Das Buch zum Sonntag (33)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Nikolai Bucharin: Das letzte Wort des Verurteilten am 12. März 1938

Mein Bild von Bucharin ist im Wesentlichen geprägt von Ilja Ehrenburg, der in seinen Memoiren ein warmes Bild dieses Revolutionärs zeichnet (was nicht zuletzt wohl auch darin begründet liegt, daß für Ehrenburg, der nie im engeren Sinne revolutionär tätig war, Bucharin den Revolutionär verkörperte, der er wohl gerne gewesen wäre – aber das führt jetzt zu weit). Nun bin ich keine 14 mehr und inzwischen durchaus in der Lage, Quellen kritisch zu hinterfragen. Aber eine emotionale Grundsympathie für diese letztlich tragische Gestalt der sowjetischen Revolution bleibt.
Die Biographie Bucharins, insbesondere aber sein Verhältnis zu Stalin, kann als exemplarisch gelten für die Methode der Unberechenbarkeit, der Willkürlichkeit, die Stalin anhaftete. Jenem gelang es ganz hervorragend, die Rolle des guten und weisen Zaren zu spielen, der nur durch schlechte Berater davon abgehalten wird, allen die Glückseligkeit zu bringen. Dies zeigt sich immer wieder an den Briefen, die Stalin insbesodnere von alten Weggenossen geschickt wurden. Ich halte jedoch eine gezielte Zermürbungstaktik, ein bewußtes Hinhalten – kurz: ein durchaus überlegtes Verhalten, geführt von einem Gespür für Machterhalt für sehr viel wahrscheinlicher. Aber auch das führt hier zu weit.
Bucharin gehörte zur ganz alten Garde der Bolschewiki, nahm bereits an der Revolution von 1905 teil und zählte zu den zentralen Figuren der zwanziger Jahre. Er fiel bei Stalin Ende der zwanziger Jahre in Ungnade und wurde in den folgenden Jahren immer wieder von Posten entfernt, um daraufhin woanders wieder eingesetzt zu werden – Bucharins unverbrüchlichen Ethos des Revolutionärs, der sich immer der großen Sache verpflichtet sieht, ausnutzend.
Im Rahmen der Stalinschen Säuberung wurde auch Bucharin schließlich angeklagt – und im Rahmen der Moskauer Schauprozesse zum Tode verurteilt.
Seine Rede nun ist ein großartiges Dokument, in dem er noch einmal brilliert mit intellektueller Schärfe, mit böser Ironie – er vollbringt hier das Kunststück, Stalin und dessen Handlanger zu entlarven, ohne aber offen Kritik zu üben.
Ganz im Gegenteil, er erkennt das Urteil vollkommen an, gesteht die Taten ein, derer er beschuldigt wurde – und führt dann aus, warum das alles an den Haaren herbeigezogen sein muß. Das ist ganz großes Kino (und zeigt übrigens die fatale Logik des revolutionären Ethos, sobald die Revolution vorbei ist: Die entscheidende Prämisse einer jeden Revolution ist, daß die revolutionäre Bewegung unbedingt richtig ist und alles, was zur Erreichung dieses Ziels notwendig ist, umgesetzt werden muß, egal, welche Opfer dafür nötig sind und ob man persönlich deren Sinn erkennt. Mit dieser Methode lassen sich Umwälzungen herbeiführen – aber einen Staat auf einer permanenten Revolution aufzubauen, muß zwangsläufig zu fundamentalistischer Repression führen. Denn es braucht ja stets jemanden, der zu bekämpfen ist. Aber das führt mal wieder zu weit.)*
Aber lassen wir einmal Bucharin selbst reden. Nachdem er also sich in allen Punkten schuldig bekannt hat, geht er nun Stück für Stück alle Aussagen der Mitangeklagten und Zeugen durch:

Iwanow. Über seine Aussagen muß ich überhaupt folgendes sagen. Die entsprechenden Personen, die in der Vergangenheit mit der Ochrana verbunden waren, sagen aus, daß sie aus Furcht vor einer Entlarvung beschlossen haben, den Kampf gegen die Sowjetmacht zu führen, und deswegen zu den Rechten gingen, zur illegalen Organisation, sich auf den Terror orientierte. Aber wo ist da die Logik? Eine ausgezeichnete Logik, aus Furcht vor einer möglichen Entlarvung in eine terroristische Organisation zu gehen, wo man morgen schon erwischt werden kann. Man kann sich das schwer vorstellen. Ich wenigstens kann mir das nicht vorstellen. Aber der Bürger Staatsanwalt hat ihnen geglaubt, obwohl all dies offenbar nicht überzeugend klingt.
Chodshajew behauptet, daß ich ihm geraten habe, mit dem englischen Residenten in Verbindung zu treten, und Ikramow sagt, daß ich ihm erklärt hätte, Turkestan stelle einen Leckerbissen für England dar. In Wirklichkeit war die Sache durchaus nicht so. Chodshajew sagte ich, daß man die Widersprüche zwischen den imperialistischen Mächten ausnützen muß, und ich unterstützte andeutungsweise den Gedanken der Unabhängigkeit Turkestans. Über irgendwelche Residenten fiel kein einziges Wort. Der Bürger Staatlicher Ankläger fragte – aber haben Sie Chodshajew gesehen? Ich habe ihn gesehen. War das in Taschkent? Das war in Taschkent. Sprachen Sie mit ihm von Politik? Von Politik. Also haben Sie mit ihm vom Residenten gesprochen. Solche Schlußfolgerungen figurierten nicht nur einmal, aber wenn ich gegen solche Schlußfolgerungen protestierte, dann beschuldigte mich der Bürger Staatsanwalt, daß ich die Unwahrheit sage, Finten machte, die Wahrheit zu verheimlichen wünsche usw., und er wurde von einer ganzen Reihe meiner Mitangeklagten unterstützt. Aber mir scheint, daß in diesem Fall die wirkliche Logik vollkommen auf meiner Seite ist.

Lieferbar ist derzeit keine Ausgabe, aber es gibt noch Restposten und gebrauchte Exemplare

dieser Ausgabe,

die mit einem Essay von Stefan Reinecke ergänzt wurde. Das scheint mir besonders für diejenigen unter der geneigten Leserschaft sinnvoll, die nicht mit allen Details der sowjetischen Poltikgeschichte dieser Zeit vertraut sind.

*diese Überlegungen gehören zu einem meiner bevorzugten Themenkreise, der Frage nämlich, wie Menschen im vollen Glauben daran, das Gute und Richtige zu tun, ganz katastrophal Falsches tun. Wobei auch hier zu beachten ist, daß Bucharin vollkommen klar war, wer hier wirklich verantwortlich ist. Nach dem Tode Stalins fand man in dessen Schreibtisch einen Brief Bucharins, den er nach der Verurteilung schrieb und der mit den Worten beginnt: „Koba, wozu brauchst Du meinen Tod?“

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