Money makes the World go round

Nach meiner Ankunft in Lübeck und vollzogener Menschwerdung führte mich mein erster Weg in den nahgelegenen Discounter zwecks Vorratsbeschaffung. An der Kasse spielte sich dann folgender Dialog ab:

„Guten Tag.“
„Guten Tag.“
„Dreiundzwanzigneunundzwanzig.“
„Bitte schön.“ (reiche EC-Karte herüber)
„…“
„Vielen Dank.“ (erhalte EC-Karte zurück)
„…“
„Auf Wiedersehen.“
„…“ (Kassiererin ist bereits mit der Erfassung der Artikel der nächsten Kundin beschäftigt)

Das bemerkenswerteste für mich dabei war, daß ich mich nicht im Geringsten unhöflich behandelt fühlte. Bizarr fand ich allerdings, daß ich Dialoge dieser Art eher von der anderen Seite der Theke kenne. Wir haben uns inzwischen ein erstaunliches Vokabular an Wörtern und Phrasen zugelegt, die den Bezahlvorgang begleiten.
Ein erstaunlicher Aufwand, der da betrieben wird, um zu verschleiern, worum es wirklich geht:

BGB § 433 Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertrag
(1) Durch den Kaufvertrag wird der Verkäufer einer Sache verpflichtet, dem Käufer die Sache zu übergeben und das Eigentum an der Sache zu verschaffen. Der Verkäufer hat dem Käufer die Sache frei von Sach- und Rechtsmängeln zu verschaffen.
(2) Der Käufer ist verpflichtet, dem Verkäufer den vereinbarten Kaufpreis zu zahlen und die gekaufte Sache abzunehmen.

Oder, wie es bei Cabaret heißt: Money makes the world go round.

Es ist dies vielleicht eine der letzten Bastionen des stationären Handels, den Käufer nahezu vollständig vergessen zu lassen, daß es sich um einen reinen Geschäftsakt handelt, wenn er etwas kauft. Die Onlineshops holen da aber beständig auf – nichts anderes steckt schließlich hinter Konzepten wie dem „1-Click-Kauf“ bei amazon.de. Es wird also nur eine Frage der Zeit sein, bis wir auch dort nur noch mit Mühe bemerken werden, daß wir gerade Geld ausgeben.

Um so wohltuender also, wenn man gelegentlich darauf hingewiesen wird, was wirklich relevant ist („dreiundzwanzigneunundzwanzig“ eben) und daß es keineswegs unhöflich ist, wenn Bezahlen nicht von ausschweifenden Scheingesprächen begleitet wird. Sondern einfach nur sachlich.

Und, was hat der Hausheilige anzumerken? Der hebt darauf ab, daß wir nicht nur an der Kasse seltsam miteinander reden:

Die Alltagssprache ist ein Urwald – überwuchert vom Schlinggewächs der Füllsel und Füllwörter. Von dem ausklingenden »nicht wahr?« (sprich: »nicha?«) wollen wir gar nicht reden. Auch nicht davon, daß: »Bitte die Streichhölzer!« eine bare Unmöglichkeit ist, ein Chimborasso an Unhöflichkeit. Es heißt natürlich: »Ach bitte, sein Sie doch mal so gut, mir eben mal die Streichhölzer, wenn Sie so freundlich sein wollen? Danke sehr. Bitte sehr. Danke sehr!« – so heißt das.

aus: Man sollte mal… in: Werke und Briefe: 1927, S. 292. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 5014 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 5, S. 143)

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