Das Buch zum Sonntag (34)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Franz Kafka: Der Proceß

Was in meinen Augen für viele sogenannte Klassiker gilt, die das Pech hatten, Schullektüre zu werden, gilt besonders für Kafka.
Vergeßt literarwissenschaftliche Diskurse, schenkt euch gelahrte Interpretationen: „Zurück zum Lesen!“ lautet die Devise.
Fragen nach literaturhistorischer Bedeutung, intertextuellen Bezügen oder konstruktivem Rahmen sind gewiß nicht unwichtig und ich möchte auch intellektuelles Vergnügen bei der Bearbeitung solcher Themenkomplexe nicht verhehlen, doch ist es wirklich das, was Lesen zum Vergnügen macht? Wohl kaum.
Nun also Kafka.
Den „Proceß“ habe ich erst recht spät gelesen, so mit Mitte Zwanzig und die Lektüre wirkt noch immer nach. Erzählt wird die Geschichte von Josef K., der eines Tages ohne Vorwarnung und ohne Begründung verhaftet wird.
Diese Verhaftung hat zunächst keine offensichtlichen Folgen, er bekommt Termine, zu denen er erscheinen muß, kann aber ansonsten sein Leben weiterleben.
Was nun folgt, ist die großartige Beschreibung eines Menschen, der sich gezeichnet fühlt, unsicher im Umgang mit der Umwelt wird, beginnt, Fehler zu machen – kurz: der beginnt, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.
Die Beschreibung des Gefühls der permanenten Überwachung, die für Josef K. mit seiner Verhaftung beginnt, die unbestimmte, nicht faßbare, aber doch konkrete Bedrohung, die mit seinem Zustand einhergeht, das finde ich sensationell.
Und im Übrigen hochaktuell in einer Zeit, in der die Bürger dieses Staates unter Generalverdacht gestellt werden, in denen jede ihrer Kommunkationshandlungen aufgezeichnet und gespeichert werden, in der erfaßt wird, wann sie krank werden und wann sie gewagt haben zu streiken, in der festgelegt wird, welche Inhalte sie wahrnehmen dürfen und welche nicht.
Es könnte dem einem oder anderen, der die Unruhe nicht versteht, die weite Teile der Bevölkerung angesichts diese zunehmenden Überwachung erfaßt hat, helfen, mal dieses Buch zu lesen.
Schauen wir gleich mal an den Anfang des Buches, Josef K. erwacht und stellt fest, daß etwas anders ist: Das Frühstück, sonst pünktlich um acht da, kam nicht – stattdessen erscheint auf sein Läuten hin ein ihm unbekannter Mann:

Er war schlank und doch fest gebaut, er trug ein anliegendes schwarzes Kleid, das ähnlich den Reiseanzügen mit verschiedenen Falten, Taschen, Schnallen, Knöpfen und einem Gürtel versehen war und infolgedessen , ohne daß man sich darüber klar wurde, wozu es dienen sollte, besonders praktisch erschien. „Wer sind Sie?“ fragte K. und daß gleich halb aufrecht im Bett. Der Mann aber ging über die Frage hinweg, als müsse man seine Erscheinung hinnehmen und sagte bloß seinerseits: „Sie haben geläutet?“ „Anna soll mir das Frühstück bringen“, sagte K. und versuchte zunächst stillschweigend durch Aufmerksamkeit und Überlegung festzustellen, wer der Mann eigentlich war. Aber dieser setzte sich nicht allzulange seinen Blicken aus, sondern wandte sich zur Tür, die er ein wenig öffnete, um jemandem der offenbar knapp hinter der Tür stand, zu sagen: „Er will, daß Anna ihm das Frühstück bringt.“ Ein kleines Gelächter im Nebenzimmer folgte, es war nach dem Klang nicht sicher, ob nicht mehrere Personen daran beteiligt waren. Trotzdem* der fremde Mann dadurch nichts erfahren haben konnte, was er nicht schon früher gewußt hätte, sagte er nun doch zu K. im Tone einer Meldung: „Es ist unmöglich.“ „Das wäre neu“, sagte K., sprang aus dem Bett und zog rasch seine Hosen an. „Ich will doch sehn, was für Leute im Nebenzimmer sind und wie Frau Grubach diese Störung mir gegenüber verantworten wird.“ Es fiel ihm zwar gleich ein, daß er das nicht hätte laut sagen müssen und daß er dadurch gewissermaßen ein Beaufsichtigungsrecht des Fremden anerkannte, aber es schien ihm jetzt nicht wichtig.

(S. 9f.)**

Es folgt eine Szene, die derart dicht und gelungen ist, daß es mir nahezu unmöglich scheint, sie überzeugend einzufangen. Da mir diese Einschätzung aber auf den ganzen Roman zuzutreffen scheint, versuche ich es mal mit ein paar kurzen Ausrissen:

„Nein“, sagte der Mann beim Fenster, warf das Buch auf ein Tischchen und stand auf. „Sie dürfen nicht weggehen, sie sind ja gefangen.“ „Es sieht so aus“, sagte K. „Und warum denn?“ fragte er dann. „Wir sind nicht dazu bestellt, Ihnen das zu sagen. Gehn Sie in Ihr Zimmer und warten Sie. Das Verfahren ist nun einmal eingeleitet und Sie werden alles zur richtigen Zeit erfahren. Ich gehe über meinen Auftrag hinaus, wenn ich Ihnen so freundschaftlich zurede. Aber ich hoffe, es hört es niemand sonst als Franz und der ist selbst gegen alle Vorschrift freundlich zu Ihnen. Wenn Sie auch weiterhin so viel Glück haben, wie bei der Bestimmung Ihrer Wächter, können Sie zuversichtlich sein.“ K. wollte sich setzen, aber nun sah er, daß im ganzen Zimmer keine Sitzgelegenheit war, außer dem Sessel beim Fenster. „Sie werden nich einsehn, wie wahr das alles ist.“, sagte Franz und gieng gleichzeitig mit dem anderen Mann auf ihn zu.[…]
Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde gehörten sie an? K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte ihn in seiner Wohnung zu überfallen?
Er neigte stets dazu, alles möglichst leicht zu nehmen, das Schlimmste erst beim Eintritt des Schlimmsten zu glauben, keine Vorsorge für die Zukunft zu treffen, selbst wenn alles drohte. Hier aber erschien ihm das nicht richtig […]
„Sie sind doch verhaftet.“ „Wie kann ich denn verhaftet sein? Und gar auf diese Weise?“ „Nun fangen Sie also schon wieder an“, sagte der Wächter und tauchte ein Butterbrot ins Honigfäßchen. „Solche Fragen beantworten wir nicht.“ „Sie werden Sie beantworten müssen“, sagte K. „Hier sind meine Legitimationspapiere, zeigen Sie mir jetzt die Ihrigen und vor allem den Verhaftbefehl.“
„Du lieber Himmel!“ sagte der Wächter

(S. 11ff.)**

Und jetzt: Aufpassen!

„Wir sind niedrige Angestellte, die sich in einem Legitimationspapier kaum auskennen und die mit Ihrer Sache nichts anderes zu tun haben, als daß sie zehn Stunden täglich bei Ihnen Wache halten und dafür bezahlt werden. Das ist alles, was wir sind, trotzdem aber sind wir fähig einzusehen, daß die hohen Behörden, in deren Dienst wir stehn, ehe sie eine solche Verhaftung verfügen, sich sehr genau über die Gründe der Verhaftung und die Person des Verhafteten unterrichten. Es gibt darin keinen Irrtum. Unsere Behörde, soweit ich sie kenne, und ich kenne nur die niedrigsten Grade,m sucht doch nicht etwa die Schuld in der Bevölkerung, sondern wird wie es im Gesetz heißt von der Schuld angezogen und muß uns Wächter ausschicken. Das ist Gesetz. Wo gäbe es da einen Irrtum?“ „Dieses Gesetz kenne ich nicht“, sagte K. „Desto schlimmer für sie“, sagte der Wächter.

(S. 14)**

Und es wird Josef K. noch einige Male ähnlich ergehen. Niemand scheint zuständig, keiner in der Lage, ihm zu sagen, wessen er beschuldigt wird – und doch muß er sich verteidigen, muß er sich korrekt, ja sogar besser verhalten. Kurz: Er muß ein Spiel spielen, dessen Regeln er nicht ansatzweise durchschaut. Die Assoziationen mit Erlebnissen aus dem eigenen Leben überlasse ich hier mal der geneigten Leserschaft.
Ich sagte bereits an anderer Stelle, daß ich ein besonderes Leseinteresse für zerbrechende, selbstzerstörerische Figuren habe. Und wie Josef K. hier Stück für Stück mürbe gemacht wird, der Selbstzweifel Besitz von ihm ergreift, wie eine durch und durch ihm gegenüber Wohlwollen bekundende Maschinerie (Seien Sie doch vernünftig, Wir meinen es nur gut mit Ihnen, Es ist nur zu Ihrem Besten) unerbittlich weiterläuft – und das alles in einem ruhigen Tonfall erzählt, der den Lesenden geradezu ratlos macht. Ich finde das derart gut, mir fehlen die Worte.
„Der Proceß“ ist kein schönes Buch, nichts, was man an einem heimeligen Winterabend am Kamin liest. Aber die Winterabende werden ja auch allmählich knapp, es wird Zeit, mal wieder etwas aufwühlendes zu lesen. Nur wenige Bücher meiner Lesebiographie haben einen derart starken Eindruck hinterlassen wie dieses Werk Kafkas.

Und da mir die Worte fehlen, dieses Werk angemessen zu würdigen, überlasse ich das dem Hausheiligen:

Wenn ich das unheimlichste und stärkste Buch der letzten Jahre: Franz Kafkas ›Prozeߋ (im Verlag Die Schmiede zu Berlin) aus der Hand lege, so kann ich mir nur schwer über die Ursachen Erschütterung Rechenschaft ablegen. Wer spricht? Was istdas?

aus: Der Prozeß. in: Werke und Briefe: 1926, S. 160. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 4242 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 370) (c)Rowohlt Verlag

So der Beginn seiner mehrseitigen Rezension, die folgendermaßen endet:

So etwas ist es. Ein Gott formt eine Welt um, setzt sie neu zusammen, ein Herz steht am Himmel und scheint nicht, sondern klopft; ein Fetisch wandelt, eine Apparatur wird lebendig, nur, weil sie da ist, die Frage Warum? ist so töricht, beinah so töricht wie in der realen Welt.
Deren Teile sind da – aber sie sind so gesehen, wie der Patient kurz vor der Operation die Instrumente des Arztes sieht: ganz scharf, überdeutlich, durchaus materiell – aber hinter den blitzenden Stücken ist noch etwas andres, die Angst brüllt der Materie in alle Poren, erbarmungslos steht das Operationsbett, hab doch Mitleid! sagt der Kranke, auch du! Das Bett ist so fremd, aber es ist doch im Bunde.
Ein solcher Wille begründet Sekten und Religionen – Kafka hat Bücher geschrieben, einige wenige, unerreichbare, niemals auszulesende Bücher. Hätte sich der Schöpfer anders besonnen, und wäre dieser in Asien geboren: Millionen klammerten sich an seine Worte und grübelten über sie, ihr Leben lang.
Wir dürfen lesen, staunen, danken.

aus: Der Prozeß. in: Werke und Briefe: 1926, S. 168. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 4250 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 4, S. 374) (c)Rowohlt Verlag

Natürlich soll auch heute nicht der Verweis auf die

lieferbaren Ausgaben

nicht fehlen.

*Ist das mein verkorkstes Stilempfinden oder gehört da nicht doch besser ein „obwohl“ hin?
**zitiert nach: Kafka: Der Proceß. S. Fischer Frankfurt/Main, 2006 (auf Textgrundlage der Kritischen Ausgabe)

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