Das Buch zum Sonntag (31)

Für die heute beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

Joey Goebel: Vincent

„In Brandenburg, in Brandenburg / Ist wieder jemand voll in die Allee gegurkt / Was soll man auch machen, mit Siebzehn, Achtzehn in Brandenburg.“ singt Rainald Grebe über eine eher strukturschwache Region, wie der offizielle, wohl mindestens euphemistisch zu nennende Sprachgebrauch lautet.
Joey Goebel wurde in Henderson, Kentucky geboren und über diese Gegend ließe sich wohl ähnliches singen. Glücklicherweise fand er aber anderes zu tun als mit Siebzehn, Achtzehn gegen einen Baum zu fahren. Stattdessen gründete er eine Punkband, mit der fünf Jahre durch den Mittleren Westen tourt. Nach einigen ersten Versuchen und einem eher schwach zu nennenden ersten Roman (Anomalies 2003, dt. Freaks, 2006)* erschien 2004 Vincent.
Ich bin immer etwas skeptisch, wenn junge Autoren gefeiert und hoch gelobt werden. Wahrscheinlich liegt das am BestsellerReflex des Buchhändlers, für den der literarische Wert eines Werkes umgekehrt proportional zu dessen Platzierung in der Bestsellerliste verläuft. Diese langjährig antrainierte Skespis dem Geschmack des Publikums gegenüber (die auch anders begründet sein kann, denn wer braucht eine gute Beratung, wenn die Bestseller schon tolle Bücher sind? – auf einem Meer ohne Untiefen ist der Lotse überflüssig) ist aber nichtsdestotrotz immer wieder unbegründet. Thomas Mann war bei der Veröffentlichung der „Buddenbrooks“ 25 Jahre alt und weit seltener als man meint, verkauft sich gute Literatur tatsächlich gut. 😉
Um ganz ähnliche Fragen dreht sich Goebels Roman. Es geht um ein Experiment. Um die Frage, ob die Marktmacht eines globalen Medienkonzerns (IUI/Globe-Terner) eingesetzt werden kann, um statt hirnloser Massenware echte, authentische und hochwertige Kunst zu verkaufen, wenn der Besitzer (Foster Lipowitz) das einfach will.

Als Mr. Lipowitz siebzig wurde, hatte der Krebs bereits begonnen, seine Eingeweide wegzufressen, und dabei seine Sichtweise verändert, was Tausenddollarscheine und teure Nutten anging. Dies galt auch für die Tricks, mit denen er bisher buchprüfende Bundesbehörden und klagende Anteilseigner hingehalten hatte, und auch für das jahrzehntelange Betrügen und brutale Abschlachten seiner Konkurrenten. Er begann eine umfassende Inventur seines großen Unternehmens, und was er sah, gefiel ihm gar nicht. Er machte sich allmählich Sorgen, was er hinterlassen würde, und aus dieser Sorge, aus Schuld und Ekel, erwuchsen die Ideen, aus denen schließlich New Renaissance entstehen sollte (eine Tochtergesellschaft von IUI/Globe-Terner).

(S. 26)

Dabei gilt es zwei Problemkreise zu bedenken:
a) Werden die Konsumenten das auch tatsächlich kaufen? und
b) Wie läßt sich hochwertige Kunst planbar produzieren?

Und für letzteres denken sich die Strategen eine wunderbare Idee aus. Sie gründen ein Institut, an dem talentierte, empfindsame Künstler von Kindesbeinen an ausgebildet werden, um gute Musik zu schreiben. Dafür freilich braucht es auch gute Mentoren. Fündig werden sie bei Harlan Eiffler, der Plattenkritiken wie diese schreibt:

Daß eine solche öde Banalität die Gestalt einer Compact Dis annehmen durfte und mit der geballten Macht etlicher hunderttausend Dollar auf den Markt geworfen wird, hat mit Qualität nichts zu tun. […] Ich kann ihn förmlich hören, den Schluß der Sitzung, auf der die Veröffentlichung von Always and Never beschlossen wurde:

PLATTENMANAGER: Ich soll also etwas herausbringen, das im Grunde nichts ist als eine Ansammlung der üblichen geräusche und leblosen Melodien, die man sofort wieder vergißt. Und das alles von einer Stimme gesungen, die genauso klingt wie die Stimmen acht anderer Leadsänger in acht anderen Bands, die ihr dreist abkupfert?
SCHWACHKOPF VON D-PRAYVD: Ja.
PLATTENMANAGER: Klar, warum nicht?! Hier ist euer Plattenvertrag!

Mir ist klar, daß ich noch nichts über den Inhalt dieser Platte gesagt habe. Was ich auch nicht vorhabe, denn sie hat keinen. Diese Abart des sogenannten Modern Rock ist ein zu Tode gerittenes Pferd, das man geschlagen, gehäutet, in Scheiben geschnitten, tiefgefroren, gegessen, verdaut, wiedergekäut und noch mal verspeist hat. Ohne auch nur eine Sekunde dieses Albums zu kennen, hat man die Band gehört und ihr Video gesehen. Und dennoch wird man höchstwahrscheinlich dieses gottverdammte Produkt kaufen.
Das alles stimmt mich traurig.

(S. 76ff.)**

Kein Wunder, daß Harlan, sich für dieses Projekt einspannen ließ. Krux an der ganzen Sache ist nun folgendes: Die Grundidee von „New Renaissance“ ist, daß wahre Kunstwerke entstehen, wenn der Künstler leidet. Woraus die logische Gleichung entsteht: Je mehr Leid, desto größer die Kunst.
Vincent wird im Alter von sieben Jahren in das Programm aufgenommen, zu dessen Konzept die absolute Kontrolle über das Leben der Schützlinge gehört, wir verfolgen seinen Weg ins Erwachsenenalter – viel Zeit für viel Leiden. Und Harlan, sein Mentor und Freund, ist stets für das Fortlaufen des Programmes verantwortlich.
Die Geschichte Vincents ist eine bitterböse Satire auf das Musikgeschäft und die hehren Ansprüche des Künstlerseins in einem kapitalistischen System. Und Joey Gobel gelingt es, glaubwürdige Charaktere zu schaffen, denen man gerne folgt und er schafft die Gratwanderung zwischen satirischer Überzeichnung, herzerfrischenden Attacken und der Linie, die ein Roman braucht, will er als solcher lesbar bleiben. ich bin jedenfalls dem Charme seines lockeren, ironischen Stils erlegen. Es gibt nur wenige Autoren, denen ich bereit bin, auch durch schlechtere Werke zu folgen. Joey Goebel steht auf dieser Liste.

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

* Daniel Keel, Verleger bei Diogenes, meinte einmal: „Wir machen Autoren, keine einzelnen Bücher.“ Was in der Konsequenz eben auch bedeutet, schlechte Bücher zu drucken. Weshalb denn auch nach der Veröffentlichung von „Vincent“ auch „Freaks“ erschien. Chapeau.
** Und, wieviele Bands kamen euch spontan in den Sinn, auf die diese Kritik zutrifft?

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