Das Buch zum Sonntag (32)

Eh es losgeht, ein paar Worte zur Entschuldigung:
Ich mußte die Kulturwoche abbrechen, weil sich grippaler Infekt, Vollzeitstelle und brillantes Schreiben am Abend nicht so gut vertragen. Kann momentan noch nicht abschätzen, wann ich die Reihe fortsetzen kann, aber Erkältungen brauchen ja für gewöhnlich nie länger als zwei Wochen. Es besteht also Hoffnung.

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Max Goldt: Ä

Die Neue Deutsche Welle war in meinen Augen eine goldene Zeit. So viel kreativer Unsinn, der es da in die Charts und zu MajorLabels schaffte – das gab es seitdem nicht wieder. Doch das ist ein anderes Thema, es interessiert im heutigen Zusammenhang nur dahingehend, daß Max Goldt Texter und Sänger der großartigen Band Foyers des Arts war. Hier mal ein Beispiel, bitte genau zuhören und bis zum Ende durchhalten:

Dieses satirische Element, das auf genauester Beobachtung fußt, gepaart mit einem feinen Gespür für Sprache, macht für mich den Hauptreiz bei der Lektüre Max Goldts aus.
Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine Sammlung Kolumnen, die zwischen Januar 1995 und Dezember 1996 in der Titanic erschienen. Die Wahl für diesen Band aus dem inzwischen umfangreichen und vielfältigen schriftstellerischen Oeuvre Goldts fiel rein willkürlich: Es war schlicht der erste, den ich las – und bei dem ich gelacht habe wie selten bei einem Autor.

Apropos Autor:

Im Radio hörte ich, wie eine Journalistin ein Buch eines prominenten Schinkenschreibers über den grünen Klee lobte. Das ganze Lob machte die Rundfunkdame aber wertlos, indem sie den SChriftsteller in einem Nebensatz als „Buchautoren“ bezeichnete. Sie tat dies wohl weniger aus Bösartigkeit, sondern versehentlich, aus Unkenntnis über Nuancen des Ausdrucks. Buchautor nennt man jemanden, den man auf keinen Fall als Dichter oder Schriftsteller durchgehen lassen will. Wenn z.B. Petra Schürmann ein Buch mit Schönheitstips herausgibt, dann ist sie Buchautorin. Ein Buchautor ist auch jemand, der Auskunft darüber erteilt, wie man mit einer bestimmten Krankheit besser zurechtkommt, und im Anhang Adressen von Selbsthilfegruppen aufzählt. Das kann durchaus lobenswert und nützlich sein, und für so jemanden ist die Bezeichnung Buchautor auch nicht zu beanstanden. Für einen geltungssüchtigen Epochalromancier wie den gestandenen Schinkenschreiber ist der Ausdruck die perfideste Beleidigung, die denkbar ist. Es ist etwa so, als ob man von einem Schauspieler sagt, daß er „schauspielere“. Schauspielern – das tun Amateure. Echte Schauspieler spielen.

*

Das ganze geht aber auch mit noch mehr Furor:

Als ich hörte, daß dem 87jährigen Schauspieler Leon Askin, der nach 56jähriger Emigration in sein Heimatland Österreich zurückgekehrt ist, das „Silberne Ehrenzeichen der Stadt Wien“ verliehen wurde, dachte ich: Was für eine Taktlosigkeit! Wohl kann man einen Menschen in mittleren Jahren silbern ehren, auf daß er es als Ansporn verstehen möge, sich weiterhin verdient zu machen, auf daß ihm eines Tages die goldene Ehrung nachgreicht wird, aber einen Mann, der sicher nicht mehr viele Jahre leben wird, sollte man entweder gar nicht ehren oder erstrangig. Sonst klingt es wie: „Sicher, wir ehren Sie schon, aber so doll, wie wir manch anderen ehren, ehren wir Sie nun auch wieder nicht.“ Ehrwürdigkeit ist keine sportliche Disziplin, da sollte man mit der Vergabe minderer Metalle vorsichtig sein. Hoffentlich hat er das Abzeichen wenigstens vom Bürgermeister persönlich erhalten. Einmal las ich, daß jemandem irgendeine Ehrennadel von der „Ehefrau des Volksbildungsstadtrates von Berlin-Lichtenberg“ ausghändigt wurde. Warum nicht gleich von der zweitbesten Freundin der geschiedenen Ehefrau des stellvertretenden Volksbildungsstadtrates? Eine ebenso heikle Materie wie die ungeschickte Ehrung ist das eingeschränkte Lob. Man darf niemals zu einer Dame sagen: „Sie sehen einfach bezaubernd aus, aber durch Ihre schweren Ohrringe sind Ihre Ohrläppchen ganz ausgeleiert.“ Zwar besteht die Dame zu höchstens einer Promille aus Ohrläppchen, aber der kleine Tadel macht das Lob, welches zu 999‰ ihrer Körpersubstanz betrifft, vollkommen zunichte.

**

So arbeitet er sich durch die verschiedensten Themen, aber immer wieder elegant beim Ausgangspunkt landend, immer mit Seitenhieben nicht sparend, stets pointiert formulierend, nicht ohne Hintersinn – es ist einfach ein Vergnügen, Max Goldt zu lesen. Würden alle Kleist-Preisträger so schreiben, der Preis wie auch sein Namensgeber wären weit populärer. 😉

Eine Stelle noch zum Abschluß, weil ich die in Konversationen stets einzubringen pflege (und zwar unabhängig vom Thema derselben), so daß sie hier natürlich auch nicht fehlen darf:

Auf jeden Fall muß man Gaststätten meiden, in denen der Salat als „knackig“ gelobt wird. In der Spezialsprache der Gastronomie ist „knackig“ ein Synonym für „nicht frisch“. „Knackige Salate mit Super-Dressing“ – die sollte man nicht essen, denn die stehen schon ewig herum. frische wird in diesen Fällen durch Kälte simuliert. In einem vorzeigbaren betrieb ist es selbstverständlich, daß der Salat vom Tage ist. Man tut sich damit nicht auf der Speisekarte dicke. In gleicher Richtung interpretiere man „knackig-crosse Croissants“. Solche Anpreisungen lassen Naturidentische, Emulgiertes, Bestrahltes, Stabilisiertes und Kennzeichnungspflichtiges erwarten. Für andere Bereiche gilt ähnliches: Wo „topmodische Kleidung in superaktuellen Dessins“ angeboten wird, sind nicht die neuesten Erkühnungen aus Mailand und Paris anzutreffen. Und sagt man etwa „der weltberühmte Komponist beethoven“? Nein, das sagt man nicht. Dazu ist Beethoven viel zu bekannt. Viel eher hört man von dem weltberühmten Keulenschwingduo Marlies und Norbert Richter.

***

Die Pointe laß ich jetzt mal weg. Dann hat die geneigte Leserschaft einen weiteren Grund, den großartigen Max Goldt zu erkunden. Werft die Antidepressiva weg, lest lieber Goldt.

Bei so viel Lobhudelei darf natürlich der Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben

nicht fehlen.

*aus: „Besser als Halme: Blutmagen, grob.“ in: Ä. Haffmanns Zürich, 1997. S. 16f.
**aus: „Besser als Halme: Blutmagen, grob.“ in: Ä. Haffmanns Zürich, 1997. S. 11
***aus: „Der aufblasbare Schrei meiner Altstadt“ in: Ä. Haffmanns Zürich, 1997. S. 22f.

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