Fairy Tales

Eine Messe ist eine feine Sache. Viele Unternehmen kommen mit vielen bunten Produkten, um zu zeigen, wie toll die sind – und natürlich wie toll sie selber sind.
Und das MessePublikum wiederum läßt sich gerne verführen, staunt die vielen bunten Dinge an und läßt sich bereitwillig in Kaufbereitschaft versetzen.
So auch vor nun doch schon einer Woche in Leipzig. Wie bei solcherlei Voraussetzungen nicht anders zu erwarten, gab es auch hier einiges zu erleben.
Meinen ersten Aufreger hatte ich bereits in der Woche vor Beginn der Leipziger Großinszenierung, als sich die Kölner (die irgendetwas gegen Leipzig zu haben scheinen) in den Mittelpunkt rückten mit ihrer klar als Konfrontation konzipierten lit.cologne (inzwischen gibt es ja nur noch terminliche Nähe mit Überschneidung, anfangs setzten die ja den Termin auf den Leipziger Messetermin) in den Mittelpunkt rückten. Wogegen nichts zu sagen ist, Literatur kann es nicht schaden, zusätzliche Aufmerksamkeit zu erhalten. Nach welch kruder Definition allerdings die lit.cologne mit ihren 175 Veranstaltungen als „größtes Literaturfestival Europas“ zu bezeichnen wäre (so geschehen im Morgenmagazin der Öffentlich-Rechtlichen), ist mir schleierhaft. Und brachte mich, wahrscheinlich nicht ohne eine gute Portion Lokalpatriotismus, durchaus auf.
Messe in Leipzig, das ist immer auch „Leipzig liest“ – die vielleicht rettende Idee der Buchmesse, um sich neben der übermächtigen Geschäftsmesse in Frankfurt zu halten. Der im Prinzip winzige Buchmarkt (das Gesamtvolumen des Marktes erreicht keine 10 Milliarden EUR, befindet sich also ungefähr auf dem Niveau von AldiNord) benötigt keine zwei Geschäftsmessen. Die Idee, das aus historischen Gründen sowieso buchmessenbegeisterte Leipziger Publikum also auszunutzen und eine Publikumsmesse mit inzwischen unglaublichen 1500-1700 Veranstaltungen in 4 Tagen zu etablieren, war so naheliegend wie großartig.
Aber ich schweife ab.
Die Mehrspartigkeit des Buchhandels scheint jedenfalls eine weiterhin schwer vermittelbare Konzeption zu sein. Die gebetsmühlenartige Wiederholung der Aussage, daß zum Kauf doch bitte eine der in jeder Halle vorhandenen Buchhandlungen genutzt werden möge, legt das zumindest nahe. Daher sei es auch hier noch einmal erwähnt:
Es gibt den herstellenden (Verlage) und den verbreitenden Buchhandel (Buchhandlungen). Erstere verkaufen an zweitere und erst diese an den interessierten Leser. Das schöne an der Organisation der Leipziger Messe ist dabei, daß jedes Buch, das an einem Messestand präsentiert wird, auch in einer der Messebuchhandlungen zu erwerben ist. Dabei kann es durchaus zu der bizarren Situation kommen, daß ein Mitarbeiter der Messebuchhandlung exakt das Exemplar vom Stand abholt, das dem Besucher grade eben nicht verkauft wurde. Sowas nennt man dann Kollegialität. 😉
Ganz unabhängig davon sollte dem ein oder anderen noch einmal die Bedeutung des Symbols der Leipziger Messe in Erinnerung gerufen werden. Das doppelte M steht bekanntermaßen für den Begriff „Mustermesse“. Diese ebenfalls großartige Erfindung aus früheren Tagen rettete nicht nur den Messestandort Leipzig, sondern die Institution „Messe“ überhaupt. Denn bis zur Neuzeit waren Messen tatsächlich Warenmessen. Jeder brachte mit, was er verkaufen wollte, und zwar komplett. Mit dem Aufkommen des Massenhandels und der Möglichkeit, große Menge über große Strecken zu transportieren, wurde dieses Modell anachronistisch. Mit der Idee, einfach nur noch Muster auszustellen und dann Aufträge zu generieren, wuchs Leipzig eine Bedeutung zu, der die Bewohner der Heldenstadt heute noch nachtrauern.
Aber ich schweife ab.
Jedenfalls der Sinn einer Mustermesse ist: Gucken und ordern.
Was aber die Buchmesse in Leipzig ausmacht, sind eben die (Lese-)Veranstaltungen und die bunte Mischung der Gäste. Ich habe miterlebt, wie Silbermond, die zur Präsentation ihres LiederBuches einen Riesenauflauf verursachten, es gab vom Charme eines Schweizer Schriftstellers verzaubertes Publikum zu beobachten oder Buchvorstellungen, bei denen ein größeres Publikum erst noch überzeugt werden muß. Wobei großes Publikum auch nicht immer ein Vorteil ist. Es soll Veranstaltungen geben, bei denen erst einmal ausgiebig die Bedeutung des Verlages herausgestrichen wird, ehe dann auch mal die Autoren etwas vortragen dürfen. Was übrigens dann absurd wird, wenn es sich um eine Jubiläumsveranstaltung des Verlages handelt – man also davon ausgehen darf, daß von der Bedeutung des Verlages keiner der Anwesenden noch überzeugt werden muß – aber gut, was soll man als Manager auch sagen (Verleger sind ja Mangelware geworden). Bei solchen Gelegenheiten findet man übrigens auch höchst sympathische Zeitgenossen im Publikum. Also solche, die den letzten freien Sitzplatz schnell noch mit ihrem Mantel belegen, nur damit niemand des gewöhnlichen Plebs neben ihnen sitzt. Doch um mich über arrogantes Verhalten zu echauffieren, bin ich wohl in der falschen Branche.
Zu erleben hat man auch sonst einiges, man kann Kafka-Erstausgaben im Gegenwert eines Jahresgehaltes bestaunen, GutenbergBibelSeiten in Handarbeit nachdrucken, über die Preise für einen Fleischklops staunen oder Cosplayer bewundern. Dieses Jahr wurden die vom FachbesucherEingang weg in Halle 2 verschoben. Möglicherweise daher mein Eindruck, es seien deutlich weniger als früher – was etwas bedauerlich ist, denn diesen bunten Kontrapunkt gegen die zwischen bierernstem scheinbildungsbürgerlich und kauflüstern changierende Sonntagsklientel empfand ich immer als sehr erfrischend. Möglicherweise spielt es eine Rolle, daß die Messe den freien SonntagsEintritt für die „Mantra-Girls“ (die phonetische Nähe zwischen diesen ganzen Fernostbegriffen ist ja nicht für jeden einfach 😉 ) abgeschafft zu haben scheint.
Aber ich schweife ab.
Natürlich ist auch die Leipziger Messe ein Branchentreffen. Insbesondere für diejenigen, denen aus verschiedenen Gründen die Anreise nach Frankfurt zu weit ist. Man trifft also alte und neue Bekannte, die zwar weniger opulenten und weniger zahlreichen, aber immer noch reichlich vorhandenen Verlagsparties sind weiterhin gut besucht (und Einladungen gelegentlich sehr begehrt) – Networking galore* sozusagen. Dabei kann es auch passieren, daß man in Zusammenhänge gerät, in die man nicht gehört (und es darf gefragt werden, ob es tatsächlich weiterbringt, sich beim Cheflektor mit einem zerschlagenen Weinglas in dauerhafte Erinnerung zu bringen), kann aber auch passieren, daß man ganz neue Seiten an alten Freunden erkennt, wenn man nachts um zwei ins Gespräch vertieft durch die Heldenstadt läuft.
Man kann aber auch durch Halle 2 laufen und einen Dreijährigen suchen, der stolz wie Bolle auf sein neues Buch ist und all die Stände betrachten möchte, an denen man vorher achtlos vorbeigelaufen ist. Glücklicherweise passen aber die Hostessen am FSK18-Videospielstand genau auf, wer sich den Trailer anschaut. 😉

Nunja, wie gesagt, so eine Messe ist eine feine Sache. Das sieht auch der stets lesenswerte Rainer Moritz so.

*und, nebenbei, natürlich auch Leseexemplare schnorren galore – aber psst.

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