Paprika im März

Ich hatte soeben ein bemerkenswertes Erlebnis im Discounter meiner Wahl. Die junge Dame, die vor mir bezahlte, tat ihr Entsetzen darüber Kund, daß Gemüse derzeit ja unglaublich teuer sei, der Paprika zum Beispiel – und dann sehe der noch nicht einmal gut aus. Im Winter sei das ja verständlich, aber nun werde es doch Frühling.
Mein spontaner Impuls war, ihr zuzurufen: „Es ist Anfang März und Du kannst jegliche Obst- und Gemüsesorte kaufen. Geht´s noch?“, unterließ das dann aber, hatte ich doch das Haus überhaupt nur widerwillig verlassen und fehlte mir wahrlich der Antrieb zu einer vermutlich aussichtslosen Debatte.
Allerdings habe ich mich schon lange nicht mehr so alt gefühlt, ich hatte wirklich den Eindruck, irgendwie einer anderen Generation anzugehören, weil es mir nicht selbstverständlich erschien, am 2. März abends um halb acht Paprika kaufen zu können, geschweige denn zu erwarten, um diese Uhrzeit noch eine große Auswahl an frischen, makellosen Exemplaren zum Schnäppchenpreis vorzufinden.
Ich meine, ja, es ist selbstverständlich möglich, aber haben wir wirklich vergessen, welchen Aufwand wir betreiben, damit das überhaupt geht? Haben wir wirklich vergessen, daß das keine Selbstverständlichkeit ist?

Wir befinden uns in der Fastenzeit – und die liegt nicht zufällig in der Zeit des ausgehenden Winters. Es ist nämlich die Zeit, in der die Vorräte zur Neige gehen, mit denen der Winter bestritten werden muß, gleichzeitig aber noch keine Möglichkeit besteht, irgendwas zu ernten, pflücken oder zu sammeln. Weil nämlich noch nichts wächst.
Jedenfalls war das so vor der Erfindung des logistischen Mammutprojekts, das hinter der täglich frischen Belieferung unserer Kaufhallen steckt. Und die Frage darf erlaubt sein, ob das nicht überhaupt Wahnsinn ist.

Wir leben hier in einer Welt, die glaubt, sich von den natürlichen Umweltbedingungen unabhängig gemacht zu haben. Was noch nicht einmal völlig falsch ist, wir begehen nur scheinbar allmählich den Fehler, sie zu ignorieren. Diese Hybris war hier ja schon einmal Thema. Die Vielfalt im Lebensmittelregal scheint zu suggerieren, daß dies zwangsläufig und immer so sein müsse – ganz egal, welche Jahreszeit herrscht, ob es regnet oder schneit, die Erde bebt oder ein Orkan durchzieht. Nein, dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil, es handelt sich hier um ein komplexes System, dessen Teile alle reibungslos funktionieren müssen, damit dem so ist. Auch wenn wir schon recht weit sind, was das Austricksen angeht.
Es ist gar nicht so lange her, daß das täglich Brot für jeden ein anzustrebendes Ziel unserer Gesellschaft war – heute schimpfen wir über die Paprikapreise im Winter!

Die Fastenzeit hat ihre ursprüngliche Funktion als religiöse Überhöhung eines natürlichen Mangelzustandes verloren – was auch ihre geringe Popularität erklären könnte, der Mensch verzichtet nicht gern, wenn er nicht muß. Aber es scheint mir doch angebracht, einmal inne zu halten und zu überlegen, was wirklich notwendig ist – und was wir wirklich brauchen. Werden wir verhungern, wenn wir eingelagerte Kartoffeln und Äpfel essen, statt sie aus Ägypten und Italien heranzuschaffen? Wird unsere Produktivität sinken, wenn die Erdbeeren nicht frisch eingeflogen werden, sondern für ein paar Wochen aus dem Einweckglas stammen? Was ist das überhaupt für eine Welt, in der es billiger ist, Kartoffeln um die halbe Welt zu schicken, als sie vom Erzeuger dreißig Kilometer entfernt zu holen? Ticken wir noch richtig?

Ja, ich finde es höchst angenehm, jederzeit nahezu jedes Nahrungsmittel meiner Wahl ohne größeren Aufwand kaufen zu können. Und ja, ich würde darauf höchst ungern verzichten wollen. Aber, verdammt nochmal, das ist Luxus. Und wenn dann die Paprika fünfzig Cent mehr kosten, obwohl doch in wenigen Wochen Frühling ist, dann sollte das eher ein Moment sein, sich in Erinnerung zu rufen, welch irrsinnigen Aufwand wir für diese fünfzig Cent betreiben.

Meine Großeltern sind noch im zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Ich weiß, daß sie froh sind, daß das täglich Brot heute eine Selbstverständlichkeit ist. Wir sollten endlich beginnen, von der Lebenserfahrung früherer Generationen zu lernen, um zu begreifen, welchen Luxus es bedeutet, sich am 2. März vor einer unterbezahlten Kassiererin aufbauen und über die Paprikapreise schimpfen zu können – aus den täglichen Nachrichten scheinen wir es ja nicht zu begreifen. Und so verständlich es ist, dem Fernsehen nicht zu glauben, wenigstens den eigenen Vorfahren sollten wir Glauben schenken. Oder ihnen wenigstens mal zuhören.

Oder dem Hausheiligen:

Der Mann für Ruhe und Ordnung fragt entrüstet, warum denn diese Leute so viele Kinder hätten. Diese Kinder des niedersten Proletariats verdanken ihre Existenz, so brutal das klingt, der Wohnungs- und der Bettennot, dem Mangel an Heizmaterial und der Unbeholfenheit der Frauen, sich gegen den Kindersegen zu wehren (was ein überholtes Strafgesetz heute noch verbietet). Diese Kinder leben, weil . . .
Es gibt ein bitteres Wort einer alten Zeitungsverkäuferin, die auf die Frage, warum sie denn in ihrer Armut noch zehn Kinder in die Welt gesetzt habe, geantwortet hat: »Die reichen Leute jehen abends ins Theater . . . «
Da leben Kinder. Wir haben Kinder gesehen, Mädchen von sechs und sieben Jahren, die waren 90 Zentimeter hoch, und andere, die den ganzen Tag nicht auf die Straße gehen konnten, weil sie mit Ausnahme eines kleinen Kittels ganz nackt waren. Der Ernährungszustand ist durchweg trostlos: die Kinder leben von Brot und Margarine und Kohl. Ein Mädchen schlief zwei Meter von einer Kellertür entfernt neben Lumpen auf dem Steinfußboden. Die Tür schloß nicht, sie ließ einen handbreiten Spalt frei. Daß ein Kind in dieser Proletarierwelt im Bett allein schläft, kommt kaum vor. »Die sittliche Verderbnis der unteren Stände« – man sollte jedem Pastor, der so etwas in den Mund nimmt, die Bibel um die Ohren hauen.
Mag er hingehen und sehen: die Wohnungen, in die kein kaiserliches Marstallpferd hereingegangen wäre, diese muffigen, schwarzdunklen Kellerlöcher mit ein paar alten Bettstellen darin, wo Kinder schlafen, sollte er sehen!
Und das Allerschlimmste an diesen Dingen ist: daß es sich hier nicht nur um Arbeitslose handelt, sondern um Familien, deren Erwerber eine kleine Stellung haben und verdienen. Und es nützt ihnen gar nichts.
Wer früher in die Fabrik ging, zählte kaum zum Lumpenproletariat.
Und heute?

*

Und heute?

*aus: Kinderhölle in Berlin. in: Werke und Briefe: 1920. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 9418f. (vgl. Tucholsky-DT, S. 244-245) (c) Rowohlt Verlag
http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm

P.S. Für den Gegenwert der Schuhe, die die junge Dame, deren Kaufentscheidung dann auf Partytomaten fiel, anhatte, hätte sie problemlos sämtliche Paprikavorräte des Ladens kaufen können.

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