Das Buch zum Sonntag (28)

Für die morgen beginnende Woche empfehle ich der geneigten Leserschaft zur Lektüre:

William Gibson: Mustererkennung

Suchte man unter den zeitgenössischen Schriftstellern nach einem Pendant zu Jules Verne, William Gibson würde unweigerlich auf die Kandidatenliste geraten. Glauben wir Wikipedia, so gehen immerhin „Cyberspace“ und „Matrix“ auf sein Konto – nunja.
Auf jeden Fall ist Gibson stets auf der Höhe der Zeit, seine Cyberpunk-Romane umwehte in den Achtzigern wohl auch der Hauch der Avantgarde.
„Mustererkennung“ ist allerdings kein Science-Fiction-Roman, auch wenn 2003, als das Buch erschien, einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ein Personal, das völlig selbstverständlich Laptops mit Handys verkabelt und seine Gesprächspartner googlet, ehe man sich trifft, wohl so vorgekommen sein mag.
Cayce Pollard, die Protagonistin des Buchs, arbeitet als – ach, lassen wir das Herrn Gibson erklären:

Googlet man Cayce, findet man „Coolhunter“, und wenn man genau hinguckt, vielleicht noch ein paar Hinweise darauf, daß sie so eine Art „Sensitive“ ist, eine Wünschelrutengängerin in der Welt des globalen Marketings.
Obwohl das in Wahrheit, sagt Damien, eher so was wie eine Allergie ist, eine krankhafte und manchmal sehr heftige Reaktion auf die Semiotik der Warenwelt.

(S. 10)

Im Rahmen ihres neuen Auftrages für eine Firma in London, die ein neues Logo sucht, wird ihr angeboten, die Quelle etlicher Clips, die durchs Internet geistern und für Aufregung sorgen, ausfindig zu machen. Ein derart hervorragendes virales Marketing muß ja Interesse erwecken, zumal bei Menschen, die mit Werbung Geld verdienen.
Wie nicht anders zu erwarten, kann Cayce ihre Recherchen nicht störungsfrei und in Ruhe durchführen. 😉
Es ist aber weniger der Plot, der mich beeindruckt hatte und es sind auch nicht die Personen. Es sind die Nebengeschichten, die Gibson erzählt, die Exkurse, die er in die Erzählung einwebt – so ganz nebenbei erfährt der geneigte Leser sehr viel mehr darüber, wie Werbung funktioniert, welche Mechanismen wirken und wie sie geschickt eingesetzt werden können als aus so manchem gelehrt geschriebenen Buch zum Thema.
Beispiel? Aber gerne.

„Nein! Ich meine, Du bist in einer Bar, was trinken, und jemand neben dir fängt ein Gespräch an. Jemand, der dir gefallen könnte. Alles total nett, ihr unterhaltet euch, und die- oder derjenige, wir haben auch Männer, erwähnt dieses tolle neue Streetwear-Label oder diesen genialen Film, den sie oder er gerade gesehen hat. Nur eine kurze, positivie Erwähnung, verstehst du? Und weißt du, was du dann tust? Das ist das, was ich daran nicht ausstehen kann: Weißt du, was du dann tust?“
„Nein“, sagt Cayce.
„Du sagst, du findest das Label oder den Film auch toll! Du lügst! Zuerst dachte ich, das machen nur die Männer, aber die Frauen tun es auch! Sie lügen!“ […] „Und dann nehmen sie das mit“, spinnt sie den Faden fort, „diese postitive Erwähnung, assoziiert mit einem attraktiven Angehörigen des anderen Geschlechts. Jemandem, der sich irgendwie für sie interssiert hat, den sie angelogen haben, um einen guten Eindruck zu machen.“
„Aber sie kaufen Jeans?“ fragt Voytek skeptisch. „Gucken Film? Nein!“
„Stimmt“, sagt Cayce, „aber es funktioniert trotzdem. Sie kaufen nicht das Produkt: Sie geben die Information weiter. Sie benutzen sie, um den nächsten Menschen, den sie treffen, zu beeindrucken.“

(S. 114)

Wie der geneigten Leserschaft sicher bereits aufgefallen ist, habe ich eine Schwäche für Bücher, die tradiertes, scheinbar offensichtliches in Frage stellen. Die sich mit Dahingesagtem nicht zufrieden geben.
Und „Mustererkennung“ stellt einiges in Frage, das ich zumindest vor fünf Jahren, als ich den Roman erstmals las, so noch nicht in Frage gestellt habe.

Dies möge für heute genügen. Das heißt, bis auf die Stelle, die ich mir seinerzeit herausschrieb, um sie nicht zu vergessen:

„Sie glauben, daß die Segmente Teile eines Ganzen sind?“
„Ja.“ Nicht das leiseste Zögern.
„Warum?“
„Vom Gefühl her ist das kein Glaubensakt, sondern etwas, das ich in der Tiefe meines Herzens einfach weiß.“
Komisch, sich das sagen zu hören, aber es stimmt.
„Das Herz ist ein Muskel“, korrigiert Bigend. „‚Wissen‘ tut es ihr limbisches System. Der Sitz des Instinkts. Das Säugerhirn. Ursprünglicher, offener, jenseits der Logik. Dort wirkt Werbung, nicht in der eben erst auf den Plan getretenen Großhirnrinde. Was wir uns unter ‚Denken‘ vorstellen, ist nur eine Art Trittbrettfahrerdrüse, die huckepack auf dem Reptilien-Stammhirn und dem frühen Säugetierhirn reitet, aber unsere Kultur gaukelt uns vor, sie wäre unser gesamtes Bewußtsein. Darunter erstreckt sich das riesige Säugerhirn, stumm und kraftvoll, und folgt seiner uralten Agenda. Und bringt uns dazu, Dinge zu kaufen.“

(S. 94)

Zum Abschluß noch der gewohnte Hinweis auf die

lieferbaren Ausgaben.

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