Leipzig-Lübeck 2010 (4) – Vom Winde verweht im Land der Störche

Location: Wittenberge (Tagesziel)
Kilometerstand: 106,88 km
Fahrzeit: 6:21:45 h
Tagesschnitt: 16,96 km/h
Reisezeit: 7:50 h

Ich habe das Tageszeiel erreicht. Aber fragt mich nicht, warum. Es ist mir schleierhaft, wie ich meinem geschundenen Körper die heutigen 100 km abtrotzen konnte. Aber der Reihe nach.
Die heutige Etappe begann mit Schmerz vom ersten Tritt an. Beide Füsse und über die Sitzfläche möchte ich keine weiteren Worte verlieren. Dazu gab es heute den ganzen Tag, wirklich den ganzen Tag ununterbrochen: WIND. Bevorzugt von vorne, gerne aber auch von der Seite (Seitenwind, noch dazu wechselnd, ist das böseste, was man einem Radfahrer antun kann – es gibt Stragien gegen Seiten- wie auch Gegenwind, aber sowohl für den Belgischen Kreisel als auch fürs Windkantenfahren fehlte mir schlicht und ergreifend die Gruppe) – es war enervierend. Ich habe daher auch auf eine Mittagspause verzichtet, einfach um irgendwie vorwärts zukommen. Alles in allem: Der freundliche Wunsch meiner Wirtin in Grieben, ich möge viel Spaß haben, erfüllte sich nicht im Geringsten. Spaß ist was anderes.
Da der Tag schon so freundlich begann, verfuhr ich mich auch gleich mal, und zwar nach Verlassen des Örtchens Buch (leider war kein Ortseingangsschild in Sicht, dieses Photo hätte ich mir unmöglich entgehen lassen können – für eine Ortsumfahrung, um eines zu finden, fehlte mir jedoch jegliche Motivation) – entweder habe ich das blaue e, das mich bisherzuverlässig leitete, übersehen oder es handelt sich wirklich um eine miserabel ausgeschilderte Stelle. Aber gut, wer war noch nicht verwirrt, nachdem er ein Buch verlassen hatte?
Nach einer Fahrt auf entsetzlich schlecht gepflasterten Landwirtschaftswegen (womit ich nichts gesagt haben will, offenbar war die Strecke ja nicht für Radtouristen gedacht und ich bin mir sicher, die Traktoren kommen mit dem Belag hervorragend klar) traf ich auf eine Gruppe Radtouristen, die offensichtlich von jemand Ortskundigem geführt wurden. Dieser gab mir im Vorbeifahren einen freundlichen Hinweis, wie ich den Deichweg nach Tangermünde erreichen könne. Die Sprüche der nachfolgenden Fahrer möchte ich hier nicht wiedergeben, aber mir ist schleierhaft, wie man als Teilnehmer einer Fahrt, deren Herausforderung in Sachen Orientierung in nichts anderem besteht, als allen hinterherzufahren, sich tatsächlich über jemanden lustig machen kann, der den Weg nicht ganz gefunden hat, erschließt sich mir nicht. Für schlagfertige Antworten fehlten mir Zeit, Muße und Esprit, also erduldete ich Häme und Spott und machte mich auf den Weg. Von dem ich aber nach Überblicken der Lage schnell wieder absah, umkehrte und im nächstgelegenen Ort die Landstraße nach Tangermünde nahm. Das brachte mich zwar um den Genuß, von der Hafenseite her einzufahren, sparte mir aber einige Kilometer, so daß ich nach den vorgesehenen 17 Kilometern, wenn auch nicht in der geplanten Zeit, Tangermünde erreichte.
Obwohl ich also unter erheblichem Zeitdruck stand, konnte ich unmöglich die Tangermünder Altstadt ignorieren. Immerhin befinde ich mich auf einer Tour zum Haupt der Hanse und mit Tangermünde erreichte ich nun endgültig den Einflußbereich derselben. Ich kann der geneigten Leserschaft nur raten: Schaut euch dieses Städtchen an – vergeßt Delitzsch, frühneuzeitliche Stadtstrukturen jibbet hier viel besser zu bestaunen. Und eine spät rehabilitierte auf dem Scheiterhaufen verbrannte Ortsheldin (ist es nicht eigentlich absurd, eine Frau, der man die SChuld an einem verheerenden Stadtbrand gibt, nun auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen?) – näheres lesen Sie bitte bei Fontane.
Ich nutzte zudem die städtische Infrastruktur, um Bananen- und Bargeldvorräte aufzustocken und machte mich dann an die Weiterreise, die äußerst beschwerlich, aber immhin mit Elbblick begann. Von „flach“ konnte übrigens auf diesem Tagesabschnitt keine Rede sein. Der Sportkommentator in meinem Kopf fand die Bezeichnung „wellig, nicht hoch, aber zermürbend“. Die nicht endenwollende Fahrt nach Arneburg brachte mich nahe an eine Aufgabe, aber manchmal zeichne ich mich durch eine gewisse Dickköpfigkeit aus und ich wollte mich nicht unterkriegen lassen. Außerdem wollte ich unbedingt Wittenberge erreichen. Das ist wahrscheinlich so eine Psychosache. Als langjähriger Bahnfahrer war Wittenberge immer ein Hoffnungsort. Hat man erstmal den Umsteigebahnhof Wittenberge erreicht, dann ist es nicht mehr weit nach Norden. Vor allem hat dann die endlose Einöde der Altmark ein Ende. Selbige schien heute kein Ende nehmen zu wollen und der Wind blies teilweise so stark, daß ich selbst auf flachen Strecken nicht mehr über 13-14 km/h hinauskam. Daher faßte ich den Entschluß, auf keinen Fall vor Havelberg Pause zu machen, einfach um effektiv etwas geschafft zu haben. Also ignorierte ich auch den winzigen Hinweis in Kirch-Polkritz auf das Chamisso-Grab. Der war wirklich winzig, nur auf einem kleinen Schild als dritter Punkt angeschrieben, ganz im Gegensatz übrigens zu den Hinweisen aufs Rittergut oder der ausgiebigen Würdigung der Schlacht bei Altenzaun – einem großen Tag in der Geschichte der Altmark, besiegte hier doch Herr Yorck mit seinen preußischen Truppen die bösen Franzosen. Nachdem ich das sah, überkam mich zum einen ein schlechtes Gewissen, ob es nicht als Kontrapunkt notwendig gewesen wäre, das Grab zu besuchen und zum anderen ließ es mich über die Erinnerungskultur der Altmark grübeln. Die Anzahl an Kriegsdenkmälern dort ist erstaunlich, bei Storkau stand ein Gedenkstein für die bei der Verteidigung der Eisenbahnbrücke gefallenen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Erklärung als preußisches Kernland und den damit verbundenen Repräsentationszwecken wirklich zur Erklärung ausreicht. Nunja, das ist ein anderes Thema.
Laut Radreiseführer könnte man durch den Weg über Sandau und Havelberg 17km sparen. Das war natürlich Musik in meinen Ohren und frohgemut überquerte ich bei Sandau, vorher in Sandau das Schild „Wittenberge 35km“ ignorierend, erneut per Fähre die Elbe, das nahe Ende des heutigen Reisetages vor Augen. Am Ortseingang Havelberg erwartete mich die erste Enttäuschung, denn statt der laut Kilometerstand zu erwartenden ca. 20km nach Wittenberge gab der Wegweiser für den Elbradweg 30km an. Ich traf dort denn auch ein Paar wieder, das ich bereits auf der Fähre traf, nach gemeinsamen Kartenstudium kamen wir zu dem Schluß, daß nichtsdestotrotz dies der angkündigte kurze Weg sein müsse, die beiden fuhren dann noch in die Stadt, wovon ich absah, denn ich war bereits vor 12 Jahren da und ein erneuter Blick auf den durchaus imposanten Havelberger Dom war mir die massiven Steigungen dorthin nicht wert (der Ort heißt vollkommen zurecht HavelBERG).
Nach 9 km Schleifen fahren kam ich an einem Schild an, das zwei Wege nach Wittenberge anzeigte. Der eine war 28, der andere 29 km lang. Ich war den Tränen nahe. Mein Kopfradio assoziierte wild und spuckte das hier aus.
Aber ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits rund 70 km auf dem Tacho, kein Grund, jetzt noch aufzugeben. Nach 12km Fahrt durch – Nichts (ehrlich, der Grebe hat so Recht) oder als was auch immer man Brandenburg bezeichnen möchte. Da waren jedenfalls nur der Fluß, der Deich, ein paar Wiesen, verschiedenes Getier – und ich. Mit dem Wind, meinen SChmerzen und meiner Verzweiflung kämpfend. Da gehörte schon einiges dazu, in Rühstädt (Europas Storchendorf seit 1996 – muß ich wirklich noch was sagen?) die zahlreichen Übernachtungsangebote auszuschlagen. Aber: Ein Ende war abzusehen. Unter 20 km vom Tagesziel entfernt, Zeit, mal in Wittenberge anzurufen – und diesmal funktionierte es mit der vorher erwählten Übernachtungsmöglichkeit. Mit diesem psychologischen Trick gewappnet fühlte ich mich stark genug, die sicher noch zahlreichen Avancen zur zeitigen Übernachtung ausschlagen zu können. Im nächsten Ort verkündete dann ein Schild: „Wittenberge 11km“ – Gottseidank. Leider war der dafür vorgesehene Weg wegen einer Brückensanierung gesperrt und die Umleitung führte über eine vielbefahrene Straße. Als ich auf diese traf, nach ca. 5km Fahrt offenbarte mir zum zweiten Mal heute ein Schild, daß ich mich meinem Ziel nicht genähert habe. Noch 12km bis Wittenberge. Aber wenigstens gab es diesmal aller paar Kilometer ein neues Dorf, was die Sache erträglicher machte als die immergleiche Aussicht auf Felder und Wiesen, die heute weite Strecken des Tages prägte.
Nun aber bin ich hier in einer unglaublichen Ferienwohnung (2 Etagen, oben zwei Zimmer, das ganze in einem eigenen Gebäude und für nur 25€ – also falls mal jemand nach Wittenberge möchte: Haus am Festspielplatz. Tolle Sache.) und hoffe darauf, daß morgen alles besser wird.
Wie zum Hohn übrigens gab es vorhin beim Weg zu einer gastronomischen Einrichtung meiner Wahl strahlende Sonne und Windstille. Ick sache da ma nüscht zu, wa.

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