Das Buch zum Sonntag (29)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

E.W. Heine: Kinkerlitzchen

Heines „Kille Kille Geschichten“, zu denen auch dieser Erzählungsband gehört, sind ganz hervorragende Beispiele für bitterböses Erzählen. Immer wieder gelingt es ihm, den Lesenden in Sicherheit zu wiegen, ihm eine Idylle oder wenigstens eine harmlose Geschichte vorzugaukeln, um ihm dann ein böses Ende zu bescheren.
Er gehört damit in die im angloamerikanischen Raum ja durchaus verbreiteten Schauergeschichten, die viel stärker mit hinterrücks agierenden Wendungen als mit Horror oder düsteren Stimmungen arbeiten, wie wir es beispielsweise aus der romantischen Tradition in der deutschen Literatur kennen.
Aber eben diese Pointen machen den Reiz aus – und eben auch den Witz. Es ist ein diebisches Vergnügen, im letzten Satz einer Erzählung erst deren wahren Kern zu begreifen. Und wie das Gehirn nunmal so ist: Auf derartige Verwirrungen reagiert es mit Lachen.

Es wird der geneigten Leserschaft verständlich sein, daß ich bei dieser Methode des Autors schlechterdings nicht umfassend zitieren kann, denn Pointen verraten ist nun wirklich die unterste Schublade des Spoilerns. 😉
Ich versuche es daher einmal mit ein paar unverfänglichen Stellen, die aber vielleicht doch geeignet sind, einen Eindruck von E.W. Heines Erzählstil zu bekommen:

„Konservative Individualisten“, nannte Theodor Heuss die Münsterländler. Die Eigenbrötlerei der Menschen hier ist sprichwörtlich. Die folgende Geschichte mag das bezeugen.
Theodor Tödden war Professor für Neuro-Ophtalmologie an der Universität von Münster. Er war hager, hellhäutig, klein und kahlköpfig. Mit anderen Worten: Er war nicht nur Professor, er sah auch so aus.
Kalle Knipperdolling dagegen sa aus wie ein Metzger, und das war er auch. Er war der lebende Beweis für die Worte des heiligen Augustinus: Du wirst, was du denkst und tust. Alles Fleisch an ihm war schweinern: die blassen, viel zu großen Ohren, das Doppelkinnn, die Hängebacken. Aus kleinen Schweinsäuglein, umrahmt von fabrlosen Ferkelwimpern, blickte er in die Welt.
Beide so ungleiche Männer verband eine enge Freundschaft miteinander. Wer sie kannte, fragte sich: Wie ist so etwas möglich: ein hochtitulierter Akademiker und ein Kopfschlächter?
Aber es gab auch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten. Beide Männer waren begeisterte Ballonfahrer, beide waren unbeweibt, und beide hatten ein Glasauge, der Metzger nach dem Hornstoß einer störrischen Kuhe, der Professor nach einem verunglückten Experiment mit rauchender Schwefelsäure. […]
Damals mit frischem Gips, bei Bier und Münsterländer Korn hatten sie sich geschworen: Wenn einer von uns beiden ums Leben kommt, erbt der andere das Auge.
„Die transplantieren dir das in der Augenklinik so geschickt ein, dass du denkst, es wäre dein eigenes“, sagte der Professor. „Zumal wir beide genau die gleiche Augenfarbe haben, blau wie alle guten Münsterländer.“ Und das waren an diesem Abend nicht nur ihre Augen.

(S. 128ff.)

Das SetUp dieser Geschichte wäre damit klar. Ich gehe allerdings jede Wette ein, daß ihr nicht drauf kommt, wie die Sache ausgeht. 😉
Und weil das gerade sehr gut zur HybrisMetapher vom hohen Roß paßt, noch eine Kleinigkeit hinterher:

Edda von Samson, geborene Rita Riesenhuber, hatte nur die Grundschule von Gummersbach besucht, aber sie hatte früh erkannt, worauf es im Leben ankommt. Sie pflegte zu sagen:
„Ein Mann, der es zu etwas bringen will, muss viele Schulen besuchen, muss sich quälen, muss Abitur machen, Examen bestehen, muss viele Jahre lang lernen, arbeiten, kämpfen. Eine Frau braucht in ihrem Leben nur einmal auf Draht zu sein, nämlich bei der Wahl ihres Ehemannes. Dieser eine Moment entscheidet darüber, ob sie einmal in einer Villa wohnt oder auf der fünften Etage, ob sie von einem Chauffeur zum Reiten gefahren wird oder von einem Busfahrer ins Büro.“
Vom Reiten verstand sie was. Männer sind wie Pferde, pflegte sie zu sagen: Stark, leicht zu dressieren und vielseitig verwendbar: geduldige Arbeitstiere, heiße Deckhengste, Schlachtrösser, Rennpferde. Sie gehorchen auf Schenkeldruck und fressen dir aus der Hand. Sie tragen dich, wohin du willst. Es gibt nichts besseres, um voranzukommen.
Pferde sind geduldig, gutmütig, anhänglich, stark, pferdestark, aber dumm. Es gibt nichts Dümmeres. Mit anderen Worten: Pferde sind wie Männer.

(S. 21f.)

Das Ende dieser Geschichte mag ich besonders.
Es gibt in diesem Band Fernsehshows auf Leben und Tod, Irrenhausinsassen, die wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält, blinde Passagiere (die Geschichte ist wirklich großartig) und natürlich die kürzeste Gespenstergeschichte der Welt. Der Versuchung, diese hier zu präsentieren, widerstehe ich gewohnt tapfer. 😉
Kurz: Wem schwarzer Humor nicht widerstrebt, der sollte zu E.W. Heine greifen (der unter anderem auch historische Romane schreibt, zu denen ich allerdings nichts sagen kann, da ich diesen Bereich seines Schaffens nicht kenne). Wirklich was Feines für zwischendurch.

Und zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

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