allem ein akademischer Spaß. Was nicht bedeutet, daß es keine Inspiration bietet oder keine Gedanken herauszuziehen sind.
Und so läßt sich auch Herr Eagleton im Laufe des Buches doch noch aus der Reserve locken und bietet sehr wohl einen Sinn des Lebens an. Seine Überzeugung läuft im Wesentlichen darauf hinaus, daß der Sinn des Lebens Jazz ist. Und um den Spoiler zu entschärfen, sage ich: Das macht sogar Sinn. 😉

Zum Schluß noch der Hinweis auf

die lieferbaren Ausgaben.

Und ganz zum Schluß noch ein Hinweis auf die Scobel-Sendung mit Eagleton, die mich anregte, das Buch zu erwerben.

*zitiert nach: Eagleton, Terry: Der Sinn des Lebens. List TB. Berlin 2010.

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