Lenchenfrage

UPDATE, 15.02.2010 Der Beitrag hier bezieht sich ausschließlich auf die Plagiatsdebatte um Airen. Das schließt mitnichten aus, daß Helene Hegemann nicht woanders gestohlen hat. Dies muß vielmehr als erwiesen gelten. Ich habe mich seitdem auch etwas aus der Debatte augeklinkt, da sie inzwischen derart mäandert, daß es mir unmöglich ist, noch den Überblick zu behalten.
Erfreulicherweise allerdings scheint sie sich inzwischen auf die in meinen Augen drängende Frage nach Rolle und Qualität des deutschen Feuilletons zu verlagern.

UPDATE (2), 16.02.2010 Da gelegentlich in den Debatten die Frage auftauchte, ob hier das Lektorat nicht hätte bemerken müssen, daß es mindestens einen Plagiatsverdacht gibt (und die eindeutig mit „Nein“ zu beantworten ist), hierzu ein sehr lesenswertes Interview im Buchmarkt. Meine Lieblingstelle daraus ist übrigens: Denn wenn Biller ein Buch auf seine unnachahmliche Weise toll findet, lese ich das zumindest für mich als Warnung „Vorsicht: Könnte Kunst sein. Vielleicht aber auch nur ambitionierte Künstlichkeit.“

UPDATE (3), 24.02.2010Diesen Spaß kann ich der geneigten Leserschaft allerdings nicht vorenthalten. Durs Grünbein veröffentlichte einen Text zu Hegemanns Plagiat – zu dem es dann noch etwas zu ergänzen gab.

UPDATE (4), 01.04.2010Und noch einen letzten Nachschlag. Peter Michalzik kehrt in der FR mal die Scherben zusammen und versucht nachträglich doch noch so etwas wie Fakten in die Debatte einzubringen.

UPDATE (5), 04.05.2010Frau Hegemann antwortet in der ZEIT selbst auf ihre Kritiker.

In diesem Blog spielen Bücher eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Und so kann auch ich es mir nicht versagen, mich auch hier zur Debatte um die Plagiatsvorwürfe gegen Helene Hegemann zu äußern.
Es sind da einige Aspekte, die ich höchst bemerkenswert finde.
Der erste betrifft die große Aufregung, die Deef Pirmasens mit seinem Blogbeitrag in der Internetgemeinde auslöste. Ich finde es erstaunlich, wie populär auf einmal das gute alte Urheberrecht wurde. Entgegen aller Beteuerungen behaupte ich, daß es keineswegs die Nichtnennung der Quelle „Airen“ war, die dort die Emotionen hochkochen ließ, sondern eher die Tatsache, daß da jemand Geld verdient. „Ein böser Zauberer ist der Neid.“* Man lese hierzu nur mal die Kommentare bei stern.de – so viel Haß, so viel Wut. Und das alles bei Leuten, die rein gar nichts damit zu tun haben. Im selben Artikel steht übrigens der bemerkenswerte Satz eines Piratensprechers, daß wildes Kopieren ohne Quellenangabe das bisherige Urheberrecht ad absurdum führe und man deshalb auf Kinder und Jugendliche entsprechend einwirken müsse.
Ahja. Die Piraten finden also – nein, Stopp, bei den Piraten gibt es ja keine Parteimeinung, es gibt immer nur Privatmeinungen Einzelner (Beispiel gefällig?) – ein Pirat findet also, daß es notwendig ist, das bisherige Urheberrecht zu erhalten. Sehr bemerkenswert. Ich hatte ja nach den bisherigen Positionen der Piraten (geistiges Eigentum jibbet nich, kreative Leistungen gehören der gesellschaft, nicht einzelnen etc.) eher mit einer Solidaritätsadresse für Frau Hegemann gerechnet. Hier stellt sich erneut die von den Piraten noch immer nicht klar beantwortete Frage zu einem der Kernpunkte ihres Programms: „Wie hältst Du es mit dem Urheberrecht, Jack?“

Ein zweiter Aspekt, der mir auffiel, war, daß außer vom wutschäumenden digitalen Mob, dem ich in intellektueller Arroganz glatte Nichtlektüre der beiden zur Debatte stehenden Werke unterstelle, die literarische Qualität von „Axolotl Roadkill“ gar nicht in Frage gestellt wird. Weder Deef Pirmasens, der Verleger Frank Maleu oder das Feuilleton – die Bewertung des Buches als „gekonnt“ bleibt gültig. Während die literarische Hochkritik, die den Roman vorher in einer Weise feierte, der zur Vermutung Anlaß geben muß, daß Ullstein weit mehr als nur Rezensionsexemplare zur Verfügung stellte, ja das Bestreben nach Gesichtswahrung unterstellt werden kann (muß?), besteht weder für den enthüllenden Blogger (dies, nebenbei, scheint mir eine der Erfolgsgeschichten des Internets zu sein: Es bedurfte eines einzigen (!) aufmerksamen Lesers und 48 Stunden später war Ullstein zu Zahlungen bereit – kein Leserbrief könnte das bewirken), noch für den Verleger des kopierten Autors der geringste Anlaß, das Werk zu loben. Taten sie aber. Vielleicht, weil das Buch ja wirklich gut ist.
Und damit wären wir beim dritten Aspekt, den ich hier noch etwas ausführen möchte.
Hier geht es nämlich um die Hauptfrage: Was ist überhaupt Kunst? Worin besteht denn der schöpferische Akt, der aus einem Text Literatur macht?
In der Debatte zum auslösenden Blogbeitrag findet sich folgender Satz, den ich auch dort schon zitierte:
Und aus meiner persönlichen Erfahrungen sind Plagiatsdiskurse, soweit sie nicht wissenschaftliche Texte und Qualifikationsschriften anbetreffen, auch Stellvertreterdiskussionen. (nachzulesen hier.)
Das scheint mir ein wichtiger Punkt. Denn auch bei wissenschaftlichen Arbeiten geht es ja um kreative Leistungen. Die kommen aber anerkanntermaßen nicht aus dem Nichts oder als göttliche Offenbarungen (da gelten andere Regeln), sondern bauen immer auf den Forschungen und Erkenntnissen anderer auf. Die denn auch minutiös nachgewiesen werden, was der Lesbarkeit des Textes nicht immer zuträglich ist, aber dafür sorgt, daß der Erkenntnisprozeß nachvollziehbar bleibt. Letztlich ein buchhalterisches Prinzip: Keine Buchung ohne Beleg. Kein Satz ohne Nachweis.
Kunst aber geht einen anderen Weg. Die Aussagen eines literarischen Werkes müssen nicht weniger gültig sein als die einer wissenschaftlichen Abhandlung – aber sie müssen nicht bewiesen werden. Das Kriterium der Überprüfbarkeit fehlt – zu Recht, wie ich anmerken möchte. Gleichzeitig aber entsteht auch Kunst nicht aus dem Nichts. Ganz im Gegenteil, die Kunstgeschichte ist voll von Werken, die sich gegenseitig zitieren und das ganz ohne Quellennachweis. Die Literaturwissenschaft nennt das Intertextualität.
Diese wiederum findet sich in jedem literarischen Werk (von den bildenden Künsten will ich gar nicht erst anfangen, da wird die Sache noch heftiger). Mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt.
Kurz:
Kunst bezieht sich auf Kunst. Wer einmal in einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst war, weiß, was ich meine. 😉 Worin aber besteht nun die originäre Leistung des Literaten?
Platt gesagt: Darin, ein Literaturwerk zu schaffen. Ein literarisches Werk muß nichts mehr bieten, als sich selbst zu genügen. Eine eigene Welt erschaffen, die in sich stimmig ist, in die der Lesende folgen kann und die er zu sich und seiner Welt in Beziehung setzt. Diese Spannung zu erzielen, das ist Kunst.
Und dabei spielt es keine Rolle, wieviele andere schon einmal ähnliches gesagt, geschrieben oder gemalt haben. Entweder, diese Spannung stellt sich ein – oder sie tut es nicht.
Deshalb bleibt die Frage, ob „Axolotl Roadkill“ ein gutes Buch ist oder nicht, von der Frage, welche Quellen sie wie intensiv genutzt hat, vollkommen unberührt.

Als letzten Aspekt greife ich noch die Frage auf, ob es sich hier überhaupt um ein Plagiat handelt. Diese Frage ist in meinen Augen seltsam unbestritten.
Felicitas von Lovenberg schreibt in ihrem ungewohnt gestückelt wirkenden Beitrag in der FAZ „Nun folgt einem ungewöhnlichen Bucherfolg fast nichts so zuverlässig wie der Plagiatsvorwurf […].“
Wofür es in jüngerer Zeit auch spektakuläre Beispiele gibt. Ich erinnere an die Prozesse um „Sakrileg““ und „Tannöd“.
In beiden Fällen übrigens versuchten Sachbuchautoren, Literaten zu verklagen, weil diese sich bei ihnen inhaltlich bedient hätten. Diese Idee ist derart absurd, daß ich die Prozesse an sich schon erstaunlich finde – nach dieser Logik könnten Lexikonverlage dumm und dämlich verdienen.
Heute nun äußerte sich auch Airen in der FAZ zum Sachverhalt. Und interessanterweise läßt sich aus diesem Interview ersehen, daß es sich bei „STROBO“ um einen Erfahrungsbericht handelt – und mitnichten um einen Roman. Dies dürfte die juristische Seite der Angelegenheit „Plagiat ja/nein“ erheblich verändern, diese interessiert mich hier aber gar nicht.
Ich behaupte, daß es auch aus künstlerischer Sicht fragwürdig ist, ob der Plagiatsvorwurf überhaupt gilt. Mir scheinen da eher ein paar typische Sozialreflexe eine Rolle zu spielen als tatsächliche Überprüfungen.
Am Ende des angegebenen Interviews findet sich eine Übersicht mit Stellen aus Hegemanns Werk und dem von Airen.
Unschwer läßt sich dabei erkennen, daß Helene Hegemann „STROBO“ gelesen hat. Es dürfte auch unstrittig sein, daß sie Formulierungen übernimmt.
Für ein Plagiat bedarf es aber mehr.
Deef Pirmasens merkt in den Kommentaren an, daß zwar für den Abdruck einer Passage aus einem Werk von David Foster Wallace eine Genehmigung eingeholt wurde, für die Stellen aus Airens Werk aber nicht. Neben der simplen Erklärung, die Ullstein dafür offiziell verlauten ließ**, gibt es aus meiner Sicht auch noch eine andere. Nämlich die, daß Helene Hegemann vollkommen zu Recht keine anderen Quellen angeben mußte.
Ich weiß nicht, ob die gneigte Leserschaft bereit ist, sich hier auf eine Debatte einzulassen, aber in meinen Augen beweisen alle (mühsam?) zusammen gesuchten Stellen nur eins: Die schöpferische Leistung Helene Hegemanns.
Denn ja, es ist Kunst, Formulierungen anderer neu zusammenzustellen, sie in andere Kontexte einzuflechten. Ja, es ist Kunst, wenn aus Sätzen, denen die Anstrengung der Erlebnisse aus allen Poren kriecht, die nur mühsam zu lesen sind, Sätze werden, die Rhythmus haben, die prägnant sind, die einen anderen Stil haben. Ja, es ist eine eigene schöpferische Leistung, wenn aus Erlebnissen Metaphern werden.
Ich lasse mich da gerne eines besseren belehren, aber diese ganzen Aufzählungen, überzeugen mich eher davon, Helene Hegemann den Leipziger Buchpreis zu erkennen als in Airen einen bestohlenen Autor zu sehen.

Zu guter Letzt möchte ich mich noch dem Wunsch Thomas von Steinaeckers anschließen, der seinen höchst lesenswerten Beitrag zum Umgang des Feuilletons mit Helene Hegemann mit den Worten beendet: Der Fall Hegemann lässt in mir den dringenden Wunsch, nein, die aufrichtige Bitte aufkommen, dass sich die Literaturkritik hierzulande endlich weniger um Hypes oder die Biografie eines Autors kümmert und mehr um seinen Text.

Ach nein, einen habe ich noch. Den Kommentar Mathias Ulmers in Replik auf Wolfgang Schneider: Ich finde, wir erleben einen eigenartigen Vorgang. Die Autorin, die – soweit ich das beurteilen kann – schon den Ton einer Generation trifft, schreibt über das Problem dieser Generation, sich nicht echt zu fühlen. Und das schreibt sie so, dass man ihr jetzt vorwirft, das nicht echt zu fühlen. Und sie antwortet, dass sie sowieso nicht echt fühlen kann, weil sie nicht weiß was echt fühlen ist und was sie echt fühlt. Und deshalb nimmt sie Texte, die sich echt anfühlen um zu sagen, was sie echt fühlt. (nachzulesen in den Kommentaren zu diesem Beitrag)

Und da es heute um zwei Bücher ging, möchte ich noch einen Hinweis auf die lieferbaren Ausgaben von

Axolotl Roadkill und

STROBO

einfügen.

Vielleicht noch einen Kommentar des Hausheiligen? Ja, ich denke schon:

Wenn du aufwärts gehst und dich hochaufatmend umsiehst, was du doch für ein Kerl bist, der solche Höhen erklimmen kann, du, ganz allein –: dann entdeckst du immer Spuren im Schnee. Es ist schon einer vor dir dagewesen.
Glaube an Gott. Verzweifle an ihm. Verwirf alle Philosophie. Laß dir vom Arzt einen Magenkrebs ansagen und wisse: es sind nur noch vier Jahre, und dann ist es aus. Glaub an eine Frau. Verzweifle an ihr. Führe ein Leben mit zwei Frauen. Stürze dich in die Welt. Zieh dich von ihr zurück…
Und alle diese Lebensgefühle hat schon einer vor dir gehabt; so hat schon einer geglaubt, gezweifelt, gelacht, geweint und sich nachdenklich in der Nase gebohrt, genau so. Es ist immer schon einer dagewesen.

aus: Es gibt keinen Neuschnee. in: Werke und Briefe: 1931. Tucholsky: Werke, Briefe, Materialien, S. 8351 (vgl. Tucholsky-GW Bd. 9, S. 174) (c) Rowohlt Verlag http://www.digitale-bibliothek.de/band15.htm
*aus: Erhardt/Lakomy: Neidlied. Zu finden hier.
** Die im übrigen auch juristisch korrekt ist. Der Autorennormvertrag, inhaltliche Grundlage eines jeden anständigen Autorenvertrags, stellt den Verlag von jeder Pflicht zur urheberrechtlichen Überprüfung frei, es sei denn der Autor weist ihn darauf hin.

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Lenchenfrage

12 Gedanken zu “Lenchenfrage

  1. Suche:
    „…:Die schöpferische Leistung Helene Hegemanns.“
    ?
    ja ja – hochliterarisch – wenn nicht gar ein Zeichen gar göttlichen Geschickes – so einfach so ( irgendwie irgendwie ) Whiskey in Vodka zu verwandeln.
    und so bescheiden, das Mädel, äh die Frau Hennemann: nur ’n Doppelten statt 50 Stück –
    Das verdient Respekt in solch maßlosen Zeiten, echt ey.
    Dafür verdient unser fleischgewordenes Wort mindestens 12 Dümmer – äh 12 Sack Dünger(Mist), äh ,nein Jünger -ach scheiße – ist doch sowieso alles einsdeinsmeins!
    Wenn’s denn erlaubt ist, das mal irgendwie echt unempirisch auszukotzen

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      1. Wohl wahr!
        Schade nur um jeden unschuldig offen daliegenden Bucheinband, über dem der unappetitliche Feudel dann ausgewrungen wird.
        Insofern scheinen wir uns einig: den Unrat schnell entsorgen!

        und tschüß

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  2. Ich bin durch Ihren Kommentar auf meinem Blog auf diesen Text gestossen.

    Ich stimme Ihnen in vielen Dingen zu. Nur nicht dort, wo Sie den Begriff des Plagiats in Bezug auf Strobo nicht gelten lassen wollen. Die Textstellen, die im Airen-Interview von der FAZ zitiert werden, sind zahlreich. Es ist nicht nur ein Wort oder ein Motiv, welches dann verfremdet übernommen wurde (wie z. B. Ihre überaus hübsche Überschrift, deren Ursprung leicht erkennbar ist, dennoch eine eigene Schöpfung darstellt). Es ist deutlich mehr. Ein Plagiat ist nicht nur dann gegeben, wenn 50% oder mehr eines Buches abgeschrieben sind.

    Sie erwähnen, dass Strabo ein „Erfahrungsbericht“ sei. Das mag sein, aber die Gattungsbezeichnung von Axolotl Roadkill lautet „Roman“. Aber nur, weil es sich um andere Gattungen handelt, erlischt nicht die Möglichkeit des Plagiats. Hierzu gibt es zahlreiche, prominente Beispiele.

    Mich interessant in diesem Zusammenhang insbesondere die Rezeption des Feuilletons. Hegemanns Roman wird immer noch gefeiert – die Gründe sind deutlich benennbar. Es wird ein Hype erzeugt. Statt sich auf den Roman selber zu konzentrieren, dient die Autorin als Projektionsfläche. Abschreiben wird als „intertextuell“ aufgehübscht, während Blogger, die Zitate als solche kennzeichnen, als Diebe gelten. Steinaeckers Wunsch, sich mehr an den „Texten“ zu halten, wird ein frommer Wunsch bleiben, weil die Meute mehr sein will.

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    1. Nun,

      daß ich mit meiner Ansicht, die bisherigen Stellen genügten nicht, um ein Plagiat zu begründen, recht einsam bin, fiel mir bereits auf. Da ich die Möglichkeit des eigenen Irrtums nie ausschließe, mag es sein, daß ich mich irre. Zumal ja nun, da die Debatte einmal läuft, immer mehr Versatzstücke als Ursprung ihres Werkes bekannt werden. Ich bin allerdings der Auffassung, daß Frau Hegemann hier keineswegs weiter gegangen ist als dies andere Künstler vor ihr taten. Wenn also, dann bitte konsequent. Dann keine Cranach-Feiern mehr, keine Brecht-Huldigungen etc. ohne ausreichende Würdigung der tatsächlichen Urheber.
      Die Frage, ob es sich bei „Strobo“ überhaupt um ein literarisches Werk handelt, halte ich alles in allem für einen Nebenschauplatz, mir schien es aber wichtig, diese Frage aufzuwerfen, da es ein Licht auf eine völlig andere, von Ihnen zu Recht angemerkte Problematik wirft:
      Die zunehmende Boulevardisierung des Feuilletons, die inzwischen ganz offensichtlich so weit geht, daß schon die Unterscheidung zwischen Fiktion und Realität (in diesem Falle also der Differenz von Autor und Werk) nicht mehr geleistet wird. Wie Menschen, die nicht selten germanistische Studiengänge besucht haben, ganz ernsthaft annehmen, ein Autor müsse bitte unbedingt alles erlebt haben, worüber er schreibt, läßt mich in tiefsten Kulturpessimismus versinken.

      Was aber die anhaltende Begeisterung für Hegemanns Roman angeht, möchte ich doch die Möglichkeit nicht ausschließen, daß das Buch vielleicht einfach gut ist. Sie mag vielleicht keine originelle, vielleicht noch nicht einmal eine originale, Autorin sein – das Ergebnis ihrer Arbeit mag trotzdem überzeugend sein. Wie bereits im Beitrag geschrieben, liest man die Stellen von Airen und die von Hegemann mal ganz ohne Empörung oder Schaum vorm Mund gegeneinander, so ist augenfällig, welche einfach besser geschrieben sind.

      Noch ein Wort zum Umgang mit zitierenden Bloggern: Da gibt es in der Tat noch einiges zu tun. Für diesen Problemkreis kann Frau Hegemann nun aber mal gar nichts. Ich würde sogar wagen, noch einen Schritt weiter zu gehen: Vielleicht ergibt sich aus diesem Fall endlich ein Diskurs, der zielführend die Frage des Umgangs mit kreativer Leistung im 21. Jahrhundert klärt.

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  3. Vorab: Man wird, um sich ein (abschließendes) Urteil bilden zu können, den Roman lesen müssen.

    Davon unberührt, liegt aber ein Unterschied darin, ob man sich inspirieren lässt, Quellen (also Inhalte) verwendet, oder Anleihen am Stil eines anderen nimmt – das schließt immer eine kreative Leistung mit ein. Oder, in dem man, wie angesprochen, Zitate, die entweder also solche kenntlich gemacht, oder weil unzweideutig erkennbar, nicht gekennzeichnet werden müssen, in neuer Weise arrangiert (dass man unbewusst etwas übernimmt, kann sein, und das lässt sich nur verhindern, in dem man noch einmal mit seinen Quellen vergleicht).

    Und es tut nichts zur Sache, um das auch einmal zu sagen, sich auf irgendwelche literarischen Größen zu berufen, die das auch getan haben.

    Der entscheidende Punkt ist, in welcher Absicht und welchem Umfang Zitate und Phrasen übernommen wurden: Naivität, Unerfahrenheit, bewusste Täuschung etc.

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    1. Da sind wir vollkommen d´accord.
      Der einzige Unterschied scheint mir lediglich die Bewertung zu sein. Und ich sehe hier eine eindeutige eigene kreative Leistung.
      Widrigenfalls kämen wir in der Literatur zu änlichem Unfug wie in der Rechtssprechung bei der Musik, in der es inzwischen nur noch um einzelne Takte geht, um als Plagiat gelten zu können.
      Um meine Position zu verdeutlichen, versuche ich es mal exemplarisch:

      Axolotl S. 36: Ophelia steht auf dem Klodeckel, um drei Lines Speed auf der Trennwand zur Nachbartoilette zurechtzumachen.

      Strobo S. 146: … klettert Marc auf die Klobrille und macht die Lines an der Grenze zur Nachbartoilette zurecht.

      Das ist, beim besten Willen, kein Zitat. Das einzige, was hier identisch ist, ist der Vorgang an sich: Jemand konsumiert Drogen, auf dem Klodeckel stehend, die Trennwand als Unterlage nutzend. Wollen wir jetzt die überaus reiche Literatur zu Drogenerfahrungen durchgehen und nachschauen, wo alles auf der Trennwand zum Nachbarklo eine Linie eingepfiffen wurde? Weiter gehen die Übereinstimmungen nämlich gar nicht.

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      1. Hmm, nein, eine abschließende Bewertung existiert aus meiner Sicht noch nicht, aber das Auftauchen dieser Ähnlichkeiten bedarf einer Erklärung (denn der reine Zufall ist immer die letzte und unplausibelste).

        Ich dachte mir, als ich die Vorwürfe zuerst las, auch, ob das überhaupt für einen Plagiatsvorwurf reicht. Andererseits: Teile eines Romans als Plagiat zu enttarnen, ist nicht ganz einfach, und dass es derart schnell geschehen ist, legt nahe, dass es vielleicht noch mehr gibt – was es natürlich zu beweisen gilt, und erst dann in ein Urteil ein zu fließen hat.

        Auch wenn das jetzt wie Flucht klingt: Auf den (exemplarischen) Vergleich möchte ich mich (noch) nicht einlassen, dazu kenne ich die Stellen und Details zu wenig. Außerdem kann es nur in größerem Stil erfolgversprechend sein. Vielleicht lässt es sich ja nachholen.

        Ich glaube, dass man nicht unbedingt mit der Rechtsprechung argumentieren sollte, es geht zunächst einfach um eine literarische Bewertung, was dann daraus wird oder werden kann ist wieder etwas anderes (man könnte theoretisch sagen, dass etwas, das man literarisch als Plagiat versteht [verstehen kann], nicht immer auch rechtliche Konsequenzen haben muss).

        Mehr vom prozesshaften her gesehen: Wenn Fragmente anderer Autoren dazu dienen, bewusst, eigene Momente kreativer Schwäche zu kompensieren, also Text nicht eine Inspirationsquelle, sondern einen Lückenfüller darstellt, und das mit einiger Konsequenz geschieht, dann würde ich von einem Plagiat sprechen. Oder anders: Wenn Charme und Reiz einer Szenerie nicht einem Arrangement entspringen, also einer Neuheit, sondern Wesentliches aus der Leistung eines anderen beziehen (davon zehren), dann wiederum haben wir ein Plagiat vor uns (zumindest der betreffenden Stelle). Das im Nachhinein nachzuvollziehen ist natürlich (fast) unmöglich, oder zumindest sehr schwierig.

        Entscheidend ist, dass man nicht etwas anderes nutzt um ein weiteres zu erzeugen, sondern ausnutzt.

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      2. Der Hinweis auf die Untauglichkeit des juristischen Diskurses im Rahmen dieser Debatte ist vollkommen gerechtfertigt, insbesondere, da ich ihn ja im Blogbeitrag selbst ausgeschlossen habe. Wie dieser Fall juristisch zu bewerten ist, mögen die Juristen unter sich ausmachen.

        Was nun die von Ihnen angesprochenen Überlegungen zum Plagiat angeht, so sehe ich unsere grundsätzlichen Positionen gar nicht weit auseinander. Und daß sie es schwierig finden, eine Überprüfung des Plagiatvorwurfs an konkreten Stellen durchzuführen, unterstreicht in meinen Augen übrigens die Voreiligkeit der öffentlichen Verurteilung. Interessanterweise wird ja ein zeitgleich stattfindender, ganz offenichtlicher Plagiatsfall (nämlich der Fall Lindner/Evanovich: http://ow.ly/17CNF ) praktisch gar nicht thematisiert, was mich weiterhin der Hypothese anhängen läßt, daß ein ganz großer Teil der Debatte im Netz eine reine Stellvertreterdebatte ist.

        Sollten Sie jedenfalls doch noch zur Lektüre greifen, wünsche ich viel Lesevergnügen, ganz unabhängig davon, wie der Text entstanden ist. 😉

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  4. lieber gachmuret,
    sorry für die verspätete antwort aber gleich und husch zu punkt eins deiner antwort auf meine kritik: mich stört noch immer der punkt mit der spannung! würdest du salinger absprechen ein wichtiger bestandteil der literarischen vergangenheit (und gegenwart) zu sein, obwohl er es nicht vermochte dich in seine reflektierende welt zu bannen? andersrum, würdest du rosa pilcher eine große rolle in der hochwertigen literatur einräumen, obwohl sie mit ihrem heilen-welt-firlefanz extrem viele menschen erreicht? somit ist die spannungsfrage für mich lediglich eine subjektive.
    der zweite punkt betrifft lenchens erfahrungswerte. ich habe nie behauptet, dass es meiner meinung entspricht, sie müsse erlebt haben was sie zu papier bringt. ich habe lediglich darauf hingewiesen, warum es zu dieser empörung kam, warum man sich verarscht fühlte. was mich direkt zum nächsten punkt bringt: natürlich hat sich lenchen nicht selbst zum fräulein wunder ernannt. und sie tut mir jetzt gerade redlich leid. aber leider lässt sich daran nix rütteln, dass das, was sie hervorgebracht hat weit mehr war, als bloße inspiration eines anderen werkes eines anderen autoren, der meines wissens nach bis vor einer woche von dieser kopiererei gar nüscht wusste. ich empfehle dabei ein interview, welches die süddeutsche mit airen gedruckt hat. hegemann selbst bezeichnete ihre version der geschichte bei harald schmidt als „remix“, airen selbst sagt dazu aber „…zu sagen, kopieren sei ein remix, ist nicht fair.“ ich sage außerdem, dass es nicht fair war die quelle komplett außen vor zu lassen. und dass sie sich seither nicht ein mal mit airen unterhalten hat? seltsam. und nun stell dir mal vor, jemand nimmt die texte aus deinem blog und veröffentlicht diese, verdient eine wahnsinns asche damit. hättest du dir nicht gewünscht wenigstens um erlaubnis gefragt zu werden?
    um es einmal mit den worten eines freundes juristisch-pragmatisch auszudrücken: unwissenheit schützt vor strafe nicht. man sollte einfach nicht ideen stehlen ohne sich mit dem urheber auseinanderzusetzen. wobei ich immernoch denke, dass sie weit mehr gestohlen hat, als die idee; um ganze passagen abzukupfern und eine runde sache daraus zu machen, muss man sich entsprechend dem vorgängerwerk anpassen, stilistisch wie auch inhaltlich.

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    1. Nun,

      Kunst entsteht erst im Verhältnis des Rezipienten zum Kunstwerk. Ein Raum, in dem das Licht aller paar Sekunden an und aus geht, ist für den einen nur ein Raum mit defekter Beleuchtung, für den anderen ist es so großartige Kunst, daß es einen Turner-Preis für gibt.
      Allein die Tatsache, daß sich mir ein Kunstwerk nicht erschließt, ich also keine Beziehung dazu finden kann, macht es jedoch objektiv betrachtet nicht zwangsläufig zu einem NichtKunstwerk. Denn meine persönliche Erfahrung als Maßstab für diese Frage heranzuziehen, erscheint mir etwas vermessen. Diese Vermessenheit überlasse ich dann doch lieber dem Feuilleton, in dem ja dem ein oder anderen literarischen Werk eben dieser Status mal eben pauschal abgesprochen wird. Dies zum einen. Zum anderen bedeutet ja, eine Beziehung, eine Spannung zwischen Rezipienten und Kunstwerk aufbauen, ja nicht zwingend, daß es „bannen“ oder gefallen muß. Mir gefällt Grass´ „Blechtrommel“ überhaupt nicht – ich habe es aber durchaus als Literatur wahrgenommen.
      Nichtsdestotrotz: Ja, natürlich ist das eine subjektive Frage. Ob Höhlenmalerei Kunst ist, haben die Höhlenmenschen unter Umständen ganz anders beantwortet, als wir dies tun. Mit dieser Subjektivität verdienen Leute sogar richtig Geld, indem sie sich drüber lustig machen ( http://ow.ly/17D07 ). 😉
      Nun zu Deinem zweiten Punkt: Aber das ist doch bitte schön das Problem der Empörten, wenn ihnen nicht klar it, was „Fiktionalität“ bedeutet. Ich halte diese Empörung für, gelinde gesagt, absurd. „Sie meinen also, ich muss erst sterben, bevor ich mit Ihnen über den Tod diskutieren kann?“ – um mal Trekkie-Insiderwissen zu zitieren. Wieso fühlen sich denn „die Leute“ verarscht? Weil der Roman ein Roman ist? Ich verstehe das nicht. Ich verstehe nicht, was das Leben der Autorin mit der Bewertung ihres Romans zu tun haben soll. Entweder der Text ist gut oder er ist es nicht. Welche Rolle spielt es, was Helene Hegemann sonst so treibt? Sind wir schon so weit, daß die Prinzipien der CastingShows auch für die Literaturkritik gelten? Falls ja: Dann bin ich raus.
      Was nun Airen angeht: Bei der SZ habe ich nur diesen seltsamen Text bei jetzt gefunden. Das Etikett „Interview“ verdient das aber kaum. Zumal er da ja auch nichts anderes sagt als in dem FAZ-Interview, das ich oben verlinkt habe. Allerdings habe ich jetzt nicht sehr intensiv recherchiert, Du kannst ja den Link nachreichen, falls Du magst. 😉
      Natürlich ist es nicht fair, eine Kopie als Remix zu bezeichnen. Wir liegen hier aber in der Bewertung auseinander: Ich betrachte es nach wie vor nicht als Kopie. Was auch Deinem Exempel mit einer eventuellen Kopie meiner Texte etwas den Wind aus dem Segel nimmt. 😉
      Recht gebe ich Dir aber insofern, daß es eine Frage des Anstands, vielleicht ein Gebot der Fairness gewesen wäre, Airen von Anfang an mit zu erwähnen. Denn daß sie ihn intensiv gelesen hat, dürfte außer Frage stehen. Mehr allerdings auch nicht.

      P.S. Sich mit Airen zu unterhalten, scheint aber auch nicht ganz so einfach zu sein. Zumal dann ja auch zwei dazugehören. Sie hat ihr Interesse an einem Gespräch ja bereits vor Tagen bekannt. Ein Nichtzustandekommen desselben ist also nicht einfach so ihr anzulasten. Auch wenn ich es für nachvollziehbar halte, daß Airen unter Umständen gar keine Lust hat, sich mit Hegemann, von der er sich ja betrogen fühlt, zu unterhalten.

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