Puschkin. Aus Gründen.

Ich traure dir nicht nach, verlorne Zeit,
Die ich verschwendet hab mit Liebesleiden,
Auch um die Nächte ist es mir nicht leid,
Die ich besang als Sänger leichter Freuden.

Ich traue keinem nach, der mich verriet,
Ob Freund, ob Freundin, längst sind sie vergessen,
Mit denen ich beim Becherklang gesessen,
Entfremdet alledem ist mein Gemüt.

Nach euch jedoch werd ich mich immer sehnen,
Nach euch allein noch meine Seele schreit,
Ihr heiligen Feuer, ihr Begeisterungstränen,
Kehrt wieder, Hoffnungen der Jugendzeit!

übersetzt von Martin Remané. zitiert aus: Puschkin, Alexander S.: Gesammelte Werke in sechs Bänden. Band 1. Gedichte. Aufbau Berlin und Weimar. 2. Aufl. 1973

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Puschkin. Aus Gründen.

Das Buch zum Sonntag (46)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Terry Eagleton: Der Sinn des Lebens

Seit dem linguistic turn, der ja nun auch schon ein Weilchen her ist (seitdem wurde in Geistes- und Sozialwissenschaften ja reichlich geturnt. Der letzte Schrei ist wohl der iconic turn – übrigens assoziiert das Kopfradio dabei mal wieder völlig sinnfrei) verschwimmen die Grenzen zwischen Philologie und Philosophie zunehmend. Und so ist es denn auch nicht ungewöhnlich, daß ein Literaturwissenschaftler sich der ewigen Frage nach dem Sinn des Lebens annimmt. Denn auch wenn die Antwort auf die letzte große Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest inzwischen hinlänglich bekannt ist, so ist die Menschheit doch dem Sinn keinen Schritt näher gekommen. Im Gegenteil, es scheint eher, als seien wir in postmoderner Beliebigkeit so weit wie nie davon entfernt, diese Frage zu beantworten.
Terry Eagleton steht also in einer langen Reihe und schaut sich denn auch an, was seine Vorgänger so für Ideen hatten. Dabei ist er weder um Vollständigkeit noch um ein ausgewogenes Urteil bemüht. Die geneigten Leser erkennen seine Vorlieben und Abneigungen recht schnell.
Warum also dann dieses Buch lesen? Nun, weil es einfach vergnüglich ist. Schon der Anfang ist wirklich gelungen:

Philosophen haben die ärgerliche Angewohnheit, Fragen nicht zu beantworten, sondern zu analysieren, und genau so möchte ich anfangen.* Ist die Frage „Was ist der Sinn des Lebens?“ eine echte Frage, oder sieht sie nur so aus? Gibt es irgendeine vernünftige Antwort darauf, oder ist es in Wirklichkeit eine Scheinfrage, wie die legendäre Oxforder Prüfungsfrage, die angeblich lautete: „Ist dies eine gute Frage?“

*Vielleicht sollte ich anmerken, daß ich selbst kein Philosoph bin, zumal einige Rezensenten ohnehin darauf hinweisen werden.

(S. 11)*

Und, gleich darauf, bei einem Abstecher zur Frage „Wieso ist das Sein?“:

[…] – das ist die Frage, zu der Heidegger zurückkehren möchte. Er interessiert sich weniger dafür, wie einzelnes Seiendes entstanden ist, als für die unglaubliche Tatsache, dass es überhaupt Seiendes gibt. Und diese Dinge sind unserem Verstand zugänglich, was ja leicht auch hätte anders sein können.
Für viele Philosophen – nicht zuletzt die angelsächsischen – ist die Frage „Wieso ist das Sein?“ allerdings das Paradebeispiel einer Scheinfrage. In ihren Augen ist es nicht nur schwierig oder gar unmöglich, diese Frage zu beantworten, sondern auch äußerst zweifelhaft, ob es da überhaupt etwas zu beantworten gibt. Sie meinen, die Frage sei nur ein umständlicher teutonischer Ausdruck für „Wow!“. Sie sei etwas für Dichter und Mystiker, nicht aber für Philosophen. Und vor allem in der angelsächsischen Welt sind die Barrikaden zwischen diesen beiden Lagern gut bewacht.

(S. 14)

Eagleton bedient sich natürlich eines immer wieder gerne genommenen Tricks. Indem er Aristoteles, Nietzsche, Schopenhauer, Marx, Wittgenstein oder Deleuze auftreten läßt, entzieht er sich der eigenen Positionierung. So entsteht ein höchst amüsanter Streifzug durch die europäische Geistesgeschichte, immer wieder mit Seitenhieben, immer wieder sehr sophisticated. Hier mal keine solche Stelle:

Der symbolische Bereich wurde nicht nur vom öffentlichen abgespalten, sondern auch von ihm vereinnahmt. Die Sexualität wurde gewinnbringend als Ware vermarktet, und für Kultur standen größtenteils die profitgierigen Massenmedien. Kunst war eine Frage von Geld, Macht, gesellschaftlicher Stellung und kulturellem Kapital. Kulturen wurden nun von der Touristikbranche exotisch verpackt und verhökert. Selbst die Religion entwickelte sich zu einer gewinnbringenden Industrie, in der Fernsehprediger den frommen und leichtgläubigen Armen ihr schwer verdientes Geld aus der Tasche zogen. Damit hatten wir das Schlechteste beider Welten erfolgreich vereint: Die Orte, an denen Sinn traditionell in größter Fülle sprudelte, hatten nun kaum noch Einfluss auf den öffentlichen Bereich. Zugleich aber waren diese Orte so aggressiv von kommerziellen Kräften kolonisiert worden, dass sie nun selbst Teil des Sinnverlusts wurden, dem sie einst entgegenwirken wollten. Der inzwischen privatisierte Bereich des symbolischen Lebens stand unter dem Druck, mehr zu liefern, als er mit Anstand konnte. In der Folge fiel es auch in der Privatsphäre immer schwerer, Sinn zu finden. Fiedeln, während die Zivilisation in Flammen stand, oder den eigenen Garten bestellen, während die Geschichte um einen herum in sich zusammenstürzte, schienen keine so brauchbaren Optionen mehr zu sein wie früher.

(S. 42f.)

„Sinn des Lebens“ ist keine Philosophiegeschichte, auch nicht populär, es ist auch keine philosophische Abhandlung zur Sinnfrage, es ist alles in allem ein akademischer Spaß. Was nicht bedeutet, daß es keine Inspiration bietet oder keine Gedanken herauszuziehen sind.
Und so läßt sich auch Herr Eagleton im Laufe des Buches doch noch aus der Reserve locken und bietet sehr wohl einen Sinn des Lebens an. Seine Überzeugung läuft im Wesentlichen darauf hinaus, daß der Sinn des Lebens Jazz ist. Und um den Spoiler zu entschärfen, sage ich: Das macht sogar Sinn. 😉

Zum Schluß noch der Hinweis auf

die lieferbaren Ausgaben.

Und ganz zum Schluß noch ein Hinweis auf die Scobel-Sendung mit Eagleton, die mich anregte, das Buch zu erwerben.

*zitiert nach: Eagleton, Terry: Der Sinn des Lebens. List TB. Berlin 2010.

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Das Buch zum Sonntag (46)

Das Buch zum Sonntag (45)

Hat in der geneigten Leserschaft jemand nachgezählt, wie oft die Buchempfehlung eigentlich pünktlich kam und ob es sich nicht inzwischen lohnte, die Rubrik in „Das Buch am Sonntag“ umzubenennen?
Nunja,

für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Albert Camus: Die Pest

Im Rahmen einer Reise in meine Lesebiographie las ich kürzlich diesen Roman wieder. Solche Reisen sind ja eine zwiespältige Angelegenheit. Nicht immer gelingt es, die positiven Erinnerungen an das Lesegefühl wieder auferstehen zu lassen. Und nicht selten stellen sich nicht einmal andersartige positive Erlebnisse ein. Bei Karl May zum Beispiel frage ich mich nicht nur, wieso ich den seinerzeit gern las – ich frage mich sogar, wie es mir überhaupt gelang, ihn zu lesen.
Ganz anders aber bei Camus. Die Lektüre war auch nach 14 Jahren wieder ein Gewinn. Erzählt wird die Geschichte der Stadt Oran, in der die Pest ausbricht. Es beginnt mit einer toten Ratte.

Am Morgen des 16. April trat Doktor Bernard Rieux aus seiner Praxis und stolperte mitten auf dem Treppenabsatz über eine tote Ratte. Vorerst schob er das Tier beiseite, ohne es zu beachten, und ging die Treppe hinunter. Aber auf der Straße kam ihm der Gedanke, daß diese Ratte dort nicht hingehörte, und er machte kehrt, um den Concierge zu informieren. Angesichts der Reaktion des alten Monsieur Michel wurde ihm klarer, wie ungewöhnlich seine Entdeckung war. Das Vorhandensein dieser toten Ratte war ihm nur sonderbar vorgekommen, wohingegen es für den Concierge einen Skandal darstellte. Dessen Standpunkt war kategorisch: Es gab keine Ratten im Haus.

(S. 12)*

Geradezu mit dem Seziermesser genau schaut Camus auf das verhalten der Menschen in dieser Ausnahmesituation. Um die Hauptperson, den Arzt Rieux, gruppiert er Menschen unterschiedlichster Herkunft, Anschauungen und Motivationen. Und so findet sich eine große Bandbreite von Reaktionen – Fluchtversuche, Schadenfreude und die ängstliche Sorge um den eigenen Vorteil, donnernde Reden über verdientes Unheil als Schuldsühne und leises Nachdenken über den rechten Weg zum Glücke aller, beherztes Engagement und stille Hilfe im Hintergrund, ekstatisches Vergnügen und verbarrikadierte Türen im Angesicht der unbarmherzigen, unberechenbaren Katastrophe. Um nur einige zu nennen.
Camus´ Erzählkraft schlug mich hier von Anfang in den Bann, erzeugte einen Sog, dem ich mich nur schwer entziehen konnte. Geradezu bedauernd legte ich das Buch zu Seite, wenn das böse Leben da draußen seinen Tribut forderte. Und es veränderte meine Wahrnehmung erheblich. Als ich während einer Bahnfahrt am anderen Ende des Abteils jemanden ausdauernd husten hörte, drehte ich mich erschrocken um und wollte instinktiv das Beförderungsmittel verlassen, ehe sich das Vorderhirn meldete und die Trennwand zwischen virtueller und realer Welt wiederherstellte.
„Die Pest“ ist mit Sicherheit kein schönes Buch, keines, daß man am Sonntagnachmittag in gemütlicher Runde den Kindern oder Enkeln vorliest, aber es ist ein verdammt gutes. Camus führt uns sehr gut vor Augen, wie hilflos wir trotz unseres alltäglichen Überlegenheitsgefühles, das uns suggeriert, alles stets und immer im Griff zu haben, letztlich sind, wenn der Tod, den wir zu ignorieren uns erlauben, über uns hereinbricht – und welche Wege es geben könnte, darauf zu reagieren.
Es gibt zwei Stellen in diesem Roman, die mich wirklich stark bewegt haben. Die erste stammt aus der Predigt eines Jesuiten, die Doktor Rieux hört:

Sein Interesse wurde konzentrierte, als Paneloux nachdrücklich sagte, es gebe Dinge, die man im Angesicht Gottes erklären könne und andere, die man nicht erklären könne. Zwar gebe es Gut und Böse, und im allgemeinen könne man sich leicht erklären, was sie trennt. Doch die Schwierigkeit beginne innerhalb des Bösen. Es gebe zum Beispielk das scheinbar notwendige Böse und das scheinbar unnötige Böse. Es gebe den in die Hölle gestoßenen Don Juan und den Tod eines Kindes. Denn während es gerecht sei, daß der Lebemann vernichtet wird, verstehe man das Leiden des Kidnes nicht. Und eigentlich gebe es auf Erden nichts Wichtigeres als das Leiden eines Kindes und Grauen,
das dieses Leiden mit sich bringt, und die Gründe, die man dafür finden muß. Im sonstigen Leben erleichtere Gott uns alles, und bis dahin sei die Religion ohne Verdienste. Hier dagegen treibe er uns in die Enge. So ständen wir zwischen den Mauern der Pest und müßten in ihrem todbringenden Schatten unseren Gewinn finden. Pater Paneloux schlug sogar die Erleichterung bringenden Vorteile aus, die ihm ermöglicht hätten, die Mauer zu erklimmen. Es wäre für ihn ein leichtes gewesen zu sagen, die Wonnen der Ewigkeit, die auf das Kind warteten, könnten sein Leiden ausgleichen, aber in Wahrheit wußte er nichts darüber. Wer konnte denn behaupten, daß eine ewige Wonne einen Augenblick menschlichen Schmerzes ausgleichen kann? Ganz sicher kein Christ, deren Meister den Schmerz in seinen Gliedern und in seiner Seele empfunden hat. Nein, der Pater würde am Fuße der Mauer stehenbleiben, jener Zerrissenheit getreu, deren Symbol das Kreuz ist, Auge in Auge mit dem Leiden eines Kindes. Und er würde denen, die ihm an diesem Tag zuhörten, furchtlos sagen: „Liebe Brüder, der Augenblick ist da. Man muß alles glauben oder alles leugnen. Und wer unter euch würde es wagen, alles zu leugnen?“

(S. 253f.)

Der Reiz und die Gefahr der Religion: Das Unerklärliche, das Unfaßbare, erklärbar zu machen. In seiner Absolutheit aber eben auch alles erklärbar zu machen. Nicht nur das erlittene, sondern auch das zugefügte Leid. Auch ein Gott hilft uns nicht aus der Patsche: Was richtig und falsch ist hier auf Erden, wir müssen es selbst entscheiden.
Dies gilt freilich nicht nur für religiös motivierte Wahrheitsbesitzer, wie die nächste Stelle zeigen wird, die mir bei meiner Neulektüre vor Augen führte, daß Golo Manns Satz „Wir alle sind, was wir gelesen.“ wohl nicht von der Hand zu weisen ist, bildete ich mir doch ein, eine ganz eigenständige Position entwickelt zu haben, was unwahrscheinlich wird, wenn sie sich so perfekt beschrieben in einem vor vielen Jahren gelesenen Buch findet:

Jedenfalls war das Diskutieren nicht meine Sache. Da war die rote Eule, dieses widerliche Abenteuer, bei dem widerliche, verpestete Münder einem Mann in Ketten verkündeten, daß er gleich sterben werde und alles vorbereiteten, damit er tatsächlich starb uind nach Nächten und Nächten der Todesangst, in denen er offenen Auges darauf wartete, ermordet zu werden.
Meine Sache war das Loch in der Brust. Und ich sagte mir, daß ich mich vorläufig wenigstens für mein Teil weigern würde, dieser ekelhaften Schlachterei je eine einzige, eine einzige, hören Sie, Rechtfertigung zu geben. Ja, ich habe diese eigensinnige Blindheit gewählt, bis ich klarer sehe.
Seither habe ich mich nicht verändert. Seit langer Zeit schäme ich mich, schäme mich tödlich, daß auch ich, wenn auch nur von ferne, wenn auch aus einer guten Gesinnung, ein Mörder gewesen bin. Mit der Zeit habe ich einfach festgestellt, daß selbst die, die besser sind als andere, heute nicht umhinkönnen, zu töten oder töten zu lassen, weil es in der Logik liegt, in der sie leben, und daß wir in dieser Welt keine Bewegung machen können, ohne Gefahr zu laufen, zu töten. Ja, ich habe mich weiter geschämt, ich habe gelernt, daß wir alle im Zustand der Pest sind, und ich habe den Frieden verloren. Ich suche ihn noch heute, indem ich versuche, alle zu verstehen niemandes Todfeind zu sein. Ich weiß nur, daß man das Nötige tun muß, um kein Verpesteter zu sein, und daß wir nur dadurch auf Frieden hoffen können oder doch wenigstens auf einen guten Tod. Das ist es, was die Menschen erleichtern kann und ihnen, wenn es sie auch nicht rettet, zumindest sowenig Böses wie möglich zufügt und manchmal sogar ein wenig Gutes. Und deshalb habe ich beschlossen, alles abzulehnen, was von nah oder ferne, aus guten oder schlechten Gründen, tötet oder rechtfertigt, daß getötet wird.

(S. 286f.)

Lieferbar ist der Roman derzeit in

diesen Ausgaben.

*zitiert nach: Camus, Albert: Die Pest. Deutsch von Uli Aumüller. Rowohlt Taschenbuch Reinbek. Sonderausgabe 1999

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Das Buch zum Sonntag (45)

Das Buch zum Sonntag (44)

Zunächst möchte ich mich bei der geneigten Leserschaft für die erhebliche Verspätung der Leseempfehlung entschuldigen. Aber ich war in den letzten Tagen sehr beschäftigt. Insbesondere damit, den Tagesrhythmus Schweizer Kühe zu analysieren und dem vielfältigen Treiben der dortigen Vogelwelt zu folgen.

Für die gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Lutz Seiler: Die Zeitwaage

Auf Lutz Seiler wurde ich aufmerksam, als ich ihn im Rahmen der 60-Jahre-Suhrkamp-Jubiläumsveranstaltung zur Leipziger Buchmesse lesen hörte. Der Ausschnitt, den er vortrug, basierte offenbar auf Kindheitserinnerungen und wurde vom Publikum als recht amüsant aufgenommen. Auch ich konnte mir das eine oder andere Lachen nicht verwehren, hatte aber das ungute Gefühl, damit der Geschichte nicht gerecht zu werden. Als ich derselben Erzählung dann in eigener Lektüre erneut begegnete, lachte ich nicht.
Seilers Erzählungen in der heute vorgestellten Sammlung sind literarische Schmuckstücke. Ruhig vorgetragene Erinnerungen an vergangene Zeiten, vergangene Lieben mit einem hohen Identifikationspotential. Vor allem aber geradezu seismographisch genau in ihrem Abbild der Gefühls- und Gedankenwelten ihrer Protagonisten. Ob das Kind, das sich aus Scham davor, als erster an der Schultür zu warten, versteckt, um das Eintreffen der anderen abzuwarten, der Mann, der in einem letzten gemeinsamen Urlaub das Auseinanderbrechen seiner Familie rekapituliert oder der junge Mann, der in Erinnerungen an eine Liebe aus der Studentenzeit schwärmend, anerkennen muß, daß es für manches zu spät ist, weil die Zeit sich nicht um Erinnerungen schert.

Die folgende Stelle stammt aus einer Erzählung, die sich um Erinnerungen an die Schulzeit des lyrischen Ichs dreht:

Meine Mutter umarmte mich. Obwohl ich wußte, was kam, hatte ich Mühe. Eine Weile stand ich fassungslos und lauschte (mit zurückgeschobener Mütze) dem Klopfgeräusch ihrer Absätze auf dem Pflaster, ein Geräusch, das ich auf meinen Narben spüren konnte, so klar und deutlich, als wäre mir dort infolge meines Unfalls ein zusätzliches Organ gewachsen … Unweigerlich wurde es leiser und leiser, plötzlich aber schien es nochmals näher zu kommen, was mich schon oft in falsche Hoffnungen gestürzt hatte. Am Ausgang der Straße änderten sich die Echoverhältnisse. Dort traf das Geräusch ihrer Schritte auf den ersten Wohnblock der Gebind, ein Neubaugebiet im Zentrum von L. mit sieben parallel angeordneten Blöcken, die sich im rechten Winkel zum Wald hinstuften, den Berg zur Charlottenburg hinauf, von der nicht mehr als ihr Name übriggeblieben war. So unklar sich der Schall bis dahin entwickelt haben konnte, abhängig von der Feuchte, der wechselnden Dichte der Luft, ihren kalten Strömungen, in denen sich auch die Reste des Nachtdunkels bewegten und mischten mit dem ersten Licht des Tages, so unerbittlich wurde jeder Laut an den hohen Mauern der Gebind aufgefanfen und zurückgeworfen in die umliegenden Ortsteile. Die Schulstraße, auf der ich stand und, auf Zehenspitzen lauschend, den Schritten meiner Mutter nachhing, bildete einen dieser gepflasterten Kanäle, über die der Ort mit der Gebind und ihren Echos verbunden war.

(S. 61f.)

Ist das nicht eine wunderbare Szene? Wie ein Junge, allein gelassen vor dem Schulgebäude, den vertrauten Schritten der Mutter nachhängend, versucht, die Traurigkeit, das Gefühl des Alleingelassenseins mit Überlegungen über die Schallverhältnisse im Ort zu kompensieren.
Gerade diese Erzählung („Der Kapuzenkuß“) hat es mir sehr angetan, weil Seiler hier wirklich sehr in die Tiefe abtaucht, ganz weit in die Seelengründe hineinschaut. Seine ersten Veröffentlichungen waren Gedichtbände – vielleicht liegt hier eine Ursache für das große Einfühlungsvermögen seiner Prosa.
Im Gegensatz zu meiner sonstigen Angewohnheit verzichte ich auf weitere Zitate, habe ich doch bei jedem Versuch, ein Zitat auszuwählen, das Gefühl, ein Kunstwerk zu verstümmeln. Seilers Erzählungen, die auf mich den Eindruck machen als stammten sie von jemandem, der mit den weit geöffneten Augen und der Beobachtungsgabe, die Kindern zugeschrieben wird, auf die Welt schaut. Eben nicht staunend, sondern beobachtend, die Welt so betrachtend, als könne sie gar nicht anders sein als sie nun einmal ist. Nicht wertend, aber nachforschend.
Und: Seiler kann schreiben. Seine Sprachbeherrschung ist erstaunlich und macht Freude beim Lesen.

So soll denn auch heute nicht der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

fehlen.

Das Buch zum Sonntag (44)

Der Brummkreisel in seiner kulturellen Bedeutung, unter besonderer Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Fragen seiner Rolle in der frühkindlichen Erziehung

Zu den, aus welchen Gründen auch immer, häufig auftretenden Phänomenen des Elternseins gehört es, eigene Kindheitserlebnisse, die als positiv empfunden wurden, auch den eigenen Kindern zu ermöglichen. In meinen mit Watte versehenen Kindheitserinnerungen spielt auch der Brummkreisel eine Rolle, mit dem ich bei meiner Uroma zu spielen pflegte. Es war dies kein spektakulärer Brummkreisel (außer vielleicht im Rahmen der überreizten Phantasie passionierter Spielzeugsammler, das vermag ich nicht zu beurteilen), aber, er war aus Metall, hatte eine angenehme Größe und ein ebensolches Summen. Leider erinnere ich mich nicht mehr an die Motive, ich bilde mir ein, es handelte sich um ein simples Farbmuster, also abwechselnde Farbstreifen, es mag sich da auch das eine oder andere Bild aus späteren Zeiten über die originalen Erinnerungen schieben. Aber es ist auch nicht überraschend, daß ich die Gestaltung des Kreisels nicht mehr memoriere, denn um die ging es auch gar nicht. Zumindest mir nicht.
Genau genommen gab es zwei entscheidende Motive, den Brummkreisel zu nutzen:

1. Der sportliche Ehrgeiz. Auf welche Geschwindigkeit war der Kreisel zu drehen, mit welcher Methode war diese Höchstgeschwindigkeit am schnellsten zu erzielen und, natürlich, wie gelang es, die Brummphase möglichst lang zu gestalten. Natürlich korrelieren die einzelnen Punkte miteinander, ohne hohe Geschwindigkeit – kein langes Brummen. Doch das ideale Verhältnis zwischen Krafteinsatz, Dauer des Beschleunigens und schließlich der Beachtung aller äußeren Faktoren herauszufinden, bedarf einiger Übung (wenn ich das richtig memoriere, dann gilt folgendes: Glatter, nicht zu glatter, aber gerader Untergrund, gleichmäßig, aber exponentiell steigende Arbeit am Beschleunigungshebel, permanenter Bodenkontakt des Kreisels und vor allem: unbedingtes Geradehalten des Kreisels – nicht nur während der Beschleunigungsphase, sondern gerade in der kritischen Phase des Loslassens. Dann schafft der Kreisel eine lang andauernde Brummphase in aufrechter Haltung und kippt erst um, wenn das Brummen bereits verklungen ist – was besonders wichtig ist, denn die Drillstange beginnt bei abnehmender Kreiselbewegung zunehmend zu rasseln und stört so das Brummen.)

2. Das Genießen des Brummens als meditatives Element. Ich kann mich an lange Phasen erinnern, in denen ich auf dem Teppichboden lag, den Brummkeisel neben mir und ihn immer wieder zum Summen brachte. Ohne weitere Gedanken, einfach da liegen und dem Brummkreisel beim Kreiseln und Brummen beobachten.

So. Um dieses Gefühl nun aber reproduzieren zu können, bedarf es unbedingt eines Kreisels in angemessener Größe. Das ist an sich kein Problem, es gibt die vielfältigsten Kreisel in dieser Kategorie. Was aber haben die Herrsteller gemacht? Sie haben unkippbare Kreisel eingeführt und dies scheinbar derart erfolgreich, daß es geradezu ein Ding der Unmöglichkeit geworden ist, noch einen anständigen Kreisel zu bekommen. Die haben alle so einen gräßlichen Fuß unten dran! Der offenbar auch nicht abzubauen geht. Aber Kreisel stehen nunmal nicht einfach so auf der Spitze. So ist die Welt nun mal. Da möchte man sich schon was einfallen lassen, damit das klappt. Das ist doch der ganze Witz am Brummkreisel. Ich muß etwas tun, damit der Kreisel stehen bleibt und sich dreht und irgendwann wird er unweigerlich fallen. Alles, was ich tun kann, ist, diese Zeit so weit wie möglich zu verlängern.
Was ist da passiert? Wie konnte es dazu kommen, daß wir aus einem Spielzeug, mit dem Kinder sich ausprobieren, an dem sie experimentieren konnten und das noch dazu auf einem lächerlich simplen Prinzip beruht, ein Gerät wurde, dessen Herausforderung knapp über einer Gewinnspielfrage bei der Champions-League-Übertragung durch SAT.1 liegt? Ein Brummkreisel als konsumptives Spielzeug – o tempores, o mores.
Was soll das? Ein Kreisel, der nicht umkippt? Und dann wundern wir uns, daß die heranwachsenden Generationen mit Situationen überfordert sind, in denen nicht alles funktioniert oder denen die Idee, daß zum Erreichen eines Zieles auch Zeit und Kraft investiert werden muß, zunehmend abhanden kommt? Ist ja auch kein Wunder, wenn wir ihnen Kreisel zum Spielen geben, die nicht umfallen.

So, das wollte ich schon lange mal gesagt haben.

Der Brummkreisel in seiner kulturellen Bedeutung, unter besonderer Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Fragen seiner Rolle in der frühkindlichen Erziehung

Money makes the World go round

Nach meiner Ankunft in Lübeck und vollzogener Menschwerdung führte mich mein erster Weg in den nahgelegenen Discounter zwecks Vorratsbeschaffung. An der Kasse spielte sich dann folgender Dialog ab:

„Guten Tag.“
„Guten Tag.“
„Dreiundzwanzigneunundzwanzig.“
„Bitte schön.“ (reiche EC-Karte herüber)
„…“
„Vielen Dank.“ (erhalte EC-Karte zurück)
„…“
„Auf Wiedersehen.“
„…“ (Kassiererin ist bereits mit der Erfassung der Artikel der nächsten Kundin beschäftigt)

Das bemerkenswerteste für mich dabei war, daß ich mich nicht im Geringsten unhöflich behandelt fühlte. Bizarr fand ich allerdings, daß ich Dialoge dieser Art eher von der anderen Seite der Theke kenne. Wir haben uns inzwischen ein erstaunliches Vokabular an Wörtern und Phrasen zugelegt, die den Bezahlvorgang begleiten.
Ein erstaunlicher Aufwand, der da betrieben wird, um zu verschleiern, worum es wirklich geht:

BGB § 433 Vertragstypische Pflichten beim Kaufvertrag
(1) Durch den Kaufvertrag wird der Verkäufer einer Sache verpflichtet, dem Käufer die Sache zu übergeben und das Eigentum an der Sache zu verschaffen. Der Verkäufer hat dem Käufer die Sache frei von Sach- und Rechtsmängeln zu verschaffen.
(2) Der Käufer ist verpflichtet, dem Verkäufer den vereinbarten Kaufpreis zu zahlen und die gekaufte Sache abzunehmen.

Oder, wie es bei Cabaret heißt: Money makes the world go round.

Es ist dies vielleicht eine der letzten Bastionen des stationären Handels, den Käufer nahezu vollständig vergessen zu lassen, daß es sich um einen reinen Geschäftsakt handelt, wenn er etwas kauft. Die Onlineshops holen da aber beständig auf – nichts anderes steckt schließlich hinter Konzepten wie dem „1-Click-Kauf“ bei amazon.de. Es wird also nur eine Frage der Zeit sein, bis wir auch dort nur noch mit Mühe bemerken werden, daß wir gerade Geld ausgeben.

Um so wohltuender also, wenn man gelegentlich darauf hingewiesen wird, was wirklich relevant ist („dreiundzwanzigneunundzwanzig“ eben) und daß es keineswegs unhöflich ist, wenn Bezahlen nicht von ausschweifenden Scheingesprächen begleitet wird. Sondern einfach nur sachlich.

Und, was hat der Hausheilige anzumerken? Der hebt darauf ab, daß wir nicht nur an der Kasse seltsam miteinander reden:

Die Alltagssprache ist ein Urwald – überwuchert vom Schlinggewächs der Füllsel und Füllwörter. Von dem ausklingenden »nicht wahr?« (sprich: »nicha?«) wollen wir gar nicht reden. Auch nicht davon, daß: »Bitte die Streichhölzer!« eine bare Unmöglichkeit ist, ein Chimborasso an Unhöflichkeit. Es heißt natürlich: »Ach bitte, sein Sie doch mal so gut, mir eben mal die Streichhölzer, wenn Sie so freundlich sein wollen? Danke sehr. Bitte sehr. Danke sehr!« – so heißt das.

aus: Man sollte mal… in: Werke und Briefe: 1927, S. 292. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 5014 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 5, S. 143)

Money makes the World go round