Grießbreifresser

Inwieweit im Kompositum „Qualitätsmedien“ tatsächlich zwei sinntragende Nomina verbunden werden, gehört, insbesondere im Netz der Netze, zu den derzeit heiß diskutierten Themen.
Herr Kaliban, auf dessen Beitrag ich im heutigen Fremdcontentbeitrag mal verweisen möchte, bringt die Desillusionierung des kritischen Lesers gewohnt pointiert zum Ausdruck. Möglicherweise bricht den Medienhäusern hier tatsächlich eine komplette Zielgruppe weg, die sich inzwischen Informationen aus anderen Quellen holt. Möglicherweise mühsamer, aber den aufmerksamen Geist befriedigender.

Einen Punkt sehe ich jedoch weiterhin viel zu wenig berücksichtigt. Bei allen kritisierten Medien handelt es sich um Wirtschaftsunternehmen. Daß die sinnentleerte Klickstrecken basteln oder Themen zu Themen machen, die es nicht wert wären und zudem auch noch voneinander abschreiben, weil mit dieser Methode Geld zu verdienen ist, dann, mit Verlaub, muß auch gefragt werden: Was sagt das eigentlich über das Publikum?

Der Hausheilige hätte da eine Antwort:

An das Publikum

O hochverehrtes Publikum,
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen
alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo
spricht: »Das Publikum will es so!«
Jeder Filmfritze sagt: »Was soll ich machen?
Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!«
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
»Gute Bücher gehn eben nicht!«
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

So dumm, daß in Zeitungen, früh und spät,
immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein;
aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;
aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn
könnten mit Abbestellung drohn?
Aus Bangigkeit, es käme am Ende
einer der zahllosen Reichsverbände
und protestierte und denunzierte
und demonstrierte und prozessierte . . .
Sag mal, verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?

Ja, dann . . .
Es lastet auf dieser Zeit
der Fluch der Mittelmäßigkeit.
Hast du so einen schwachen Magen?
Kannst du keine Wahrheit vertragen?
Bist also nur ein Grießbrei-Fresser -?
Ja, dann . . .
Ja, dann verdienst dus nicht besser.

in: Werke und Briefe: 1931, S. 513. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 8493f. (vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 237f.) (c) Rowohlt Verlag

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