Das Buch zum Sonntag (38)

Für die, ähem, *hust*, gestern begonnene Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Robert Gernhardt: In Zungen reden

Robert Gernhardt, Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule, war einer der umtriebigsten und wohl auch vielfältigsten deutschen Schriftsteller der letzten fünfzig Jahre. Sehr viele Menschen dürften sogar Gernhardt-Texte auswendig können, ohne es zu wissen.*
„Stimmenimitationen von Gott bis Jandl“ jedenfalls lautet der Untertitel des heute empfohlenen Werkes, das eine Sammlung von Parodien enthält. Parodiert wird dabei munter durch die Literaturgeschichte – und mit großer Kunstfertigkeit. Zu einer guten Parodie ist nur fähig, wer das zu parodierende Werk sehr genau kennt. Wir dürfen annehmen, daß Gernhardt sehr genau gelesen hat.
In der illustren Runde dieser über etliche Jahre hinweg entstandenen Kleinode finden sich besispielsweise Platon und die Beatles, Thomas Mann und Dante, Goethe und Hemingway, Gottfried Benn und Ror Wolf.
Neben einem wunderbaren Wort mit 10 „e“ gibt es hier einiges zu entdecken, das mindestens zum Schmunzeln verführt:

Daß sie unter den Talaren
Machtgeil, stur und muffig waren,
Grade dann, wenn sie in Worten
Jederzeit und allerorten
Das Bestehende verdammten
Und der Schicht, aus der sie stammten,
Feurig die Leviten lasen:
Haltet ein! Bald deckt der Rasen
Euch und eure schwarze Taten.
Die tagtäglich das verraten,
Was ihr sonst an Werten predigt-:
Glaubt Karl Marx! Ihr seid erledigt!
Denn es kann im falschen Leben
Niemals nie kein richtigs geben!

Meister im Levitenlesen
Aber war der Prof, an dessen
Widersprüchen sich die „lieben“
Mädchen Pat und Doris rieben.
Darum sei sogleich verraten,
Was sie mit Adorno taten.

Nun war dieser große Lehrer
Von den Damen ein Verehrer
Was man ohne alle Frage
Nach des Denken Müh´ und Plage
Einem guten alten Mann
Auch von Herzen gönnen kann.
Nicht so unsre beiden Kinder,
Die im Weiberrat und in der
Wohngemeinschaft voll einbrachten,
was sie von dem Denker dachten:

(S. 58)

Leicht zu erkennen ist hier Gernhardts Art, nicht allein literarisch zu parodieren, sondern gleichzeitig noch satirische Seitenhiebe zu verteilen (was aber beim Mitgründer der Titanic wohl kaum überraschen dürfte). Was gleichzeitig natürlich gelegentlich die Lektüre für diejenigen schwierig machen kann, denen die Anspielungen auf Zeitereignisse fremd sind oder die den parodierten Autor (bzw. das parodierte Genre, Gernhardt parodiert auch Märchen, Legenden oder Verschenktexte) – aber gerade die hier gezeigte Busch-Parodie macht auch ohne intime Kenntnis der seinerzeitigen Ereignisse Freude. Anders gesagt: Die berichtete Anektode ist erheiternd auch ohne das Wissen darum, daß sie auf einem tatsächlichen Ereignis beruht. 😉

Aber ich kann die geneigte Leserschaft nicht ohne einen Verweis auf meine Lieblingsparodie entlassen:

Das elfte Gebot

Als nun der HErr herabgefahren war auf den Feldberg, oben auf seinem Gipfel, berief er seinen Knecht Gernhardt hinauf auf den Gipfel des Berges, und Gernhardt stieg hinauf.
Da sprach der HErr: Ich bin der HErr, dein Gott, und ich habe seinerzeit vollkommen verschwitzt, meinem Knecht Moses das Elfte Gebot mitzugeben, als er vom Berge Sinai hinunter zum Volke stieg.
So nimm du es und geh hin und steig hinab und verkünde allem Volke das Elfe Gebot.
Und Gott redete nur diese Worte: „Du sollst nicht lärmen.“
Und Gernhardt tat wie ihm geheißen und stieg hinab und sprach also zum Volk: Dies sind die Lärmvorschriften, die der HErr euch auferlegt hat:
[…]
Ihr sollt keinen Walkman in Bahnen und Zügen benutzen, denn siehe: Der Walkman ist ein Blendwerk des Satans, zu verwirren die Sinne des Menschen, auf daß er glaube, er könne seinen Kopf mit Musik vollknallen, ohne daß sein Nächster davon höre.
Ich aber sage euch: Und ob der was mithört!
[…]
Diese sollen euch in Bahnen und Bussen ebenfalls unrein sein unter den Piepsgeräten, welche Knöpfe haben und die man in die Tasche stecken kann: das Computerspiel, das Handy und der Laptop. Denn alles, was ihr Pieps beschallt, das wird unrein. Und alles Gerät, das gepiepst hat, soll man ins Wasser tun, es ist unrein bis zum Abend und danach unbrauchbar. In euren Wohnung aber sollen diese Geräte nicht unrein sein.

(S. 7-12)

Gernhardt, im Übrigen auch ein Meister des Nonsens, ist immer lesenswert, „In Zungen reden“ ist aber auf jeden Fall ein großes Lesevergnügen und auch wenn es natürlich sehr viel mehr Spaß macht, wenn man in der Thomas Mann – Parodie alle Bezüge zu den zehn eingeflochtenen Werken erkennt, so sei der geneigten Leserschaft versichert, daß es auch ohne dies einfach eine Freude ist, Gernhardt zu lesen.

Zum Abschluß der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

*Otto Waalkes engagierte Gernhardt als Textschreiber, nachdem dieser mit ihm wegen ungenehmigter Verwendung seiner Texte kontaktierte. Bekannteste Beispiel dürfte wohl dieses sein.

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