Das Buch zum Sonntag (45)

Hat in der geneigten Leserschaft jemand nachgezählt, wie oft die Buchempfehlung eigentlich pünktlich kam und ob es sich nicht inzwischen lohnte, die Rubrik in „Das Buch am Sonntag“ umzubenennen?
Nunja,

für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Albert Camus: Die Pest

Im Rahmen einer Reise in meine Lesebiographie las ich kürzlich diesen Roman wieder. Solche Reisen sind ja eine zwiespältige Angelegenheit. Nicht immer gelingt es, die positiven Erinnerungen an das Lesegefühl wieder auferstehen zu lassen. Und nicht selten stellen sich nicht einmal andersartige positive Erlebnisse ein. Bei Karl May zum Beispiel frage ich mich nicht nur, wieso ich den seinerzeit gern las – ich frage mich sogar, wie es mir überhaupt gelang, ihn zu lesen.
Ganz anders aber bei Camus. Die Lektüre war auch nach 14 Jahren wieder ein Gewinn. Erzählt wird die Geschichte der Stadt Oran, in der die Pest ausbricht. Es beginnt mit einer toten Ratte.

Am Morgen des 16. April trat Doktor Bernard Rieux aus seiner Praxis und stolperte mitten auf dem Treppenabsatz über eine tote Ratte. Vorerst schob er das Tier beiseite, ohne es zu beachten, und ging die Treppe hinunter. Aber auf der Straße kam ihm der Gedanke, daß diese Ratte dort nicht hingehörte, und er machte kehrt, um den Concierge zu informieren. Angesichts der Reaktion des alten Monsieur Michel wurde ihm klarer, wie ungewöhnlich seine Entdeckung war. Das Vorhandensein dieser toten Ratte war ihm nur sonderbar vorgekommen, wohingegen es für den Concierge einen Skandal darstellte. Dessen Standpunkt war kategorisch: Es gab keine Ratten im Haus.

(S. 12)*

Geradezu mit dem Seziermesser genau schaut Camus auf das verhalten der Menschen in dieser Ausnahmesituation. Um die Hauptperson, den Arzt Rieux, gruppiert er Menschen unterschiedlichster Herkunft, Anschauungen und Motivationen. Und so findet sich eine große Bandbreite von Reaktionen – Fluchtversuche, Schadenfreude und die ängstliche Sorge um den eigenen Vorteil, donnernde Reden über verdientes Unheil als Schuldsühne und leises Nachdenken über den rechten Weg zum Glücke aller, beherztes Engagement und stille Hilfe im Hintergrund, ekstatisches Vergnügen und verbarrikadierte Türen im Angesicht der unbarmherzigen, unberechenbaren Katastrophe. Um nur einige zu nennen.
Camus´ Erzählkraft schlug mich hier von Anfang in den Bann, erzeugte einen Sog, dem ich mich nur schwer entziehen konnte. Geradezu bedauernd legte ich das Buch zu Seite, wenn das böse Leben da draußen seinen Tribut forderte. Und es veränderte meine Wahrnehmung erheblich. Als ich während einer Bahnfahrt am anderen Ende des Abteils jemanden ausdauernd husten hörte, drehte ich mich erschrocken um und wollte instinktiv das Beförderungsmittel verlassen, ehe sich das Vorderhirn meldete und die Trennwand zwischen virtueller und realer Welt wiederherstellte.
„Die Pest“ ist mit Sicherheit kein schönes Buch, keines, daß man am Sonntagnachmittag in gemütlicher Runde den Kindern oder Enkeln vorliest, aber es ist ein verdammt gutes. Camus führt uns sehr gut vor Augen, wie hilflos wir trotz unseres alltäglichen Überlegenheitsgefühles, das uns suggeriert, alles stets und immer im Griff zu haben, letztlich sind, wenn der Tod, den wir zu ignorieren uns erlauben, über uns hereinbricht – und welche Wege es geben könnte, darauf zu reagieren.
Es gibt zwei Stellen in diesem Roman, die mich wirklich stark bewegt haben. Die erste stammt aus der Predigt eines Jesuiten, die Doktor Rieux hört:

Sein Interesse wurde konzentrierte, als Paneloux nachdrücklich sagte, es gebe Dinge, die man im Angesicht Gottes erklären könne und andere, die man nicht erklären könne. Zwar gebe es Gut und Böse, und im allgemeinen könne man sich leicht erklären, was sie trennt. Doch die Schwierigkeit beginne innerhalb des Bösen. Es gebe zum Beispielk das scheinbar notwendige Böse und das scheinbar unnötige Böse. Es gebe den in die Hölle gestoßenen Don Juan und den Tod eines Kindes. Denn während es gerecht sei, daß der Lebemann vernichtet wird, verstehe man das Leiden des Kidnes nicht. Und eigentlich gebe es auf Erden nichts Wichtigeres als das Leiden eines Kindes und Grauen,
das dieses Leiden mit sich bringt, und die Gründe, die man dafür finden muß. Im sonstigen Leben erleichtere Gott uns alles, und bis dahin sei die Religion ohne Verdienste. Hier dagegen treibe er uns in die Enge. So ständen wir zwischen den Mauern der Pest und müßten in ihrem todbringenden Schatten unseren Gewinn finden. Pater Paneloux schlug sogar die Erleichterung bringenden Vorteile aus, die ihm ermöglicht hätten, die Mauer zu erklimmen. Es wäre für ihn ein leichtes gewesen zu sagen, die Wonnen der Ewigkeit, die auf das Kind warteten, könnten sein Leiden ausgleichen, aber in Wahrheit wußte er nichts darüber. Wer konnte denn behaupten, daß eine ewige Wonne einen Augenblick menschlichen Schmerzes ausgleichen kann? Ganz sicher kein Christ, deren Meister den Schmerz in seinen Gliedern und in seiner Seele empfunden hat. Nein, der Pater würde am Fuße der Mauer stehenbleiben, jener Zerrissenheit getreu, deren Symbol das Kreuz ist, Auge in Auge mit dem Leiden eines Kindes. Und er würde denen, die ihm an diesem Tag zuhörten, furchtlos sagen: „Liebe Brüder, der Augenblick ist da. Man muß alles glauben oder alles leugnen. Und wer unter euch würde es wagen, alles zu leugnen?“

(S. 253f.)

Der Reiz und die Gefahr der Religion: Das Unerklärliche, das Unfaßbare, erklärbar zu machen. In seiner Absolutheit aber eben auch alles erklärbar zu machen. Nicht nur das erlittene, sondern auch das zugefügte Leid. Auch ein Gott hilft uns nicht aus der Patsche: Was richtig und falsch ist hier auf Erden, wir müssen es selbst entscheiden.
Dies gilt freilich nicht nur für religiös motivierte Wahrheitsbesitzer, wie die nächste Stelle zeigen wird, die mir bei meiner Neulektüre vor Augen führte, daß Golo Manns Satz „Wir alle sind, was wir gelesen.“ wohl nicht von der Hand zu weisen ist, bildete ich mir doch ein, eine ganz eigenständige Position entwickelt zu haben, was unwahrscheinlich wird, wenn sie sich so perfekt beschrieben in einem vor vielen Jahren gelesenen Buch findet:

Jedenfalls war das Diskutieren nicht meine Sache. Da war die rote Eule, dieses widerliche Abenteuer, bei dem widerliche, verpestete Münder einem Mann in Ketten verkündeten, daß er gleich sterben werde und alles vorbereiteten, damit er tatsächlich starb uind nach Nächten und Nächten der Todesangst, in denen er offenen Auges darauf wartete, ermordet zu werden.
Meine Sache war das Loch in der Brust. Und ich sagte mir, daß ich mich vorläufig wenigstens für mein Teil weigern würde, dieser ekelhaften Schlachterei je eine einzige, eine einzige, hören Sie, Rechtfertigung zu geben. Ja, ich habe diese eigensinnige Blindheit gewählt, bis ich klarer sehe.
Seither habe ich mich nicht verändert. Seit langer Zeit schäme ich mich, schäme mich tödlich, daß auch ich, wenn auch nur von ferne, wenn auch aus einer guten Gesinnung, ein Mörder gewesen bin. Mit der Zeit habe ich einfach festgestellt, daß selbst die, die besser sind als andere, heute nicht umhinkönnen, zu töten oder töten zu lassen, weil es in der Logik liegt, in der sie leben, und daß wir in dieser Welt keine Bewegung machen können, ohne Gefahr zu laufen, zu töten. Ja, ich habe mich weiter geschämt, ich habe gelernt, daß wir alle im Zustand der Pest sind, und ich habe den Frieden verloren. Ich suche ihn noch heute, indem ich versuche, alle zu verstehen niemandes Todfeind zu sein. Ich weiß nur, daß man das Nötige tun muß, um kein Verpesteter zu sein, und daß wir nur dadurch auf Frieden hoffen können oder doch wenigstens auf einen guten Tod. Das ist es, was die Menschen erleichtern kann und ihnen, wenn es sie auch nicht rettet, zumindest sowenig Böses wie möglich zufügt und manchmal sogar ein wenig Gutes. Und deshalb habe ich beschlossen, alles abzulehnen, was von nah oder ferne, aus guten oder schlechten Gründen, tötet oder rechtfertigt, daß getötet wird.

(S. 286f.)

Lieferbar ist der Roman derzeit in

diesen Ausgaben.

*zitiert nach: Camus, Albert: Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt Taschenbuch Reinbek. Sonderausgabe 1999

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